Vom Schalter- und vom Formulargefühl

Viele Menschen begegnen dem Staat nur am Rand, berühren quasi nur seine Haut, dabei kriegen sie manchmal fast Hühnerhaut. Wenn sie zum Beispiel an einen Schalter treten, erleben sie ein Schaltergefühl; beim Ausfüllen eines Formulars sind sie vielleicht unsicher, ob sie wirklich alles richtig machen. Besonders bei einer alljährlichen Steuerdeklaration fühlen sie sich überfordert. Diese drei Varianten von Gefühlen sind es, die mitbestimmen, welch Meinung sich ein Bürger über den Staat bildet.

Das Schaltergefühl: Du kommst an den Schalter in einem Amt. Eine nette Person fragt dich: «Was kann ich für Sie tun?» Dem angeschlagenen Ton entnimmst du, dass die Person freundlich ist und du fühlst dich erleichtert. Ein paar Wochen später trittst du vor einen anderen Schalter. Du wirst vom Beamten hinter dem Glas skeptisch begutachtet und schliesslich gefragt: «Was wollen Sie?» Du bist leicht verdattert und bemerkst, wie der Angestellte sich wie ein Frosch aufbläht. Das Gespräch verläuft harzig, weil du vielleicht ein bisschen stotterst. Zugleich wird der Mann hinter dem Schalter grösser und breiter. Du spürst und siehst, wie er die ganze Macht seines Amtes ausspielt. Dein mulmiges Schaltergefühl verstärkt sich. Du denkst, ich bin zugleich Steuerzahler, zwar eher ein kleiner, aber immerhin bezahle ich auch einen Teil seines Lohnes. Du realisierst, während dich der Beamte warten lässt, wie er vor dem Metallschrank mit einer Kollegin schäkert. Du fühlst dich nicht ernst genommen. Du findest nicht gleich das richtige Wort, wenn er zurückkommt. Er sagt: «Was glauben Sie eigentlich, wir hätten nichts Wichtigeres zu tun?»

Ähnlich erging es einmal meiner verstorbenen Frau. Sie suchte damals die kantonale IV-Stelle, um eine Angelegenheit für die Kinder zu erledigen, deren Vormund sie war. Dabei wurde sie äusserst schnöde behandelt. Als sie nach Hause kam, sagte sie, noch immer erbost, zu mir: «Heute habe ich zum ersten Mal von der Frau Regierungsrat Gebrauch gemacht.» Plötzlich sei die Beamtin «scheissfreundlich» gewesen, entschlüpfte ihr das saloppe Wort. Wir diskutierten eine ganze Weile über den Vorfall.

Das Formulargefühl: Eines der schlimmsten Gefühle beschleicht den Bürger, wenn er ein Formular ausfüllen muss, gespickt mit bürokratischen Wendungen, die er zum ersten Mal liest. Er sitzt vor den Blättern, die ihm rätselhaften bleiben und beschliesst zögernd das Amt anzurufen. Eine junge Frau, die in der Formularsprache bestens bewandert ist, faucht ihn an und sagt: «Schauen Sie doch im Internet nach. Dort ist alles erklärt». Und als er zaghaft einen Satz mit: «Aber …» einleitet, spürt er den Unwillen am anderen Ende der Telefonleitung. Er wird wütend, legt auf und der Feierabend ist gelaufen. Da er eine solche oder ähnliche Situation schon früher erlebt hat, bekommt er garantiert einen Formularkomplex und Kopfweh oder er trinkt in den Ärger hinein mehr als einen Schluck Rotwein, damit er dennoch schlafen kann.

Das Steuerformular: Die negativen Schalter- und Formulargefühle machen ihn leicht verdriesslich, und immer, wenn wieder ein Formular ins Haus flattert oder ihm eines zum Ausfüllen vorgelegt wird, spürt er, wie er anfängt zu schwitzen. Und wenn dann noch die alljährliche Steuererklärung eintrifft, sagt er sich: «Und das soll ich für den Mann hinter dem Schalter ausfüllen!» Der Bürger legt die Wegleitung und das Formular zur Seite und vergisst es auszufüllen, bis eine Mahnung kommt.

Nun, ich gebe es zu: Im Allgemeinen werde ich immer höflich behandelt. Natürlich versuche ich es schon beim Grüssen mit einem charmanten Lächeln, um unter Umständen eine gewisse Verlegenheit zu überspielen. Ich spiele dann noch ein wenig die Rolle des alten Manns, der nicht mehr so recht drauskommt. Lobe auf Vorschuss den Schalterbeamten und versuche mir nach der Theorie der Schmeicheleinheiten vorzustellen, wie viele für ihn anzeigt wären. Die Zahl der Einheiten ist freilich nicht leicht abzuschätzen, um sicher zu sein, dass sich der Herr hinter dem Schalter wirklich geschmeichelt fühlt. Da gehört schon ein bisschen Psychologie dazu. Und ist dir schon beim Gang aufs Amt und beim ersten Blick Richtung Schalter das Lachen vergangen, dann findest du auch den richtigen Humor nicht, der jede heikle Situation meistert. Wie glücklich bist du dann, wenn dir ein echtes, hilfreiches Lächeln entgegenkommt. Es rettet in Sekundenschnelle die Situation, denn ein Lächeln weist die höchste Sprengkraft auf, um aus einem «Niedsimuul es Obsimuul» zu machen.

Einem Staat, der dir am Schalter und beim Ausfüllen von Formularen hilfreich entgegentritt, gibt man gerne, was des Staates ist und reicht somit auch rechtzeitig die Steuerdeklaration ein. Man erinnert sich, was die Gemeinde alles für die Bewohner tut. Die Männer in den orangen oder gelben Overalls fallen einem auf, die zum Beispiel die Abfallkübel leeren und die Zigarettenstummel beseitigen. Und wer gerade die Steuererklärung ausgefüllt hat, wirft die Kippe nicht einfach auf den Boden. Wenn ein Erwachsener seinen Zigarettenstummel im öffentlichen Raum wegwirft, überlege ich mir als Nichtraucher, ob er es allenfalls wegen nicht verarbeiteten Schalter- und Formulargefühlen tut oder einfach aus Gedankenlosigkeit. Aber das sind freilich nur Vermutungen. Der langen Rede kurzer Sinn: Mit seinem Auftritt «an der Front» gibt der Staat zugleich seine Visitenkarte ab. Frustrierte Beamte sollten die Behörden in den hinteren Räumen beschäftigen und nicht am Schalter.

Der Atem der Eros

Ende September brachte die «Neue Zuger Zeitung» im ersten Bund drei Artikel, die mehr gemeinsam hatten, als vielleicht zuerst gedacht. Da machte sich der Philosoph Roland Neyerlin Gedanken über den unbehausten Menschen und schrieb: «In unseren hochkomplexen, superindividualisierten, mobilen und radikal pluralistischen Gesellschaften, drohen Sinnwüsten, Identitätsverlust, Orientierungslosigkeit und Entwurzelung».

