Ein Buch als Weihnachtsgeschenk?

Kürzlich schmunzelte ich wieder einmal ganz besonders, als ich den Cartoon «Rabenaus wundersame Erlebnisse» in der NLZ anschaute. Der drollige Kerl mit dem grossen Wasserkopf und der roten Nasen versucht mühsam seinen wackligen Tisch ins Gleichgewicht zu bringen. «Mist», sagt er und starrt dabei auf das Tischbein, das er bereits mit einem Buch gestützt hat. Dennoch wackelt der Tisch und so meint er, er müsse noch eines kaufen. Kauft es, legt es unter das Bein und stöhnt: «Der Tisch wackelt immer noch.» Soll er doch wackeln, denkt dabei vielleicht der Buchhändler, so kauft er wenigstens ein Buch, denn der Absatz stockt. Allein im Oktober ist er um mehr als zwölf Prozent bei der Belletristik eingebrochen.

«Bücher drucke ich immer gern», sagte mir ein renommierter Buchdrucker. An einer Feier wurde uns beiden ein schöner Bildband überreicht. Da flüsterte er mir zu: «Schon wieder eines fürs Büchergestell…» Auch für ihn hätte Rabenau also eine kleine Bildgeschichte zeichnen können, etwa so: Da hantiert der Wasserkopf gerade in einem Raum, in dem volle Bücherregale stehen. «Mist, schon wieder nur ein Buch.» Er legt es auf einen Stapel, der neben dem Büchergestell in die Höhe wächst und fragt: «Hält der noch?» Da stürzt im dritten Bildchen die Beige um: «Verdammt, warum schenken sie einem immer Bücher?» Im vierten Bildchen, endlich, tritt seine Frau hinzu, und Rabenaus Held schenkt ihr das Buch: «Blumen welken schnell, Bücher bleiben.» Doch die Frau rümpft die Nase.

Der lächelnde Leser von Rabenaus wundersamen Erlebnissen versteht den leisen Spott des Zeichners. Er fragt sich sogar, ob er selber gemeint sein könne. «Wer liest hat mehr vom Leben», so hat einmal ein Werbespruch der Verleger gelautet. Ist es nicht immer noch eine schöne Idee, die Partnerin oder sich selber auf Weihnachten mit einem guten Roman zu beschenken? Der Roman zielt auf das Wesentliche einer Person und ihr Schicksal. Das wusste schon Aristoteles, der um 355 v. Chr. eine Poetik geschrieben hat.

Der Grieche sagt, es sei nicht Aufgabe des Dichters mitzuteilen, was wirklich geschehen ist. Das sei die Aufgabe der Historiker. Sie müssten auch Details wiedergeben, die nicht wichtig seien. Der Dichter aber beschäftige sich in seinem Werk mit dem, was nach den Regeln der Wahrscheinlichkeit und Notwenigkeit geschehen könne. So erhalte ein Werk eine philosophische Tiefe. «Daher», sagt er, «ist Dichtung etwas Philosophisches und Ernsthafteres als Geschichtsschreibung; denn die Dichtung teilt mehr das Allgemeine, die Geschichtsschreibung hingegen das Besondere mit.» Dieser Erkenntnis hat später auch der romantische Dichter Novalis* beigepflichtet, wenn er sagt, es sei mehr Wahrheit in den Märchen als in gelehrten Chroniken. Ein guter Historiker müsse notwendig auch ein Dichter sein.

Ein schriftstellerisches Werk zehrt von der Lebenserfahrung der Autorin oder des Autors, wie auch von der Recherche in Archiven und von der genauen Kenntnis der Schauplätze eines Ereignisses. Ich möchte dies mit einem Roman von Maria Barbal** kurz belegen. Die katalanische Autorin hat mit «Wie ein Stein im Geröll» ein wunderbar ruhiges Buch geschrieben, das in der Zeit des Franco-Regimes spielt. Die Autorin sagt selber, sie habe mit diesem Roman den vielen namenlosen Menschen eine Stimme geben wollen, die von der Geschichte mitgerissen worden seien.

Der Roman erzählt das Leben einer Generation. Ein Mädchen wird in die katalanischen Pyrenäen zur kinderlosen Tante geschickt. Es arbeitet im Haushalt und auf dem Feld und lernt später einen jungen Mann kennen. Conxa, die junge Frau, verliebt sich in Jaume, heiratet ihn gegen den Widerstand der Familie und schenkt drei Kindern das Leben. Ihr Mann schliesst sich einer republikanischen Bewegung an. Als der spanische Bürgerkrieg ausbricht, wird er verhaftet und von den Faschisten umgebracht. Conxa wird der Boden unter den Füssen weggezogen, sie fühlt sich getrieben und sagt schliesslich, sie fühle sich wie ein Stein im Geröll.

Die Erzählung von Maria Barbal ist wie ein individuelles Panorama im faschistischen Regime. Die genauen historischen Details und Jahrzahlen interessieren weniger als das Schicksal der betroffenen Menschen. Barbal schildert die Folgen des Gewaltregimes: Menschen verlieren ihre Identität, ihre Sprache und Kultur, sie werden innerhalb der eigenen Gesellschaft heimatlos, das Selbstverständliche ihrer Existenz wird ausgelöscht. Die Autorin stösst zum Kern eines durch äussere Gewalt verpfuschten Lebens vor, und dieser Vorgang wiederholt sich in jeder Diktatur.

Zurück zu unserem kleinen Kerl, zu Rabenau im Cartoon: Da haben wir es nun mit einem Nichtleser zu tun, dem vorgeworfen wird, er benütze ein Buch bloss als Unterlage, verkenne also seinen Wert oder handle wie der Buchdrucker, der es nach der Feier einfach im Gestell versorgt hat. Vielleicht kommt sogar ein Nichtleser auf die Idee, seiner Frau oder Freundin – Frauen lesen lieber und häufiger als Männer – auf Weihnachten ein gutes Buch zu schenken.

Am 6. Dezember titelte die NLZ einen Artikel mit «Schweizer Kinder sind Lesemuffel.» Darin werden die neusten Ergebnisse einer vergleichenden Schweizer Pisa-Studie referiert. Die Ergebnisse seien ernüchternd, sagt der Experte. Bei Nichtlesern sinkt die Leistung im Sprachunterricht und die Fähigkeit einen richtigen Texte zu schreiben, nimmt ab. Wo aber sollen die Kinder die Freude am Lesen entdecken, wenn das Buch bloss als Unterlage für einen wackligen Tisch dient?

* Novalis: Heinrich von Ofterdingen. Insel Verlag
** Marian Barbal: Wie ein Stein im Geröll. Roman. Taschenbuch Diana Verlag, 6. Auflage.