Neue Zuger Zeitung

Arbeiten ist nicht bloss Mühsal

Liebevoll sagte der Vater zum kaum vierjährigen Knaben auf dem Weg zum Meer: «Cinque é più di quattro». Einmal stand ich mit dem Sonnenschirm unter dem Arm vor einem Bübchen, das gerade erst richtig laufen gelernt hatte. Es schaute mich mit seinen dunklen, grossen Augen sehr lange an, als wäre ich ein Weltwunder. «Er wird ein Philosoph!», lächelte ich zur Mutter. Die Ankündigung Berlusconis mit einer neuen Partei wieder an den Wahlen 2013 als Spitzenkandidat teilzunehmen, kommentierten meine Freunde unter dem Sonnenschirm mit «Knallkopf» und «Coglione». Ein Wort, mit dem der Cavaliere vor seiner letzten Wahl diejenigen, die ihn nicht wählen wollten, bezeichnet hatte; sie seien Schlappschwänze, eben coglioni.

In einer Glosse unter der Rubrik «Zigzag» zitierte Giovanni Scipioni in «La Repubblica» vier Kollegen, die erzählten, warum sie gerne in die Berge gehen. Das Geheimnis der Berge sei der Wind, der aus den Klüften steige und um die Gipfel brause, in einer Landschaft von Ewigkeit und Beständigkeit. Der Zweite meinte, er nähere sich bergauf dem Himmel. Der Dritte, er wandere in der Dunkelheit auf einen Gipfel und erwarte in der Dämmerung das Erwachen des Tages und die aufsteigende Sonne. Für den Letzten endlich hat der Berg eine Stimme, die zu ihm spreche. Das sei ein Akt der kompletten Liebe. «Mit dem Kopf zwischen den Wolken» hiess der Titel der Glosse. Habe ich nicht bei der Hin- und bei der Rückfahrt kleine Dinge erlebt, die mir den Kopf ein wenig zwischen die Wolken hängten?

Bevor ich ans Meer fuhr, hielt ich mich zwei Tage bei meinem Schwager in der Provinz Belluno auf. Er fuhr mit mir und meiner Schwester ins Val de Mis, in die Dolomiten. Auf einem Fussweg stiegen wir zum Wildbach Brenton hinauf. Der Bach hatte in Jahrmillionen 15 kleine Becken in das Gestein gefressen, und chemische Reaktionen hatten geholfen, sie auszuhöhlen. Fünfzehn Wasserbecken, grössere und kleinere, die das Wasser sammeln, liegen dort wie auf Treppen. Der Bach springt von einer Stufe zur nächsten, nimmt bei hochgehendem Wasser Schotter und Steine mit, wirft das Geschiebe über das nächste Felsband und wälzt es durch die aufnehmende Schale, bis er es schliesslich in den grösseren Mis trägt. Die Becken glitzerten grün im Sonnenlicht, von weit oben leuchteten sie aus dem dunklen Wald wie wilde Katzenaugen. Das war mein «Gesang der Geister über den Wassern» (Goethe).

Am darauf folgenden Tag fand im Dorf Sospirolo eine Sagra, eine Chilbi, zu Ehren der Apostel Peter und Paul statt. Das Volk strömte zusammen und amüsierte sich bei Speis und Trank und Musik. Die Einheimischen begrüssten gut gelaunt auch die Heimwehitaliener aus der Schweiz und aus Deutschland. Die Auswanderer haben sich in der Fremde eine Existenz aufgebaut. Sie kehren Jahr für Jahr, von Sehnsucht getrieben, zurück. Unter ihnen befinden sich viele Gelatiers und Pizzabäcker. Neben dem Zelt erinnerte eine Fotoausstellung an die Zeit der Auswanderung. «Laorar no l’e sol fadiga»; stand in Mundart auf dem Prospekt und mein Schwager übersetzte: «Arbeit ist nicht bloss Mühsal.» Eine Familie war in den Kanton Aargau ausgewandert. Eine weitere Photographie zeigte einen stolzen jungen Mann neben einem Auto mit Milchkannen. «Mein Bruder hat mit dem Patron Milch in die Läden und Haushalte getragen.» Ich studierte die Gesichter etwas genauer. War da nicht vielleicht der Giovanni von Belluno zu finden, der nach dem Krieg kurze Zeit bei uns als Knecht gearbeitet hatte und dessen hagere Gestalt und sein ausgemergeltes Gesicht mir im Gedächtnis haften geblieben sind?

Wenn ich vom Meer zurückfahre, führt mich der Weg über die Berge, in die Dolomiten oder durch den Vinschgau und über Pässe nach Hause. Ich erlaube mir jeweils einen Zwischenhalt und übernachte unterwegs. Diesmal entschied ich mich für Glurns. Ich wollte meinem Bruder und der Schwägerin, die ich auf den Zeltplatz eingeladen hatte, dieses zauberhafte kleine Städtchen zeigen. Auf dem Hauptplatz fand gerade ein Markt statt. Und da ich versäumt hatte, ein kleines «Bhaltis» zu kaufen, schlenderte ich von Stand zu Stand. Ein Südtiroler bot Schokolade an und gleich daneben eine Bäuerin verschiedene Schnäpse. Als mich der nette Verkäufer als Schweizer erkannte, liess er mich seine Produkte kosten und sagte: «Das ist ein gefülltes Matterhorn.» Ich lachte. War das ein Witz? Er beharrte darauf, indem er mir ein weiteres mit einer anderen Füllung gab: «Beste Schweizerschokolade!» Wieder lachte ich. «Von Felchlin!» Mit diesem Namen hatte er mich überzeugt. Dann reichte er mir ein schwarzes Täfelchen. «Wir produzieren aus getrockneten Früchten, Beeren und Nüssen ein Füllung und verfeinern die Pralinees und Schokoladen.» Und schon hatte ich einige Tafeln gekauft.

Plötzlich streckte er mir ein Messer entgegen. «Ein Messer von Victorinox!». Ich schaute ihn fragend an. «Dank Victorinox können wir unser Marmorwerk in Laas wieder rentabel betreiben. Die Firma in Ibach verkauft unseren Marmor in aller Welt, in Amerika und Australien und …Kommen Sie nach Laas. Ich zeige Ihnen das Marmorwerk. Sie werden sehen, es ist imposant.» Erfreut in Glurns gleich zwei Unternehmen aus dem Kanton Schwyz zu begegnen, versprach ich ihm das Buch «Victorinox – die Messermacher von Ibach» von Heidy Gasser, aus der Reihe «Innerschweiz auf dem Weg ins Heute», zu schicken. Die Bäuerin bot mir zur Degustation Marillenschnaps und an andere Schnäpse an. Am Ende schien mein Kopf auch in den Wolken zu bammeln. Mental war ich in der Schweiz, real aber in Glurns. Auf dem Weg zum Hotel Post dachte ich: «Arbeiten ist nicht bloss Mühsal.»