Il sudore della Svizzera

Kürzlich war ich wieder einmal in Süditalien und besuchte einen alten Bekannten, der ein eigenes Haus besitzt. Als ich ihn fragte, wie er es denn geschafft habe, antwortete er knapp und einfach: «Il sudore della Svizzera». Also hat «Der Schweiss der (Arbeit) in der Schweiz» ihm dazu verholfen. Pino war vor fünfundvierzig Jahren als Hilfsarbeiter in unser Land eingewandert und fand eine Stelle als Lagerist bei Ciba-Geigy. Er war jung, seine Frau sogar sehr jung. Mit 18 Jahren hatte sie schon zwei Kindern das Leben geschenkt. Ich wohnte damals mit meiner Familie in einem Reiheneinfamilienhaus in Muttenz, das meinem Freund gehörte. Wir suchten Untermieter, da wir knapp bei Kasse waren. Pino und Anna meldeten sich auf die Annonce. Wir verbrachten drei gute Jahre unter dem gleichen Dach. Eines Tages brachte die Grossmutter die beiden Kinder in die Schweiz, und so wurde die Art Wohngemeinschaft noch grösser. Davon aber soll hier nicht die Rede sein.

Pino war ein ruhiger, stiller und zuverlässiger Mann. Schon bald wurde er befördert, fuhr Gabelstapler und arbeitete sich vom Arbeiter zum Magaziner hoch. Die Familie lebte sehr sparsam. Als Pino pensioniert wurde, zog es ihn zurück in die Heimat, nach Marina di Ginosa. Die zwei jüngsten Töchter, die in der Schweiz zur Welt gekommen waren, gingen schweren Herzens mit. Die zwei Grossen blieben in der Schweiz.

Die Eltern leben heute mit den beiden Jüngsten in einer Familiengemeinschaft, in einem schönen, gut gepflegten Haus, das gerade genug Platz für vier Erwachsene bietet. Die hübschen Töchter haben selbstverständlich einen Freund, aber heiraten wollen sie nicht. Sie könnten es sich nicht leisten, meinen sie. Nach vierzig Jahren gab es also in der Provinz Tarent, im Stiefel, ein herzliches Wiedersehen mit den liebenswürdigen Italienern.

Sind Sie schon in Alberobello gewesen, in der Stadt der Trulli, der Rundbauten, von denen den überschwängliche Dichter Gabriele D’Annunzio geschrieben hat: «Ich möchte die Kuppel im Inneren vergolden lassen, mich auf die nackte Erde legen und so auf den Tod warten.»? Touristen strömen in die noch gut erhaltenen, sehenswürdigen Stadtteile, die aber kaum bewohnt werden. Sie bewundern die Kegeldächer mit den Symbolen der Sonne und der Dreieinigkeit, mit Fialen, die die Giebel krönen. Erzählt man einem Schweizer, der Alberobello kennt, vom Besuch der Stadt Besuch, bekommt er wässerige Augen. Aber statt unter einer vergoldeten Kuppel zu sterben, würde er wohl lieber guten Wein trinken und Spaghetti essen.

Zurück zu Anna und Pino und zu den zwei Töchtern. Ihre Freude über das Wiedersehen war riesengross. Ich wurde als «Erstklass-Gast» bewirtet und wurde selbstverständlich im Haus herumgeführt. Was sich da alles angesammelt hatte! Es waren Erinnerungsstücke aus der Schweiz. Geschenke von lieben, unvergessenen Bekannten aus dem Baselbiet hingen an den Wänden oder standen auf den Treppen zu den Schlafzimmern. Für jedes Detail fand sich eine Erklärung. Im kleinen Garten gedeihen auch im hintersten Winkel noch Gewürze und Gemüse. Orangen- und Zitronenbäume stehen in jeder Ecke. Alles wirkte gepflegt, wie in einem schweizerischen Schrebergarten.

In Pinos Augen ist die Schweiz das Paradies, das Land, dem er viel zu verdanken hat. Ja, es sei eine schöne Zeit gewesen, damals. Zwar viel Arbeit! Der Stolz war mächtig, dem Schweizer zeigen zu dürfen, was der Hände Schweiss geschaffen hat. Wenn ich den Töchtern glauben darf, sei ihr Vater vorher nie so stolz durch Tarent flaniert wie in meiner Begleitung.

Gibt es denn im südlichen Idyll keine Schattenseiten? Wenn ich schon nur an den mageren Verdienst der jungen Frauen denke, gibt es sie durchaus. Und obwohl ihre Schönheit je einen Mann verzaubert hatte, sind die Verhältnisse prekär. Eine der beiden hat eine 80-Prozentstelle. Sie musste seinerzeit eine Vereinbarung unterzeichnen, dass sie 1300 Euro Monatslohn beziehe, aber der Chef zahlt in Wirklichkeit nur dreihundert. Er drohte mit der Entlassung, falls sie sich wehre. Da schimmert etwas von jenem Italien durch, das wir verabscheuen. Die jüngere Schwester verdient ein Geringes, in dem sie Kinder hütet. Sie seufzte während meines Besuchs: Vielleicht wären wir doch besser in der Schweiz geblieben …

Aber Marina di Ginosa liegt sehr schön an einem langen Sandstrand. Vielleicht ist ein Leben mit wenig Geld, dafür mit Sonne und Meer doch besser, als eines im Nebel und voller Stress? Vaters Schweiss hat der Familie ein stabiles Dach über dem Kopf und guten Zusammenhalt ermöglicht.

Ich lud die ganze Familie und die Freunde der Töchter zum Essen ein. In Mottola wartete ein Tisch auf uns. Wir fuhren ungefähr vierzig Kilometer. Ich sass im Wagen von Griseldas Freund. Er ist Bauer, hat viele Hektaren Land. An zwei Kilo Tomaten verdiene er wenige Cents. Wir sprachen über die Lebensunterhaltungskosten. Sie würden günstig leben, meinte er. Um Viertel vor neun sassen wir dann am Tisch unter einem Tonnengewölbe. Es gab ein Essen mit sieben Gängen, alles beste Qualität. Wein und Saft wurde aufgetragen. Wir assen wie die Fürsten. Während der Mahlzeit überlegte ich mir immer wieder, ob das Geld, das ich dem Bancomat entnommen hatte, reichen würde. Ich überschlug alles. Als die Rechnung gebracht wurde, bezahlte ich 156 Euro. Ich schmunzelte froh und bezahlte leichten Herzens, ohne an den Schweiss meiner früheren Arbeit zu denken.