Vom Törggelen zum Torkeln

Glückliche Umstände führten mich vor ein paar Wochen zum Guggerhof im Tirol. Dort findet zur Erntezeit das sogenannte Törggelen statt. Früher wurde der Brauch vor allem im Eisack-Tal an der Brennerroute gepflegt. Inzwischen ist er aber auch ins Nordtirol übergeschwappt. Ich erkundigte mich am Ort, woher denn der Begriff törggelen komme. Er lasse sich von Torggl ableiten und bedeute eigentlich die Weinpresse, die in einem Raum steht, wo früher auch das Erntedankfest gefeiert wurde. Da trank und ass man tüchtig, sang und spielte. Auf den Tisch kamen neben Wein und Most, saftige Koteletten und Rippchen, Speck und Hartwürste, Kraut aus der eigenen Produktion, Käse, Nüsse und Kastanien. Zur Nachspeise wurden gefüllte Krapfen aufgetragen. Schliesslich, gab es zur Verdauung einen Nussler, einen Nussschnaps.

Wieder zu Hause, ging ich dem alten Brauch weiter nach. Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm belehrte mich, dass das Wort auf das lateinische torculare zurückgehe, was keltern bedeute. Davon leite sich wiederum das Wort torkeln ab, das für einen schwankenden Gang gebraucht werde, wenn einer nach einem weinseligen Fest heimwärts torkelt. Schon Martin Luther hat den Begriff gebraucht: «Da gehen sie daher, torkeln auff den gassen von einer wand zu der andern.»

Doch nun zurück auf den Guggerhof: Vom Hof, der an einem Hang liegt, hatte ich einen schönen Blick ins Tal. In der Umgebung wachsen Rebstöcke, alte Obst-, Nuss- und Kastanienbäumen. Vor dem blumengeschmückten Haus erfreut ein gepflegter Garten die Gäste. Solche Gutshöfe, wie der Guggerhof einer ist, mit getäfelten Stuben und geschnitzten Decken, mit einem Herrgottswinkel und Porträts von Vorfahren an den Wänden, erhalten von der Obrigkeit eine Erlaubnis, um während der Erntezeit selber Gäste bewirten zu dürfen.

Als ich eintrat, ging es schon laut zu und her. Ich fand einen Eckplatz an einem der gut besetzten Tische. Mir gegenüber sassen Innsbrucker Herrschaften. Die Haarpracht der einen Frau erinnerte mich an alte Gemälde mit Samson und seiner Mähne. Ein anderes Ehepaar kam aus Bregenz. Die Leute am Tisch begannen mich in ein Gespräch zu verwickeln, und ich geriet ins Erzählen. Schon bald stiess ich mit den Leuten auf ihr Wohl an und am Ende duzten wir uns.

Der Mann aus Bregenz entpuppte sich als Bewunderer der Schweiz. Er sollte meine Zunge noch mehr lockern, als er nicht aufhören wollte, unser Land zu loben und Fragen zu stellen. Wie denn die direkte Demokratie funktioniere, wollte er wissen. Es würden ja Ende November wieder sehr umstrittene Abstimmungen stattfinden. Die Schweizer seien aber schlau, ja meist raffiniert. Er spielte natürliche auf unser Verhältnis mit der EU an. Das Abseitsstehen lohne sich halt doch. Ich mochte aber nicht auf dieses Thema eingehen, denn bald herrschten am Tisch völlig unterschiedliche Meinungen zur die Europäischen Gemeinschaft.