Im Weiteren las ich von der Theaterfrau Annette Windlin, dass sie eine Aufführung von Oskar Panizzas (1853-1921) «Liebeskonzil», eine Himmelstragödie, in Brunnen auf die Bühne bringen will. Das Stück galt bei seinem Erscheinen als obszön und skandalös und wurde verboten. Annette Windlin sucht aber nicht den Skandal, sondern vermerkte: «… dass der Herrgott die Macht über seine Schöpfung verliert, dass er mit dem Teufel paktieren muss, das ist eine theatralische Steilvorlage. Und eine höchst brisante und aktuelle Geschichte.»

Zu guter Letzt fand ich einen Bericht zur Kunstausstellung «Avemaria» in Sursee, die sich mit dem Bild der Gottesmutter befasst. Dazu hiess es: «Maria steht in mythischem Zusammenhang mit vorchristlichen Erd- und Fruchtbarkeitsgöttinnen. Eine Linie führt von ihr zurück ins Alte Testament (…), zu der schwarzen Schönen des Hohelieds’ und zu Eva, deren Sündenfall sie aufhob.» In einem speziellen Saal beweisen Skulpturen, «wie in der Kunst die Muttergottes sich aus der bäuerisch einfachen Frau zur schönen Adligen wandelt».

Die Entwurzelung des Menschen, der Verlust der Macht Gottes über die die Schöpfung und ein Marienkult, der heutzutage weder Halt noch Geborgenheit bietet, bezeugen unter anderem die Verunsicherung des modernen Menschen. Wo findet denn der Mensch von heute noch Halt? Vielleicht sollte er die alten Götter heraufbeschwören, und unter ihnen ganz besonders den Eros. Die Griechen verehrten ihn als Leben schaffende Urenergie, als jene Kraft des Begehrens, die zwischen Gott und den Menschen vermittelt. Seine Eltern waren Poros und Penia, was soviel bedeutet wie Überfluss und Mangel. Eros galt im Altertum als universelles Prinzip des Einen, sich Entzweienden und doch mit sich selbst Einigen. Könnte diese Charakterisierung nicht auch für das moderne Individuum gelten?

In der globalisierten Welt von damals verehrten auch die Römer den Gott Eros. Die entzweite Welt sollte sich einigen. Sie bauten deshalb das Pantheon, den aussergewöhnlichen architektonischen Tempel, der allen Göttern geweiht war und ihnen Gastrecht bot. Im Pantheon konnte jeder Mensch seinen Gott verehren und damit sein metaphysisches Bedürfnis befriedigen. Um der Unbehaustheit des modernen Menschen, wie Roland Neyerlin den Zustand nennt, zu überwinden, bräuchte es vermehrt den Glauben an den Eros, die Urkraft des Lebens, an die gesamte Natur. In ihr waltet das Göttliche und man spürt dessen Atem. Doch noch immer nehmen zwei eine viel stärkere Position ein: es sind Mars, der Kriegsgott, und Hephaistos, der Gott der Schmiedekunst.

Darum postuliere ich den Neubau eines Pantheons mit einem prächtigen Altar für die schöpferische Urkraft des Lebens, die durch Eros abgebildet wird. Wer an einem solchen Ort Andacht halten würde, dem ginge es nicht um Kirchentürme, Minarette, Moscheen oder andere Tempel. All diese Bauwerke hätten nebeneinander Platz. Der Betende bräuchte sich auch nicht zu überlegen, ob Gott wirklich die Macht über die Schöpfung verloren habe, und sich nicht zu fragen, ob der Ursprung des Marienkultes auf die griechische Fruchtbarkeitsgöttin Demeter zurückzuführen sei. Die eine Natur steht über allem.

In einem Berner Wohnquartier steht eine markante Eiche, die Giebel vier- und fünfstöckiger Häuser in der Nachbarschaft überragt und deren Stamm so dick ist, dass sieben Erwachsene benötigt werden, um ihn zu umfassen. Wer unter dieser mächtigen Eiche durchgeht, die ein Menschenalter älter ist als ich, spürt den Atem des Eros. Ähnlich ergeht es mir auf der Rigi, wenn die Sonne aufgeht, der Himmel sich rötet und das Licht ganz leise und feierlich die weissen Spitzen der Berneralpen zu beleuchten beginnt; dann atme ich den Geist des grossen Gottes, des Einen sich Entzweienden und doch Einigen. Auch wenn ich grosse Werke von schöpferischen Menschen aus einem manchmal etwas verengten Blickwinkel betrachte, erkenne ich, wie sie jenem Geist verwandt sind, der über der Welt und der Erde schwebt, dem Geist der liebt, was Menschen geschaffen haben noch schaffen werden.

Im Pantheon, wo die Götter der Religionen vereint sind und geachtet werden, drohen keine «Sinnwüsten», braucht sich der andächtige Mensch nicht vor einem «Identitätsverlust» zu fürchten oder unter «Orientierungslosigkeit» zu leiden. Er kann Asyl bei Eros, dem Urgrund der Natur, finden. Eros hat von der Mutter den Überfluss und vom Vater den Mangel geerbt. Wer ihm dient, weiss, dass es um die Welt gut bestellt wäre, wenn diese sich die Waage halten und sich im Gleichgewicht befinden würden. Ein Politiker, der sich mit dieser Haltung der Staatskunst annimmt, weiss, dass eine Gleichgewichtslage dem Menschen den grössten Handlungsspielraum offen lässt. Da braucht «Gott mit dem Teufel» keinen Pakt zu schliessen, um die Welt in Ordnung zu halten. Die Natur in ihrer Gesamtheit gibt sie ihm vor. Vielleicht fühlt sich der Mensch nur dann unbehaust, wenn er den Atem des Eros nicht mehr spürt.

Moskauer Schwartenmagen

Mit der Einladung einer Schriftstellerin flog ich Ende Juli nach Moskau. Ich wurde am Flughafen Domodedovo abgeholt. Zehn Tage Moskau: das sind zehn Tage voller Strapazen. Was ich alles erlebt habe, würde zwei Seiten der NLZ füllen. Meine erste Begegnung mit der russischen Hauptstadt begann in der Metro. Einige der Stationen wirkten auf mich wie unterirdische Kathedralen. In den folgenden Tagen schloss ich mich einer deutsch sprechenden Reiseführerin an, die mich zu weiteren sehenswerten U-Bahnstationen führte, etwa zu der unter dem Revolutionsplatz, die 1952 zu Stalins Zeiten gebaut worden war. In Bogennischen stehen 80 Eisenplastiken, die Sowjetmenschen abbilden: darunter: Soldaten, Matrosen, Frauen und Männer aus dem Volk. Aber da gibt es auch einen Hund. Seine Schnauze ist völlig abgeschabt. «Die Leute streifen mit der Hand darüber und erhoffen sich davon ein bisschen Glück», führte meine Reiseführerin aus. Ähnlich strapaziert wirkt das Gefieder des Hahns in den Armen eines Mädchens. «Den Hahn streicheln, bedeutet Hoffnung auf Reichtum, enttäuschte Liebhaber dagegen berühren das Bein des Mädchens», lachte die Frau.

Täglich benützen 9 Millionen Menschen die Metro. Ein 300 Kilometer weites Schienennetz verbindet 250 Stationen. Zur tiefstgelegenen Station fährt man vier Minuten lang auf der Rolltreppe. Zur Stosszeit herrscht ein Riesengedränge, und doch wirken die Moskauer seltsam gelassen und ruhig. Mir und anderen älteren Menschen boten jüngere Passagiere in der Bahn sofort einen Platz an. Stellen Sie sich diese Situation mal in einem unserer Busse vor!

