Den Tod denken

In der Reihe: Sterben und Tod in der Kunst – zum 20-jährigen Bestehen des Vereins «Hospiz Zug»


Es war ein strahlend schöner Tag, als die Urne beigesetzt wurde, der feierlichste Tag und der traurigste zugleich. Das Glitzern des Neuschnees blendete Philip immer wieder. Einmal drückte er das linke, einmal das rechte Auge zu. Die Landschaft wirkte, als hätte sie sich herausgeputzt. Tränen liefen ihm über die Wangen. Die kalte Sonne stand über den Bergen, sodass der Schnee und die tiefe Bläue im Zusammenspiel recht herrisch wirkten. Hier die Erde, dort der Himmel mit dem unendlichen Blau.

Der Priester sprach tröstende Worte: Ich bin die Auferstehung und das Leben, spricht der Herr, wer an mich glaubt, wird ewig leben … Abwehrend vernahm Philip das Wort Leben, war doch seine Frau tot. Bald schon verloren sich seine Gedanken und er fragte sich, wo wohl die Seele seiner Frau jetzt sei. Im Irgendwo des unendlichen Blaus, geborgen im ewige Licht oder im allumfassenden Nichts des Todes?

Gott bleibt den Menschen treu, er ist die Liebe, der All-Erbarmer und Jesus Christus ist der Garant, dass es einen Vater im Himmel gibt. Glaubte der Priester an seine Worte?

Seine einst strahlende, noch junge Frau war jetzt nur noch ein Häufchen Asche. Die Urne wurde ins Erdloch versenkt und mit Weihwasser bespritzt. Später würde ein Stein an sie erinnern.

Nach der Beerdigung trafen sich Verwandte und Freunde an den Tischen im Restaurant, assen vom Braten, tranken Wein und wagten erst nach und nach zögernd tröstende Worte zu sagen: Ja, es ist sehr traurig, dass sie so früh sterben musste. Und fügten hinzu: Aber das Leben geht weiter.

Hier die Erde, dort der Himmel! Als er nach dem Trauermahl nochmals zum Grab ging, hörte er das leise Brummen eines Flugzeugs, das einen weissen Kondensstreifen im tiefen Blau zog. Welches war der letzte Flug, den er mit seiner Frau zusammen unternommen habe? Seine Gedanken wirbelten wirr durcheinander, bis er sagte: Ich muss mich an der irdischen Welt festhalten, an all den Wegen, die wir zusammen gegangen, gewandert, gefahren und spaziert sind; an den Brettern, auf denen wir getanzt haben. Ach, wie hat sie am Leben gehängt, ihr Puls schlug im Gleichklang mit der Natur. Wie ein Kristall ragte ihr Lieblingsberg in den Himmel, fiel Philip auf einmal am Grab auf. Ein Kristall war sie selber: Hell und klar, kantig und leuchtend.

Als es Nacht wurde, zog Philip die Vorhänge zu und löschte das Licht. Finstere Nacht sollte nun sein. Er hätte weder das Flackern einer Kerze noch das Gleissen eines Sterns ertragen. Auf der Todesanzeige hatte er geschrieben: Wer den Tod denkt, denkt das Leben. Welchen Text er für die Danksagungskarte wählen würde, liess er mal offen.

Die Tage vergingen. Womit würde er sich trösten können? Fände er am Ende Trost bei einem Philosophen? Es gab genug Werke zum Thema Tod. Eines stand bei ihm noch ungelesen im Bücherregal. Es war «Trost der Philosophie» des Gelehrten Boethius, der aus einer angesehenen römischen Familie stammte. In Ravenna hatte er unter dem Ostgotenkönig Theoderich hohe Ämter bekleidet. Wegen einer Intrige, der er verdächtigt wurde, fiel er beim König in Ungnade. Er wurde zum Tode verurteilt und verbrachte seine letzten Monate in einer Halbgefangenschaft. In dieser Zeit entstand sein Hauptwerk «Consolatio philosophiae», das fünf Bücher umfasst.

«Trost der Philosophie» beeinflusste nicht nur Philosophen und Theologen, sondern regte auch die Phantasie von Künstlern an. So malte Mattia Preti, der in Malta 1699 verstarb, den verurteilten Staatsmann auf seinem Lager. Er neigt gerade den Kopf zur Philosophie, die ihm in der Gestalt einer leicht gekleideten weissen Frau Trost zu spenden versucht. Demütig wartet er auf den Tag der Hinrichtung. Im Hintergrund des dunklen Raums lauert der Löwe, der wohl die Macht Theoderichs symbolisiert.

