Buchpräsentation «Die rote Karte» von Thomas Brändle

Einführung 16. und 17. Januar in Unterägeri und Zug

Mich freut es sehr, dass ich meinen Schriftsteller-Kollegen vorstellen darf.
Da ich mit Thomas befreundet bin, könnte aber der Eindruck entstehen, dass ich ihm schmeicheln wollte. Dieser Gefahr weiche ich aus, indem ich einen neutralen und höherrangigen Laudator zu Wort kommen lasse. Allerdings beruht dies auf einer Indiskretion.

Die Geschichte habe ich durch Zufall erfahren. Deshalb will ich sie nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Ich habe sie auf Hochdeutsch aufgeschrieben und ich lese sie Ihnen vor:

An einem Montag Ende Oktober schrillte das Telefon. Thomas rieb sich den Schlaf aus den Augen. Er nahm den Hörer ab und staunte: «Signore Thomaso Brändle, sono io, Papa Francesco. Sprechen Sie Spanisch?»

Thomas war so verblüfft, dass er kaum antworten konnte. Schliesslich, als der Papst Italienisch sprach, stotterte er: Solo poco … poco … Santità, meglio Inglese.»
Fast sprachlos hörte Thomas Papst Franziskus zu: «Signore Brändle ich habe schon als Kardinal von Ihrem Buch ‹Vatikan City› gehört. Mein Deutsch sprechender Mitbruder hat mir erzählt, dass Sie, gründlich recherchiert, beschrieben haben, wie dunkle Finanzmächte mit Hilfe eines Kardinals unsere Vatikanbank für Geldwäscherei benutzt hätten. Den Kardinal konnten wir mit Hilfe Ihrer Charakterisierung ausfindig machen. Nur haben Sie ihn einige Jahre älter gemacht, als er in Wirklichkeit ist. Der Kardinal stand auch mit meinem Jahrgänger, Silvio Berlusconi, in gutem Kontakt. Inzwischen habe ich Reformen eingeleitet; den zweitmächtigsten Mann im Vatikan, Tarcisio Bertone, entmachtet. Da Sie, Signore Brändle, Schweizer sind, habe ich einige Ideen von Ihrem Land übernommen. So habe ich flache Hierarchien geschaffen. Ich möchte die Kirche föderalistischer gestalten. Die Spuren Ihrer Recherchen im Werk ‹Vatikan City› reichen bis nach Südamerika, nach Bolivien oder Kolumbien, glaube ich. Die Länder kenne ich gut, und was dort den armen Menschen angetan wird, wie sie ausgebeutet werden, ist ein Skandal. Gut, dass Sie diesen aufdecken.

Übrigens, damit ich es nicht vergesse, mein Mitarbeiter hat mir Ihre Homepage gezeigt. Sie sind ein hübscher junger Mann mit strahlenden Augen, mit einer schwungvollen schön gekämmten Welle auf der Stirn. Sie seien ein Satiriker, erklärte er mir. Sie würde kleine Kolumnen über süsse Bäckereiprodukte schreiben. Das ist doch allerliebst! Ich muss mich stets beherrschen, wenn ich Patisserie nasche oder Zuger Kirschtorte vorgesetzt bekomme. Ihre Regierung hat mir dieses feine Gebäck beim Besuch in Rom überbracht. Entschuldigen Sie diese Abweichung vom Thema.

Durch Ihr spannendes Werk sind wir also auf Ihre Person aufmerksam geworden. Vor einigen Tagen flüsterte mir mein Mitbruder im Herrn zu, Sie hätten neu ein interessantes Buch über den Fussball in meinem Heimatland Argentinien geschrieben. Wiederum würden Sie sich mit Korruption beschäftigen. Was Sie nicht wissen können: Io sono tifoso, Fan des Clubs ‹San Lorenzo de Almagro›. Lorenzo Massa, ein Priester, hat ihn gegründet. Er versuchte mit Fussball Jugendliche von der Strasse zu holen. Vor nicht allzu langer Zeit, hat die Mannschaft San Lorenzo im argentinischen Derby die Boca Juniors, die Sie im Buch erwähnen, besiegt.»

Thomas überwand nun seine Schüchternheit und sagte: «Ihre Heiligkeit, die Boca Juniors kenne ich. Als mein Freund, der Schiedsrichter Giancarlo Graziani, dieses Spiel leiten sollte, versuchten Mächtige des Verbands ihn zu bestechen. Was ihnen aber nicht gelungen ist. Dafür aber wurde Giancarlo arg schikaniert. Er wurde aufgeboten, ein Spiel in abgelegener Gegend, 1700 Kilometer von Buenos Aires entfernt, zu leiten. Als er dort ankam, hiess es, das Spiel finde nicht statt, weil es bald regnen werde. Es blieb dann aber noch wochenlang trocken.»

