Wer ist integriert?

Begriffe, die leicht über jede Zunge kommen, werden selten klar und eindeutig gebraucht. So verhält es sich etwa mit dem Wort Glück, das bei jedem Jahreswechsel häufig kursiert. Jeder versteht darunter etwas anderes. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Begriff der Integration, der ja vor der letzten eidgenössischen Abstimmung in aller Munde war. Dazu liess sich in der «Weltwoche» auch der Multimillionär Gunter Sachs vernehmen, der in St. Moritz lebt. Richtig integriert sei ein Ausländer erst, wenn er perfekt Schweizerdeutsch spreche. Am Ende seiner Ausführungen meinte er: «Eines möchte ich unserem Volk von Brüdern (hüt bin i en Papirli-Schwyzer) noch aus Erfahrung und von Herzen sagen: Dem schwyzerdütschen Charme können sich die Michels schwerlich entziehen.» Täuscht sich der Neu-St. Moritzer da vielleicht nicht doch ein wenig? Es kommt wohl schon darauf an, wie das von ihm geliebte Schwyzerdütsch in den Ohren klingt.

Aus der Ergänzung richtig im oben zitierten Satz ist herauszulesen, dass Gunter Sachs unter Integration eigentlich Assimilation versteht. Mancher Zugezogene spricht zwar gut Schweizerdeutsch und ist dennoch nicht assimiliert. Die Schweiz genügt ihm als Aufenthalts- oder Niederlassungsland, um Geschäfte oder Karriere zu machen. Aber assimiliert ist er eben gerade nicht, weil er sich überhaupt nicht für seine Wohngemeinde und das weitere Umfeld interessiert.

Sehr viele Deutsche in der Schweiz sprechen nicht Schwyzerdütsch und sind doch integriert. Sie arbeiten, verdienen ihr Leben, zahlen Steuern, erziehen ihre Kinder, geben dem Land durch ihre Arbeit Impulse und tragen ihren Teil zum Wachstum der Gesellschaft bei. Sie fühlen sich einbezogen, eingegliedert in unsere Gesellschaft. Warum sollte ein Türke, der mit Erfolg einen Kebab Betrieb führt, und nur gerade seine zwei tausend schweizerdeutschen Wörter kennt, um auch Schweizer Jugendliche bedienen zu können, und der sich im Übrigen nichts zu Schulden kommen lässt, sich und seine Familie selber durchbringt, ja sogar genug Ehrgeiz besitzt, damit es seine Kinder im Gastland zu etwas bringen, nicht integriert sein? Wollte er sich einbürgern lassen, müsste er freilich besser Deutsch sprechen.

Und wie steht es mit den vielen Ausländern, die nur Englisch sprechen, und sogar in den Führungsetagen der Banken und in den Niederlassungen internationaler Unternehmen von den Schweizern verlangen, dass sie die englische Sprache beherrschen? Sie wohnen in Zug oder Luzern, schicken ihre Kinder in englische Privatschulen und verkehren unter ihresgleichen. Verlegen sind sie, wenn sie Schweizerdeutsch oder Hochdeutsch sprechen sollten. Sind sie nun integriert, einbezogen in die gesellschaftliche Einheit dieses Landes oder eben gerade nicht? Natürlich tragen sie zu unserem Wohlstand bei, besuchen Konzerte im KKL, Ausstellungen und Messen in Zürich und Basel und nehmen auf ihre Art am gesellschaftlichen Leben des Landes teil. Aber Schweizerbürger wollen sie nicht werden.

Johannes Mario Simmel, der jahrelang in Zug lebte, war gebürtiger Österreicher. Er sprach kein Schweizerdeutsch. Als er von Monaco nach Zug umgezogen war, rühmte er seinen neuen Aufenthaltsort über alles. Zug gefiel ihm sehr, und weil er jahrelang ein Bestsellerautor war, gefiel er uns Zugern auch. Er bewunderte nicht nur den Sonnenuntergang, sondern war ausdrücklich zufrieden, dass man mit ihm hierzulande keinen Starkult betrieb. So konnte er in Ruhe schreiben. Dafür bezahlte er reichlich Steuern. Damit schien er einbezogen in die Gesellschaft. Jedenfalls erregte er keinen Anstoss, sondern trug mit seinem Beitrag dazu bei, dass das Gemeinwesen gesellschaftliche und kulturelle Aufgaben erfüllen konnte. Wie aber steht es denn mit den einfachen ausländischen Arbeitern, die ihren Dienst ohne Murren und meist mit niedrigen Löhnen versehen? Sind die etwa nicht integriert, nur weil sie nach Jahren immer noch gebrochen Deutsch sprechen oder das charmante Schwyzerdütsch nicht richtig verstehen?

Mir scheint, wir sollten den Begriff der «Integration» nicht zu eng auslegen. Falls ein Ausländer unsere Sprache spricht und rege am Brauchleben teilnimmt, sollten wir eher sagen, er sei assimiliert. Die meisten jugendlichen Ausländer der zweiten und dritten Generation sind es. Sie spielen in Vereinen mit, johlen wie ihre Schweizer Kollegen, wenn der FC Luzern oder der EV Zug gewinnt. Ausländer verlieben sich in Schweizermädchen, genauso wie sich ein Schweizer in eine Ausländerin verliebt. Das war schon nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall, als vermehrt Österreicherinnen und Italienerinnen in unseren Fabriken arbeiteten.

Wir dürfen uns nicht vom politischen Gesäusel irritieren lassen, dass nur integriert sei, der Mundart spricht. Wie sollte die Schweiz in der globalisierten Welt bestehen können, ohne die zahlreichen Ausländerinnen und Ausländer? Wir sind nun einmal ein multikulturelles Land geworden. Unsere zentrale Aufgabe besteht darin, eine neue Vielheit in der Einheit zu schaffen. Warum polemisieren diejenigen, die es anders sehen als ich, nicht gegen die reichen Amerikaner und Russen, die in Parallelgesellschaften leben? Warum fühlt sich der «Ägeritaler» bemüssigt, einen Beitrag English text on page 5 zu bringen, wo auf dem Titelbild die Morgartenschützen im Stroh liegen? Und warum tut er dies nicht auch auf Türkisch? Da stimmt doch einfach etwas nicht. Offensichtlich erliegen die vielen englischsprechenden Menschen dem Charme des Schwyzerdütsch auch nicht und sie sind dankbar, wenn ihnen das «Ägeri Valley» mit seinem Brauchtum in ihrer Muttersprache näher gebracht wird. Und dass ein Gunter Sachs seine Brüder als Deutsche Michels anredet, besitzt nicht viel vom Charme der Bourgeoisie, wie Arrogante eben selten besonders charmant sind.