Vom Gutmensch und vom Gutdünkler

In meinem letzten Leserbrief zitierte ich den Ex-«Zischtigsclub»-Moderator Ueli Heiniger, der in einem Interview gesagt hatte, er müsse nur lachen, wenn auf einmal Gutmenschen für PR-Aktionen missbraucht werden. Da nun aber der Ausdruck «Gutmensch» auch in der mediokren Gedankenwelt von einigen Leserbriefschreibern auftaucht, sollte man dazu doch einige Anmerkungen machen. Irgendwann hört bei solchem Sprachgebrauch das Lachen auf.

Bald nachdem mein kurzer Leserbrief erschienen war, fuhr ein Tixi-Fahrzeug durch das Dorf, während ich gemächlich auf dem Trottoir ging. Da bremste der Chauffeur ab, kurbelte das Fenster herunter und rief hoi!, winkte und grüsste mich mit einem Kopfnicken. Es war Franz, ein früherer Zahnarzt und Politiker und auch ein engagierter Denkmalschützer, der einen Beitrag zum Erhalt eines alten Zuger Fischerhauses am See geleistet hat. Regelmässig fährt er behinderte Menschen und setzt dafür seine Freizeit ein. Ein guter Mensch! Der Staat könnte nicht bezahlen, was Freiwillige leisten.

Später betrat ich das Grand Café in Zug. Da sass bereits Albert und rief mir zu: «Hallo, Gutmensch!» Er lächelte verschmitzt und sagte dann: «Ich habe Deinen Leserbrief gelesen.» Auch er engagiert sich freiwillig und tut manch Gutes. Leute wie er und Franz werden gerne als Gutmensch bezeichnet, und der Schreibende auch. Nur weil sie anders denken als diejenigen, die das Wort Gutmensch im Mund führen.

«Ich glaube, eine Sache in Worte fassen heisst ihr die Kraft bewahren und den Schrecken nehmen. Felder sind grüner in der Beschreibung als in ihrem Grün», notierte einmal Ferdinando Pessoa im «Buch der Unruhe». Es sind Worte, die in der Werbung und bei Abstimmungskämpfen einer Sache Kraft und Saft geben sollen. Wohl deshalb nannte Ueli Maurer die Gegner des neuen Ausländer- und Asylgesetzes Gutmenschen. Damit hat er ihnen die Farbe verpasst, die sie grüner macht als das Grün in der Natur. Zugleich setzt er sie herab, denn der Farbton ist künstlich und unwirklich. Ich bezweifle allerdings, dass Dinge, die in Worte gefasst werden, ihren Schrecken verlieren. Jeder Krieg, jede Diskriminierung beginnt mit Worten. Wir erinnern uns: Zuerst war da die «Achse des Bösen», erst später explodierten die Raketen.

Wörter haben eine Geschichte. Der Gutmensch ist ein moderner Begriff. Es ist erst seit der Mitte der 90er Jahre in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen. Das Wort zielt darauf ab, den politischen Gegner und seine Ansichten abzuwerten. Der Begriff stammt ursprünglich aus dem Vokabular der Nazis. Sie bezogen ihn auf die Juden, die von einem Bekannten sagen konnten, er «is a gutt Mensch». Die Nazis verlachten diese Wendung. Das mussten sie auch, um den «Gutt Mensch» ohne Gewissensbisse ausmerzen zu können.

Der Sprachgebrauch der Politik unterstellt heutzutage Idealisten, sie seien Gutmenschen, seien Mitbürger, die nicht drauskommen. Wer einen Gegner als Gutmensch verspottet, will ihn diffamieren, lächerlich machen, ihm nachsagen, dass er gutgläubig und naiv sei. Das Ganze hat Methode, denn anstelle einer sachlichen Diskussion wird eine über die Moral geführt. Dabei entfällt eine inhaltliche Auseinandersetzung. Die Person wird in den Mittelpunkt gerückt.

Unbestritten bleibt, dass in einer direkten Demokratie über Sachfragen und Werte gestritten werden muss. Auch Menschen, die Gutes tun, dürfen nicht einfach für sich in Anspruch nehmen, dass ihre Sicht der Dinge die einzig richtige sei. Auch sie können sich irren, genau so wie andere, die on sich behaupten, sie seien Realisten. Die Wirklichkeit setzt sich aus Handfestem und Werten, aus Realem und Idealem zusammen. Auch gute Menschen sind ambivalent, haben zwei Seelen in der Brust und zeigen vielleicht ihr Janusgesicht.

Der Vorläufer des Gutmenschen ist der «Gutdüncker» und «Gutdünkler».
Das Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm beschreibt ihn als Menschen, der sich gut dünkt und sich einbildet rechtschaffen zu sein. Der Gutdünkler weiss alles besser. Er strotzt von dünkelhafter Selbstgefälligkeit und Hochmut. Er masst sich an, über andere zu urteilen, schliesslich glaubt er, er sei gescheiter und könne die Wirklichkeit besser beurteilen. Der Gutdünkler teilt die Menschen in Kategorien ein und versieht sie mit einem Etikett.

Dahinter lauert die Gefahr, dass die Gesinnung über die Urteilskraft triumphiert, wie der Philosoph Hermann Lübbe in einem Essay über den «Politischen Moralismus» ausführt. Der Gebrauch des Ausdrucks «Gutmensch» für einen Andersdenkenden scheint mir ein solcher Triumph zu sein. «Statt der Meinung des Gegners zu widersprechen», sagt Lübbe, «drückt man Empörung darüber aus, dass er sich gestattet, eine solche Meinung zu haben und zu äussern». Wenn der Gutdünkler auf das politische Streitross steigt, kämpft er nicht mit Argumenten. Aus diesem Grund würde ich den Gutmensch aus dem Wörterbuch der Politik nur zu gerne streichen. Der Begriff verhindert jede Diskussion, wie sie in eine Demokratie gehört. 1586 steht in einem «Handbüchl»: «Darnach findt man gutdüncker viel, die ander leut vertümen» (betäuben, für dumm verkaufen). Eigentlich immer noch aktuell, dieses Wort von einem gewissen Ringwaldt.