Der Bregrenzer, der offensichtlich über den Bodensee guckte, gelegentlich eine Schweizer Zeitung liest, wollte unbedingt mehr über das Erfolgsrezept seines Nachbarlandes wissen, und ich holte ein bisschen aus, betonte, unsere Politik werde von der Mitte gesteuert, und diese bestimme auch die politischen Entscheidungsprozesse. Deshalb würden die Verhältnisse stabil bleiben. Der Tischnachbar wollte mir nicht recht glauben, denn gerade jetzt komme doch ein scharfer Wind von Rechts und von Links. «Ach», antwortete ich, «das lässt sich alles mit einem reinigenden Gewitter vergleichen. Viel verändern werden die beiden polarisierenden Parteien nicht. Am Ende bleibt die Mitte doch am Ruder, und das ist auch nötig.» Der Bregenzer schüttelte ungläubig den Kopf und auch die Innsbrucker nahmen mir meine Behauptung nicht ab. Es brauchte also weitere Argumente, und deshalb sprach ich über die Konkordanzregierung und darüber, dass jeder Gesetzesentwurf so ausgestaltet werden müsse, dass er auch ein Referendum überstehe. Zudem fuhr ich fort, unterscheide das Volk scharfsichtig zwischen Parlament und Regierung. In kantonale Regierungen würden keine extremen Parteipolitiker gewählt. Erfolgreich seien immer nur Kandidatinnen und Kandidaten, die zur Zusammenarbeit mit anderen Parteien bereit seien. Wer sich quer lege, werde bei der ersten Gelegenheit abgewählt. Eine Politik der Mitte sei es, die unser Land zusammenhalte. Somit heisse das das schweizerische Erfolgsrezept «Mitte und Mass».

Die Innsbruckerin widersprach. Von aussen betrachtet, sehe die Situation in der Schweiz aber anders aus. Freilich habe sie Recht, und es sei ja auch gut, dass an den Rändern Wind herrsche, sonst schlafe die Mitte ein, meinte ich nur. Das geschehe immer dann, wenn die Mitteparteien zu lange erfolgreich regiert hätten. In der Mitte aber herrsche der Kompromiss, der Ausgleich um der Sache willen. Mit einer Regierung, die nur aus Polparteien bestehen würde, käme es zum totalen Stillstand. Unsere Nachbarn, die nach fast jeder Legislaturperiode die Regierung auswechseln würden, torkelten von links nach rechts, und von dort wieder zurück. Dieser Wechsel verunsichere vor allem die Wirtschaft. Bei uns würden die Gegensätze in der Mitte ausbalanciert.

Auf dem Weg ins Gästehaus fühlte ich den leichten Schwips. Er kam mehr vom Reden als vom Alkohol. Dabei erinnerte ich mich, wie ich vor Jahren einmal weinselig heimwärts geschwankt war. Dabei knickte ich auf dem Trottoir links ein und geriet, Gegensteuer gebend, rechts an die Wand und kam kaum mehr vorwärts. Da klopfte ich mir in Gedanken auf die Brust: «Wer in der Mitte geht und nicht torkelt, ist schneller am Ziel.» Hatte ich im Guggerhof also nicht Recht mit dem, was ich ausführte?

Auch Götter verschwinden

Auf der Insel Lesbos, wo ich kürzlich meine Ferien verbracht habe, entdeckte ich an den Häusern Stromzähler der Firma Landis&Gyr. Sie lösten nostalgische Gefühle und Überlegungen aus, denn der Name das Zuger Industrieunternehmens ist für die ältere Generation noch immer wie eine Legende – ähnlich wie es einem mit manchem Namen der griechischen Götter ergeht, die auch nur noch in Geschichten weiter existieren. Derjenige von Landis&Gyr hat glücklicherweise überlebt, dank der gleichnamigen Zuger Kulturstiftung.

Lesbos ist eine schöne, aber karge Insel. Vom Massentourismus blieb sie bis heute verschont. Die Dörfer sind intakt und weisen eine gut erhaltene, traditionelle Architektur auf, wie sie zum Beispiel noch im Goms anzutreffen ist. Molyvos mit seinen engen Gassen und den gut in den natürlichen Abhang eingepassten Häusern hat mich bezaubert. In Skala Sikamineas wiederum ass ich einen Hummer. Das Meer leuchtete und die kleine weisse Kirche auf einem Felsen reflektierte das Sonnenlicht. Am Strand von Eresos stand ich auf dem hohen, steilen Riff, von dem die antike Dichterin Sappho in den Tod gesprungen sein soll. Von ihren Götterhymnen, Hochzeits- und Liebeslieder ist das Meiste verloren gegangen. Folgender schöne Vierzeiler wird ihr zugeschrieben: «Es tauchte der Mond schon unter - / Das Siebengestirn – nun Mitte / der Nacht – es verstreicht die Stunde - / Ich selbst aber schlafe allein.»