Philips Frau erlag dem Krebs. Langsam, unerbittlich schwächte er sie, zerstörte ihren Magen, griff die Lymphen an, zernagte die Knochen, zehrte den Leib aus, ohne aber den Lebenswillen brechen zu können. Bis zum letzten Atemzug focht sie mit dem Tod, aber der Körper versagte dem Geist, was er zum Überleben gebraucht hätte. Nur noch ihren allerengsten Kreis wünschte sie um sich zu haben, niemand sonst sollte sie in diesem schrecklichen Zustand sehen.

Philip wollte allen, die Anteil an seinem Verlust genommen hatten, eine Dankeskarte mit persönlichen Worten schicken. Würde er während seiner Lektüre bei Boethius eine passende Stelle finden? Feierlich rezitiert die Philosophie:
Was die Zierde einst war glückselig blühender Jugend,
Ist dem trauernden Greis Trost jetzt in schlimmen Geschick …


Die trostspendende Philosophie erinnert den Boethius an das gute Leben, das er geführt hat. Ihm sei doch viel Macht und Reichtum zugefallen. Selbst in der Gefangenschaft lebe er besser als die meisten anderen Verurteilten. Angesichts des Todes aber müsse er weise werden und erkennen, dass nur Begrenztes zu einander in Beziehung stehe, zwischen dem Endlichen und Unendlichen aber gebe es keine Verbindung. Die Zeit sei nun gekommen, um von den falschen Gütern Abschied zu nehmen. Philip las die Verse:
Ehe der Tag dann das Rosengespann führt,
Du von falschen Gütern geblendet,
Schüttle zuvor vom Nacken das Joch ab,
Dann erst erfüllt die Wahrheit den Geist dir


Wenn es also zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen keine Beziehung gibt, dann muss der Mensch sich an das Begrenzte halten. Das hatte Philip in der Beziehung zu seiner Frau getan, aber sie gab es nun nicht mehr. Er wollte deshalb möglichst bald Erinnerungen an ihre gemeinsame Zeit auffrischen.

War er mit ihr nicht oft am Lago di Como? Hatten sie sich nicht in Torno geliebt? Wie hatten sie unter der Pergola mit ihren wilden Reben das Leben genossen und unter den Zierkastanien einen vorzüglichen Amarone getrunken? Wie war ihnen Dionysos damals doch hold gewesen!

Seit ihrem Tod herrscht unendliche Entfernung, und Trost findet Philip nur im Gedanken daran, dass es gut war, sie geliebt, mit ihr das Leben erkundet und sich selbst im Du entdeckt zu haben.

Der Priester hatte am Grab vom Wiedersehen im Himmel gesprochen. Philip wollte es einfach nicht gelingen, an diese Verheissung zu glauben. Unter der Auferstehung des Fleisches am Jüngsten Tag konnte er sich schon als Knabe nichts vorstellen. Bevor an jenem herrlichen Wintertag die Urne versenkt wurde, lief ein ganz spezielles Ereignis wie ein Film ab. Als seine Frau nämlich fünfzig wurde, reisten sie nach Italien. In einem Restaurant in Arezzo kaufte Philip einem Blumenhändler einen Strauss Rosen ab. Laut rief er in den Saal, seine Frau sei vor fünfzig Jahren auf die Welt gekommen. Und Philip sah alles nochmals vor sich: Wie sie zu den Gästen an den Tischen geht, Rose um Rose aus dem Strauss zupft und anschliessend verteilt. Alle jubeln ihr zu und wünschen ihr gute Gesundheit und ein langes Leben.

Es kam ihm vor, als würde er diese und manch andere Erinnerung auf einer langen Linie wie farbige Punkte aufreihen. Am Ende ergab sich daraus ein festes, kunstvolles Band.

In Boethius Büchern fand Philip je länger je weniger Trost. Mit Hilfe von logischen Kniffen, schien ihm, versucht die Philosophie zu erklären, wie nichtig das Leben sei, der Himmel dagegen absolut gross und gut. Glückseligkeit erreiche der Mensch erst, wenn er den Leib abgestreift habe. So konstruiert sie – wie einst Platon – einen Riss, der durch den Menschen geht: Auf der Erde wandelt er im Schatten, im Himmel erst erkennt er, was er nach der Idee des Göttlichen im Grunde ist. Auch Philosophen und Theologen, die Platon und Boethius nachfolgten, haben das Leben zweigeteilt, das wahre Leben in den Himmel verlegt. Aber bestand nicht das wahre Leben auch in dem, was Philip mit seiner Frau erlebt hatte?

