Paradoxe Welten

Vor Jahren sass ich an der Fastnacht um vier Uhr in der Früh im «Kreuz» zu Unterägeri mit zwei Tänzerinnen an einem Tisch. Ich schlürfte eine Mehlsuppe, um wieder etwas Verstand in meinen Kopf zu bringen. Als es auf einmal in meinem Gehirn endlich klickte, sagte ich laut: «Schon noch paradox…» Die beiden im Maskenkleid schauten mich mit grossen Augen an, die Schminke auf den Wimpern schon etwas verschmiert, die roten Tupfen auf der Nase und den Wangen glänzten. Sie dachten wohl: «Und das soll lustig sein? Er schminkt sich wieder mit einem Fremdwort!», und blickten verlegen auf den Teller. Die eine wollte aber dann doch noch wissen, was paradox sei. «Paradox bedeutet unverständlich, widersprüchlich, wie zum Beispiel: ‹Der Starke ist der Schwache›.» «In der Tat ein Widerspruch», neckte sie. Und als ich die Pause genüsslich dehnte, tönte es über den Tisch: «Soll das nun ein Witz sein?» «Nein! Natürlich nicht. Habt ihr schon einen starken Mann gesehen, der nicht schwach geworden ist?» Nun brach lautes Gelächter aus.

Der Aufklärer will mit Hilfe eines Paradox’, dass sein Publikum eine neue Erkenntnis gewinnt. Und da ein paradoxer Satz meist unverständlich ist und doch ein Nachdenken auslösen will, frage ich mich, ob nicht sogar ein derart unbedarfter Slogan wie: «Freipass für alle», nicht auch paradox sei. Beim besten Willen ist unverständlich, wer denn «Alle» sind. Die Krähen auf dem Plakat, das bis zum 8. Februar überall zu sehen war, wirkten so gross, dass sie den Bissen, der das Schweizlein darstellte, ruck, zuck hätten verschlucken können, was mir auch heute noch paradox vorkommt.

Wollte man alle unverständlichen Argumente, die während dem letzten Abstimmungskampf in Reden oder in Leserbriefen vorgetragen wurden, zusammentragen, würde man den Ohren und den Augen nicht trauen. Nehmen wir nur die Polemik Christoph Blochers, mit der er seinen Auftritt am letzten Tag im Januar in Frauenfeld garniert hat. Er warf in seiner unnachahmlichen Art der SVP Thurgau vor, sie sei «faules Nest». Er nannte namentlich die Nationalräte Peter Spuhler und Hansjörg Walter. Sie hätten «kein Rückgrat». Worauf Peter Spuhler den Spiess umdrehte und erwiderte, Blocher habe sich an der Delegiertenversammlung in Brig «mit Händen und Füssen» für den freien Personenverkehr Schweiz-EU gewehrt, um dann ein paar Monate später, in Dietikon, eine radikale Kehrtwendung zu machen. Er, Peter Spuhler, hingegen habe sich immer für den freien Personenverkehr ausgesprochen. Wer habe nun, fragte der Nationalrat, mehr Rückgrat? Da waren wir alle Zeugen eines Wischiwaschis auf höchstem Niveau.

Die schlaue Schweizer Politik hat inzwischen einen Begriff erfunden, um das Diktat der EU zu vertuschen. Sie nennt die Übernahme von EU-Recht einen «Autonomen Nachvollzug». Viele der Gegner stimmen jeweils der Gesetzesanpassung im Parlament knirschend, aber kaum hörbar zu. Der Begriff «Autonomer Nachvollzug» ist paradox. Ohne zu verschleiern und zu verwedeln würde die Bezeichnung nämlich schlicht und einfach heissen: Übernahme von fremdem Recht. Bei solcher Augenwischerei darf wohl der Aphorismus von Markus M. Ronner zitiert werden: «Es gibt Menschen, die sich eine dicke Haut zugelegt haben, dass sie auch ohne Rückgrat aufrecht stehen können.» Die Schweiz sitzt inzwischen mit einer dicken Haut der EU gegenüber.

Nach der Abstimmung über die Ausdehnung der Personenfreizügigkeit auf Rumänien und Bulgarien meinte Toni Brunner, die SVP habe nicht verloren, sondern dürfe sich zu den Gewinnern zählen. Und schon stehen wir vor einer weiteren paradoxen Tatsache. Wer verliert, hat gewonnen! Das scheint aber nur auf den ersten Blick widersprüchlich, denn haben Sie schon einen schwachen Mann erlebt, der nicht so tut, als sei er stark? Durchleuchtet man Toni Brunners Aussage, bemerkt man, dass die Abstimmung nicht der Sache galt, sondern der SVP-Wahlstrategie. Und schon stehen wir wieder vor einem Paradox. Man gibt vor, dem Land zu dienen und dient sich selber – als Partei.

In letzter Zeit hatten wir reichlich Gelegenheit, in paradoxen Welten herumzuirren und durch Schaumwelten zu waten. Da wurde doch der Novartis Chef von Radio Vatikan beauftragt, als Externer einmal wöchentlich einen Kommentar abzugeben, der aus einer «ethischen Perspektive» erfolgen sollte. Dieser Auftritt hätte Daniel Vasella die einmalige Chance geboten, Urbi et Orbi zu verkünden, dass auch grosse, global tätige Firmen ethisch einwandfrei handeln. Nachträglich realisierte der sonst gut informierte Vatikan, dass Novartis Verhütungsmittel herstellt. Sofort wurde der Auserwählte ausgeladen. Was daran paradox ist, muss nicht erklärt werden, ganz schlicht gesagt: Wer nicht mit der Ogino-Knaus-Methode verhütet, die auf dem Menstruationszyklus der Frau beruht, sündigt. Die Firma in Basel hilft kräftig nach. Nebenbei: Die anderen Entscheidungen, die der Vatikan in den vergangenen Wochen gefällt hat, sind nicht etwa paradox, denn sie entsprechen der Logik der Macht.

Wenn meine Kolumne schon wie eine Glosse ausgeht, dann möchte ich nicht auf eine hübsche Geschichte verzichten, die in Friedrich Hebbels umfangreichen Tagebüchern zu finden ist. Er, der Tagebuchschreiber, habe ein Mädchen schreien hören, das er dann aus den «aufgedrungenen Umarmungen eines Mannes errettete». Es sei ihm nachher selbst um den Hals gefallen und habe gesagt, «es ist ja nicht um das bisschen Arbeit, sondern um mein Kleid, welches schmutzig wird.» Und der Dichter folgerte: «Ich glaubte, eine Unschuld zu retten und rettete – einen Unterrock.»