Durch uralte Olivenhaine und Kiefernwälder fuhr unsere Reisegruppe an einem andern Tag nach Agiasos und stieg dann auf den tausend Meter hohen Olymbos (nicht zu verwechseln mit dem berühmten Olymp, auf dem Zeus, der höchste griechische Gott und Feind aller Irdischen, herrschte). Ich hingegen erkundete den Ort, wo die orthodoxen und traditionellen Werte besonders gepflegt werden. In der prächtigen Kirche fand gerade eine Taufe statt. Die Priester bereiteten sie mit langen Gebeten und Gesängen vor. Endlich war es so weit: Der etwa viermonatige Knabe wurde entkleidet. Der Mesner schüttete Wasser in das Taufbecken. Die Patin hielt den Knaben, der so schön wie Adonis war, über den Kessel: Der Pope salbte ihn an allen sensiblen Körperstellen, dann tauchte er ihn dreimal bis zum Hals ins Wasser. Wenn er ihn wieder emporhob, lächelte der Knabe und zeigte stolz seine junge Männlichkeit. Er sah aus wie das Jesuskind, das wir auf italienischen Gemälden der Renaissance bewundern. Kaum war dieser Teil der Zeremonie beendet, steckten die Frauen den Täufling mit einer gewissen Hast in schöne Kleider. Der Pope nahm nun das Weihrauchfass und schritt dreimal um das Taufbecken. Als würde er alle vier Himmelsrichtungen abschreiten, schwang er, zwischendurch innehaltend, das Weihrauchfass. Er räuchert die im Taufbecken abgestreifte Erbsünde aus, ging mir durch den Kopf. Der Mutter mit dem Knaben gebot er, sie solle sich immer vis-à-vis von ihm aufstellen. Nach Abschluss dieser Liturgie hiess er sie nach vorne, zur wundertätigen Gottesmutterikone gehen. Dreimal musste sie den Boden berühren und dreimal das Gnadenbild küssen.

Während unseren Reisepausen, und wenn wir nicht gerade einen Jass klopften, beschäftigte ich mich mit den Göttern Griechenlands. Sie alle sind verschwunden, und hätten Dichter nicht von ihnen erzählt, gäbe es keine Überlieferungen, dann wären sie längst im sternenreichen Äon untergegangen, hätten nicht überlebt. Wie die schöne Helena zum Beispiel, die zum Auslöser des Trojanischen Kriegs wurde. Später brachte Odysseus die List mit dem berühmten Pferd vor, um Troja einzunehmen. Ohne die Hilfe von Hermes und der Göttin Pallas Athene wäre der listenreiche Held allerdings nicht von Troja nach Ithaka zurück, zu seiner Penelope gelangt. Oder Zeus, der sich einmal in einen Stier verwandelte, und auf seinem breiten Rücken Europa trug, die Tochter von König Agenor, damit er sich mit ihr an einen idyllischen Ort vergnügen konnte. Hera, seine eifersüchtige Gattin zürnte ihm und es kam zu olympischen Streitigkeiten.

Auf einmal ging die Phantasie mit mir durch. Plötzlich dachte ich an die Götter unserer Zeit, von denen in der Boulevardpresse jeden Tag zu lesen ist; an Shootingstars, die einen Schweif hinter sich nach ziehen; an Silvio Berlusconi und seine Frau Veronica Lario, die einen olympischen Streit entfachte, als ihr Mann einem hübschen 18-jährigen Mädchen zum Geburtstag einen teuren Anhänger geschenkt hatte und in seinen Palast Gespielinnen einlud. Noch immer streitet Veronica mit ihrem Noch-Gatten, der sich nicht sich davon stehlen kann, in Gestalt eines Stiers.

