Vorurteile trüben die Wahrnehmung

Zum 1. August erfüllte ich mir einen Wunsch. Ich fuhr mit dem Panoramawagen der Rhätischen Bahn die Berninastrecke ins Puschlav, bis hinunter nach Tirano. Zuerst gelangte ich über die Albulastrecke ins Engadin, das im leuchtenden Grün der Lärchen lag. Später funkelte der Moteratschgletscher im Licht der nachmittäglichen Sonne. In Tirano, wo ich übernachtete, bummelte ich durch die Stadt, schlenderte am Schloss der Salis vorbei und machte einen Sprung in die Geschichte des Veltlins. Auf der Piazza Cavour liess ich mir einen Zigeunerspiess bringen und fühlte mich wohl. Bei einem Espresso las ich dann in einer italienischen Zeitung und realisierte einmal mehr, wie turbulent es in Berlusconis Reich zu- und hergeht.

Am andern Tag fuhr ich zurück. Es war eine 1. August-Fahrt der besonderen Art. Überall hingen Fahnen. Das Schweizerkreuz leuchtete kräftiger als die Geranien an den Bündnerhäusern. In Disentis verbrachte ich eine weitere Nacht, beschloss an die Feier zu gehen, doch der Wetterbericht verhiess nichts Gutes. Am Tag darauf plante ich, über die Oberalp nach Flüelen und mit der Gallia nach Luzern zu fahren. Es war kein Reisewetter mehr, zudem sollte mir eine recht ärgerliche Begegnung den Tag verderben, aber davon konnte ich ja noch nichts wissen.

Ich durfte im Zug sitzen bleiben, als dieser noch rangiert wurde. Er fuhr in den Tunnel, stand dort eine Weile, und hielt dann auf Perron 3. Jetzt traten verschiedene Fahrgäste ins Abteil. Ein Ehepaar liess sich schräg vis-à-vis von mir nieder. Der Mann schaute sich um, rümpfte die Nase und sagte zu seiner Frau: «Da stinkt es! Da riecht es nach Zigarettenrauch!» Mit bösem Blick schaute er mich an und sagte dann unüberhörbar, dazu mit einer Geste: «Das kommt von denen da drüben.» Er meinte mich und die Frau, ganz in Weiss gekleidet, mir gegenüber. Eine ausländische Touristin. Ich fuhr ihn an, wie es sonst nicht meine Art ist. Was er mir denn unterstelle? Ich sei Nichtraucher. Hätte die Touristin alles verstanden, wäre sie wohl etwas gar perplex gewesen. Nach einer Weile vernahm ich ein Sorry. Ich schwieg. Seine Frau tadelte flüsternd ihren Mann, soviel habe ich noch mitbekommen. Irgendwann beruhigte ich mich wieder, mit Blick in die Berge.

Ich bin ein Nichtraucher. Ich habe früher jeweils am Stammtisch einen Kielstumpen geraucht und an Banketten gern eine Zigarre, mit der grünen Bauchbinde, die den Hinweis gibt, dass es eine schwarze sei. Wenn mich dann ein Konservativer versuchte zu necken, antworte ich jeweils: «Ich rauche einen schwarzen Stumpen, damit wieder einer weniger ist.» Da war ich noch Parteipolitiker.

Fehlurteile und falsche Vorstellungen entstehen immer dann, wenn Fakten nicht geprüft werden und keine genaue Recherche vorangegangen ist. In einem Interview über die Heimatmythen und die schweizerische Identität behauptete ein bekannter Schweizerpolitiker, dessen Namen hier nichts zur Sache tut: «Der Bergier-Bericht ist schlicht falsch. Er profitiert davon, dass ihn niemand liest, weil er so dick ist.» Der Bericht sei verfasst worden, um die Schweiz bei den Leuten schlechtzureden. Wie aber sollten Historiker, die ihre Aussagen auf Fakten stützen, eine Grundlage liefern, damit man die Schweiz schlechtmachen kann? Die Erkenntnisse des Bergier-Berichts zur Rolle der Schweiz während des Zeiten Weltkriegs leisten einen wichtigen und seriösen Beitrag zur Erinnerungskultur unseres Landes.

Diejenigen Länder, die nach dem Zweiten Weltkrieg der Pflicht nicht nachgekommen sind, die Vergangenheit aufzuarbeiten, leben mit einer Lebenslüge weiter. Österreichs Politiker haben nach dem Krieg zum Beispiel lange versucht, glauben zu machen, das Land sei Hitlers erstes Opfer gewesen. Die Mittäterschaft wurde verdrängt. Man muss nur wieder einen Dokumentarfilm anschauen, der zeigt, wie Menschenmassen der einmarschierenden deutschen Wehrmacht zujubelten.

In Italien lebt der Mythos weiter, Mussolini sei im Grunde ein guter Politiker gewesen, keineswegs mit Hitler vergleichbar, obwohl auch er verantwortlich war für Millionen Tote. Der Mythos vom kollektiven Widerstand der Italiener wird noch immer propagiert und die dunkle Seite des Mussoliniregimes bagatellisiert. Jedenfalls ist der Duce wieder «salonfähig» geworden.

Der Luzerner Geschichtsprofessor Aram Mattioli hat ein kenntnisreiches Buch über die Folgen verdrängter Geschichtsforschung in Italien geschrieben. «Viva Mussolini! Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis».* Der Historiker weist darin nach, wie Berlusconi mit seinem Daherreden die Verbrechen der Mussolini-Zeit gezielt verharmlost. Mattioli schreibt: «Schliesslich geht es im Krieg der Erinnerungen nicht bloss um die Vergangenheit. Auf dem Schlachtfeld der Geschichte werden aktuelle Richtungsdebatten ausgefochten, die sich um Güter wie nationale Identität, kulturelle Definitionsmacht, Leitwerte, politische Legitimation und neue Mehrheiten drehen.» Die Abwertung des Bergier-Berichts verfolgt ähnliche Ziele.

Bevor man diesen Bericht angreift, sollte man genau hinschauen. Da wird nicht die Schweiz schlecht gemacht, vielmehr wird deutlich, was auch in der Schweiz hätte passieren können, wenn eine gewisse Elite an die Macht gekommen wäre. Mich bringen Menschen in Rage, wenn sie einfach etwas aus der Luft heraus behaupten. Es muss sich gar nicht etwa nur um den vermeintlichen Rauch in einem Zugsabteil handeln, genauso gut kann es auch ein aus der Luft gegriffenes Urteil über den Bergier-Bericht sein. Dass dieser für den namentlich nicht genannten Politiker zu dick ist, leuchtet aber ein.

* Aram Mattioli: «Viva Mussolini!» Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis. Zürich 2010.