Vom Gegenüberglück

Warum macht die Fernsehsendung «Arena» jeweils kaum froh, geschweige denn glücklich? Die Antwort scheint einfach: weil kein echtes Gespräch stattfindet. Den Teilnehmern geht es um ihre Machtposition, um den Versuch sich durchzusetzen. Zufrieden ist höchstens der, der seine eigene Meinung gut vertreten sieht. Der neutrale Zuschauer lächelt gelegentlich, wenn er beobachtet, wie die Figuren in der ersten Reihe der Arena ihre vorbereiteten Statements möglichst effektvoll vortragen, und Zeuge wird, wie sie im Äther verdampfen.

Als ich vor vielen Jahren einmal in einer Fernsehsendung auftrat, wurde ich vorgängig zu einem Medientraining eingeladen: «Sie müssen Ihre Botschaft bereits mit den ersten Sätzen klar und unmissverständlich anbringen», sagte der Coach zu mir, «dann wiederholen Sie diese im Verlauf der Sendung mehrmals. Auf die Argumente der Gegner brauchen Sie nicht einzugehen.» In der damaligen Sendung ging es um den Ausbau der Autobahn durch das Knonaueramt. Die Empfehlung des Coachs befolgte ich dann allerdings nicht. Als mein Gegenüber, Nationalrat Herbert Mäder, drei- oder viermal das gleiche Argument vortrug, überraschte ich ihn mit einem spontanen Einfall: «Sie sind doch ein wunderbarer Fotograph! Ihre Aufnahmen aus der Alpenwelt sind derart prächtig! Und wenn Sie von weit oben auf die Ebene schauen, dann braucht die Autobahn nur gerade einen schmalen Streifen durch die Landschaft. Dieser sammelt die Autos und entlastet dafür die Dörfer.» So verdutzte ich ihn. Nach der Sendung hielten wir uns im Gang auf. Da umarmte mich Herbert spontan und sagte: «Du hast meine Bücher gelobt. Ein anderer hätte mich fertig gemacht. Ich danke dir.» Mir wurde damals bewusst, dass es Siege gibt, ohne jemand zu besiegen.

Nicht von ungefähr fällt mir diese spezielle Begegnung jetzt wieder ein, da ich ein Wort in den Mittelpunkt rücken möchte, das auf einen ganz besondere Art und Weise aufnimmt, was geschieht, wenn ein Mensch von der Gegenseite her denkt. Das Wort heisst «Gegenüberglück» und ist eine wunderbare Sprachschöpfung, ein Neologismus. Der Mensch erfährt es im Gespräch, wenn der Dialog an einen Punkt gelangt, der die Tiefe eines Problems oder des Menschseins berührt. Dies kann nur gelingen, wenn sich die Gesprächpartner ernst nehmen und bereit sind zuzuhören und offen zu sein. Wer nicht damit rechnet, der andere könne recht haben, verweigert sich im Grunde dem echten Gespräch.

Jedes Gespräch wirft Fragen auf, und diese führen es weiter. So lässt man sich zwar auf das Wagnis ein, Unrecht zu bekommen, aber auch auf den Reichtum eines anderen Denkens und des eigenen Nachdenkens ein. Wer es vorzieht, nur Antworten zu geben oder zu erhalten, schliesst sich im Grunde aus.

Ich unterscheide hier zwischen Wissens- und Lebensfragen. Die Frage zum Beispiel, welcher Papst den Auftrag zum Bau des Petersdoms erteilt hat, gehört ins Gebiet des Wissens. Die Antwort findet man in jedem Lexikon oder im Internet. Wenn zwei Menschen zusammensitzen, weiss der eine vielleicht mehr als der andere. Mit seiner Art, wie er über bestimmte Dinge spricht, verblüfft er zwischendurch sein Gegenüber. Aber ist er ihm deshalb auch im Bereich der Lebensfragen überlegen? Lebensfragen berühren die Existenz des Menschen, die Lebensgestaltung, die Beziehung, die Liebe, die Arbeit, den Lebenskampf und den Tod. Diesen Fragen ist nicht allein mit Wissen beizukommen. Dafür braucht der Mensch eine gesunde Urteilskraft und muss weiss Gott kein Studierter sein.

Antworten zu Lebensfragen sind stets vorläufig, weil das Leben bis zum Tod vorläufig bleibt. Solang wir in der Fülle des Lebens stehen, tritt der Tod als Gedanke in den Hintergrund und doch ist er stets präsent. Das Denken bleibt ihm ausgesetzt. Die Phantasie nährt sich vom Gedanken, wie es nach dem Leben weitergeht. Philosophie, Religion und selbst Romane sind ohne den Tod kaum denkbar. Angesichts des Todes steht der Mensch vor der letzten und zentralsten Frage, für die es keine endgültige Antwort gibt. Der Evangelist Markus (auch Matthäus, durch den Psalmisten schon vorgeprägt) drückt die Situation mit einfachen Worten aus: «Um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme aus: ‹Eloi, eloi, lama sabachthani!›, d. h. ‹Mein Gott, Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?›» Der Menschensohn stellt da die endgültigste Frage. Der Schrei Jesu am Kreuz schlägt dann allerdings um in den Osterjubel. Der Tod ist vollbracht und zugleich überwunden. Der HERR hat den Menschen, «seit er ihn aus dem Mutterschosse liess», in Todesstaub gebettet, wie es in Psalm 22 heisst, und dennoch vertraut er auf ihn. «HERR, nie bleibe fern von mir, denn nahe ist die Bedrängnis und kein Helfer ist da.» Schon wächst der Zweifel also wieder, und das Fragen beginnt von neuem.

Deshalb ruft das Sein zum Tod bereits im Leben nach Momenten, in denen sich der Mensch mit seinen Fragen verstanden und aufgehoben fühlt. Es sind jene Augenblicke, wenn ein Partner im Gespräch auf ihn eingeht, ihm Anerkennung, ja Erkennung schenkt. Sie bilden das «Gegenüberglück.» Sebastian Kleinschmidt* hat wunderbar einfühlsam formuliert, was sich ereignen kann: «Vor jeder Begegnung, die beglückt, weil sie etwas befreit, das unerkannt in uns gefangen ist, liegen die Zufallswege, die zu ihr führen.» Welches sind die Wege, die zu einer tiefen und beglückenden Begegnung führen? Sind sie in den Sternen vorgezeichnet? Zufallswege sind es.

Der Mensch ist nicht nur auf der «Suche nach der verlorenen Zeit» (Marcel Proust), er ist stets auf der Suche nach dem «Gegenüberglück», das ihm ein anerkennendes, erkennendes Gespräch schenkt. Er ist vom Wunsch getrieben, das unerkannt in ihm Gefangene zu befreien, seinen Schatten zu erkennen.

* Sebastian Kleinschmidt: Gegenüberglück. Essays. Matthes & Seitz, Berlin 2008.