Er fand in der Tatsache, dass seine Frau tot war, keinen Sinn. War der Tod nicht einfach das nichtende Ende des Lebens, das kein weiteres Geheimnis enthielt? Gehörten Boethius’ Abhandlungen und die seiner Nachfolger nicht eher in den Bereich metaphysischer Spitzfindigkeiten und Spekulationen? Denn auch sie geben auf die zentralen Fragen wie Tod, Liebe, Zeit, Freiheit, Sinn des Lebens keine klare und endgültige Antwort. Sie bleiben dem menschlichen Verstand transzendent und halten ihn in jener Spannung, die er aushalten muss. Die Philosophen und Theologen schaffen Lehrgebäude, Dichter erfinden wiederum Fabeln, Märchen, Legenden, Erzählungen und Romane, die Komponisten Musikstücke, die das Herz berühren, aber dem Verstand oft nicht restlos zugänglich sind.

Philip hatte seine Frau bis zum Tod begleitet. Ihr Körper war am Ende nur noch ein Gerippe. Berühmte Maler liessen sich im Lauf der Jahrhunderte vom Totentanz inspirieren, Dichter von der Figur des Jedermann oder sie schrieben das «Einsiedler Welttheater». Im Barock schmückten die Maler den Himmel mit dem auferstandenen Christus, mit Maria, von einer Glorie umgeben, mit Aposteln, mit Päpsten und Kardinälen. Bei Darstellungen des Jüngsten Gerichts liessen sie die bösen Menschen in das ewige Feuer stürzen und die guten sich auf der Seite der Dreifaltigkeit und der Erzengel aufreihen. Der Himmel war den Menschen nur zugänglich, wenn sie ihn ähnlich wie das Leben dachten. Wer die Ewigkeit denkt, denkt das Leben, wandelte Philip seinen Leidspruch ab. Der barocke Himmel ist die Widerspiegelung des Lebens.

Der Tod seiner Frau liess Philip an den metaphysischen Spekulationen der Philosophen und Theologen zweifeln. Der Mensch kann niemals von einem archimedischen Punkt, also ausserhalb der Welt, objektiv beurteilen, was ist und was sein wird. Er bleibt der Gefangene seiner Fragen, zugleich aber kann er Beglückter von Dichtung, Musik und Kunst sein. Wie die wahren künstlerischen Werke auf die wesentlichen Fragen hin offen bleiben, so besitzt auch der einzelne Mensch keine gesicherten Antworten. Im Sichtbaren kann er das Unsichtbare nur erahnen.

Was sollte Philip also auf die Danksagungskarte schreiben? Er fand keine Worte der Hoffnung und keine für das glückliche Wiedersehen im ewigen Äon. Er versuchte Sätze wie: Sie hatte ein grosses Herz, und ich bin dankbar für die Zeit, die mir mit ihr geschenkt worden ist. Oder sollte er ihre Charakterstärken erwähnen? Du warst eine aussergewöhnlich starke Frau … Er spürte, dass er ständig weitere besondere Eigenschaften finden würde, die zu ihrem Wesen gehört hatten. Schliesslich kam er zum Schluss, dass die Wendung «Ich bin dankbar für die Zeit, die ich mit dir hatte…» eigentlich alles sagt, was es zu sagen gibt.

Zum Plakat: Masseneinwanderung stoppen!

Als ich heute in Zug gemütlich einen Kaffee trank, ging mein Blick auf das genannte Plakat. Da trompetete ein Satz durch meinen Kopf: Tägg tägg tägg – sie marschieren wieder, die Männer mit den Stiefeln, und folgen einem Führer. Nicht etwa, dass die Einwanderung von Ausländern nicht als Problem diskutiert werden sollte, aber nicht so pauschal und in einer Marschrichtung. Die meisten Ausländer, die in den letzten Jahren in die Schweiz gekommen sind, haben die Wirtschaft, die Klein- und Grossunternehmen, die Spitäler, die Dienstleistungsbetriebe bis hin zu Universitäten geholt. Das geschah nicht etwa uneigennützig. Darf man nicht auch von der SVP verlangen, dass sie dieses Problem differenziert angeht und differenzierte Aussagen macht? Es tut einem weh, wenn man denken muss, dass die Marschierenden einen Abdruck ihres Stiefels auf dem weissen Kreuz im roten Feld hinterlassen.