«Ihr Buch», führte Papa Francesco weiter aus, «wird in Argentinien Furore machen. Aber passen Sie gut auf. Sie könnten einen Unfall erleiden wie einer Ihrer Schiedsrichter, den die Mächtigen beseitigen wollten. Möchten Sie ein Spiel mit dem Club San Lorenzo sehen, lassen Sie es mich wissen. Ich leihe Ihnen meine Tessera, meine Abo-Karte, mit der Nummer 88'235N. Aber, bitte, sagen Sie nicht mehr ‹Ihre Heiligkeit›. Ich bin ein gewöhnlicher Mensch, halt einfach ausgewählt, eine Rolle zu spielen. Das ist eine schwere Last. Ihre Novelle, sagte mein Mitbruder, sei sehr spannend. Wenn eine kleine Kritik erlaubt sei, vermisse er nur ein wenig die Philosophie des Fussballs, aber das tut jetzt nichts zur Sache.»

Thomas seufzte hörbar und bekannte schliesslich, er sei nicht einmal Fan des FC Ägeri.
«Macht nichts», tröstete der Papst. «Ich danke Ihnen, Signore Brändle, dass ich mit Ihnen in einer so wichtigen Sache sprechen konnte. Bedenken Sie aber, ein Fan bleibt immer ein Fan, und wenn die Boca Juniors gegen San Lorenzo gewinnen, bin ich traurig. Daraus erkennen Sie, dass mir der Titel ‹Heiligkeit› nicht zusteht. Und noch mehr: Als hingegen der FC San Lorenzo die Boca Juniors vor einiger Zeit besiegt hat, jubelte ich. Hielt beide Arme in die Höhe, machte Freunden gegenüber mit der einen Hand die Faust und mit der anderen streckte ich drei Finger in die Höhe. Wir wollten den 3:0 Sieg auskosten. Nur eine lässliche Sünde, meinen Sie nicht auch?

Darf ich Ihnen zum Schluss noch einen Rat geben. Lassen Sie das Buch auf Spanisch übersetzen. Das wird den mächtigen argentinischen Verbandspräsidenten ärgern. Er ist ein Fossil bei der Fifa, und man weiss, dass er bestechlich ist. In Ihrem Buch haben Sie ihm den Namen Diavolino gegeben. Diavolino hat mit seinem Geld alles im Griff. Er ist gefährlich. Mein Rat: Wenn das Buch übersetzt wird, verwenden Sie ein Pseudonym, meinetwegen Tomaso Fuocolino, fuoco heisst Feuer. Wenn Sie an fuoco - lino anhängen, bedeutet es soviel wie Feuerchen oder Brändchen, also Brändle.
Sollten sie nach Rom kommen, schreiben Sie dem Schweizer Kardinal Koch eine Mail. Ich werde ihm den Auftrag geben, Sie zu einer Privataudienz einzuladen. Ihr Freund Giancarlo ist, wie Sie schreiben, auch schon bei einer Papstaudienz gewesen, nämlich bei meinem Vorvorgänger. Das schildern Sie ja sehr schön im neuen Buch. Nehmen Sie ihn mit. E adesso buona giornato!»

Der Hörer fiel in die Gabel. Thomas zitterte am ganzen Leib vor Freude. Das war wohl ein gutes Omen für das neue Werk des Ägeritaler Schriftstellers. Leider haben die Zeitungen noch nicht über das Telefonat des Papstes berichtet.

Ich wiederum entschuldige mich beim Autor, dass ich dieses Ereignis ausgeplaudert habe. Ich konnte nicht auf der Zunge hocken.

Wie mir Thomas persönlich versicherte, habe er lange über des Telefonat gebrütet. Er habe doch im Gespräch mit Professor Mark Pieth, das den Titel trägt: «Der Korruptionsjäger», ein ziemlich ausführliches Kapitel der Fifa gewidmet, und Fragen zur Korruption aufgeworfen. Der Professor beantworte im Buch noch viele andere Fragen, wie Geldwäscherei und Aktivitäten der Drogenmafia.
In der Tat, das Werk gibt Einblick in Dinge, die wir fast täglich in den Medien hören. Es ist ein sehr lesenswertes und verdienstvolles Werk.

Danke für die Aufmerksamkeit und nun Thomas Brändle.