Auch Götter verschwinden

Auf der Insel Lesbos, wo ich kürzlich meine Ferien verbracht habe, entdeckte ich an den Häusern Stromzähler der Firma Landis&Gyr. Sie lösten nostalgische Gefühle und Überlegungen aus, denn der Name das Zuger Industrieunternehmens ist für die ältere Generation noch immer wie eine Legende – ähnlich wie es einem mit manchem Namen der griechischen Götter ergeht, die auch nur noch in Geschichten weiter existieren. Derjenige von Landis&Gyr hat glücklicherweise überlebt, dank der gleichnamigen Zuger Kulturstiftung.

Lesbos ist eine schöne, aber karge Insel. Vom Massentourismus blieb sie bis heute verschont. Die Dörfer sind intakt und weisen eine gut erhaltene, traditionelle Architektur auf, wie sie zum Beispiel noch im Goms anzutreffen ist. Molyvos mit seinen engen Gassen und den gut in den natürlichen Abhang eingepassten Häusern hat mich bezaubert. In Skala Sikamineas wiederum ass ich einen Hummer. Das Meer leuchtete und die kleine weisse Kirche auf einem Felsen reflektierte das Sonnenlicht. Am Strand von Eresos stand ich auf dem hohen, steilen Riff, von dem die antike Dichterin Sappho in den Tod gesprungen sein soll. Von ihren Götterhymnen, Hochzeits- und Liebeslieder ist das Meiste verloren gegangen. Folgender schöne Vierzeiler wird ihr zugeschrieben: «Es tauchte der Mond schon unter - / Das Siebengestirn – nun Mitte / der Nacht – es verstreicht die Stunde - / Ich selbst aber schlafe allein.»

Durch uralte Olivenhaine und Kiefernwälder fuhr unsere Reisegruppe an einem andern Tag nach Agiasos und stieg dann auf den tausend Meter hohen Olymbos (nicht zu verwechseln mit dem berühmten Olymp, auf dem Zeus, der höchste griechische Gott und Feind aller Irdischen, herrschte). Ich hingegen erkundete den Ort, wo die orthodoxen und traditionellen Werte besonders gepflegt werden. In der prächtigen Kirche fand gerade eine Taufe statt. Die Priester bereiteten sie mit langen Gebeten und Gesängen vor. Endlich war es so weit: Der etwa viermonatige Knabe wurde entkleidet. Der Mesner schüttete Wasser in das Taufbecken. Die Patin hielt den Knaben, der so schön wie Adonis war, über den Kessel: Der Pope salbte ihn an allen sensiblen Körperstellen, dann tauchte er ihn dreimal bis zum Hals ins Wasser. Wenn er ihn wieder emporhob, lächelte der Knabe und zeigte stolz seine junge Männlichkeit. Er sah aus wie das Jesuskind, das wir auf italienischen Gemälden der Renaissance bewundern. Kaum war dieser Teil der Zeremonie beendet, steckten die Frauen den Täufling mit einer gewissen Hast in schöne Kleider. Der Pope nahm nun das Weihrauchfass und schritt dreimal um das Taufbecken. Als würde er alle vier Himmelsrichtungen abschreiten, schwang er, zwischendurch innehaltend, das Weihrauchfass. Er räuchert die im Taufbecken abgestreifte Erbsünde aus, ging mir durch den Kopf. Der Mutter mit dem Knaben gebot er, sie solle sich immer vis-à-vis von ihm aufstellen. Nach Abschluss dieser Liturgie hiess er sie nach vorne, zur wundertätigen Gottesmutterikone gehen. Dreimal musste sie den Boden berühren und dreimal das Gnadenbild küssen.

Während unseren Reisepausen, und wenn wir nicht gerade einen Jass klopften, beschäftigte ich mich mit den Göttern Griechenlands. Sie alle sind verschwunden, und hätten Dichter nicht von ihnen erzählt, gäbe es keine Überlieferungen, dann wären sie längst im sternenreichen Äon untergegangen, hätten nicht überlebt. Wie die schöne Helena zum Beispiel, die zum Auslöser des Trojanischen Kriegs wurde. Später brachte Odysseus die List mit dem berühmten Pferd vor, um Troja einzunehmen. Ohne die Hilfe von Hermes und der Göttin Pallas Athene wäre der listenreiche Held allerdings nicht von Troja nach Ithaka zurück, zu seiner Penelope gelangt. Oder Zeus, der sich einmal in einen Stier verwandelte, und auf seinem breiten Rücken Europa trug, die Tochter von König Agenor, damit er sich mit ihr an einen idyllischen Ort vergnügen konnte. Hera, seine eifersüchtige Gattin zürnte ihm und es kam zu olympischen Streitigkeiten.

Auf einmal ging die Phantasie mit mir durch. Plötzlich dachte ich an die Götter unserer Zeit, von denen in der Boulevardpresse jeden Tag zu lesen ist; an Shootingstars, die einen Schweif hinter sich nach ziehen; an Silvio Berlusconi und seine Frau Veronica Lario, die einen olympischen Streit entfachte, als ihr Mann einem hübschen 18-jährigen Mädchen zum Geburtstag einen teuren Anhänger geschenkt hatte und in seinen Palast Gespielinnen einlud. Noch immer streitet Veronica mit ihrem Noch-Gatten, der sich nicht sich davon stehlen kann, in Gestalt eines Stiers.

Dann fiel mir Apoll ein, der Daphne, einer schönen Nymphe, nachstellte. Als sie nicht mehr aus noch ein wusste vor Erschöpfung, bat sie ihren Vater, Flussgott Peneios, um Hilfe, und verwandelte sich in einen Lorbeerbaum. Wenn ich den Sprung in die Jetztzeit mache, kommt mir der Meteorologe Jörg Kachelmann in den Sinn. Hätte sich die damalige Geliebte, an jenem besagten Winterabend, in eine Orchidee oder in einen Kaktus verwandelt, gäbe es für die Boulevardzeitungen nichts zu berichten.

Als mir Hephaistos, der griechische Gott des Feuers, der Künste und des Schmiedehandwerks einfiel, musste ich den Gedanken abwehren, an Christoph Blocher zu denken. Der Kunstsammler schmiedet ja noch immer Pläne und sorgt damit für heftige Debatten. Aber - Sie wissen es auch - im Halbschlaf geht einem gar vieles durch den Kopf, Je mehr man sich gegen aufsteigende Bilder und Namen zu wehren beginnt, desto bedrohlicher besetzen sie die Einbildungskraft. Mein Wachtraum fand dann doch ein gutes Ende. Ich sagte mir, genauso wie die griechischen Götter verschwunden sind, werden die Stars und die Grössen unserer Zeit verschwinden.

Die Dichterin Sappho wird überleben. Seit ich ihre Lebensgeschichte und viele der ihr zugeschriebenen Gedichte und Ratschläge gelesen habe, übt sie sogar einen gewissen Einfluss auf mich aus, werde ich doch künftig ihren Rat ernst nehmen: «Macht sich in deinem Herzen Zorn breit, nimm sie in acht, die eifernde Zunge.» Im Augenblick auf mich gemünzt: Nimm die eifernde Schreibhand von den Computertasten!