Ich hatte das grosse Glück, dass mich auch die Schriftstellerin, die Deutsch kann, begleitete und mich mit einem Kollegen, einem Lyriker bekannt machte, der wiederum mit mir französisch sprach. Sie führten mich in ein Literaturhaus, das noch den Geist der Sowjetunion atmet. Die Serviererinnen trugen weisse Häubchen und Schürzen. Ob ich ein typisches russisches Menu kosten wolle, fragte mich der Gregorj. Als ich bejahte, wurde mir als ersten Gang Schwartenmagen aufgetragen. Zuerst war ich überrascht, dann schaute ich misstrauisch auf das Schweinefleisch mit Sülze. Schon als Kind hatte ich den Schwartenmagen nicht gemocht. Ich spiesste tapfer die Bissen auf, kaute sie kaum und schluckte sie rasch hinunter. Dann folgte eine Suppe und als Hauptgang ein grosser Teller mit Eierschwämmen und Spätzle.

Am nächsten Tag fuhren wir mit Hunderten von Verehrern des grossen Dichters Alexander Blok (1880-1921) aufs Land. Hei, war das ein fröhliches Fest! In der Nähe von Bloks Landhaus, auf einer Anhöhe gelegen, wurde drei Stunden lang rezitiert, deklamiert, gesungen und musiziert. Obwohl ich kein Wort Russisch verstand, faszinierten mich die unterschiedlichen Auftritte. Auch Grigorj trug drei wohlklingende Gedichte vor. Doch auf einmal begann mich der Schwartenmagen vom Vortag zu plagen und ich flüchtete in den nahen Wald.

Zwei Tage später besuchte ich den Ehrenfriedhof. Er ist riesengross. Wo die Sowjetgeneräle und die Vertreter der Politikerkaste liegen, sieht alles sehr gepflegt aus. Die Gräber der Dichter und Denker werden hingegen von Unkraut überwuchert. Chruschtschows Büste ist von zwei Marmorstelen eingefasst, die eine weiss, die andere schwarz. So sei er gewesen, er habe zwei Seiten gehabt, wie auch Jelzin. Raissa Gorbatschowa wird mit einem schönen Denkmal verehrt. Ich wollte aber auch ich die Gräber der grossen Literaten sehen: Gogol, Tschechow, aber auch diejenigen der Musiker Skrjabin, Prokofjew, Schostakowitsch, des Filmemachers Eisenstein und von anderen. Als wir auf dem Weg zufällig beim Denkmal des Politikers Anastas Mikojan vorbeikamen, erzählte mir die Begleitperson, einmal, als es zu regnen begonnen habe, habe man dem alten Bolschewiken, der unter Stalin eine führende Rolle gespielt hatte, einen Schirm angeboten. Er brauche keinen, denn als Armenier schlängle er sich stets zwischen den Regenfäden durch, gab er zu Antwort. Kein Wunder, hatte er doch Stalin und Chruschtschow überlebt und war unter Breschnew Staatsoberhaupt der Sowjetunion gewesen.

Moskau ist gigantisch, alles schiesst ins Monumentale und Monströse. Von den Hochhäusern mit den Türmen, sagen die Moskauer, es seien Stalin-Kathedralen. Auf dem Platz der «Sowjetischen Errungenschaften» stand ich vor dem Riesendenkmal: Ein dem Raketenschweif nachgebildeter Bogen trägt einen vergoldeten Sputnik ins Weltall. Imposant stehen Juri Gagarin und andere Weltraumhelden daneben. Auf einem alle Dimensionen sprengenden Platz mit zwei Triumphbogen findet heute eine Art westlicher Jahrmarkt statt. Stalin hätte wenig Gefallen an dem Treiben auf seinem «heiligen» Boden.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt wird weiterhin im Skulpturenpark gearbeitet. Der Park bietet eine spezielle Mischung von Denkmälern mit sowjetischen Führern, die längst niemand mehr haben will und Arbeiten zeitgenössischer Künstler. Eines Tages werden vielleicht alle Sowjethelden durch Plastiken ersetzt werden, die weniger auf den Magen drücken. Jedenfalls kam mir dieser Park wie Schwartenmagen vor, wie manch anderes, das ich in der russischen Hauptstadt beobachtet habe.

Begeistert war ich dennoch immer wieder aus Neue. Mitten in der Grossstadt entdeckte ich ein Idyll, nämlich das ehemalige Stadtwohnhaus von Lev Tolstoj, dem grossen Dichter von «Krieg und Frieden» und «Anna Karenina». Ich bewunderte in dem Haus nicht nur das Bärenfell, das dem Tier abgezogen wurde, nachdem es Tolstoj beinahe getötet hätte, sondern auch die Ballkleider seiner Frau Sofja und der Töchter. Das Haus steht am Rande eines kleinen Parks und strahlt die Ruhe einer längst vergangenen Zeit aus.

Arbeiten ist nicht bloss Mühsal

Liebevoll sagte der Vater zum kaum vierjährigen Knaben auf dem Weg zum Meer: «Cinque é più di quattro». Einmal stand ich mit dem Sonnenschirm unter dem Arm vor einem Bübchen, das gerade erst richtig laufen gelernt hatte. Es schaute mich mit seinen dunklen, grossen Augen sehr lange an, als wäre ich ein Weltwunder. «Er wird ein Philosoph!», lächelte ich zur Mutter. Die Ankündigung Berlusconis mit einer neuen Partei wieder an den Wahlen 2013 als Spitzenkandidat teilzunehmen, kommentierten meine Freunde unter dem Sonnenschirm mit «Knallkopf» und «Coglione». Ein Wort, mit dem der Cavaliere vor seiner letzten Wahl diejenigen, die ihn nicht wählen wollten, bezeichnet hatte; sie seien Schlappschwänze, eben coglioni.

In einer Glosse unter der Rubrik «Zigzag» zitierte Giovanni Scipioni in «La Repubblica» vier Kollegen, die erzählten, warum sie gerne in die Berge gehen. Das Geheimnis der Berge sei der Wind, der aus den Klüften steige und um die Gipfel brause, in einer Landschaft von Ewigkeit und Beständigkeit. Der Zweite meinte, er nähere sich bergauf dem Himmel. Der Dritte, er wandere in der Dunkelheit auf einen Gipfel und erwarte in der Dämmerung das Erwachen des Tages und die aufsteigende Sonne. Für den Letzten endlich hat der Berg eine Stimme, die zu ihm spreche. Das sei ein Akt der kompletten Liebe. «Mit dem Kopf zwischen den Wolken» hiess der Titel der Glosse. Habe ich nicht bei der Hin- und bei der Rückfahrt kleine Dinge erlebt, die mir den Kopf ein wenig zwischen die Wolken hängten?

