Das Lob der Torheit

Erasmus von Rotterdam setzt die Torheit in seinem Werk, das im Sommer 1509 entstanden ist, als höchste Göttin über alle Menschen, ja, selbst über die Götter Griechenlands, und wer möchte ihm da widersprechen? War Göttervater Jupiter nicht von der Torheit beseelt, als er sich in einen Stier verwandelte und die schöne Europa entführte, sich beim späteren Stelldichein als strahlenden Gott offenbarte? Während des Schäferstündchens belauschte ihn allerdings seine eifersüchtige Gattin Hera. Ist die Eifersucht etwa kein Werk der Torheit? Die Torheit regiert selbst Könige und Päpste, Würdenträger aller Schattierungen, Spitzenfunktionäre und einfache Menschen, Männer und Frauen, kurz, Reiche und Arme, Gescheite und Dumme. Sie verschont nur den, der sich seiner Grenzen bewusst ist.

Als Bundespräsident Hansrudolf Merz nach Libyen reiste, hatte die Torheit wohl auch die Hände im Spiel. Leider ist er mit Eselsohren zurückgekommen. Dennoch gab die Torheit nicht auf. Sie war hinter den Medien und Politikern her und suggerierte ihnen, sie sollten doch nun den Rücktritt des Finanzministers fordern. Und als sie realisierte, wie unverhältnismässig diese Forderung war, lachte sie nur. Die Medienleute und Politiker haben vergessen, was Martin Luther einmal gesagt hat: «Selten wird ein gutes Werk aus Weisheit und Vorsichtigkeit unternommen, es muss alles in Unwissenheit geschehen.» Unwissenheit verzeihen die Wissenden nicht. Die Torheit allerdings gesellt sich den Wissenden erst zur Seite, wenn eine Dummheit schon geschehen ist, und man hinterher alles besser weiss. Die Torheit ist die Patin der Besserwisser und der Rechthaber.

Die Torheit lacht gerne über andere, und die Törichten setzen laut ein. Als der frühere Botschafter Thomas Borer anlässlich der Veranstaltung «Schaffhauser Wirtschaftsimpulse» meinte, die Schweiz sei führungsschwach, sie benötige einen Bundespräsidenten, der für vier Jahr gewählt sei, widersprach ihm der «abgewählte Bundesrat» Christoph Blocher. Länder mit einem Präsidialsystem seien nicht erfolgreicher, gab er zu bedenken, und dann wörtlich: «Stellen Sie sich vor, wenn wir Merz vier Jahre hätten.» Die NZZ (19./20. September) meinte, dies sei nicht die feine Art gewesen, den ehemaligen Kollegen anzugreifen. Dass sich Christoph Blocher später dafür entschuldigte und behauptete, er habe nicht Bundespräsident Merz angreifen wollen, beweist doch, wie elegant die Torheit stets eine Ausrede findet. Solch saloppe Sprüche lassen sich mit einem anderen Ereignis von Mitte September vergleichen, als der an sich besonnene Schiedsrichter Massimo Busacca anlässlich des Cupspiels Baden gegen YB den Berner Fans den gestreckten Mittelfinger zeigte. Auch da hatte die Torheit die Hände im Spiel. Hinterher bereut der Mensch immer, weil er das Narrenschiff bestiegen hat.

Menschen, die wissen, dass die Torheit die höchste Instanz im Leben der Menschen ist, üben sich in Bescheidenheit und Selbstironie. Sie orientieren sich an Beispielen. Ein hervorragendes gibt Franz von Assisi, der seinen störrischen Leib als «Bruder Esel» bezeichnete und der ihn oft von seinen frommen Absichten abbringen wollte. Der «fratello asino» mit seiner Triebhaftigkeit und Schwäche ist unbestritten das beste Einfallstor für Erasmus’ hoch gelobte Göttin. Das musste auch der amerikanische Präsident Bill Clinton seinerzeit erfahren, als er zusammen mit Monika Lewinsky seine berühmt gewordene Zigarre rauchte.

Wer sich also den Spass leistet, die herrliche Satire des Erasmus’, in der hervorragenden Übersetzung von Kurt Steinmann, zu lesen, kann nicht mehr durch die Zeitungslandschaften wandern, ohne zu staunen, was die Torheit denn alles anstellt. Was schon nur in den Klatschspalten steht! Das Leben aber ist deshalb so erfinderisch, weil die Göttin Torheit das Szepter führt. Kein Journalist kann so kreativ wie das echte Leben sein, aber er weiss, dass sich Leserinnen und Lesern gerne an Narreteien delektieren.

Es gilt als ausgemacht, sagt Erasmus, dass alle Leidenschaften einen Bezug zur Torheit haben. Das gilt sowohl für die politischen als auch die wirtschaftlichen, für die theologischen und die schriftstellerischen. Ohne Torheit würde kaum ein literarisches Werk entstehen, am wenigsten eines, das dann keine Leser findet. Die Dichter, sagt Erasmus, würden auch zur Fraktion der Göttin Torheit zählen, denn sie seien eine «sprichwörtlich lose Sippe». Sie gehörten zur Zunft der Selbstgefälligen. Und wer je ein Buch oder eine Kolumne geschrieben hat, ist sich dessen bewusst und lächelt manchmal über sich.

Um nachzuweisen, dass die Göttin der Torheit sogar über höchste Autoritäten herrscht, genügt der Hinweis auf Pauls VI. Pillenenzyklika von 1968. (Man könnte auch Benedikt XVI. auf seinem Weg nach Afrika zitieren). Sie liess jung Verliebte an der Unfehlbarkeit des Papstes zweifeln. Moraltheologen fragten sich damals, ob wirklich der Heilige Geist den Papst inspiriert habe oder nicht vielleicht die von Erasmus über alle und jeden gesetzte Göttin. Vielleicht aber half die List dieser schlauen und raffinierten Frau Torheit nach, dass der Papst sämtliche Einwände seiner Ratgeber in den Wind schlug und das Lehrdiktat veröffentlichen liess, damit Zweifel und Skepsis auch einen Platz in der Welt der Kirche fanden.

Die Torheit lächelt über ihre Taten. Dennoch schaut sie gelassen zu, nachdem sie etwa Zank und Streit entfacht hat und geniesst besonders den Kampf der Streitrösser. Sie steht über jedem Parteiengezänk. Doch auf einmal zieht sie sich verschämt zurück, schaut aus der Loge zu und sagt sich. «Was gibt es (…) Gefälligeres, als dass zwei Esel sich gegenseitig kratzen?» (S. 119).

  • Erasmus von Rotterdam: Das Lob der Torheit. Aus dem Lateinischen übersetzt von und mit einem Nachwort von Kurt Steinmann. Manesse Bibliothek der Weltliteratur.
  • Bis 10. Januar 2010 dauert die sehenswerte Ausstellung im Museum zu Allerheiligen Schaffhausen «Das Lob der Torheit. Versuch einer Ausstellung nach Erasmus von Rotterdam».