Noch romantische Gefühle?

An einem wolkenlosen Tag im März plauderte ich mit einer Schriftstellerin am See. Wir schauten auf die schneeverhangenen Berge, sprachen über Literatur und Menschen und tranken einen guten Weisswein. Der Autor sei in seinen Gedanken weniger verlässlich als im Schreiben, behauptete ich. «Ja», meinte sie, «beim Schreiben tritt etwas hervor, von dem man von vorneherein nichts weiss.» Immer wieder mussten wir die Stimme heben, pausenlos dröhnte der Verkehr am Quai entlang. Stoppen! Nachrücken! «Ach ja», sagte sie plötzlich, «ich bin keine Romantikerin mehr. Das ist vorbei. Ich nehme das Leben, wie es ist, und was nicht zu ändern ist, lasse ich. Was sein muss kann sein, was aber sein kann, muss nicht immer sein.»
 
Auf einmal bog ein roter Ferrari donnernd ein und parkierte vor dem Hotel. «Wir leben in einer selbstverliebten Zeit. In ihr gibt es keinen Platz mehr für Romantik», sagte meine Kollegin nachdenklich. Sie klang resigniert, was mich leicht überraschte. «Sind nicht eher die Hetze und die Gier nach Vergnügen schuld, die jedes romantische Gefühl wegputzen», antwortete ich. «Woran mag wohl ein Ferrari-Fahrer denken?», unterbrach sie mich. Verlegen suchte ich nach einer Antwort: «Bestimmt liebt er sein Auto. Vielleicht ist dies eine moderne Form von Romantik. Einen Ferrari zu fahren, ist doch eine emotionale Angelegenheit.» «Was für eine männliche Antwort!», lachte sie und steckte mich damit an. Wir beobachteten, wie der Fahrer leicht an den Wagen lehnte und eine Zigarette rauchte.
 
Sie hatte meinen ironischen Unterton sehr wohl verstanden und wechselte das Thema. «Frühling lässt sein blaues Band / wieder flattern durch die Lüfte …» wie ein singender Vogel flog auf einmal ein wenig Romantik hinzu. Der blaue Himmel verlief vom Pilatus zur Rigi, kein Kondensstreifen trübte ihn, nur gerade das Horn eines Dampfers, der gerade anlegte, zerriss die Stimmung für einen Augenblick. Ich nahm den Vers auf: «Süsse, wohlbekannte Düfte / Streifen ahnungsvoll das Land.» Was habe doch das Gedicht für eine eigene Kraft, wir sollten aber unten an der Reuss weiterrezitieren, empfahl sie. Mit dem Blick auf die Wasservögel und auf den Fluss lasse sich die Stimmung besser bewahren.
 
Wir freuten uns darüber, dass wir das Gedicht auswendig aufsagen konnten, den einen Vers jeweils dem anderen weiterreichend: «Veilchen träumen schon / Wollen balde kommen.» Das sei von Mörike, unterbrach sie mich und fuhr gleich fort: «Horch, von fern ein leiser Harfenton! / Frühling, ja du bist’s! / Dich hab ich vernommen!»
 
Auf der Brücke beschleunigte ein Fahrer seinen Wagen und schloss lärmend eine Lücke in der Kolonne. Mir entfuhr; «Idiot!», vergass die Verwünschung aber schnell, denn unten an der Reuss herrschte eine Art Ferienstimmung. Wir sprachen am Wasser über die Schriftstellerei und machten uns ein paar Gedanken darüber, wie denn heute romantisches Glück in einem Text überhaupt beschwört und dargestellt werden könne, ohne dass es sofort kitschig und voller Metaphern wirke.
 
Nach dem anregenden Treffen fuhr ich nach Hause. Gegen Abend wanderte ich im Licht der untergehenden Sonne über den Panoramaweg am Hang über dem Tal. Ich schaute auf das immer noch wachsende Dorf, den See, die Berge. Buschwindröschen und Veilchen schmückten den schmalen Trampelpfad, sie lachten mich an, und schattenhalb blühte der Huflattich. Kleine Wunderwerke der Natur! Diesen Weg gehe ich oft, für mich ist er der Philosophenweg. Ich liess meine Gedanken über die Dächer des Dorfes schweifen. Manchmal lese ich auf einem Bänkchen in einem Buch. Diesmal blieb ich an einem Satz von Franz Tumler hängen: «Wir halten in uns Dinge für wichtig, die es nicht sind; und halten das Wichtige, das die andern sofort sehen und als unsere eigentliche Kraft oder Schwäche erkennen, oft nicht für der Rede wert.» Sollte jemand finden, mein Hang zu romantischer Dichtung seine Schwäche, dann würde ich es tatsächlich für nicht der Rede wert halten.
 
Der nächste Tag strahlte wieder wolkenlos. Kinder sprangen lachend und singend über den Panoramaweg. Werden sie in eine Welt hineinwachsen, die ihnen noch Raum für romantische Gefühle bietet? Ich beobachtete, wie sie bei einem frischen Erdloch stehen blieben, sich bückten, neugierig schauten und sich fragten, von welchem Tier es wohl stammen könnte. Als ich näher kam, schauten sie mich fragend an. Ich wusste nicht Bescheid. Ein Wiesel oder ein Marder? Ein grösseres Tier konnte es auf alle Fälle nicht sein.
 
Ich ging freudig meines Wegs und war glücklich, dass ich diese neugierig verspielten Kinder getroffen hatte. Jedes hatte ein Sträusschen Wiesenblumen in der Hand gehalten. Die Welt hatte für sie an diesem Tag einen eigenen Klang. Wie lange, dachte ich, widersteht ihr Gemüt der Sogwirkung der modernen Welt? Wird das Kind im Manne, in der Frau erhalten bleiben? Wird es ihnen vielleicht Spass machen, ein Gedicht auswendig zu lernen? Zwar wusste ich, «Poesie kommt immer zu spät oder zu früh, eine kräftige lebendige Gegenwart macht ihr den Platz streitig. Und das ist gut so», meinte Eichendorff, man soll zuerst die Poesie im Leben entdecken, ehe  man sie in die Wörterwelt einsperrt**, aber mir spendet sie halt schon heilende Kraft, auch wenn ich sie nur in einem Buch finde.
 
* Franz Tumler. Wie entsteht Prosa. Haymon tb.
** Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre. Hanser