Bevor ich ans Meer fuhr, hielt ich mich zwei Tage bei meinem Schwager in der Provinz Belluno auf. Er fuhr mit mir und meiner Schwester ins Val de Mis, in die Dolomiten. Auf einem Fussweg stiegen wir zum Wildbach Brenton hinauf. Der Bach hatte in Jahrmillionen 15 kleine Becken in das Gestein gefressen, und chemische Reaktionen hatten geholfen, sie auszuhöhlen. Fünfzehn Wasserbecken, grössere und kleinere, die das Wasser sammeln, liegen dort wie auf Treppen. Der Bach springt von einer Stufe zur nächsten, nimmt bei hochgehendem Wasser Schotter und Steine mit, wirft das Geschiebe über das nächste Felsband und wälzt es durch die aufnehmende Schale, bis er es schliesslich in den grösseren Mis trägt. Die Becken glitzerten grün im Sonnenlicht, von weit oben leuchteten sie aus dem dunklen Wald wie wilde Katzenaugen. Das war mein «Gesang der Geister über den Wassern» (Goethe).

Am darauf folgenden Tag fand im Dorf Sospirolo eine Sagra, eine Chilbi, zu Ehren der Apostel Peter und Paul statt. Das Volk strömte zusammen und amüsierte sich bei Speis und Trank und Musik. Die Einheimischen begrüssten gut gelaunt auch die Heimwehitaliener aus der Schweiz und aus Deutschland. Die Auswanderer haben sich in der Fremde eine Existenz aufgebaut. Sie kehren Jahr für Jahr, von Sehnsucht getrieben, zurück. Unter ihnen befinden sich viele Gelatiers und Pizzabäcker. Neben dem Zelt erinnerte eine Fotoausstellung an die Zeit der Auswanderung. «Laorar no l’e sol fadiga»; stand in Mundart auf dem Prospekt und mein Schwager übersetzte: «Arbeit ist nicht bloss Mühsal.» Eine Familie war in den Kanton Aargau ausgewandert. Eine weitere Photographie zeigte einen stolzen jungen Mann neben einem Auto mit Milchkannen. «Mein Bruder hat mit dem Patron Milch in die Läden und Haushalte getragen.» Ich studierte die Gesichter etwas genauer. War da nicht vielleicht der Giovanni von Belluno zu finden, der nach dem Krieg kurze Zeit bei uns als Knecht gearbeitet hatte und dessen hagere Gestalt und sein ausgemergeltes Gesicht mir im Gedächtnis haften geblieben sind?

Wenn ich vom Meer zurückfahre, führt mich der Weg über die Berge, in die Dolomiten oder durch den Vinschgau und über Pässe nach Hause. Ich erlaube mir jeweils einen Zwischenhalt und übernachte unterwegs. Diesmal entschied ich mich für Glurns. Ich wollte meinem Bruder und der Schwägerin, die ich auf den Zeltplatz eingeladen hatte, dieses zauberhafte kleine Städtchen zeigen. Auf dem Hauptplatz fand gerade ein Markt statt. Und da ich versäumt hatte, ein kleines «Bhaltis» zu kaufen, schlenderte ich von Stand zu Stand. Ein Südtiroler bot Schokolade an und gleich daneben eine Bäuerin verschiedene Schnäpse. Als mich der nette Verkäufer als Schweizer erkannte, liess er mich seine Produkte kosten und sagte: «Das ist ein gefülltes Matterhorn.» Ich lachte. War das ein Witz? Er beharrte darauf, indem er mir ein weiteres mit einer anderen Füllung gab: «Beste Schweizerschokolade!» Wieder lachte ich. «Von Felchlin!» Mit diesem Namen hatte er mich überzeugt. Dann reichte er mir ein schwarzes Täfelchen. «Wir produzieren aus getrockneten Früchten, Beeren und Nüssen ein Füllung und verfeinern die Pralinees und Schokoladen.» Und schon hatte ich einige Tafeln gekauft.

Plötzlich streckte er mir ein Messer entgegen. «Ein Messer von Victorinox!». Ich schaute ihn fragend an. «Dank Victorinox können wir unser Marmorwerk in Laas wieder rentabel betreiben. Die Firma in Ibach verkauft unseren Marmor in aller Welt, in Amerika und Australien und …Kommen Sie nach Laas. Ich zeige Ihnen das Marmorwerk. Sie werden sehen, es ist imposant.» Erfreut in Glurns gleich zwei Unternehmen aus dem Kanton Schwyz zu begegnen, versprach ich ihm das Buch «Victorinox – die Messermacher von Ibach» von Heidy Gasser, aus der Reihe «Innerschweiz auf dem Weg ins Heute», zu schicken. Die Bäuerin bot mir zur Degustation Marillenschnaps und an andere Schnäpse an. Am Ende schien mein Kopf auch in den Wolken zu bammeln. Mental war ich in der Schweiz, real aber in Glurns. Auf dem Weg zum Hotel Post dachte ich: «Arbeiten ist nicht bloss Mühsal.»

Sachzwangst

Im Breitenrainquartier, an der Berner Tramlinie Nr. 9, hat zu Beginn der 90er Jahre ein Sprayer die Wortkreation «Sachzwangst» an eine Hauswand geschmiert. Als ich sie entdeckte, habe ich zuerst gestutzt. Auf der Weiterfahrt fand ich den Ausdruck, zusammengesetzt aus Sache, Zwang und Angst, mehr als nur treffend. Heute ist er topaktuell. Der Club of Rome zeichnete in seiner neuesten Studie vom Mai 2012, vierzig Jahre nach «Grenzen des Wachstums», ein düsteres Bild. Im Kleinen, in unserer Schweiz, schauen die Vermarkter der Skiarenen mit langen Gesichtern auf die schmelzenden Gletscher. Auf dem Gemsstock versuchen sie das Eis mit einer Plane gegen die Sonneneinstrahlung zu schützen. Auch der Permafrost schmilzt. Die kommenden Gewitter machen viele Menschen schon heute unruhig. Seit ein paar Jahren hatten wir uns doch so fein eingerichtet, dank all der technischen und sozialen Fortschritte, und jetzt diese Befürchtungen.

Der Fortschritt ist eben nicht nur Fortschritt, manchmal fragt man sich, wohin er führen wird. Im Bus und im Tram haben Sie bestimmt schon beobachtet, wie vor allem Jugendliche dauernd am Handy manipulieren, telefonieren oder es wird ihnen angerufen. Kürzlich sprang eine junge Frau an einer Haltestelle aus dem Bus, der Richtung Ägeri fuhr. Gerade war sie von ihrem Freund mit dem Natel erreicht worden. Er sei unten am See und trinke ein Bier, stellte sich für uns Mithörer heraus. Was denn, wenn die junge Frau kein Handy gehabt hätte? Stellen Sie sich die verpasste Chance einmal vor!

Über solche «Sachzwängste» kann ein älterer Herr freilich nur lächeln, obwohl die Handymanie auch viele Erwachsene erfasst hat. Vielmehr beschäftigt ihn, wie sehr die wirtschaftlichen Zwänge in den letzten Jahren zugenommen haben. Ein Wettlauf zwischen dem Erreichten und dem Erreichbaren ist entstanden. Firmen, die das Erreichbare mit neuen Innovationen ankündigen, haben die Nase vorn und zwingen die Konkurrenz möglichst rasch nachzuziehen. Wer auf dem Erfolg ausruht, stagniert und lässt sich überholen. Am Ende wird er vom Fortschrittssieger aufgefressen. Immer mehr wechseln Firmen den Besitzer, und erst kürzlich berichtete diese Zeitung, dass die Konkurse in den Schweizer Grossregionen stark zugenommen haben.

