Weltfrömmigkeit

Ein Bekenntnis zum Leben und zur Erde

€ 16.50, CHF 19.90
Bucher Verlag, Hohenems
ISBN: 978-3-99018-667-1

Folgende Inhalte erwarten Sie:

 

  1. Gelingendes Leben
      • Lebensgesättigt
      • Lebensmüde
  2. Der würdige Geniesser
      • Die gute Tafel
      • Der Bauch von Philosophen
      • Der Weg zur Esskultur
      • Erotik des Tisches
      • Ein kleiner Exkurs über das Glück
      • Die Peinlichkeit der Gourmandise
  3. Zur Poetologie der Religionen
      • Die Civitas Dei
      • Verführung durch Ideen
      • Die absurde Welt des Glaubens
      • In-Geschichten-verstrickt
  4. Ahnung des Heiligen
      • Vom katholischen Fühlen
      • Chiffern der Transzendenz
      • Religion des Als-ob
  5. Weltfrömmigkeit

Besprechungen

 

Interview mit Herbert Fischer

«Die Beichte ist das raffinierteste Marketing-Instrument, das je erfunden wurde»

Der Schriftsteller und frühere FDP-Politiker Andreas Iten (*1936) hat ein neues Buch veröffentlicht. Es heisst «Weltfrömmigkeit – Ein Bekenntnis zum Leben und zur Erde». lu-wahlen.ch hat mit ihm darüber ein Gespräch geführt.

 

Herbert Fischer: Sie haben ein Buch mit fünf Essays veröffentlicht mit dem ungewöhnlichen Titel Weltfrömmigkeit. Warum wählten Sie das Essay-Format?

Andreas Iten: «Essay» heisst Versuch. Er lässt sich nichts vorschreiben. Er ist ein freies Spiel mit Gedanken, die anregen sollen. Man kann sich dem Thema annähern und sich von ihm entfernen. «Weltfrömmigkeit» ist übrigens ein Begriff, den Goethe geprägt hat.

 

Herbert Fischer: Was meinen Sie mit «weltfromm»?

Andreas Iten: Ich will damit sagen, dass wir uns nicht um den Himmel zu kümmern brauchen, sondern um die Erde. Fromm sein heisst, sich dem in Achtung zuwenden, was uns das Leben ermöglicht. Das liegt nicht in der Metaphysik, sondern in der vernünftigen Zuwendung zur Erde.

 

Herbert Fischer: Dabei äussern Sie sich religions-kritisch. Das könnte Ihnen Ärger bescheren.

Andreas Iten: Jeder kann glauben, was er will. Aber er sollte seinen Glauben stets hinterfragen. Er soll prüfen, ob das, was er glaubt, vor der Vernunft besteht. Die Religionen sind menschliche Erfindungen. Sie spalten die Erde in zwei Teile.

Es war Platon, der hinter der ersten Welt eine zweite, eine metaphysische geschaffen hat, die dann im Christentum zur überragenden Welt wurde.

Herbert Fischer: An eine zweite Welt glauben Sie also nicht?

Andreas Iten: Sie muss uns nicht interessieren. Die Metaphysik lenkt von den Aufgaben ab, die uns aufgetragen sind. Es geht um ein sinnvolles Leben, das jeder gestalten kann, wie er will. Denken kann man alles, aber es nützt nichts, ohne Bezug zur Erde. Man bleibt in seinen Gedanken hängen.

 

Herbert Fischer: Sie sehen in der Religion eine Gefahr?

Andreas Iten: Religion, die zu einem System erstarrt, wird zu einem Machtgebilde. Das war bei der christlichen Kirche bis in die neueste Zeit der Fall. Und das führen uns gegenwärtig die Mullas im Iran vor.

Da heisst es für die Frauen: Wer den Kopf nicht verschleiert, sündigt gegen Gott. Das ist doch Unsinn. Der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill I. fordert die Gläubigen sogar auf, gegen die «verdorbene Ukraine» zu kämpfen.

Religionskriege haben auch die westliche Welt erschüttert. Bis die Aufklärung die Haltung der Menschen verändert hat.

 

Herbert Fischer: Da sind wir bei einem zentralen Punkt: Die Aufklärung hat zwar ein Wertesystem definiert und gilt – unter anderem – als Urquelle der Menschenrechte. Genau die aber sind bei weitem nicht umgesetzt; die Mullahs sind nur eines von vielen solchen negativen Beispielen. Kann man das so sagen?

Andreas Iten: Das ist durchaus richtig. Menschenrechte werden immer wieder in Frage gestellt, sogar in der westlichen Welt!

 

Herbert Fischer: Sie kritisieren in ihrem Buch etwa das Sakrament der Beichte. Und zwar mit einer interessanten Begründung.

Andreas Iten: Die Beichte ist das raffinierteste Marketinginstrument, das je erfunden wurde. Sie können sündigen und die Sünden beichten und sie haben wieder ein weisses, reines Herz. Wer will das nicht? So hat man über Jahrhunderte das Volk an die Kirche gebunden.

Aber ich meine: Jeder Mensch, der reflektiert, muss mit seinen Verfehlungen selber fertig werden. Moralisches Fehlverhalten kann ihm keine Kirche abnehmen. Ist es eine Straftat wird sie vom Richter verfolgt.

