Zur Wahl der neuen Bundesrätin

Der beste Bundesrat – einige übersteigerten sich, indem sie sogar vom bedeutendsten aller Zeiten redeten –, sei schmählich abgewählt worden. Peter Spuhler ereiferte sich, indem er sagte, man sollte sieben Blochers im Bundesrat haben. Da fragt man sich nur: «Was dann?» Eveline Widmer-Schlumpf ist korrekt gewählt worden. Ich möchte einfach allen, die von Verrat und weiss nicht was allem reden, zu bedenken geben, dass sie dereinst, wenn sich diese Frau als Bundesrätin bewährt hat und ein Glanzlicht der SVP ist, nicht mit Parteistolz auf sie hinweisen und sagen: «Seht nur, was wir für Frauen haben!» Als Lilian Uchtenhagen, die nicht in die Reihe der damaligen dunklen Männer gepasst hatte, in einer Nacht und Nebelaktion Otto Stich vor die Nase gesetzt worden war, kam es zu schweizweitem Wehklagen. Die Sozialdemokraten drohten mit Opposition. Später hielten sie sich an ihren Bundesrat und stilisierten ihn zum Aushängeschild der Partei.

Die Frage des Stils

Sonja A. Buholzer bemerkt in ihrer Kolumne (NLZ vom 27. Oktober 2007) zum politischen Stil im Zusammenhang mit den Wahlen: «Stil ist zeitlos, nachhaltig, die Folgen der Stillosigkeit meist irreparabel.» Mir scheint es dringlich zu sein, den hinter uns liegenden Wahlkampf qualitativ und nicht bloss nur quantitativ aufzuarbeiten. Sonja A. Buholzer hat dazu einen wichtigen Beitrag geleistet. Sie schreibt unter anderem, dass der Wahlkampf mit «Politpossen, die an Stillosigkeit und Hass kaum zu überbieten» gewesen seien, das Klima vergiftet habe. Zahlreiche Politiker und Journalisten verdrängen die Folgen von Stillosigkeit und betrachten sie als bedeutungslos. Warum aber wird der Stil kaum hinterfragt? Warum gehen die Wahlbeobachter so schnell zur Tagesordnung über? Der Grund mag wohl darin zu suchen sein, dass sie nicht zu erkennen vermögen, dass Stil auch Inhalt ist. Die Diskussionen über das Schwarzen Schaf und dessen Darstellung auf dem Plakat zum Beispiel ist Inhalt. Das Plakat hämmert ein und grenzt aus. Es versucht das Schwarze Schafe verächtlich zu machen. Daraus entsteht irreparabler Hass. Bei einem Kunstwerk, aber auch bei Propaganda und Werbung lassen sich Form und Inhalt nicht trennen. Der Inhalt sucht eine Form. Die plakative Darstellungsweise ermuntert alsdann zu undifferenzierter Handlung. Bildlich gesagt, den Schlaghammer in die Hand zu nehmen. Der Krieg beginnt mit Worten. Präsident G. W. Bush musste das Volk verbal einseifen und mit ausdrücklichen Lügen für den Krieg im Irak vorbereiten.

Wallfahrt des Protestes

Die Wallfahrt des Protestes richtete sich gegen «Beleidigungen und Schmähungen, welche durch die Neuinszenierung des Einsiedler Welttheaters Gott und der Jungefrau Maria zugefügt werden.» Dies behaupteten die traditionalistischen Kreise, die mit Fahnen und Gebeten nach Einsiedeln zogen. Mir ist dieser Protest unverständlich. Thomas Hürlimann hat ein zeitgemässes Stück geschrieben, und Volker Hesse hat dieses Stück brillant, spannend und bilderreich auf den Einsiedler Klosterplatz – mit sehr engagierten Laien – gebracht. Das Stück wirft Fragen auf, die ich nicht als Schmähungen verstanden habe. Es sind unbequeme Fragen gewiss, Fragen, die sich dem hellen Verstand angesichts der Gräuel und Katastrophen und der Ungerechtigkeiten jeden Tag neu stellen. Dass traditionalistische Kreise diese Fragen nicht aushalten und lieber vorgegebene Antworten hören, verwundert mich nicht. Wer aber ein Stück auf dem Klosterplatz haben will, das nur Antworten gibt, sollte auf Schriftsteller und Regisseure von Format verzichten. Das Stück ist auch nicht düster und hoffnungslos, wie der Abt geschrieben hat. Es schildert die zeitgemässe Befindlichkeit des Menschen. In der Enge des Jammertals, wie in der Kirche gesungen wird, öffnet sich am Ende des Stücks die Klosterpforte. Sie will einen Hinweis geben, dass es eine Hoffnung gibt. Der geschundene, der todgeweihte Mensch, der Reiche wie der Arme, der Dorfkönig wie die Schönheit, kommen ohne Transzendenz, ohne die Erfahrung, dass der Mensch die Grenzen des subjektiven Daseins in einer Sinnrichtung überschreiten muss, nicht aus. Aber Transzendenz ist nicht von oben verfügbar. Thomas Hürlimann zeigt drastisch, wie der Mensch heute auf sich zurückgeworfen ist und wie er darin das eigene Ungenügen erfährt. Ohne diese Geworfenheit bräuchte der Mensch keine Gedanken an das Leben nach Tod zu verschwenden.