Der Fortschritt ist in sich unersättlich, denn je mehr erreicht wird, desto mehr wird erwartet. Der Fortschrittsdrang führt zu einem Wettlauf und unversehens fühlt sich der Mensch vom Wachstumszwang mitgerissen. Die sich rascher drehende Wachstumsspirale zwingt zu investieren, sowohl in Arbeitsplätze als auch in die neuste Technik. Wer investiert, muss mehr verdienen, um die Fixkosten bezahlen zu können und Gewinn zu generieren. Mehr Gewinn ruft nach weiteren Investitionen und schafft neue Fixkosten, die wiederum nur amortisiert werden können, wenn mehr produziert wird. Ohne Amortisation nimmt die Zinslast zu, also muss die Produktion nochmals gesteigert werden. Es braucht neue Fachkräfte, bessere und teurere Maschinen – unermüdlich dreht sich die Spirale. Die Folgen: «Wachstumszwangst» macht sich breit.

Der ehemalige St. Galler Professor für Volkswirtschaft Hans Christoph Binswanger fordert deshalb, ein «Vorwärts zur Mässigung»*. Die Realität des Geldes, sagt er, sei mit der Realität der Natur in Konflikt geraten. Der Wachstumsdrang müsse gebremst werden. Gewinnmaximierung und Spekulation würden zu Finanzblasen und Wirtschaftskrisen führen, aber die gegebenen Bedingungen unseres Geldsystems sähen kein Ende des Wachstums vor. Die Geldschöpfung sei zu einem Perpetuum mobile geworden, das keine Rücksicht auf die natürlichen Ressourcen nehme. So würden der Konflikt mit der Natur und die Krisenanfälligkeit immer grösser.

Politik und Wirtschaft haben bis anhin kein anderes Rezept gegen das wachsende Unbehagen gefunden als den Ruf nach mehr Wachstum. Wissenschaftliche Erkenntnisse nützten wenig, wenn die Politik sie nicht umsetze, meint Binswanger. Solange das traditionelle Gelddenken unangefochten die Politik beherrsche, werde sich nichts ändern. Es ist absehbar, dass die Geldindustrie von einer Krise zur nächsten schlittert.

Zurück zum Sprayer. Vor ungefähr zwanzig Jahren war der Begriff «Sachzwangst» noch visionär, ja prophetisch, heute hat er die Bühne längst betreten. Die Menschen realisieren, dass die Finanzmarktkrise noch nicht ausgestanden ist. Der Euro-Schuldenberg wird gar nicht mehr abgebaut werden können. «Neuwahlen in Griechenland – Europa zittert», lautet die Schlagzeile. Die Schweiz steht mitten drin, ob sie will oder nicht, und selbst wenn sie besser dasteht als andere europäische Länder, weiss im Augenblick niemand, wie sich deren Schuldengau auf unser Land auswirken wird.

Das Krüppelwort «Sachzwangst» ist eine Neuschöpfung, das die Unruhe widerspiegelt. Unruhe – in Liebesdingen allerdings – steckt auch in Christian Morgensterns (1871-1914) «Lieb ohne Worte», das erst kürzlich im «Tages-Anzeiger» abgedruckt worden ist. Die zweite Strophe – «Sei du meinst! / Komm Liebchenschte zu mir - / ich vergehste sonst / sehnsuchtsgepeinigst» – wirkt hingegen wie ein Spiel, eines, das mit seinen Superlativen überhaupt keinen Staub angesetzt, auch wenn das Liebesgedicht mehr als hundertjährig ist. Ist der Ausdruck «Sachzwangst» einmal so alt wie Morgensterns Gedicht, wird jedermann froh sein, wenn daraus kein Superlativ geworden ist.

* Hans Christoph Binswanger: Vorwärts zur Mässigung. Perspektiven einer nachhaltigen Wirtschaft, Hamburg 2010

Noch romantische Gefühle?

An einem wolkenlosen Tag im März plauderte ich mit einer Schriftstellerin am See. Wir schauten auf die schneeverhangenen Berge, sprachen über Literatur und Menschen und tranken einen guten Weisswein. Der Autor sei in seinen Gedanken weniger verlässlich als im Schreiben, behauptete ich. «Ja», meinte sie, «beim Schreiben tritt etwas hervor, von dem man von vorneherein nichts weiss.» Immer wieder mussten wir die Stimme heben, pausenlos dröhnte der Verkehr am Quai entlang. Stoppen! Nachrücken! «Ach ja», sagte sie plötzlich, «ich bin keine Romantikerin mehr. Das ist vorbei. Ich nehme das Leben, wie es ist, und was nicht zu ändern ist, lasse ich. Was sein muss kann sein, was aber sein kann, muss nicht immer sein.»
 
Auf einmal bog ein roter Ferrari donnernd ein und parkierte vor dem Hotel. «Wir leben in einer selbstverliebten Zeit. In ihr gibt es keinen Platz mehr für Romantik», sagte meine Kollegin nachdenklich. Sie klang resigniert, was mich leicht überraschte. «Sind nicht eher die Hetze und die Gier nach Vergnügen schuld, die jedes romantische Gefühl wegputzen», antwortete ich. «Woran mag wohl ein Ferrari-Fahrer denken?», unterbrach sie mich. Verlegen suchte ich nach einer Antwort: «Bestimmt liebt er sein Auto. Vielleicht ist dies eine moderne Form von Romantik. Einen Ferrari zu fahren, ist doch eine emotionale Angelegenheit.» «Was für eine männliche Antwort!», lachte sie und steckte mich damit an. Wir beobachteten, wie der Fahrer leicht an den Wagen lehnte und eine Zigarette rauchte.
 
Sie hatte meinen ironischen Unterton sehr wohl verstanden und wechselte das Thema. «Frühling lässt sein blaues Band / wieder flattern durch die Lüfte …» wie ein singender Vogel flog auf einmal ein wenig Romantik hinzu. Der blaue Himmel verlief vom Pilatus zur Rigi, kein Kondensstreifen trübte ihn, nur gerade das Horn eines Dampfers, der gerade anlegte, zerriss die Stimmung für einen Augenblick. Ich nahm den Vers auf: «Süsse, wohlbekannte Düfte / Streifen ahnungsvoll das Land.» Was habe doch das Gedicht für eine eigene Kraft, wir sollten aber unten an der Reuss weiterrezitieren, empfahl sie. Mit dem Blick auf die Wasservögel und auf den Fluss lasse sich die Stimmung besser bewahren.
 
Wir freuten uns darüber, dass wir das Gedicht auswendig aufsagen konnten, den einen Vers jeweils dem anderen weiterreichend: «Veilchen träumen schon / Wollen balde kommen.» Das sei von Mörike, unterbrach sie mich und fuhr gleich fort: «Horch, von fern ein leiser Harfenton! / Frühling, ja du bist’s! / Dich hab ich vernommen!»
 
Auf der Brücke beschleunigte ein Fahrer seinen Wagen und schloss lärmend eine Lücke in der Kolonne. Mir entfuhr; «Idiot!», vergass die Verwünschung aber schnell, denn unten an der Reuss herrschte eine Art Ferienstimmung. Wir sprachen am Wasser über die Schriftstellerei und machten uns ein paar Gedanken darüber, wie denn heute romantisches Glück in einem Text überhaupt beschwört und dargestellt werden könne, ohne dass es sofort kitschig und voller Metaphern wirke.
 
