Kavallerie: Warum wir nicht darüber lachen konnten

Der grosse russische Schriftsteller Lev Tolstoi antwortete einmal Gräfin Alexandra Tolstaja, einer Verwandten, auf ihren Vorwurf, er schreibe ihr zu selten: «Les peuples heureux n’ont pas d’histoire», was ich bewusst frei übersetze: Wenn die Leute glücklich seien, gibt es eben nichts zu erzählen. Tolstoi schrieb damals an seinem grossen Roman «Krieg und Frieden» und er war bei der Niederschrift sehr konzentriert und glücklich. Der Gräfin bloss mitzuteilen, dass er an einem Roman schreibe, war ihm keine Nachricht wert, zumal Schriftsteller selten verraten, woran sie gerade arbeiten.

Tolstois Satz beherzigen auch die Journalisten. Sie stürzen sich gerne auf schlechte Nachrichten. Denn zu viele von den guten, wie etwa, dass Kate, die Frau von Prinz William, schwanger sei, ermüden nur die Royalisten nicht. Manchmal werden aber Nachrichten dramatisiert, die es nicht wert sind. So wurde etwa Peer Steinbrücks scherzhafte Drohung vor bald vier Jahren, die Kavallerie nach Helvetien loszuschicken, nicht nur in den Printmedien in den Rang einer schlechten Nachricht erhoben. Kein Medium forderte uns Bürger auf, darüber zu lachen. Steinbrücks salopper Spruch wäre in Deutschland kaum genüsslich wiederholt worden, falls von Beginn an in Helvetien ein grosses Gelächter angestimmt worden wäre.

Nun ist Peer Steinbrück Kanzlerkandidat der Deutschen Sozialdemokraten und wir werden wohl bis zu den Wahlen immer wieder lesen, wie sich der SPD-Politiker seinerzeit in der Wortwahl vergriffen hat. Steinbrück hingegen wird sich in der Aufregung der Schweizer sonnen und die Reitertruppe während seinen Wahlauftritten wieder aufmarschieren lassen, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Über andere witzeln, bringt immer Lacher hervor. Ein Lacherfolg prägt sich dem Redner ein, und vielleicht hält er es dann wie jener Lehrer, der an den Rand seines Skripts schrieb: Hier pflege ich den folgenden Witz zu machen.

Dass wir Schweizer über die Sprüche von Peer Steinbrück nicht lachen, scheint ein Hinweis auf unsere Verunsicherung zu sein. Nur wenn wir uns gegen die EU ereifern, sind wir stark. Die Mehrheit der Schweizer erträgt nicht einmal die Forderung Christophe Darbellays, über eine neue EWR-Abstimmung nachzudenken. Wir weichen solchen Diskussionen lieber aus. Wir sind schliesslich «un peuple heureux», ein glückliches Volk, das froh ist, wenn es die alten Heldenmythen aufwärmen kann.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollten Schweizer an der Geschichte der unerschrockenen Aktivgeneration festhalten. Als 2002 der umfangreiche, quellengestützte Bergier-Bericht vorlag, behaupteten Exponenten, denen der Westfälische Frieden als das wichtigste historische Vertragswerk unserer Geschichte gilt, der Bericht entspreche nicht den Tatsachen. Dabei wies er gerade nach, wie unser Land während des Zweiten Weltkriegs in die europäische Geschichte verstrickt war. Jahrzehnte nach dem Kriegsende war es an der Zeit, über die Rolle der Schweiz zu debattieren. Ohne diese Geschichtsschreibung könnten wir Schweizer uns immer noch dem trügerischen Schein hingeben, wir seien Musterknaben gewesen.

Seit der Finanzmarktkrise staunt jener Teil der naiven Schweizer – ich gehöre auch dazu –, wie es einigen Grossbanken gelang, den Ruf der Schweiz zu beschädigen. Wir machen im Moment für Ausländer keine «bella figura». Diese Tatsache überträgt den Druck auf das Land, und so begreife ich endlich, warum über den scherzhaften Spruch von der Kavallerie nicht gelacht wurde oder gelacht werden darf. Vielleicht sind wir im Begriff, den Humor zu verlieren, was meist tiefere, aber erklärbare Zusammenhänge hat.