Herbert Fischer: Neben dieser Kritik behandeln ihre Essays auch viele aktuelle Fragen. Sie schreiben beispielsweise über «Lebensmüdigkeit» und stellen ihr den «lebensgesättigten Menschen» gegenüber.

Andreas Iten: Es geht darum, einen Sinn im Leben zu finden. Und den finden sie, wenn sie etwas schaffen, was für sie und für andere von Bedeutung ist. Das macht den Menschen zufrieden und glücklich. Das muss nicht etwas Grosses sein.

 

Herbert Fischer: Sie werden für Ihre Essays nicht nur Anerkennung erfahren.

Man muss nichts schreiben, wenn man Liebkind sein will. Irgendein heller Kopf hat mal gesagt: Wer jedermanns Liebling sein will, ist bald einmal jedermanns Trottel. So ist es!

Andreas Iten: Gewiss: Mein Buch soll herausfordern. Es soll das Denken herausfordern. Wir leben in einer Zeit der subjektiven Meinungen. Das führt zur Orientierungslosigkeit. Ich folge Goethe, der festgestellt hat, dass «das Denken des Denkens» nichts hilft. So entstehen Verschwörungstheorien, aber auch Religionen. Da ist Skepsis angesagt, aber vor allem auch eine Verankerung in der Erde, die uns das Leben schenkt.

 

Herbert Fischer: «Das Denken des Denkens»? Das müssen sie erklären.

Andreas Iten: Sie denken etwas für sich und denken stets nur an das, was sie denken. Sie gehen also immer von sich aus und nicht von den Tatsachen, die real sind. So schwirren sie in den selbstgemachten Wolken herum.

 

Herbert Fischer: Nochmals zurück zur Frage, wie ihr Buch beim Publikum ankommen könnte. Sie stellen steile Thesen auf. Nehmen wir an, wir lebten vor 50 Jahren im stockkonservativen, rechtskatholisch geprägten Kanton Zug, in dem sie gerade eine – letztlich höchst erfolgreiche – politische Karriere starten; immerhin brachten sie es zum Zuger Regierungsrat (20 Jahre, wovon zweimal Landammann) und später zum Ständerat (12 Jahre). Hätten sie sich schon damals derlei Provokationen erlaubt, wie sie ihre Essays heute beinhalten? Damals wären sie vermutlich gesteinigt worden für solche Waghalsigkeiten.

Andreas Iten: Nein, damals war ich mit meiner Lebenserfahrung noch ein Anfänger. Als Politiker spielt man eine Rolle und muss ihr genügen. Man nimmt eine Position ein, und hat zu erledigen, was die Rolle erfordert. Das heisst: Man muss erfüllen, was die Wähler erwarten. Da geht es nicht um religiöse Gefühle, sondern um Pflichten, die zu erfüllen sind. Mein Buch ist eine Art Konfession, die auf der Lebenserfahrung beruht und auf einer anderen Art des Glaubens. Das heisst:

Ich glaube an die Erde, die uns umfängt und die wir bewahren müssen. Wir leben von der Erde und werden am Ende zur Erde zurückkehren: «Erde zu Erde», wie es bei Beerdigungen jeweils heisst.

Herbert Fischer: Insgesamt wirken ihre Antworten pessimistisch – wenn nicht gar fatalistisch. Haben sie auch eine Botschaft der Hoffnung, die anderen Leuten Mut macht. Ich denke vor allem an jene vielen erfreulichen jungen Menschen, die sich für einen kämpferischen Humanismus engagieren und ihn auch glaubwürdig verkörpern. Es gibt doch politische Botschaften zuhauf, die dringend Schubkraft erfordern.

Andreas Iten: Ich glaube, mein Buch ist kämpferischer Humanismus. Eine moderne Art von Konservatismus. Die Botschaft heisst: Bewahrt die Erde, damit wir gesund und frei leben können. Es ist ein neues Narrativ.

Weltfromm leben heisst also, zur Erde Sorge tragen und überlegen, was ein gelingendes Leben bedeuten könnte. Der ganze Essay beschäftigt sich damit.

Das habe ich zu Beginn, wo es um das gelingende Leben geht, ausführlich dargestellt und es zieht sich durch alle fünf Abschnitte hindurch – bis zum Kapitel, «Weltfrömmigkeit», wo deutlich wird, worauf es mir ankommt. Also nichts von Pessimismus, vielmehr ein Aufruf zu einem realen, wahrhaften Leben.

 

Herbert Fischer: Was ist ein «reales, wahrhaftes Leben»?

Andreas Iten: Es gibt Wirklichkeiten, die nicht geleugnet werden können, die muss man anerkennen. Man kann nicht behaupten, wie dies heute oft gesagt wird, dass «alles relativ» sei. Zum Beispiel: «Klimawandel ist nicht real». Dies zu leugnen ist falsch und unwahr. Mir geht die Wissenschaftskritik heute viel zu weit. Was nicht passt, darf nicht wahr sein.

 

Interview: Herbert Fischer, Redaktor lu-wahlen.ch, Luzern

Luzernerzeitung