Nach dem anregenden Treffen fuhr ich nach Hause. Gegen Abend wanderte ich im Licht der untergehenden Sonne über den Panoramaweg am Hang über dem Tal. Ich schaute auf das immer noch wachsende Dorf, den See, die Berge. Buschwindröschen und Veilchen schmückten den schmalen Trampelpfad, sie lachten mich an, und schattenhalb blühte der Huflattich. Kleine Wunderwerke der Natur! Diesen Weg gehe ich oft, für mich ist er der Philosophenweg. Ich liess meine Gedanken über die Dächer des Dorfes schweifen. Manchmal lese ich auf einem Bänkchen in einem Buch. Diesmal blieb ich an einem Satz von Franz Tumler hängen: «Wir halten in uns Dinge für wichtig, die es nicht sind; und halten das Wichtige, das die andern sofort sehen und als unsere eigentliche Kraft oder Schwäche erkennen, oft nicht für der Rede wert.» Sollte jemand finden, mein Hang zu romantischer Dichtung seine Schwäche, dann würde ich es tatsächlich für nicht der Rede wert halten.
 
Der nächste Tag strahlte wieder wolkenlos. Kinder sprangen lachend und singend über den Panoramaweg. Werden sie in eine Welt hineinwachsen, die ihnen noch Raum für romantische Gefühle bietet? Ich beobachtete, wie sie bei einem frischen Erdloch stehen blieben, sich bückten, neugierig schauten und sich fragten, von welchem Tier es wohl stammen könnte. Als ich näher kam, schauten sie mich fragend an. Ich wusste nicht Bescheid. Ein Wiesel oder ein Marder? Ein grösseres Tier konnte es auf alle Fälle nicht sein.
 
Ich ging freudig meines Wegs und war glücklich, dass ich diese neugierig verspielten Kinder getroffen hatte. Jedes hatte ein Sträusschen Wiesenblumen in der Hand gehalten. Die Welt hatte für sie an diesem Tag einen eigenen Klang. Wie lange, dachte ich, widersteht ihr Gemüt der Sogwirkung der modernen Welt? Wird das Kind im Manne, in der Frau erhalten bleiben? Wird es ihnen vielleicht Spass machen, ein Gedicht auswendig zu lernen? Zwar wusste ich, «Poesie kommt immer zu spät oder zu früh, eine kräftige lebendige Gegenwart macht ihr den Platz streitig. Und das ist gut so», meinte Eichendorff, man soll zuerst die Poesie im Leben entdecken, ehe  man sie in die Wörterwelt einsperrt**, aber mir spendet sie halt schon heilende Kraft, auch wenn ich sie nur in einem Buch finde.
 
* Franz Tumler. Wie entsteht Prosa. Haymon tb.
** Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre. Hanser

Politische Phantomschmerzen

Auch der modernen Forschung gibt das Phänomen Phantomschmerzen noch immer Rätsel auf. Da gibt es zum Beispiel den Unterschenkelamputierten, der täglich Schmerzen im Glied verspürt, das gar nicht mehr vorhanden ist. Was soll dieser mysteriöse Schmerz ausgerechnet mit der Politik zu tun haben? Beschäftigt sie sich etwa auch mit Problemen, bei denen der reale Hintergrund schon abhanden gekommen ist, wenn eine Motion oder eine parlamentarische Initiative eingereicht wird. Darum möchte ich diese Frage anhand der Flut von Vorstössen im eidgenössischen Parlament zu beantworten versuchen, mit denen die Verwaltung auf Trab gehalten wird. Sie verursachen hohe Kosten, und dennoch werden sie jeweils nach zwei Jahren zu 80 Prozent summarisch abgeschrieben und lösen sich in Luft auf.

Es könnte sehr wohl sein, dass gewisse Vorstösse, die sich erst noch oft ähnlich sind, unter dem Einfluss von Phantomschmerzen eingereicht werden. Natürlich lassen sich diese nicht mit Elektrostimulation, Physiotherapie, Akupunktur oder Biofeedback behandeln, Methoden, die übrigens bei realen Schmerzen sehr wenig nützen. Während der letzten eidgenössischen Legislaturperiode wurden 7792 Vorstösse eingereicht, während es zwischen 2003-2007 «erst» 4346 waren. So ist etwa aktenkundig, dass der Nationalrat am 30. September 2010 14 Vorstösse zum Thema Wolf behandelt hat. Das war wohl ein Dutzend zu viel. Immerhin mag schmerzlindernd sein, wenn der eine oder andere Vorstoss beim Einreichen in der Presse wenigstens erwähnt worden ist.

Haben am Ende die FDP-Liberalen ihre leidige Initiative «Bürokratie-Stopp» wegen chronischen Phantomschmerzen lanciert? Die Partei hat grosse Mühe, die nötigen Unterschriften zusammenzubringen. Selbst eingefleischte Freisinnige unterschreiben nicht. Da nützt es auch nichts, wenn Nationalrat Otto Ineichen seine Ratskollegen stärker verpflichten will, damit jeder auch wirklich ein bestimmte Anzahl Unterschriften aus seinem Umkreis besorgt. Der wirblige Mann sollte wohl besser die Frage stellen, wie viele Vorstösse unser politisches System denn noch verträgt. Zudem bringt jedes Auftauchen eines Bärs, jede Krise, jeder neue Skandal so manchen Bundespolitiker dazu, rasch eine Eingabe einzureichen. Dabei wird gleichzeitig nach griffigen Gesetzen gerufen, und gibt der Bundesrat nach, gerät der Staat jedes Mal tiefer in den Paragraphenwald. Auch beim Fall Hildebrand wird die Gesetzesmaschine unnötigerweise wieder angeworfen.

Als die Initianten der «Anti-Minarett-Initiative» mit dem Sammeln der nötigen Unterschriften begannen, beschlich mich ein komisches Gefühl. Das Kribbeln in den Gliedern der Initianten habe ich förmlich gespürt. Doch damals wusste ich erst wenig über den medizinischen Fachbegriff. Ich erinnere mich, wie ich sagte, in der Schweiz würden Tausende Kirchtürme stehen, an Wegrändern Kreuze und Kapellen, da ertrage es gewiss das eine oder andere Minarett. Schliesslich gelte Abraham nicht nur als Stammvater der Juden und Christen, sondern auch der Mohammedaner. Anfang März ist eine CVP-Nationalrätin, geplagt von frischen Phantomschmerzen, mit ihrer parlamentarischen Initiative in der grossen Kammer durchgekommen, die verlangt, dass unsere Verfassung für christliche Symbole eine Sonderstellung vorsieht. Für was die Verfassung doch nicht alles herhalten soll!