Elisabeth Blunschy-Steiner - erste Nationalratspräsidentin

Wir feiern heute das Erscheinen eines kleinen Werkes von und über Elisabeth Blunschy-Steiner, verfasst von ihr selber und von Heidy Gasser. Es ist aber ebenso ein Werk über das Funktionieren der staatlichen Institutionen, der Schweizerischen Demokratie und ihrer Zivilgesellschaft. Besonders beeindruckend ist, wie das Volk innerhalb von zwölf Jahren seine Meinung geändert hat. 1959 wurde das Frauenstimmrecht abgelehnt, 1971 wurde es überzeugend angenommen. Was war in den zwölf Jahren geschehen?

Das Werk fasziniert, weil das Leben und Wirken einer bedeutende Persönlichkeit lebendig wird und damit eine wichtige Phase der schweizerischen Politik. Elisabeth Blunschy war darauf bedacht, einiges im Land zu verändern und sich für mehr soziale Gerechtigkeit einzusetzen.

Dank der AKS wurden diese Buchreihe und das neuste Werk überhaupt erst möglich.
Der Dank geht an den Präsidenten der Stiftung, Urs Korner und die Mitglieder des Stiftungsrats, auch den Direktor Franz Peter, der den Vorsitz im Herausgeberteam führt.
Dann geht der Dank an Urspeter Schelbert, der das Lektorat besorgte und die Herstellung überwachte.

Das Konzept dieser Reihe, stellt eine Persönlichkeit in den Mittelpunkt, - im Falle der Victorinox war es ein Familienunternehmen - , eine Persönlichkeit, die schildert, wie sich die Innerschweiz in den letzten vierzig Jahren nationale Geltung verschaffen konnte, und zwar sowohl wirtschaftlich als auch kulturell. Früher hiess es etwa in protestantischen Kantonen: Was aus der Innerschweiz kommt, liest man nicht. (Catholica non leguntur) Die Innerschweiz wurde übersehen. Das ist endgültig vorbei.

In der Werkreihe geht es nicht nur um die äusseren, sichtbaren Veränderungen. Die Buchreihe versucht die innere Strömung, die unsere Gegend durchzieht, zu erfassen. Sie will dem Tiefenfluss auf den Grund kommen. Es ist, um mit einem Bild zu sprechen, wie beim Vierwaldstättersee. Das Wasser der Reuss durchfliesst ihn bis nach Luzern, ohne dass der Ausflügler auf dem Dampfer dies wahrnimmt. Ähnlich durchfliessen geistige Tiefenströmungen die Innerschweiz und verändern sie. Davon legt unsere Reihe lebendiges Zeugnis ab.