Dann fiel mir Apoll ein, der Daphne, einer schönen Nymphe, nachstellte. Als sie nicht mehr aus noch ein wusste vor Erschöpfung, bat sie ihren Vater, Flussgott Peneios, um Hilfe, und verwandelte sich in einen Lorbeerbaum. Wenn ich den Sprung in die Jetztzeit mache, kommt mir der Meteorologe Jörg Kachelmann in den Sinn. Hätte sich die damalige Geliebte, an jenem besagten Winterabend, in eine Orchidee oder in einen Kaktus verwandelt, gäbe es für die Boulevardzeitungen nichts zu berichten.

Als mir Hephaistos, der griechische Gott des Feuers, der Künste und des Schmiedehandwerks einfiel, musste ich den Gedanken abwehren, an Christoph Blocher zu denken. Der Kunstsammler schmiedet ja noch immer Pläne und sorgt damit für heftige Debatten. Aber - Sie wissen es auch - im Halbschlaf geht einem gar vieles durch den Kopf, Je mehr man sich gegen aufsteigende Bilder und Namen zu wehren beginnt, desto bedrohlicher besetzen sie die Einbildungskraft. Mein Wachtraum fand dann doch ein gutes Ende. Ich sagte mir, genauso wie die griechischen Götter verschwunden sind, werden die Stars und die Grössen unserer Zeit verschwinden.

Die Dichterin Sappho wird überleben. Seit ich ihre Lebensgeschichte und viele der ihr zugeschriebenen Gedichte und Ratschläge gelesen habe, übt sie sogar einen gewissen Einfluss auf mich aus, werde ich doch künftig ihren Rat ernst nehmen: «Macht sich in deinem Herzen Zorn breit, nimm sie in acht, die eifernde Zunge.» Im Augenblick auf mich gemünzt: Nimm die eifernde Schreibhand von den Computertasten!

Von einem, der nicht Millionär werden wollte

«Was dem Klüger- und Weiserwerden der Menschen entgegen steht, ist, unter anderem, die Kürze ihrer Lebensdauer: alle dreissig Jahre kommt ein neues Geschlecht zur Welt, das von nichts weiss und vorne anzufangen hat», schreibt Arthur Schopenhauer in «Senilia. Gedanken im Alter.»* Gerade darum ist es wichtig, Geschichten zu erzählen und die Erinnerungskultur zu pflegen. Die schöne und zugleich einzige Prosaerzählung von Julian Dillier (1922-2001, bekannter Mundartlyriker, Radio- und Theatermann), «Frau Bartsch»**, erzählt unter anderem, wie zwei Frauen in einem Kolonialwarenladen die Mitmenschen durchhecheln und das lokale Geschehen verhandeln. Die Leserin und der Leser erhalten ein farbiges Bild, wie es früher in einem Dorf zu- und hergegangen ist. In «Frau Bartsch» werden Geschichten aufbewahrt, wie wir sie heute einander kaum mehr erzählen, wenn wir uns für den täglichen Bedarf in Grossverteilern eindecken.

Einmal erzählte Anni Seiler, die Rathaussekretärin, Frau Bartsch, wie gern sich doch der Obwaldner Landschreiber von Ah als Graue Eminenz selber lobte. Er habe eine Schublade eingerichtet mit der Aufschrift «Geschäfte, die sich von selbst erledigen». Wahrscheinlich waren die Regierungsräte, seine Vorgesetzten, für ihn wie eine Schublade, von Ah hingegen sah sich selber als Kommode. Manches Gefecht hat er mit dem Landammann ausgefochten, aber stets dafür gesorgt, dass sie sich nachher wieder vertragen konnten. Nach jeder Auseinandersetzung im Rathaus hat er ihn in den «Schlüssel» oder in die «Metzgern» begleitet, wo sie immer etwa den gescheiten Rechtsanwalt Lüthold antrafen. Mit ihm setzte sich der Landammann zum vierhändigen Spiel ans Klavier. Der Landschreiber behauptete vor seinen Bürokollegen stolz, dieses Spiel sei nur dank seiner geschickten Regie möglich geworden, «denn auf diese Weise habe er den stockkonservativen Amstalden mit dem überzeugten Liberalen Lüthold zum gemeinsamen Spiel gezwungen. Sie hätten aber nicht bemerkt, dass sie bei ihrem gemeinsamen Gesang vor der Polizeistunde in schöner Harmonie die gleiche Stimme gesungen hätten.»

