Interview mit Andreas Iten über sein neustes Buch…

 

»Roman von Andreas Iten zeichnet eine Liebesgeschichte nach, die nach finsterer Zeit wieder Bodenhaftung und Lebensfreude aufbaut«

Roman von Andreas Iten zeichnet eine Liebesgeschichte nach, die nach finsterer Zeit wieder Bodenhaftung und Lebensfreude aufbaut

«Maria schrieb einen Brief» heisst das 24. Buch des Zuger Schriftstellers und früheren FDP-Politikers und Lehrers Andreas Iten. Für lu-wahlen.ch stellt er in einem Interview mit Herbert Fischer hier sein jüngstes Werk selber vor.

Herbert Fischer: Andreas Iten, sie haben einen neuen Roman geschrieben, der aufzeigt, wie ein Trauma bewältigt wird. Das tönt spannend, warum dieses niederschmetternde Thema?

Andreas Iten: In letzter Zeit ist viel über Frauen und Kinder geschrieben worden, die verführt und teils vergewaltigt worden sind. Das führt immer zu schwerem Leid. Es ist nicht leicht, sich mit einem Trauma zu versöhnen. Ich kenne einen Fall, wo das Trauma zuerst verdrängt, wo aber durch günstige Umstände bei der verletzten Seele der ersehnte Frieden erlangt wurde. Ich stellte mir die Frage, wie so eine Heilung möglich wird.

Und: Wie ist dies zu schaffen?

Andreas Iten: Das ist das Rätsel. Mir scheint, dass die Frage tief ansetzt und zwar an dem, was heute unter Resilienz diskutiert wird. Sie entsteht, wenn ein Kind den Eltern willkommen ist und die ersten drei Lebensjahre in Zuneigung zum Kind verlaufen. Diese Zeit bildet den festen Kern der Persönlichkeit, der später hilft, mit schwierigen Umständen fertig zu werden.
Aber es braucht, nachdem eine grosse Enttäuschung das Leben schwarz gefärbt hat, wieder Erlebnisse, die richtig guttun?

Andreas Iten: Das gelingt meistens nur auf einem grossen Umweg. Maria in meinem Roman ist eine starke Frau, weil sie aus «guten, aber dennoch schwierigen» Verhältnissen stammt. Noch während des Studiums wird sie schwer enttäuscht. Sie funktioniert im Beruf trotz weiteren Enttäuschungen. Sie arbeitet nach dem Studium auf einer Bank, dann lernt sie einen Weinhändler kennen, bei dem sich herausstellt, dass er ein Trinker ist. Aber er integriert Maria in sein Unternehmen, in die Weinhandlung. Er stirbt früh und sie erbt das Geschäft. Sie beschliesst, die Weinhandlung auf italienische Weine und auf Spezialitäten aus Italien auszurichten. Sie flüchtet also in die Arbeit.

Der Roman beginnt mit einem Briefwechsel.

Andreas Iten: Als Maria jahrelang allein gelebt hatte, wünschte sie sich den Kontakt mit einem Mann, von dem sie annehmen kann, er entspreche ihr. Sie antwortet auf einen Text in der Zeitung, der von einem Baum handelt; einem Baum, dem ein Unwetter einen Ast herausgebrochen hat. Mit der Zeit ergänzen kleine Äste die so entstandene Lücke, sodass der Baum nach Jahren wieder im Gleichgewicht steht. Er ist sozusagen ein Selbstheiler. Maria schickt eine Karte an Paul Winther, dem Verfasser des Textes, auf der eine Linde im schönen Gleichgewicht leuchtet.

Was hat dies im Roman für eine Bedeutung?

Andreas Iten: Maria liest den Text als Metapher für ihr Leben. Als dann vom gleichen Autor eine Glosse über das Glück erscheint, findet sie, er denke ähnlich wie sie. Sie schreibt ihm von Hand einen Brief. Nach weiteren Briefen entwickeln beide – also Maria und Paul – das Bedürfnis, sich kennen zu lernen. Nun beginnt die spannende Geschichte. Der feinfühlige Mann erkennt nach einer gewissen Zeit, dass es sich um eine Frau handelt, die sich intensiv mit dem Leben auseinandersetzt. Zugleich bemerkt er im Laufe der Zeit, dass sie eine sinnliche Annäherung ablehnt.

So glaubt Paul, er müsse wissen, was sie abweisend macht und will den Kontakt nicht aufgeben. Es entwickelt sich doch noch eine Beziehung?

Andreas Iten: Ja, aber es dauert lange, bis beide wissen, dass sie sich auf einem Niveau austauschen, das eine Gegenseitigkeit ergibt. Sie sind also auf dem grossen Umweg zu sich selbst, sammeln so viele spannende Erlebnisse und der Gedankenaustausch wird immer tiefer. Maria aber findet die Versöhnung mit ihrem Leben erst, als sie mit Paul Winther eine Italienreise macht, um bei italienischen Weinbauern spezielle Weine einzukaufen. In dieser bildstarken Welt des sinnenfrohen Italiens erfüllt sich, was Frau und Mann eng zusammenführt.

Damit ist aber die Versöhnung mit sich für Maria noch nicht vollendet. Es fehlt noch etwas oder?

Andreas Iten: Ja, sie haben recht, aber das werde ich nicht verraten, das müssen die Leserin und der Leser selber herausfinden.
Der Roman ist ihr 24. Buch.

Was dürfen wir von ihnen als nächstes erwarten?

Andreas Iten: Thomas Hürlimann hat mir einmal Folgendes geraten: «Hast du ein Werk geschrieben, beginne mit einem neuen. Aber verrate nicht, um was es geht». In diesem Sinne befolge ich seinen Rat.

Wie beurteilen sie eigentlich die Zukunftschancen des Mediums Buch?

Andreas Iten: Bücher werden immer gelesen. Gehen sie in eine Buchhandlung und sie sehen stapelweise Bücher!

Das glaube ich gerne. Aber das allein sagt noch gar nichts über die Erfolgschance des einzelnen Buches in einem hart umkämpften Markt aus.

Andreas Iten: Es gibt einen lateinischen Spruch: Habent suum fatum libelli. Die Bücher also suchen ihren eigenen Weg.

Sie waren Seminarlehrer für Psychologie und Pädagogik im Lehrerinnenseminarr Menzingen. Tut die Schule heute genug, um junge Leute zum Lesen zu animieren oder ist das nicht ihre Sache?

Andreas Iten: Sie haben ja sicher gelesen, dass heute sehr viele, fast vierzig Prozent der Schülerinnen und Schüler, leseschwach die Schulen verlassen und sich damit selber schwächen. Denn in einer Gesellschaft, die auf Kommunikation angewiesen ist, bleibt es ein Nachteil, wenn man nicht liest. Romane bilden, machen auf Themen aufmerksam, die Menschen bewegen. Dies tut mein neuer Roman in verschiedener Hinsicht. Man kann sogar lernen, wie man den Wein trinken soll. Es wird geschildert, wie ein Trauma überwunden wird. Und auf einer Italienreise lernen die Leserin und der Leser Weingegenden des Amarone und des Chianti kennen. 

Interview: Herbert Fischer, 18. Dezember 2023