Vom Nutzen des Nutzlosen

«Ein philosophischer Mensch ist ein Skeptiker, der zu den Grundkonflikten, die der Fortschritt laufend schafft, Fragen stellt und nach Antworten sucht.»

Die beschränkten finanziellen Mittel seien «in wirtschaftlich relevante Bereiche zu investieren», und deshalb gelte es, Schwerpunkte bei der Forschung der Nano-, Bio- und Umwelttechnologie zu legen. Selbstverständlich auf Kosten der Geisteswissenschaften. Diese Meinung vertritt sowohl die CVP als auch die SVP. Beiden Parteien geht es um den Markterfolg der Innovationen. Als ich die Artikel zu dieser neuen Förderstrategie in verschiedenen Zeitungen gelesen hatte, atmete ich tief durch. Was geht in den Köpfen der Politiker vor, die eine solche Umlagerung anstreben? Ist ihnen bewusst, was die Geistes- und Sozialwissenschaften leisten, wie nötig sie für den Zusammenhalt einer Gesellschaft sind? Die abwertende Formulierung, die ich im ersten Satz zitiere, schliesst aus, dass andere Wissenschaften dafür von Bedeutung sind. Schaut die CVP nun plötzlich auch mit einem Röhrenblick in die Welt?

In den «wirtschaftlich relevanten Bereichen» ist der Staat, sind die Hochschulen keineswegs die eigentliche Triebkraft von Forschung und Entwicklung. Das Budget der Chemie und der Maschinenindustrie, ausserhalb der Universitäten, ist dreimal so hoch. Sie forschen Nutzen bringend, sind aber auf kompetente Fachleute angewiesen, die gute Schulen durchlaufen haben, und zwar von der ersten Klasse bis zum Hochschulabschluss. Die Sozial- und Geisteswissenschaften sind da gefordert, sie haben hier eine Aufgabe. Professor Rolf Dubs fordert, dass die Schule auf allen Stufen, «die junge Generation befähigen müsse, über Werte zu reflektieren, und ihr helfen, sich in eine Gesellschaft einzuordnen, die durch Egoismus, Rücksichtslosigkeit, Dogmatismus und Rechthaberei gekennzeichnet ist». Die Schule müsse die Lernenden anleiten, wie die schwierigen Herausforderungen, denen sich junge Menschen heute stellen müssen, angepackt werden.

Der Nutzen, den die Natur-, Technik- und Medizinwissenschaften erarbeiten, ist allgemein bekannt und evident. Sie brauchen keinen besonderen Fürsprecher. Dabei geht aber vergessen, dass die Geisteswissenschaften gerade durch den rasanten Fortschritt besonders stark gefordert werden, wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Seit unsere Gesellschaft nicht mehr in der Kirche festen Halt sucht, fragt der Mensch verwirrt nach seiner Identität. Wir leben im Dürrenmatt'schen Durcheinandertal.

Als Kulissen dienen Ersatzwelten. Viele wissen nicht mehr, wo sie stehen, sind irritiert. Dieser Zustand hemmt und lähmt. Wenn in unserer Gesellschaft der wirtschaftliche Aufschwung zu fehlen scheint, dann liegt dies nicht an mangelnder wirtschaftlich relevanter Wissenschaftsförderung, sondern an der Irritation des modernen Menschen. Der Fortschritt läuft dem Wissen um die Existenz davon.

Was im Grenzbereich der Biowissenschaften und der Medizin geforscht und entwickelt wird, ruft nach Normen und Einschränkungen, die zusammen mit den Geisteswissenschafter, von den Juristen bis zu den Philosophen, erarbeitet werden müssen. Die Geisteswissenschaften sind genauso auf Forschung angewiesen wie die Naturwissenschaften, nur erhalten sie viel weniger Fördermittel. Darum ist es falsch, sie nochmals zu schmälern.

Die von vielen als unnütz betrachtete Philosophie bleibt eine Leitdisziplin, die für alle Disziplinen der Wissenschaft Hebammendienste leistet. Ein philosophischer Mensch ist ein Skeptiker, der zu den Grundkonflikten, die der Fortschritt laufend schafft, Fragen stellt und nach Antworten sucht. Er bestreitet die absoluten Wahrheitsansprüche einer Religion. Er erörtert die moralischen Grundlagen des Rechts. Er kann Zweifel an den milliardenteuren Experimenten begründen, die es brauchte, um eine Sonde auf den neunjährigen Weg zum Planeten Pluto zu schicken. Jedenfalls überlegt sich der philosophische Mensch, ob diese Forschungsgelder angesichts des weltweiten Hungers anders eingesetzt werden könnten. Er überlegt, ob der Krieg im Irak vielleicht hätte verhindert oder rascher beendet werden können, falls die die arabische Mentalität rechtzeitig und stärker erforscht worden wäre.

Ich erhebe Einspruch gegen ein Denken, das die Politik verleitet, alles nur in die Kategorie des Nutzens einzureihen. Ich protestiere, falls die Geisteswissenschaften in der Politik zukünftig abgewertet werden, nur weil ihr Blickwinkel nicht direkt auf das wirtschaftlich Relevante gerichtet ist. Das hat zwar Doris Leuthard, die Parteipräsidentin der CVP, nicht so gemeint. Aber wenn sie beiläufig sagt, sie habe nichts gegen Geschichtsforschung und Archäologie, dann wählte sie bewusst Gebiete, die bereits für ihre Anerkennung und Förderung kämpfen müssen.

In der heutigen Dienstleistungsgesellschaft spielen die qualitativ guten Sozial- und Geisteswissenschaften eine wichtige Rolle. Im Standortwettbewerb eines Landes oder eines Kantons locken Politiker mit einer guten kulturellen Infrastruktur. Museen, Theater, Musik, Kunst, Schulen und Medien wären ohne das Zudienen der Philosophie und der Geisteswissenschaften nicht denkbar. «Nutzloses» bereichert das Leben. Vielleicht fehlt uns je länger, je mehr jene geisteswissenschaftliche Bildung, die uns befähigen würde, die Dinge auch mit den Augen der anderen zu sehen.