Der «wunderbare Prozess der Weltergänzung»

Die Nacht hatte mich mit Einfällen überschwemmt. Ich formulierte im Halbschlaf erste Sätze zu einer Kolumne, die möglichst heiter werden sollte. Ich erfand Wendungen, drehte sie um, suchte nach einem zügigen Anfang und fragte mich endlich, ob ein Badestrand überhaupt Stoff biete, über den es sich zu schreiben lohnen würde. Ich würde am Morgen meinen Bungalow verlassen und am Meer die Gedanken ordnen. Mir würde bestimmt eine treffende Geschichte einfallen, mass sich mein Denken an zu meinen. Allerdings korrigierte es gleich, man könne sich nicht einfach eine Geschichte ausdenken. Bruchstückhafte Erlebnisse müssen schon vorliegen; erst Erfahrungen, Erinnerungen setzen jenen «wunderbaren Prozess der Weltergänzung» während des Schreibens in Gang, von dem Heinrich Heine einmal geschrieben hat.

Ich buckelte den Rucksack, in den ich Schreibzeug, ein Badetuch und eine Flasche Mineralwasser gesteckt hatte, nahm den Sonnenschirm und den Liegestuhl und ging über den feinen Sand ans Meer. Schon am frühen Morgen richtete ich mich also ein und wartete gespannt auf einen Einfall. Die Morgenstille half, die Gedanken zu bündeln, von denen meine Kolumne leben würde. Einige Jogger trabten vorüber. Frauen sammelten Muscheln. Eine Mutter stiess einen Kinderwagen mühsam über den Sand.

Alles, was ich später beobachten werden sollte, würde sich in der immer gleichen Weise wiederholen. Im Laufe des Tages würden unzählige Menschen am Strand liegen, ältere Italienerinnen gestenreich, im knietiefen warmen Wasser, ein Palaver abhalten, Männer an der schrägen Nachmittagssonne Boccia spielen. Kinder würden plantschen, dann Sandburgen bauen, und mir würde wieder das biblische Bild, er habe sein Haus auf Sand gebaut, einfallen, und wahrscheinlich würde ich es auf die Schriftstellerei übertragen oder auf eine andere Tätigkeit, die nur wenig Brot einbringt.

Aus einem leeren Kopf lässt sich keine Geschichte ziehen, wurde mir allmählich bewusst. Man muss etwas erlebt haben oder erleben, damit ein Faden entsteht. Auch Schriftsteller, die ihr Schreiben als eine Kunst betrachten, die Weg und Ziel zugleich ist, müssen sich auf kleine Beobachtungen stützen. Das Leben erfindet Geschichten, nicht der Kopf. Verstand und Phantasie hingegen ergänzen die Handlung, kombinieren, ändern und fügen die Welt zusammen. Der Kopf kann sich auszeichnen, wenn er das eilig Hingeworfene strafft und korrigiert.

In der heiter-verspielten Atmosphäre am Meer, wo die Last der Tage abgeworfen oder verdrängt bleibt, nahm ich mir vor, einen abgerundeten Text zu schreiben. Ich wollte nicht, wie es mir schon ein paar Mal passiert ist, - vor allem, wenn ich politische Themen aufgegriffen habe - wie ein Zugpferd schwere Last ziehen und damit am Ende nicht einmal ans Ziel kommen. So würde ich die Kolumne vor dem Leser wie mit dem Zirkel abstecken. Ich wollte nicht so schreiben, dass der geneigte Leser einen Satz zweimal lesen, und allenfalls noch den Duden oder das Deutsche Wörterbuch von Wahrig zur Hand nehmen muss. Nun ist die Politik und alles, was sich um sie dreht, schon ein drückendes Gewicht, vor allem in den italienische Zeitungen. Man musste diesen Sommer aber nicht ans Meer fahren, um ein politisches Medientheater zu erleben. Auch in den heimischen Gefilden hat sich eines abgespielt, dessen Schlagzielen ich beim flüchtigen Überfliegen zu einer Komödie zusammenfügen konnte.

So vor mich hersinnend, sagte ich mir, über Politik lasse sich nur noch mit heiterer Ironie schreiben. Wer mit dem Hammer dreinschlage, bringe den Lukas gleichwohl nicht bis ans obere Ende der Gleitschiene. Eine humorvoll-ironische Schreibweise ist einer verletzend dreinschlagenden jederzeit vorzuziehen und wirkt erst noch überzeugender. Fette Titel zu einem Skandal, der sich bei genauerer Betrachtung nicht als solcher erweist, nehmen heutige Leserinnen eh nicht mehr ernst. Die Menschen sind längst schlagzeilengeschädigt. In einem kleinen und feinen Text aber steckt meist mehr Wahrheit und Gehalt. Die Leserin spürt, dass der Schreibende über der Sache steht und keine eigenen Interessen verfolgt oder als gedungener Schreiberling das veröffentlicht, was die Macher im Hintergrund einer Zeitung dem Publikum vorgesetzt wissen möchten. Freilich wollte ich dennoch kein «argloser Singvogel, der besser oben fliegen als unten scharren könne», werden, wie Jean Paul seinen Helden im Roman «Flegeljahre» schon zu Beginn in Verdacht bringt.

Doch das Exempel, mit dem ich eine Sache hübsch ironisch abhandeln konnte, fiel mir dann nicht ein. Ich strengte auf dem Liegestuhl meinen Verstand an … es nützte nichts. Schon hatte ich wieder einen weiteren Beweis, dass der Kopf nicht Geschichten erfinden kann. Es braucht eine Erfahrung, eine Begegnung, ein Ereignis, einen anregenden Satz, damit die Phantasie zu arbeiten beginnt. Einmal mehr stimmte ich Heine zu, dass Schreibende auf ein Bruchstück in der Erscheinungswelt angewiesen sind. Ich begann herumzugucken und sah zu, wie die Wellen die Sandburgen der Kinder einrissen. Hatte ich nicht früher selber auch Dinge auf Sand gebaut? Als Parteipräsident war ich mitbeteiligt an Parteiprogrammen. Nach den Wahlen ebnete der Alltag sie sofort ein, und sie wurden Makulatur. Am Meer aber ergötzte ich mich an Heines Satz: «Wirklich, der Leib scheint oft mehr Einsicht zu haben, als der Geist, und der Mensch denkt oft viel richtiger mit Rücken und Magen, als mit dem Kopf.» Und so freute ich mich schon am späten Nachmittag auf die Spaghetti, die Scampi fritti und den Prosecco.