Rechtsanwalt Albert Lüthold war aber auch mein Schwiegervater, und er hatte in den «Metzgern» wirklich immer einen guten Spruch auf Lager, der dann landauf und landab gegangen ist. «Es mänschelet, es mänschelet bis zum Rathuus und uf d’Stäge, wiiter darf märs nümme säge.» Als der Obwaldner Ludwig von Moos 1959 in den Bundesrat gewählt wurde, behauptete er, das sei ein Bundesrat mit Zukunft. Auf die Frage, wie er das meine, spottete Albert Lüthold, der Mann habe bis jetzt noch kaum etwas geleistet.

Eine seiner Geschichten hat mich das ganze Leben hindurch begleitet. Albert Lüthold sass, wie wir wissen, gern im «Schlüssel» oder in den «Metzgern». Dort traf er oft auch etwa Gymnasiasten aus dem Kollegium Sarnen. Mein Schwiegervater war sehr musikalisch, und so setzte er sich oft vergnügt ans Klavier und begleitete ihre Stundentenlieder, und dann tranken sie noch ein Bier und sangen «Ergo bibamus …». Einmal fragten ihn die Studenten, was er denn als Rechtsanwalt verdiene. Zuerst zögerte er ein bisschen. Aber die jungen Männer, die sich entschlossen hatten, selber Jus zu studieren, liessen nicht locker. Nach einigem Hin und Her meinte er: «Ich verdiene achtzigtausend Franken.» Für damalige Verhältnisse war das sehr viel Geld. Die Studenten sahen ihn zweifelnd an, sie glaubten ihm nicht. Er aber sagte: «Dreissigtausend Franken verdiene ich, fünfzigtausend ist mir die Freiheit wert.» Bestimmt werden sie anschliessend nochmals miteinander angestossen haben

Albert Lütholds Antwort habe ich mir zu Eigen gemacht habe, nicht dass ich unzufrieden bin, mit dem, was ich mit meinen beruflichen Tätigkeiten verdient habe. Nein, die pfiffige Antwort, die vor sechzig Jahren in den «Metzgern» gefallen ist, lehrte mich, nicht immer noch mehr zu wollen. Denn ein grosser Besitz engt die Freiheit ein. Er zwingt den Menschen dazu, sich allzu sehr damit zu beschäftigen.

Mein Schwiegervater hat mir seinerzeit noch eine andere Geschichte erzählt. Einer seiner Cousins, ein Millionär, habe ihn wegen seines breiten Allgemeinwissens, seines Humors und seiner Lebensweisheit beneidet. Einmal kamen beide auf das Geld zu sprechen. Da sagte der reiche Cousin bedeutungsschwer: «Was wäre ich denn ohne meine Million?» Damit hatte er die Identitätsfrage angesprochen. Er empfand sich selber als einer, der ohne seine Million nichts gelten würde, und spürte dennoch, dass Geld allein noch keine Identität stiftet. Wer die eigene Identität von Millionen auf dem Konto ableitet, spürt spätestens dann, dass sie seinem Leben keinen besonderen Sinn und Gehalt geben, sobald sie ihm zu entgleiten drohen oder er ihnen entgleitet.

Albert Lüthold ist vor zwei Generationen verstorben. Vielleicht wird seine kleine Geschichte über die Wertung der eigenen Freiheit anstelle eines riesigen Vermögens weiterleben, weil ich sie nun erzählt habe. Sie erheitert dem einen oder andern das Gemüt, wenn er sich ebenfalls nicht zu den Millionären zählen darf. Aber auch er kann sich an Blumen erfreuen, am Glitzern des Wassers am Ufer des Sees und am Licht des Vollmonds, wenn es in den Blättern eines Baumes spielt.