Als der Ständerat am 8. März zwei sich widersprechende Motionen zur gleichen Materie gegen den Widerstand des Bundesrates überwies, war ich mehr als nur erstaunt: da soll der Bundesrat also die laufenden Gespräche über ein Agrar-Freihandelsabkommen abbrechen und andererseits in einem Bericht aufzeigen, wie eine schrittweise und kontrollierte Einführung des Lebensmittelfreihandels mit der EU möglich gemacht werden könnte. Als Ständerat Felix Gutzwiller nach der Abstimmung in den Vorraum des Ratsaales stürmte und auf Nationalrat Christophe Darbellay traf, soll er laut NZZ aufgeregt ausgerufen haben, das sei doch schizophren. Der Walliser, selber kein Verfechter des Agrarfreihandels, aber Mitverursacher der einen Motion, habe gelacht und geantwortet: «Das nennt man Politik!» Dennoch war die Überweisung in heikler Angelegenheit eine schlaue Lösung, denn bei künftigen kontroversen Diskussionen zum Agrarfreihandel kann sich nun jedes Ratsmitglied je nachdem auf die eine oder auf die andere Motion berufen.

Das beste Heilmittel dagegen verschrieb sich der 2003 verstorbene ehemalige CVP-Nationalrat und wortgewaltige Zuger Baudirektor Alois Hürlimann gleich selber. Mir hat er einmal gestanden, er habe während seinen Jahren in Bundesbern (1963-1979) höchstens drei vier Vorstösse eingereicht, jeder weitere wäre nutzlos gewesen. Vielleicht war dies eines seiner Rezepte, um entspannt zu bleiben und witzige Ansprachen zu halten. Aber dies allein war nicht der Grund, dass er viermal glorreich in den Nationalrat gewählt wurde. Er war ein Tatmensch und ein guter Verkehrspolitiker. Einmal führte er den Kantonsrat auf dem jährlichen Ausflug zu einer fast fertig gestellten Brücke und rief stolz: «Dafür habt ihr heute Morgen den Baukredit bewilligt!» Hürlimanns Auftritt löste an Ort und Stelle ein grosses Gelächter aus, aber da einige Gesetzespuristen dabei doch Phantomschmerzen verspürten, setzte es im Ratsaal ein Nachspiel ab. Er musste Red und Antwort stehen, was er wohl verschmerzt haben wird. Das Lachen jedenfalls verlor er zeitlebens nicht.

Götter im Exil

Seit der Zeit, als die griechischen Götter aus dem Olymp vertrieben wurden, leben sie im Exil. Heinrich Heine hat ihnen mit «Die Götter im Exil» eine spöttische Erzählung gewidmet, in der er berichtet, wie er sie an den Orten ihrer Verbannung gefunden habe. Jupiter zum Beispiel traf er im hohen Norden an, in einer jämmerlichen Hütte, sozusagen eingesargt in Eis und Schnee, neben ihm stand ein halbgerupfter Adler. Einst war er der Mächtigste im griechischen Götterhimmel, auch wenn er nicht etwa vorbildlich war. Vielmehr fiel er als Intrigant und Weiberheld auf. Hermes, der Gott der Diebe und der Kaufleute, tarnt sich mit einer Maske, und irrt als Heimatloser auf der Erde herum. Noch immer betätigt er sich als gerissener Briefträger der Götter. Und Pluto, der als Beschützer der Beschützer der Bodenschätze und des Reichtums galt, hält sich nun in der Unterwelt versteckt und sitzt «warm bei seiner Proserpina». Trotz des christlichen Anathemas, des Bannfluchs, habe sich seine Position in der Welt nicht verändert, meint der Dichter.

Heines Lachen über die exilierten Götter ist ansteckend. Blickt man in die Welt, so hat man den Eindruck, die Sagenfiguren seien noch immer aktiv. Die modernen Götter allerdings sind nur noch Halbgötter, und viele von ihnen leben heute im Exil; sei es, weil sie unfreiwillig geschickt worden sind, oder weil sie sich eines Tages einfach davongeschlichen haben. Dem Kolumnisten wurde von einem Bekannten, der gerne wandert, kolportiert, er habe O, den einst mächtigen Herrscher an der Spitze einer Bank, hoch oben am Hornberg im Saanenland, in einer alten, wettergegerbten Hütte hocken gesehen. Zuerst sei ihm aber der dünne Rauch aufgefallen, der aus dem Kamin stieg, und den der Wind auf das Dach drückte. Dann habe er doch gewagt, einen Blick durch das Fenster zu werfen und realisiert, dass O nicht allein war, sondern mit E zusammen, der gestikulierte und wahrscheinlich bei O einen Rat geholt habe. Vielleicht habe er von O wissen wollen, wie er sein Kapital zu einem Zinssatz von 18 Prozent anlegen könne. Zwar sei E selber so schlau wie einst Pluto gewesen war, und doch würde O bestimmt einige gute Tipps vorrätig haben. Eigenartig habe es den Spion am Fenster gedünkt, dass E in einer derart armseligen Hütte noch immer eine Fliege getragen habe, als wolle er auch einen Safe in der Unterwelt anständig gekleidet aufsuchen.

V, einst ein mächtiger Regierungsmann, kehrte nach seinem Rücktritt wieder aus dem Exil zurück und übernahm die Spitze jener Bank, die einst O geleitet hatte. Hier geriet er mit einem anderen Halbgott in Streit und realisierte bald einmal, dass er nicht viel zu sagen hatte. Jedenfalls gelang es ihm nicht, sich gegen die plutonischen Kräfte durchzusetzen und die masslose Gier einzudämmen. So musste er kapitulieren, verlor sein Gesicht und überlegte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, im stillen Exil zu verbleiben. Pluto ist ein mächtiger Verführer, und da er, wie Heine berichtet, im Schattenreich noch immer die Fäden zieht, war es eben nicht leicht, ihm zu widerstehen. Als letzte Konsequenz blieb V nur der Rücktritt. Regieren war für ihn bedeutend einfacher gewesen, als die plutonischen Mächte zu bändigen.

Heine hat recht, wenn er behauptet, Hermes – zwar im Exil – sei immer noch am Werk. Auch im Schattenreich der Finanzen zehrt er von seinem Vorleben und seinen Talenten. Hermes ist ja auch als Briefträger der Götter bekannt. Somit lässt sich von ihm sagen: ein Zuträger ist immer auch ein Wegträger. Gerade im jüngsten Fall des nunmehr exilierten H trifft dies zu. Da kann man eine ganze Kette von Zuträgern und Wegträgern namhaft machen. Einer ist zum Beispiel darunter, der hat sich sogar erfrecht zu lügen und vor aller Augen behauptet, er habe der Regierungsfrau keine Dokumente vorgelegt. Das erwies sich dann als ein typisch hermetisches Versteckspiel. Von Journalisten zur Rede gestellt, griff er in die Trickkiste und korrigierte, davonschleichend, es seien eben keine Originalpapiere gewesen.

Dieser B wollte, einmal im Besitz der Daten von H, den Sturz des von den Meisten in unserem Land anerkannten Präsidenten. Vom Sturz der Titanen erzählen zahlreiche griechische Sagen, und selbst die Olympier liessen sich von Skandalen nicht einschüchtern. B wusste natürlich, wie er hätte vorgehen können, damit die Verletzung des Bankgeheimnisses nicht ruchbar geworden wäre. Er nahm aber um des Sieges willen in Kauf, dass sogar in deutschen Medien hämische Kommentare über die selbstwillige Verletzung des Bankgeheimnisses geschrieben wurden. Hätte er das gestohlene Wissen den Oberwächtern der SNB nämlich weitergeben, wäre H scharf zurecht gewiesen worden, die Institution aber hätte keine Kratzer abbekommen.

