Zuflucht bei Epikur

Bald werde ich in die Ferien verreisen. Ich werde mich unter Pinien und am Meer erholen, über den feinen Sandstrand gehen und der leichten Welle zuschauen, wie sie eine Schnurlinie in den Sand zieht, die von der nächsten wieder verwischt und neu gezogen wird. Ich werde morgen früh am Strand beobachten, wie Kinder und Frauen Muscheln sammeln. Unter dem Sonnenschirm werde ich lesen, im Gepäck unter anderem, quasi wie ein Amuse-Gueule, Aphorismen von Epikur, mit denen ich mich in den ersten Ferientagen von dem politischen Gezänk daheim erholen will.

Von der Sommersession 2010 haben sich viele Bürgerinnen und Bürger irritiert abgewendet. Und was in den Medien darüber geschrieben wurde, war schon eher schwer zu verdauen. Nieten seien am Regieren, schrieb zynisch eine Wochenzeitung. Man konnte Kommentare lesen, die von Begriffen wie Pirouetten, Spitzkehren, Tollkühnheiten und über destabilisierende Trauerspiele nur so strotzten. Und schon hiess es: Kehrt Max Göldi aus Libyen zurück, wird endgültig abgerechnet.

Während den Verhandlungen über den Staatsvertrag mit den USA in Sachen UBS veranstalteten beide Räte einen Zickzackkurs, ein echtes Wischiwaschi. «Nein, den lausigen Vertrag nehmen wir nicht an.» Dann die Kehrtwende: «Doch aus wirtschaftlichen Gründen stimmen wir ihm zu.» Dann wieder: «Nein, wir lehnen ihn ab, doch halt, unter Bedingungen stimmen wir zu.» Am Abend, als der Vertrag im Nationalrat vorerst keine Mehrheit erhalten hatte, lächelte ein SVP-Nationalrat in die Kamera und meinte: «Ach, das sind halt so die Spiele.» In der NLZ vom 12. Juni sagte der Bankier Konrad Hummler: «Spieltheoretisch funktioniert ein solches Hin und Her nur, wenn das Resultat bereits klar ist.» Er sagte voraus, dass der Vertrag angenommen werde.

Die Beobachter draussen im Land hatten lange geglaubt, unseren Schweizer Politikern sei es durchaus ernst, als sie ihre Vorschläge, aber auch Drohungen den Medien verkündeten, und so werde es bei einem Nein bleiben. Die Session hat unterdessen mit der Zustimmung beider Räte zum UBS-Abkommen geendet, und all diese Pirouetten zuvor haben die Glaubwürdigkeit von Parlamentarierinnen und Parlamentariern noch mehr angekratzt. «Was ist nur los in diesem Bern?»

«Basta, es reicht mir!», dachte ich und suchte nach positiven Schlagzeilen für unser Land. Gottlob, gab es die Fussballweltmeisterschaft in Südafrika. Sepp Blatter, ein Walliser, sprach zur Eröffnung vor der Weltöffentlichkeit. Und dann: «Kleines Land, grosser Sieg» Und: «Stolz ein Eidgenosse zu sein.» Der oft geschmähte ehemalige Bundesrat Josef Deiss, ein Freiburger, wurde als Präsident der Uno-Vollversammlung gewählt. Und unser Land musste sich nicht wie ein gerupftes Huhn vorkommen.

Ich aber begann zu packen. Mit ins Gepäck sollte auch Epikur. Der griechische Philosoph lebte zwischen 341 und 270 v. Chr. Er musste wegen politischen Querelen und Streitigkeit vorerst aus Athen flüchten, konnte später zurückkehren, kaufte sich einen grossen Garten und gab, auf und ab wandelnd, auserwählten Zeitgenossen und Schülern Unterricht. Er lehrte sie jenes Streben zu nutzen, das die Seele zur Ruhe bringt. Auch in Athen gab es lautes Parteiengezänk. So schrieb Epikur einem seiner Freunde, er solle sich nicht der Politik zuwenden: «Der Politiker und Staatslenker hat nichts als Arbeit und Sorge, wenig Ehre, viel Undank und zum Schluss womöglich noch Verfolgung und Tod. Darum wird der Weise sich hüten, sich mit der Regierung eines Staates abzugeben.»

Aber irgendjemand muss ja schliesslich den Staat lenken, auf der Kommandobrücke stehen, sich also opfern, Häme einstecken oder sich gefallen lassen, als Niete bezeichnet zu werden. Dem sich wacker schlagenden Bundesrat geht es ähnlich. Und dennoch wird es wieder bessere Zeiten geben. Wie sie zum Beispiel Altbundesrat Josef Deiss eben erleben darf. Und so wird man Hans Rudolf Merz dereinst ehrenvoll verabschieden und betonen, er habe die Staatsfinanzen ins Lot gebracht.

Sobald es wieder um die Sache geht, wird es ruhiger im Land. Manchmal freilich kehrt die Ruhe erst nach den nationalen Wahlen ein, wenn neue Köpfe mit gesammelten Vorschusslorbeeren an die Arbeit gehen. Die Neuen sollten auf Epikurs Rat hören und sich nicht abhängig machen von all dem Überflüssigen und Schädlichen, was täglich verbreitet wird. Wahrscheinlich zählte schon bei den Griechen die öffentliche Aufmerksamkeit mehr als die Sache.

Wenn ich wie Epikur glaube, es komme darauf an, abzuwägen und zu unterscheiden, was zuträglich oder abträglich ist, um alles möglichst richtig zu beurteilen, so wird man mich einen Schöngeist nennen, mir unterstellen, mir fehle es an Realitätssinn. Dennoch gebe ich den Glauben nicht auf, dass Politik im Grunde nur weiter führt, falls besonnene Leute differenzieren und die Sache in den Vordergrund stellen.

Epikur ist eine Art Viatikum, eine Wegzehrung, Ich bin dem Rat des Philosophen gefolgt, so oft ich nur konnte, weil er mich noch etwas anderes gelehrt hat: «Es ist nicht möglich, lustvoll zu leben, ohne das man vernunftgemäss, schön und gerecht lebt, noch vernunftgemäss, schön und gerecht ohne lustvoll zu leben.» Das ist mein Ferienmotto, und deshalb lasse ich mir keine Schweizerzeitungen ans Meer nachschicken.