* Arthur Schopenhauer: Senilia. Gedanken im Alter, München 2010
** Julian Dillier. Frau Bartsch. Alpnach 2010

Taktik ist nur die halbe Politik

Das Märchen vom «Der Wolf und die sieben Geisslein» ist eigentlich nichts anderes als die Geschichte einer raffinierten Taktik: Bevor der Wolf zum zweiten Mal an der Haustür klopfte, frass er Kreide, damit seine Stimme fein genug wurde. Doch das genügte immer noch nicht. Die Geisslein erkannten ihn an den schwarzen Pfoten. Erst nachdem er sie mit Teig und Mehl weiss gefärbt hatte, liessen sie ihn eintreten, weil sie meinten, die Mutter sei mit dem Futter zurück. Der Wolf fand ihre Verstecke und frass sie alle auf. Aber es unterlief ihm dennoch ein Fehler, weil er das Kleinste nicht fand, das sich im «Zytgänterli» versteckt hatte. Es konnte sich bei der verzweifelten Mutter bemerkbar machen, als der Wolf, vollgefressen wie er war, draussen schnarchte. Sie schnitt ihm den Bauch auf und eines ums andere der Geschwister sprang heraus. Auch Politiker übersehen meist irgendeine Kleinigkeit, ihre Reden zeugen davon. Das Volk aber, im «Zytgänterli», durchschaut die Taktik. Vor den Bundesratswahlen war es nicht anders.

Politiker dürfen nicht lügen, aber man kann sie nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen. Der Bundesrat hat seine Strategie zum Verhältnis Schweiz-Europäische Union festgelegt. Er plädiert für die Fortführung des bilateralen Wegs, lässt aber die Frage von Experten prüfen, wie er sich in Zukunft gegenüber der EU verhalten soll, möglichst klug. Staatssekretär Michael Ambühl nahm in der NZZ vom 21.8.2010 eine nüchterne Standortbestimmung vor. Der bilaterale Weg sei, so seine Meinung, eine gute und effiziente Lösung; für unser Land optimal und er lasse noch immer genügend Spielraum für Verhandlungen. Also brauche man von ihm nicht abzuweichen. Diese Auffassung teilt die Mehrheit der Bevölkerung.

Die Aufgabe des Bundesrates besteht darin, möglichst genügend Vorteile für ein Land herauszuholen. So verfolgte der Bundesrat zur Zeit des Zweiten Weltkrieges eine Politik zwischen Anpassung und Widerstand und bewahrte damit das Land vor kriegerischen Übergriffen durch Nazi-Deutschland. Dass diese Anpassung in verschiedenen Bereichen nur dank Kompromissbereitschaft erlangt worden ist, darf man dem damaligen Bundesrat wohl nicht allzu sehr ankreiden. Er versuchte vor allem die Neutralität und Souveränität zu wahren, ohne dabei eine der Kriegsparteien zu brüskieren.

Doch nun zurück zu unserer Zeit! Im Rahmen der Finanzmarktkrise agierte der Bundesrat ebenfalls im Interesse des Landes, um den Schaden möglichst tief zu halten. Er schloss sogar einen Staatsvertrag mit den USA ab und weichte das Bankgeheimnis auf, ein Bankgeheimnis, das er vorher mit Zähnen und Klauen verteidigt hatte. Allein mit Taktik wäre ihm dies nicht gelungen.

Sobald der Expertenbericht zum Verhältnis der Schweiz zur EU vorliegt, wird die lebhafte öffentliche Debatte weitergehen. Eigentlich kann unser Land froh sein, dass es die entscheidende Frage vorläufig nicht beantworten muss, die lautet: Wie verhält sich die Schweiz, falls die Nachteile innerhalb des europäischen Wirtschaftsraums die Vorteile überwiegen? Diese Frage plagt uns also im Augenblick nicht, aber eines Tages könnte sie uns durchaus auf dem Magen liegen. Bereits weist die Euroschwäche darauf hin, vor welchen Problemen die Schweizerische Exportwirtschaft stehen könnte. Werden zum Beispiel weitere Arbeitsplätze ausgelagert?

