Du siehst den Herbst auswendig

Schnee bis in die Niederungen!, meldete das Radio. Dann fiel er in dicken Flocken zu Boden und deckte die Erde zu. Heute Morgen sah der Kirschbaum hinter meinem Haus wie ein weisses Korallengebilde aus. Der Tag hatte dunkel begonnen und Erinnerungen geweckt. Mein Vater sagte jeweils, wenn es früh in den Herbst hinein schneite: «De Winter hätt verworfe! Er hätt z’früeh kalberet.» Und er meinte damit, es werde nichts mit dem Winter, wie mit dem Kalb, das tot im Stroh lag. Er war ein Wetterprophet, der es mit den alten Wetterregeln hielt.

Sein Ausspruch erinnert mich auch an den Bankencrash. Vater würde wahrscheinlich sagen: «D’Banke händ verworfe.» Dabei wäre es ihm darum gegangen, zu betonen, wie sehr sie Unsinn getrieben und mit den kleinen Leuten das Kalb gemacht haben. Die Finanzkrise gehört zum diesjährigen Herbst, aber sie widerspricht dem Titel der Kolumne. Als wir gebräunt aus den Ferien zurückkamen, hofften wir, dass wir einen Herbst vorfinden würden, den wir auswendig kennen. Die Laubbäume würden sich wie jedes Jahr verfärben. Sie würden, wie der Dichter* sagt, «in warmem Golde fliessen». Aber wegen der Bankenkrise verlor man in den letzten Wochen die Farbenpracht aus den Augen. Und doch!

Ich sass im Voralpenexpress und las im Lyrikband «Ein obdachloser Gedanke» von Pentti Holappa, dem finnischen Dichter. Im Abteil hinter mir, fast Rücken an Rücken, waren zwei alte Frauen. Es war unvermeidlich, dass ich mithörte, worüber sie sprachen. Immer wieder erreichte mich ein bewunderndes «Schau! Die Bäume, und die Sonne darin. Wie die Blätter im Wind spielen. Es ist der schönste Tag in diesem Herbst.» Ich stimmte innerlich zu und vergass meinen Dichter. Als ich weiterlas, fand ich Worte, die auch zu meinem Herbst passen: «Gekreuzigte gibt es zu allen Zeiten.» Es die Zeit von Allerheiligen und Allerseelen. Der Tod erinnert an das Leben. Bereits sehr früh hat der Schnee die Erde in das bleiche Tuch der Kälte gehüllt, wie einen Menschen, der im Grab ruht.

Meine Gedanken - Gedanken können nicht anders - hüpften herum wie das Gespräch der beiden Frauen. Unterdessen hatten sie angefangen, Leute, die sie kennen, zu verhandeln. Es waren viele, die sie nannten, dazu noch ganz unterschiedliche, und nicht alle bekamen den Segen der Freundinnen.

Das Denken hüpft. Es gelingt kaum, einen Gedanken fertig zu denken. Um sich der Not des hin- und herspringenden Denkens nicht allzu sehr auszusetzen, liest der Mensch Zeitungen. Auch im Voralpenexpress lagen die Gratisblätter herum. Der Gedanke hat kein Obdach mehr, ging mir durch den Kopf. Je mehr wir die Welt als Häppchen aufnehmen, umso weniger bildet sie für den Menschen ein festes Haus mit einem soliden Dach.

Der Herbst 08 ist und war ungewöhnlich, und er wird auch ungewöhnlich kommentiert, ja, er wird in die Geschichte eingehen. Die Manager werden mit Vorwürfen eingedeckt, ihre Gier wird angeprangert, man hat sie ans Kreuz geschlagen. Jetzt haben die Moralisten das grosse Wort. Endlich können sie sich derart empören, dass ihrer Empörung kaum widersprochen wird. Reicht es aber, einfach über sie herzufallen? Müsste nicht vielmehr tiefer gegraben werden? Müssten wir nicht mit dem Dichter fragen, was sich daraus folgern lässt, wenn die Gedanken obdachlos werden? Wir wissen doch, dass uns die Werbung neue Ideen serviert, wie es sich aus der Interessenlage gerade ergibt. Warum fallen auch die Medien auf die Hofberichterstattung aus höheren Etagen herein und hinterfragen sie nicht kritisch? Die psychologisch geschulten PR-Berater vertrauen darauf, dass ihre Reports das Bewusstsein der Journalisten unterwandert. Den Medien käme aber die Aufgabe zu, vor solchen zu warnen. Stattdessen stimmten sie in den Chor der «Geldgläubigen» ein.

Vater war ein kritischer Mann. Er glaubte nur, was er überprüfen konnte, einzig den Wetterregeln vertraute er zu sehr. Sie täuschten ihn, wie alles täuscht, an das man ohne weiteres glaubt. Von handfesten Dingen, wie dem Geld, wusste er aber: «Vo nüüd chunnt nüüd!» Und sein Sohn übersetzt den Ausspruch heute und sagt: «Geld allein schafft kein Geld. Vielleicht Illusionen.»

«Du siehst den Herbst auswendig.» Wir wissen aus Erfahrung, dass es nun kälter wird, dass die Blumen im Garten sterben, die Bäume werden kahl, und wir müssen das Haus heizen, wir wissen, dass es dunkel ist, wenn wir aufstehen und dass wir um den Hals eine Schärpe binden sollten, bevor wir das Haus verlassen. All das lehrt uns der Herbst mit den Jahren, und allmählich weiss es jeder auswendig, und die Mütter sagen es den Kindern. Wer jetzt den Sommer sucht, der fliege nach Teneriffa.

«…auswendig, auf dein Schicksal gespiesst, jedes Mal wenn du dich regst, fängt es zu regnen an, die Landschaft trübt sich ein, der Schmerz tritt über die Ufer.»** In jedem Leben tritt der Schmerz über die Ufer, bricht ins Leben hinein, zerstört die blühende Landschaft, legt über die Erde den Frost. «Unter jedem Dach ein Ach!», sagte mir vor Jahren ein Freund. Er musste es wissen, war er doch Arzt, betreute Menschen, die das Schicksal hart angefasst hatte, stellte fest, wie die Farbe aus dem Gesicht der Kranken wich und die Knochen hervortraten. Menschen aus allen Schichten, waren betroffen. Der Freund erinnerte an die Aufgaben des Arztes. Und er warnte, wenn er feststellte, dass der ärztliche Gedanke, die Ethik, obdachlos zu werden drohte.

Gedanken sind flüchtig, sie zu Ende zu denken, ist mühsam, oft auch ernüchternd. Sie haben aber einen festen letzten Punkt: den Tod. Zum Herbst, den wir auswendig sehen, gehört das Gedenken an Menschen, die mit uns gelebt haben, die nun jene Barmherzigkeit des Grabes zudeckt, so dass sie ganz bestimmt nicht unter dem Verlust von derivaten Anlagen und Aktien leiden müssen.


*Eduard Mörke: September-Morgen
** Aus Pentti Holappa «Ein obdachloser Gedanke». BABEL Verlag 2008.