Es ist sehr aufregend zu beobachten, wie sich die Ausführungen von Anton Rotzetter, des früheren Guardians des Kapuzinerklosters von Altdorf und des Schriftstellers Martin Stadler mit der vorliegenden Schrift der Politikerin berühren. Auch Elisabeth Blunschy schildert im Kapitel «Politische Erfahrungen auf dem Weg zum Frauenstimmrecht» die geistigen Umwälzungen, die sich seit den 60er Jahren ereignet haben.
Eine schöne Anekdote schildert, wie damals unterschiedliche Meinungen aufeinander prallten. Der Vereinsvorstand des Schweizerischen Frauenbundes, unter dem Präsidium von Elisabeth Blunschy sollte eine Vernehmlassung zum Frauenstimmrecht verfassen. Bischof Franziskus von Streng, der jeweils bei den Sitzungen als Ratgeber anwesend war, lehnte die Einführung des Frauenstimmrechts ab. Der Vorstand befürwortete sie. «Dank gütiger Vorsehung konnte Bischof von Streng wegen einer Terminkollision nicht kommen», schreibt Elisabeth Blunschy. Und als sie darüber berichtet hat, nehme ich an, wird sie geschmunzelt haben. In solchen kleinen Episoden klingt der feine Humor an, der in dem Buch da und dort aufblitzt und die Lektüre sehr vergnüglich und lustvoll macht.
(In ihrem Dankeswort kam sie auch ihren Mann zu sprechen. Beide studierten in Fribourg die Rechtswissenschaft. Ihr Mann habe jeweils gesagt: «In Freiburg habe ich die Recht studiert und dann heiratete ich die Rechte»).
In dem Werk erleben wir ein Stück schweizerische Politik- und Ideengeschichte, sehr subtil und unaufgeregt geschildert. Elisabeth Blunschy beteiligte sich engagiert bei der Überarbeitung des Zivilgesetzbuches. Es ging um das Adoptions-, das Kindes- und das Familienrecht. Ihre eigene Familiengeschichte beeinflusste das Denken der Juristin und Nationalrätin. Was in den neu zu gestaltenden Rechtsgebieten verändert werden sollte, war für Elisabeth selbstverständlich, denn die Eltern lebten die Gleichberechtigung von Mann und Frau vor. Mutter und Vater sprachen sich bei Familienfragen ab. Wobei die Mutter im Haus das Szepter führte.
Erfahrungen, die man im Elternhaus aufnimmt, beeinflussen das Leben. Auch sie werden zu einem Grundstrom, der das Denken und Handeln trägt. Goethe meinte einmal: «Was du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.» Und Elisabeth würde Goethe freilich sofort korrigiert und gesagt haben: «Was du ererbt von deinen Eltern hast …» Das Werk bescheinigt es. Die Eltern legten das Fundament ihres Denkens und Handels, und die Politikerin sowohl wie die Gattin und Mutter zehrten ein Leben lang davon. Ihrer Herkunft und später der Partnerschaft ihres Mannes hat sie viel zu verdanken. Das schildert sie im vorliegenden Werk schnörkellos und sachbezogen. Und gerade auch dies macht das Buch besonders sympathisch.

Heidy Gasser hat Ihnen aus dem Kapitel die «Nationalratspräsidentin» vorgelesen. Sie konnten daraus entnehmen, wie nüchtern, ehrlich und keineswegs ich-bezogen Elisabeth Blunschy diese wichtige Zeit ihres Lebens vergegenwärtigt. Der vorgelesene Text steht stellvertretend für Stil und Inhalt dieses Werkes, das stilistisch, trotz der eher unpoetischen Materie, meisterhaft geschrieben ist. Interessierten Lesern wird es viele Einsichten geben, und erst noch Lesevergnügen verschaffen.

Ich erlaube mir eine kurze Passage aus meinem Roman «Gegengelesen. Ein politischer Bericht» vorzulesen. Es ist ein Roman, indem der Bundeshausredaktor Paul Jäger u. a. über die Geschehnisse im Bundeshaus berichtet. Jäger beschreibt, wie Elisbeth Blunschy den Nationalrat präsidierte. Sie werden den Unterschied zwischen einem Tatsachenbericht und der fiktiven Schilderung in einem Roman, der sich mehr Freiheit erlauben darf, heraus hören.

Abschliessen möchte ich meine Würdigung mit einem Zitat. Ganz am Schluss im Kapitel «Ruhestand» schildert Elisabeth Blunschy, wie sie die Bundesakten in einem Zimmer neben dem grossen Saal untergebracht hat. Auch im Zimmer gibt es wie im Saal Malereien an der Wand. (Zitat): «Nüchterne Gesetzestexte erfreuen sich jetzt an der Gesellschaft von Schmetterlingen, Blumengirlanden und Engeln, welche seit Jahrhunderten die Wände bevölkern. Einerseits liebe ich klar formulierte Gesetze, welche unserem Leben Ordnung und Struktur verleihen. Andererseits brauche ich auch das Verspielte und Schöne, wie es in einem Blumengarten zum Ausdruck kommt.»

Sie sehen, ein engagierter, schöpferischer Mensch lebt vom Wechselspiel der Eindrücke, und auch von der Ambivalenz der eigenen Natur. Mit Bildern und Porträts in den Räumen des Hauses eins am Rathausplatz wird noch einmal die Familiengeschichte, die Elisabeth Blunschy-Steiner geprägt hat, lebendig. Der Mensch ist in Geschichten verstrickt, und ohne Geschichten, kann man ihn nicht kennen. Durch die Lektüre werden Sie also eine bedeutende Persönlichkeit besser kennen lernen. In das Werk fein eingesponnen finden Sie den Humor einer engagierten Frau. Sie schauen lustvoll ihrem politischen Tun zu, und werfen einen Blick hinter die Kulissen der politischen Macht.