Da Halbgötter oft sehr eifersüchtig sind und es nicht mit ansehen können, wenn ihnen andere machtvoll in die Quere kommen, entspann sich ein kleinschweizerischer olympischer Machtkampf. B stürzte H. Und dieser gelungene Sturz löste bei B ein fast homerisches Lachen aus, bis sich A alias Dölf öffentlich ermannte, ihm nahezulegen, ins Exil zu gehen. Was in diesem Fall nicht viel bedeuten würde, denn wir wissen jetzt, dass auch Götter und Halbgötter im Exil weiterhin tätig sind. Danke, Heinrich Heine!

Andreas Iten

*Heinrich Heine: Die Götter im Exil. In: Heinrich Heine. Sämtliche Werke, Band II. Winkler Dünndruck-Ausgabe.

Das Ende der Ausschliesslichkeit

Der Mensch ist in Geschichten verstrickt. Und will man genauer wissen, wer der andere ist, muss man seine Geschichten kennen. Frisch Verliebte fragen einander aus, bis sie den Eindruck haben, sie wüssten nun alles vom Vis-à.vis. Taucht eine neue Geschichte auf, beginnt das Fragespiel von vorne. Eine solche Geschichte kann das Gegenüber plötzlich in einem neuen Licht erscheinen lassen. «Aha, so war das mit deiner letzten Liebe. Davon hast du mir noch nichts erzählt.» «Das war bis heute auch nicht nötig, denn schliesslich ist unsere, die eben ihren Anfang genommen hat, einzigartig», lautet dann die Antwort.

Ein altes Paar, das zusammen ein langes Leben bestanden hat, lebt auf einem Berg von Geschichten. Diese machen ihr Leben reich und lassen wiederholt die Frage zu: «Weißt du noch?» Schon mit der Geburt standen sie auf zwei verschieden grossen Erinnerungshügeln und haben Geschichten von ihren Vorfahren geerbt. Grosseltern, Eltern, Geschwister, nahe und entfernte Verwandte wurden ihre Begleiter durchs Leben. Das Paar wurde hineingeboren in ein Dorf, in eine Religion, in eine spätere Berufswelt, vielleicht waren sich die Familien feind wie in «Romeo und Julia auf dem Dorf» bei Gottfried Keller.

Wir lesen sehr gerne Familiengeschichten oder Romane, die von ungewöhnlichen Zusammentreffen erzählen. Oskar Peer schildert in seinem Roman «Das alte Haus», wie ein junger strebsamer Mann in einem Dorf zum Aussenseiter wird, und wie er schliesslich das Haus seiner Herkunft anzündet. Damit allerdings hat er den Berg seiner Geschichte nicht abgetragen, vielmehr eine hinzugefügt, eine düstere zwar.

Mein Schwiegervater, der während des Ersten Weltkriegs in Berlin festgehalten wurde, sagte immer, man könne seiner eigenen Geschichte nicht entgehen, und selbst wenn einer nach Amerika fliehen würde, würde er sie mitnehmen. Viele Einwanderer und Flüchtlinge kommen von ihren Herkunftsgeschichten nicht los. Obwohl sie unversehens in neue Geschichten geglitten sind, können sie den alten nicht entgehen. Das macht es oft schwierig, sich in einem Land zurechtzufinden und zu assimilieren.

So wie ein einzelner Mensch in Geschichten verstrickt ist, so auch ein Land oder ein Kontinent. Im Geschichtsunterricht erzählte der Lehrer mit strahlenden Augen, wie sich die Eidgenossen gegen fremde Vögte gewehrt, wie sie sich ihrer durch den Burgenbruch entledigt haben. Im «Weissen Buch von Sarnen» wurden diese Geschichten festgehalten. Sie dienten damals der inneren Festigung der alten Orte, denn die Eidgenossen sahen sich von aussen bedroht. Also mussten sie sich eine Identität geben und gründeten sie auf die heldenhaften Vorfahren.

Die Geschichte eines Landes wird immer wieder neue geschrieben. Neue Quellenfunde verändern das Bild, und der Blick auf die Vergangenheit wandelt sich. National gesinnte Menschen aber wollen von ihrem verklärten Bild nicht abrücken. Als der Schlussbericht der Kommission von Jean-François Bergier «Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg»* veröffentlicht wurde, stiess er auf starken Widerspruch. Und später noch liess ein Politiker seine Getreuen wissen, der Bericht «sei schlicht falsch». Aber die umfangreiche Schrift wies nach, dass die Schweiz die Kriegsjahre nicht derart mustergültig und lupenrein bewältigt hatte. Nun sah sich unser Land auf einmal mit einer Vergangenheit konfrontiert, «die so in das vorherrschende Geschichtsbild nicht Eingang fand» (19).

In unsicheren Zeiten wie den unsrigen scheint es besonders geboten zurückzuschauen und zu fragen, woher wir kommen, wer wir sind. Die Schweizer Geschichte liefert Anhaltspunkte für die Identität in einer neuen Zeit. Aber diese kann nicht mit einem «Weissen Buch» befestigt werden. Vielmehr beruht sie auf einem Konsens über die Grundsätze von Freiheit, Fairness und materieller Gerechtigkeit. Nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte Vertrauen in die Behörden. Die Institutionen genossen hohes Ansehen. Die schwierigen Jahre hatten zudem die Menschen gelehrt, dass Glück und Lebensqualität nicht nur an materiellen Werten zu messen sind. Mit dem Streben nach materiellem Gewinn aber drehte ganz allmählich der Wind.

Der Mensch begann sich auf eigene Interessen zu konzentrieren. Je stärker am Arbeitsplatz nur noch Top-Leistung zählte, desto mehr schaute jeder für sich. Leistung versprach Erfolg. Vor allem mit dem Einsetzen der Globalisierung begannen viele Arbeitnehmer zu nomadisieren. Fremde Menschen kamen zu uns ins Land. Eine multikulturelle Gesellschaft etablierte sich und verunsicherte vor allem die leistungsschwächeren Menschen. Jeder, der neu dazukam, hatte wiederum eine eigene Geschichte. Die gefestigte Identität des Landes von früher – wir sind wir – begann zu bröckeln.

Die Reaktionen der Menschen auf die gesellschaftlichen Veränderungen sind unterschiedlich. Die einen werden Patrioten, ja sogar Nationalisten. Andere entdecken in der Differenz der unterschiedlichen Geschichten eine Bereicherung. Sie akzeptieren Unterschiede, die fortan zur Gesellschaft unseres Landes gehören werden, das sich sowieso nicht mehr dem Druck der internationalen Konkurrenz entziehen kann. Das Grundgefüge einer neuen Identität entsteht, falls ein Konsens herrscht, dass wir das Rad der Zeit nicht zurückdrehen können, was nicht nur für die Schweiz, sondern für jedes demokratische Land gilt. Mit dem Beginn der Globalisierung ist gleichzeitig das Ende der Ausschliesslichkeit eingeläutet worden.

* Die Schweiz, der Nationalismus und der Zweite Weltkrieg. Schlussbericht der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg. Pendo 2002.