Ich irritiere, also bin ich

Lassen Sie sich von einem Satz wie: «… die neuste Mode des Jahrhunderts hiess Zynismus, es war chic, Geld zu verdienen und zynisch zu sein …»* irritieren? Oder vom Ausruf: «Das Rütli ist ja bloss eine Wiese mit Kuhdreck!»? Als ich noch Regierungsrat war, führte ich Einbürgerungskandidatinnen und -kandidaten zusammen mit dem Historiker Albert Müller auf die Rütliwiese. Wir erzählten ihnen die Geschichte von der Gründung der Eidgenossenschaft und kamen auf die Bedeutung des Orts zu sprechen. Allerdings vergass ich zu bemerken, es handle sich um eine Wiese mit Kuhdreck. Es hätte ja passieren können, dass plötzlich jemand in einem Kuhfladen gestanden wäre. Unser ernsthaft gemeinter Vortrag über die Schweizerische Demokratie, unter anderem mit dem Hinweis, dass das Rütli der Schweizer Jugend gehöre, wäre sage und schreibe in den Dreck gefallen. Hoffentlich hat sich kein Offizier am Rütlirapport mit General Guisan, 1940, die Stiefel verdreckt?

Den Titel und die Anregung zu dieser Kolumne verdanke ich dem Verwaltungsratspräsidenten der MediBank, Bruno M. de Nicolò. In Anlehnung an das berühmte «Cogito, ergo sum. Ich denke, also bin ich», schliesst er das Vorwort zum Jahresbericht mit dem Wort: «Irritiere ich? Also bin ich.» Ob sich der Leser durch seine Ausführungen wirklich irritieren lässt, scheint de Nicolò nicht klar. Das Fragezeichen verrät seine Zweifel. «Wir haben immer noch kein Europa der Kultur», schreibt er, «sondern ein Europa der Wirtschaft und der Widersprüche. Eindimensionale, begnadete Selbstdarsteller in der Wirtschaft, die in ihren gespreizten Inszenierungen vermutlich selber nicht so recht glauben, was sie ausbreiten, verbergen sich hinter dem Schild der kollektiven Verantwortung. Das ist Flucht aus der Verantwortung und Pflichtvergessenheit. Zahlen und Statistiken allein sowie rationale Rechtfertigungsversuche und Begriffsdrechslereien, gewürzt mit vermeintlich hohen Seriositätsansprüchen, verdecken notdürftig schwache, gefühlsarme und blutleere Leistungen. Ohne ihre berufliche Identität sind diese vergoldeten nadelöhrscheuen Kamele leer, ziel-, inhalts- und orientierungslos.»

Beim Schreiben schaute Bruno M. de Nicolò von Oberwil über den Zugersee. In seiner Ansprache an der Generalversammlung meinte er, die Honorierungspraxis in Grosskonzernen sei ein besonderes Kapitel. Er beneide den Chef des Pharmariesen nicht, wenn er auf der anderen Seeseite einfliege. «Ich würde seinem Konzern aber gerne eine Entwicklung wünschen, die seinem Gehalt entspricht.»

Vielleicht muss man ein gewisses Alter erreichen, um derart klare Worte zu gebrauchen. Es gibt ja die berühmte Altersradikalität. Ludwig Marcuse, der zu seiner Zeit berühmte Autor, schreibt in seiner Biografie «Nachruf auf Ludwig Marcuse»: «Das Alter und das Schicksal, das mich traf, haben mich in hohem Grad von der Furcht befreit, die mehr als jede andere den Einzelnen fälscht: die Furcht, sich lächerlich zu machen, verlacht zu werden. Sie ist die Seele, die Seelenlosigkeit aller Konformismen, aller Verfremdung, mit denen einer von sich ablenkt.» Und so wagt ein Banker in seinem Geleitwort zum Jahresbericht Kritik an der Einseitigkeit des ökonomischen Denkens und Handelns zu üben. Einen erfolgreichen Bankpräsidenten kann man nicht mit einer müden Geste einfach in die Kiste der Gutmenschen oder der Schöngeister versorgen. Sensible Direktoren und Verwaltungsräte erkennen, dass die Geldberge nicht die schönsten im Lande sind.

Vielleicht schrumpft die Welt trotz Globalisierung zusammen. Wassermangel zwingt Menschen zum Auswandern. Kriege treiben sie in die Fremde. Asyle werden zu Käfigen. Franz Kafka schrieb in einer Fabel, von einer Maus, die in eine Falle geraten ist. Im Hinterhalt hat die Katze gewartet. Die Maus hat sie bemerkt und geseufzt: «Die Welt wird von Tag zu Tag enger.»

Was irritiert einen Altfreisinnigen am «Wahlpäckli», das die Zürcher FDP mit der SVP geschnürt hat? Da wurde der Parteipräsident mit der grellen Stimme auf derselben Liste mit dem freisinnigen Ständeratskandidaten verkuppelt. Der gleiche Parteipräsident hat die Schweizer und die Zürcher FDP jahrelang feindselig und boshaft angegriffen. Weichsinnige seien sie. Das Zweckbündnis irritiert. Die Seele des Freisinns wird auf dem Altar des möglichen Erfolgs geopfert.

Mir kommt die mutige, glanzvoll wiedergewählte freisinnige Ursula Gut zu Hilfe und spendet mir Trost. Das Zusammengehen der beiden bürgerlichen Parteien sei falsch. Ueli Maurers Frauenpolitik und sein Politstil passe nicht zur freisinnigen Haltung. In Gedanken war ich schon dabei, im Oktober die grünliberale List einzuwerfen.

Die nadelöhrscheuen Kamele begehren den Eintritt in den Saal mit dem Freskengemälde der Nidwaldner Landsgemeinde von Albert Welti. Auf die Frage eines kundigen Weibels würden sie wohl nicht sagen: «Wir opfern alles dem Erfolg.» Es irritiert einen noch mehr, dass ein Parteipräsident, der jahrelang den vermeintlichen Gegner schlecht gemacht hat, in den Ständerat gewählt werden will. Man lobt den Kleinen Rat als Chambre de Reflexion. Soll nun auch der eher sachlich ausgerichtete Rat eine Kammer des parteipolitischen Zanks werden? Altfreisinnige wie ich sind irritiert. Aber eben: Solange ich mich noch ärgere, bin ich. Ergo sum.

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