Laudatio anlässlich der Buchvernissage am 7. Juli im Schwyzer Rathaus
Es handelte sich um das 5. Buch in der Reihe «Innerschweiz auf dem Weg ins Heute. Ein Leben für mehr soziale Gerechtigkeit» Buchreihe der Albert Koechlin Stiftung.

Ein kleiner Beitrag zur Abstimmung am Sonntag

Die Geschichte wiederholt sich, einfach ein wenig anders, aber im gleichen Geist. Hugo Loetscher ist gestorben. In seinem Werk «War meine Zeit – meine Zeit», das der Autor noch der «Pro Helvetia» vor seinem Tod für die Gewährung eines Werkjahrs verdankte, schreibt er auf Seite 132: «Es war die Rückkehr in eine Stadt, in der über den Bau einer Moschee gestritten wurde: ‹Moschee schon, aber kein Minarett›: Das erinnerte mich an die Hochzeit meiner Schwester. Als Katholikin nahm sie einen Protestanten zum Mann. Eine einzige katholische Kirche in der Stadt willigte ein, eine solche Mischehe zu trauen. Wir standen vor der Kirche. Ich drängte. Meines Schwester beruhigte mich: ‹Bis es läutet›. Die Kirche selbst läutete nicht. Beim Bau der Kirche war ein Turm gestattet worden, aber keine Glocken. Hingegen war die benachbarte protestantische Kirche bereit, bei katholischen Feierlichkeiten zu läuten. Auf dieses christnachbarschaftliche Geläut warteten wir.»

Zur Wahl der neuen Bundesrätin

Der beste Bundesrat – einige übersteigerten sich, indem sie sogar vom bedeutendsten aller Zeiten redeten –, sei schmählich abgewählt worden. Peter Spuhler ereiferte sich, indem er sagte, man sollte sieben Blochers im Bundesrat haben. Da fragt man sich nur: «Was dann?» Eveline Widmer-Schlumpf ist korrekt gewählt worden. Ich möchte einfach allen, die von Verrat und weiss nicht was allem reden, zu bedenken geben, dass sie dereinst, wenn sich diese Frau als Bundesrätin bewährt hat und ein Glanzlicht der SVP ist, nicht mit Parteistolz auf sie hinweisen und sagen: «Seht nur, was wir für Frauen haben!» Als Lilian Uchtenhagen, die nicht in die Reihe der damaligen dunklen Männer gepasst hatte, in einer Nacht und Nebelaktion Otto Stich vor die Nase gesetzt worden war, kam es zu schweizweitem Wehklagen. Die Sozialdemokraten drohten mit Opposition. Später hielten sie sich an ihren Bundesrat und stilisierten ihn zum Aushängeschild der Partei.

Ich mache mir keine Illusionen

Das Schlagwort: «Missbrauch bekämpfen» spricht jeden an, auch mich. Wie sollte man Missbräuche tolerieren? Was aber das Schlagwort im Zusammenhang mit dem neuen Asylgesetz meint, ist nur mit einem hohen Preis zu haben. Vielleicht baut die Schweiz dann bald neue Haftanstalten, um schon minderjährige Ausländer ohne Papiere neun Monate in Haft zu nehmen, ja ganze Familien. Was macht ein Staat mit Menschen, die er einfach auf die Strasse stellt, weil sie sich innert zwei Tagen nicht ausweisen können? Wo tauchen sie unter und wo tauchen sie auf? Als Diebe, als Dealer, als Kriminelle, als Leute, die sich ihr tägliches Brot stehlen müssen? Was kostet uns die Bekämpfung einer solchen vom Staat geförderten Kriminalität?