Wir Schweizer sind Pragmatiker, und unsere Politiker halten nicht viel vom Visionen, denn noch immer haben sich sachbezogene Lösungen finden lassen. Für die meisten Bürgerinnen und Bürger ist die Frage, die ich weiter oben gestellt habe, rein utopisch, denn sie gehen davon aus, dass sie sich nicht stellen wird. Warum soll man sich im Voraus darüber Gedanken machen? Was aber, wenn wir nicht mehr um die Frage herumkommen? Könnte eine bestimmte Taktik helfen, um sich geschickt aus der Klemme zu ziehen, sollte es einmal existenziell werden?

In meinem Alter glaube ich das Verhalten der Menschen zu kennen, und doch misstraue ich ihnen, ob sie sich auf Schwüre und Ideale berufen werden, wenn sich das Verhältnis der Schweiz zur EU verschlechtern wird. Karl Marx, der zwar kaum salonfähig ist, vertritt die Auffassung, dass die materiellen Grundlagen das Bewusstsein bestimmen und, wenn sie sich ändern, sich auch die Menschen und ihre Moral verändern. Lassen Sie es mich mit Bertold Brecht bildhafter sagen: «Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral». Das Gleiche lässt sich allerdings lateinisch eleganter ausdrücken: «Primum vivere deïnde philosophari», also zuerst leben, dann philosophieren.

In der Politik geht es um das «Primum vivere». Die Schweiz hat auf dem eingeschlagenen bilateralen Weg keine schlechten Erfahrungen gemacht. Nach wie vor profitiert sie von deren Vorteilen. Dem Land geht es mitten in einem Europa der grossen Defizite und der Spannungen gut.

Der Staatsphilosoph Niccolò Machiavelli meinte, Menschen seien nicht von Natur aus schlecht, sondern schlecht in der Art, wie sie ihre Ambitionen verfolgen. Sie seien nie wirklich gut und nie wirklich böse, doch man müsse ihnen in jedem Fall misstrauen. Der Fürst (il Principe) wolle unter allen Umständen die Macht erhalten, so passe er sich jeder veränderten Situation an. Wie also wird sich die öffentliche Meinung verändern, wenn die Nachteile des Alleingangs spürbarer werden als seine Vorteile? Dann werden wohl frühere Beteuerungen keine Rolle mehr spielen. Und sogar die Banken und die Mächtigen werden sagen, dass man den EU-Beitritt wagen sollte. Am Ende läuft alles auf die Brechtsche Formel hinaus. Der Bürger aber hockt im «Zytgänterli» und wartet, bis er abstimmen kann.

Vorurteile trüben die Wahrnehmung

Zum 1. August erfüllte ich mir einen Wunsch. Ich fuhr mit dem Panoramawagen der Rhätischen Bahn die Berninastrecke ins Puschlav, bis hinunter nach Tirano. Zuerst gelangte ich über die Albulastrecke ins Engadin, das im leuchtenden Grün der Lärchen lag. Später funkelte der Moteratschgletscher im Licht der nachmittäglichen Sonne. In Tirano, wo ich übernachtete, bummelte ich durch die Stadt, schlenderte am Schloss der Salis vorbei und machte einen Sprung in die Geschichte des Veltlins. Auf der Piazza Cavour liess ich mir einen Zigeunerspiess bringen und fühlte mich wohl. Bei einem Espresso las ich dann in einer italienischen Zeitung und realisierte einmal mehr, wie turbulent es in Berlusconis Reich zu- und hergeht.

Am andern Tag fuhr ich zurück. Es war eine 1. August-Fahrt der besonderen Art. Überall hingen Fahnen. Das Schweizerkreuz leuchtete kräftiger als die Geranien an den Bündnerhäusern. In Disentis verbrachte ich eine weitere Nacht, beschloss an die Feier zu gehen, doch der Wetterbericht verhiess nichts Gutes. Am Tag darauf plante ich, über die Oberalp nach Flüelen und mit der Gallia nach Luzern zu fahren. Es war kein Reisewetter mehr, zudem sollte mir eine recht ärgerliche Begegnung den Tag verderben, aber davon konnte ich ja noch nichts wissen.

