Die Metapher vom schwarzen Schaf

Am runden Tisch im Aarhof trafen sich kürzlich ehemalige Politiker und frühere Vertreter aus Wissenschaft und Kultur. Die Freunde diskutierten auch über die eidgenössischen Wahlen. Sie waren sich bald einig, dass gewisse Ausrutscher während des langen Wahlkampfs im Nachgang diskutiert werden sollten. Stil und Inhalt seien ja alles andere als erhebend gewesen. Manches davon setze sich in den Köpfen fest und beeinflusse das Reden und Handeln der Menschen. Die Sprache sei härter, ja unversöhnlicher geworden. Ein glänzend wiedergewählter Nationalrat bevorzuge verbal die Motorsäge, und sage das auch.

Plötzlich äusserte ich spontan den Wunsch, dass die Herren am Tisch, die alle eine gewisse öffentliche Autorität darstellen, doch vermehrt zur Feder greifen würden. Uns könne eigentlich nichts mehr passieren. Die heftige Reaktion eines Leserbriefschreibers auf eine meiner Kurzanalysen habe mich kaum berührt. Im Gegenteil: Wahrscheinlich hätte ich den Nerv getroffen, sagte ich lächelnd. In unserem Alter habe man sich von der Angst befreit, sich lächerlich zu machen. In diesem Zusammenhang zitierte ich wieder einmal Ludwig Marcuse. Die Furcht, verlacht zu werden, sei die Seelenlosigkeit aller Konformismen, aller Verfremdung, mit denen einer von sich ablenke.

Nun hatte ich die Diskussion in Schwung gebracht. Gian Reto nahm den Faden auf und bemerkte, diese Tatsache sei vielleicht mit ein Grund, weshalb Journalisten im Mainstream mitschwimmen und sich die Medien instrumentalisieren lassen würden. Somit brauche man sich nicht zu exponieren. Ich erwiderte, Zeitungskommentare und Glossen, die die Meinung der Mehrheit vertreten würden, seien im Grund bedeutungslos und würden den Tag nicht überleben. Nun aber mahnte mich Gian Reto, es sei etwas gar praktisch, einfach festzustellen, dass sich der Wahlkampf, der hinter uns liege auf einem bedenklich niedrigen Niveau bewegt habe. Gib uns ein Beispiel, das deine Aussage belegt.

Gut, sagte ich, so ziehe ich das Plakat vom schwarzen Schaf als Beispiel heran. Das Plakat zur Ausschaffungsinitiative suggeriert, schwarze Schafe sollten ausgesondert, des Landes verwiesen, eingesperrt oder unversöhnlich verfolgt werden. Es gibt doch in mancher Familie ein schwarzes Schaf. Und was machen die Eltern? Sie versuchen das Kind in die Familiengemeinschaft zurückzuholen und bringen ihm damit die nötige Achtung entgegen. Denn nur so bleibt der letzte Rest von Selbstachtung erhalten, ebenso die Erkenntnis, dass man im schlimmsten Fall auf die Eltern oder Geschwister zählen kann. Die Selbstachtung ist das höchste Gut eines Menschen, geht sie verloren, kommt es dem schwarzen Schaf nicht mehr darauf an, was es noch alles anstellt.

Aha, meinte Ernst, du willst also sagen, wenn das Bild in den Köpfen hängen bleibt, dann braucht es nicht viel, und man versucht, das schwarze Schaf so zu behandeln, wie das Plakat vorgibt. Die Aussage muss korrigiert oder doch wenigstens relativiert werden. Die Sinnverschiebung, die es bewirkt, kann doch nicht im Interesse der Gemeinschaft liegen. Die ausländischen Medien haben sehr negativ über die Schweiz berichtet. Das Bild der Schweiz, eine Nation zu sein, in der das humanitäre Menschenrecht hochgehalten wird, ist angekratzt. Mit dem Plakat wird etwas in die Herzen der Menschen gepflanzt, das ungut ist. Sie werden verstockt und gewisse reagieren direkt hämisch. Die Hämischen sind die Hässlichsten unter den Menschen.

Nun wurde es am runden Tisch sogar biblisch. Sämi verwies auf Lukas 15, wo Jesus den Zöllnern, Sündern und Scheinheiligen das Gleichnis vom verlorenen Sohn erzählte. Er war das schwarze Schaf der Familie, verprasste sein Erbe mit den Huren. Als er reumütig und verarmt zurückkehrte, bereitete ihm der Vater ein Fest. Der ältere Bruder kam vom Feld zurück und vernahm die Nachricht. Da wurde er zornig und weigerte sich am Fest teilzunehmen. Der Vater aber ging zu ihm hinaus und sprach mit ihm: «Dein Bruder ist tot gewesen, doch nun lebt er wieder, verwirrt ist er gewesen und nun aufgefunden. Du aber warst hier, und all das Meinige gehört dir.»

Das habe der Vater gut gemacht, bemerkte nun Hanschristoph, dass er den braven Sohn besänftigt habe, denn der Zorn sei der Anfang grosser Übel. Er wies auf den Beginn von Homers Epos Ilias hin. «Den Zorn singe, Göttin, …den unheilbringenden Zorn, der tausend Leid … schuf und viele stattliche Seelen in den Hades hinabstiess.»

Treffend, lachte Walter, Hanschristoph ist nie um ein Zitat verlegen! Er gebe ihm Recht, denn gewisse Kampagnen während des Wahlkampfs hätten den Zorn direkt geschürt. Gian Reto analysierte kühl. Es gebe ein Zornkollektiv. Er denke da an die AUNS mit ihren Behauptungen vom EU-Beitritt durch die Hintertür und vielen anderen Verdächtigungen. Solche Zornkollektive würden von einer Ressentimentherde getragen, wie ein Philosoph kürzlich geschrieben habe. In dieser Herde herrschten Muckertum und Rachegeister.

Der bedächtige Ernst begehrte nochmals zur Metapher vom schwarzen Schaf zurückzukehren. Der verschobene Sinngehalt eines geläufigen bildlichen Ausdrucks auf dem Plakat verwirre, da stimme er mir zu. Man solle die Sache doch beim Namen nennen. Es gehe um kriminelle Ausländer. Basta! Doch ein richtiges schwarzes Schafe ändere sich im Lauf seines Lebens vielleicht sogar. Er könne Beispiele nennen, in denen Jugendliche, die aus der Reihe getanzt seien, später angesehene Persönlichkeiten wurden. Ach was und überhaupt: Wer nie ein Schlingel gewesen sei, werde später kein richtiger Mann. Bevor wir am Tisch das Thema wechselten, meinte Mario nur: Ich wünsche mir Bundesrätinnen und Bundesräte, die klug wie eine Landesmutter oder wie ein Landesvater handeln.