An humane Gefühle möchte ich nicht appellieren. Die prallen ab. Aber wenn Urs Hadorn, jahrelang Chef des Flüchtlingsamts, zu bedenken gibt, dass die neu geplanten Massnahmen wenig effizient, weitgehend wirkungslos und unverhältnismässig seien, so sollten kostenbewusste Schweizer schon ein bisschen Vernunft annehmen. Es bleibt nur Kopfschütteln, dass die Allianz, die sich bürgerlich nennt, den Kopf verliert und nicht mehr an die Kosten denkt und an die Folgen. Ich hege nicht die Illusion, dass das Gesetz abgelehnt wird, ich gebe mich aber auch nicht der Illusion hin, dass es viel Wirkung erzielt. Was ich aber weiss: Es verdirbt das Klima in unserem Land noch mehr. Es lässt dieses schöne Land kleinlich und hässlich aussehen. Es stösst die Türen für Beamten- und Fremdenpolizeiwillkür weit auf. Und dagegen müssen sich echt liberale Menschen zur Wehr setzen, Menschen, wie Lukas Niederberger vom Lasalle-Haus, der seine Erfahrung in die Waagschale werfen kann, wie Markus Rauh, ein Spitzenmann der Wirtschaft, der Behörden- und Beamtenwillkür auf die Barrikade gegen das neue Asylgesetz gebracht hat. Ich pflichte ihnen bei und hoffe, dass sie viele Nein-Stimmen versammeln können.

SVP kämpft gegen die Gutmenschen

Ueli Maurer behauptet, der Abstimmungskampf zum Asyl- und Ausländergesetz spiele sich zwischen Realität und «Gutmenschen» ab. Ist Markus Rauh ein «Gutmensch», sind alle, die gegen dieses Gesetz argumentieren, so leicht und süffisant in eine Ecke abzuschieben, wie das der SVP Präsident macht? Die Realität ist doch wohl etwas komplexer als simple Schlagworte einer Partei. Ueli Heiniger sagt in einem Interview: «Das schwarz-weiss Denken, das manchmal auch in den Medien vorherrscht, war nie mein Menschenbild. Und wenn jetzt der ‹Gutmensch› in PR-Aktionen als Feindbild aufgebaut werden soll, muss ich nur lachen» (NLZ). Man muss Heiniger Recht geben. Es ist lächerlich, aber vielleicht nicht zum Lachen. Der Gegensatz zum «Gutmenschen» ist nicht Realität, sondern «Bösmensch». Aber es fällt ja niemandem ein, einen Befürworter des Asylgesetzes als «Bösmensch» zu verurteilen.

«Blocher bewegt die Schweiz»

Auf Plakaten im Kanton Zug schreibt die kantonale SVP «Blocher bewegt die Schweiz». Nun hat er zweifellos etwas Wind in die schweizerische Politik gebracht, aber keineswegs in eine Richtung, die uns stolz machen könnte. Das neue Asylgesetz mit der fremdenfeindlichen Grundstimmung ist gar unmenschlich und verachtet die humanitäre Tradition unseres Landes. Auch beim Swisscom Entscheid des Bundesrates, mit Blochers Empfehlung einer Volksaktie, glaubte er mit populistischen Versprechungen die Menschen zu ködern. Seit Blocher im Bundesrat ist, entwickelt sich unser Land noch mehr zu einer Schweiz AG. Diese beruht auf einem Staatsverständnis, das die Schweiz retour bewegt. Wenn die SVP stolz auf diese Art der Bewegung ist, müsste sie einfachen Menschen erklären, was das für sie und unser Land bedeutet. Vielleicht bleibt wie in anderen Ländern auch bei uns bald der Dreck auf den Strassen und Plätzen liegen.

Prezzémolo in tutto und ein Bankett mit George W. Bush

In Palanza, am lago maggiore, bestellte ich eine Minestrone. Der Wirt bediente höchst persönlich. Ich brachte die Sprache auf Berlusconi. «Lui», der Wirt stoppte für einen Augenblick und meinte dann: «Prezzémolo in tutto», drehte die Finger, als ob er Petersilie zerreiben wollte, um sie über die Minestrone zu streuen. Das war ein starkes Bild. Der Staatspräsident hat die Finger in allem, auch in einer dicken Suppe, in einem Mischmasch von allerlei Gemüse. Petersilie ist fast auf allen Gerichten!

Am gleichen Tag las in «La Stampa», der Cavaliere habe vierzig Tage vor den Wahlen mit George W. Bush getafelt. Die Gäste hätten dabei Eintrittskarten von Tausend bis zu Hunderttausend Dollar bezahlt. Wer in Händedrucknähe zum Präsidenten sass, bezahlte den höchsten Preis. So eine Eintrittskarte muss sich auszahlen!

Die Korruption spielt sich vor aller Welt ab, ungeniert und schamlos. Kein Wunder, dass Politik auf höchster Ebene zum Götzendienst verkommen ist, dass Staatspräsidenten vormachen, wie man um das goldene Kalb tanzt.