Zwanzig Jahre Weg der Schweiz

Wer auf einem Teilstück oder auf dem ganzen Weg der Schweiz wandert, den fesselt der Anblick der Umgebung. Im stillen, glatten See spiegeln sich die Berge. Sie strecken die Gipfel ins Wasser. Wenn es sich kräuselt, ziehen sie sich zurück. Peitscht es gar der Föhn auf, klatschen mächtige Wellen ans felsige Ufer. Urgewaltig umranden der Gitschen, der Urirotstock, die Bauenstöcke auf der einen, der Fronalpstock und der Rophäen auf der anderen Seite den Urnersee.

Vor kurzem nahm ich endlich das letzte Teilstück unter die Füsse, das zwischen Brunnen und Sisikon liegt. Ich stieg im angenehm kühlen Wald hinauf nach Morschach und nach einem Halt bis zur Wasserscheide, wo der steile Weg zum herrlich in einer Landschaftsmuschel eingebetteten Sisikon hinunterführt. Mit der Zeit über Weg und Steg spürte ich die Knochen bei jedem Schritt. Wolken zogen am Himmel vorbei, die den See hell- und dunkelgrün befleckten. Ruhig glitten die Dampfer und die Motorboote dahin.

Am 4. Mai 1991 wurde der Weg der Schweiz eingeweiht. Ich durfte als Standsvertreter von Zug dabei sein und von Bauen nach Flüelen wandern. Die Kantone waren durch Regierungen und die Präsidentinnen und Präsidenten der kantonalen Parlamente vertreten. Kurz nach Bauen geriet ich in eine erregte Diskussion. Offenbar trug ich den Stolz des Innerschweizers zu sehr auf der Zunge.

Die damalige Basler Grossratspräsidentin warf ein, sie könne mit der Geburtszahl 1291 nichts anfangen. Die Schweiz bestehe erst seit 1848. Vorher habe es verschieden «Schweizen» gegeben. Das Dreiländereck Basel sei eine ebenso wichtige Region wie die Urschweiz gewesen. Was ich nicht etwa bestritt. Aber doch griff ich sie mit der verbalen Hellebarde an und behauptete, ohne die Urkantone würde es die Schweiz, wie wir sie heute kennen, nicht geben. Hätte sich das Land aus der Basler Ecke entwickelt, würde wohl ein anderer Geist durch das Land wehen. Gewiss sei der Staat ein neuzeitliches Produkt. In der Urschweiz sei aber der Same gestreut worden, der die Eidgenossenschaft habe keimen lassen. Um den Vierwaldstättersee habe keine herrschaftliche Familie dominiert wie die Stockalper in Brig mit ihrem unbeschränkten Einfluss. Die Macht in der Innerschweiz sei schon früh von Genossenschaften und von Gemeinden übernommen worden und diese hätten sich gegen einseitige obrigkeitliche Herrschaftsansprüche gewehrt. Hier, auf diesem Boden – ich zeigte sogar darauf – sei die Idee der «Vergemeindlichung» der Macht entstanden. Der revolutionäre Geist der Waldstätte habe schliesslich zur 8-örtigen und dann 13-örtigen Eidgenossenschaft geführt.

Wir zankten uns verbissen weiter. Es entstand ein Streit der Meinungen, ein Glaubenskrieg, der kein Ende finden wollte. Nach der Bernerstrecke, die am See entlang durch die Tunnel der alten Strasse führt, schlich ich mich davon, holte fröhlichere Kollegen ein. Es war schliesslich ein eidgenössischer Festtag. Die Grossratspräsidentin hätte nur den glänzenden Aufsatz von Peter Blickle* im Jubiläumsband «Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft» lesen müssen, dann hätte sie mich verstanden und vielleicht meine Argumente akzeptiert. Dieses leider viel zu wenig gewürdigte Werk stellt eine fundierte, ja glänzende Darstellung der frühen Schweizergeschichte dar.

Mir schien die Baslerin habe sich vom gerade grassierenden Ruf: «Siebenhundert Jahre sind genug» anstecken lassen, den ein Philosoph der Nordwestschweiz in die Welt gesetzt hat. Das Gerede von «Genügeln» an der Schweiz beeindruckte mich nicht, wusste ich doch, dass der Weg, auf dem wir wanderten, dieses überleben würde. Auch heute spüre ich keine Heimatmüdigkeit bei meinen Gesprächspartnern. Dass dann 1992, als das Motto «La suisse n’existe pas» am Pavillon der Weltausstellung von Sevilla prangte, im Ständerat eine heftige Debatte ausbrach, hatte damit zu tun, dass es nicht verstanden wurde. Die Ausstellungsmacher wollten sagen, die Schweiz existiere nicht so, wie sie sich manche Kreise denken. Sie ist immer viel mehr. Die Teile sind mehr als das Ganze.

In den letzten Jahren habe ich gewisse Teilstücke des Wegs der Schweiz mehrmals abgewandert. Meine Lieblingsstrecken liegen nahe am Wasser. Jüngst sass ich mit dem ehemaligen Bundesrat Samuel Schmid im Zwyssighaus in Bauen. Wir unterhielten uns über die Schweiz, die uns verbindet. Und dass diese sich nicht mit der Suisse miniature einer modernen Swissness deckt und auch nicht mit der Igelschweiz, brauche ich nicht auszuführen. Alberik Zwyssig, dem Komponisten des Schweizerpsalms, erwiesen wir nach dem vorzüglichen Essen die Reverenz.

Bei jeder Wanderung auf dem abwechslungsreichen Weg gedenke ich auch Karl Bolfing, meinem verehrten Lehrer am Seminar Rickenbach. Er war der Pionier und erste Präsident der Stiftung «Weg der Schweiz». Vor zwanzig Jahren überreichte er beim Start in Bauen den eingeladenen Gästen einen Rucksack und einen Wanderstock. Seither haben jährlich um die zweihunderttausend Wanderer den Weg unter die Füsse genommen. Feiern hingegen sind flüchtig und fast schon vergessen. Der Grund der Feier aber bleibt bestehen. Dafür, dass der Weg weiter gut unterhalten wird, sorgt die Stiftung mit ihrem derzeitigen Präsidenten Josef Dittli und sie verdient den Dank der Wanderer.

* Peter Blickle. Friede und Verfassung. Voraussetzung und Folgen der frühen Eidgenossenschaft von 1291. In: Innerschweiz und frühe Eidgenossenschaft. Jubiläumsschrift 700 Jahre Eidgenossenschaft, Band 1: Verfassung- Kirche – Kunst. Walter Verlang 1990.