Ich durfte im Zug sitzen bleiben, als dieser noch rangiert wurde. Er fuhr in den Tunnel, stand dort eine Weile, und hielt dann auf Perron 3. Jetzt traten verschiedene Fahrgäste ins Abteil. Ein Ehepaar liess sich schräg vis-à-vis von mir nieder. Der Mann schaute sich um, rümpfte die Nase und sagte zu seiner Frau: «Da stinkt es! Da riecht es nach Zigarettenrauch!» Mit bösem Blick schaute er mich an und sagte dann unüberhörbar, dazu mit einer Geste: «Das kommt von denen da drüben.» Er meinte mich und die Frau, ganz in Weiss gekleidet, mir gegenüber. Eine ausländische Touristin. Ich fuhr ihn an, wie es sonst nicht meine Art ist. Was er mir denn unterstelle? Ich sei Nichtraucher. Hätte die Touristin alles verstanden, wäre sie wohl etwas gar perplex gewesen. Nach einer Weile vernahm ich ein Sorry. Ich schwieg. Seine Frau tadelte flüsternd ihren Mann, soviel habe ich noch mitbekommen. Irgendwann beruhigte ich mich wieder, mit Blick in die Berge.

Ich bin ein Nichtraucher. Ich habe früher jeweils am Stammtisch einen Kielstumpen geraucht und an Banketten gern eine Zigarre, mit der grünen Bauchbinde, die den Hinweis gibt, dass es eine schwarze sei. Wenn mich dann ein Konservativer versuchte zu necken, antworte ich jeweils: «Ich rauche einen schwarzen Stumpen, damit wieder einer weniger ist.» Da war ich noch Parteipolitiker.

Fehlurteile und falsche Vorstellungen entstehen immer dann, wenn Fakten nicht geprüft werden und keine genaue Recherche vorangegangen ist. In einem Interview über die Heimatmythen und die schweizerische Identität behauptete ein bekannter Schweizerpolitiker, dessen Namen hier nichts zur Sache tut: «Der Bergier-Bericht ist schlicht falsch. Er profitiert davon, dass ihn niemand liest, weil er so dick ist.» Der Bericht sei verfasst worden, um die Schweiz bei den Leuten schlechtzureden. Wie aber sollten Historiker, die ihre Aussagen auf Fakten stützen, eine Grundlage liefern, damit man die Schweiz schlechtmachen kann? Die Erkenntnisse des Bergier-Berichts zur Rolle der Schweiz während des Zeiten Weltkriegs leisten einen wichtigen und seriösen Beitrag zur Erinnerungskultur unseres Landes.

Diejenigen Länder, die nach dem Zweiten Weltkrieg der Pflicht nicht nachgekommen sind, die Vergangenheit aufzuarbeiten, leben mit einer Lebenslüge weiter. Österreichs Politiker haben nach dem Krieg zum Beispiel lange versucht, glauben zu machen, das Land sei Hitlers erstes Opfer gewesen. Die Mittäterschaft wurde verdrängt. Man muss nur wieder einen Dokumentarfilm anschauen, der zeigt, wie Menschenmassen der einmarschierenden deutschen Wehrmacht zujubelten.

In Italien lebt der Mythos weiter, Mussolini sei im Grunde ein guter Politiker gewesen, keineswegs mit Hitler vergleichbar, obwohl auch er verantwortlich war für Millionen Tote. Der Mythos vom kollektiven Widerstand der Italiener wird noch immer propagiert und die dunkle Seite des Mussoliniregimes bagatellisiert. Jedenfalls ist der Duce wieder «salonfähig» geworden.

Der Luzerner Geschichtsprofessor Aram Mattioli hat ein kenntnisreiches Buch über die Folgen verdrängter Geschichtsforschung in Italien geschrieben. «Viva Mussolini! Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis».* Der Historiker weist darin nach, wie Berlusconi mit seinem Daherreden die Verbrechen der Mussolini-Zeit gezielt verharmlost. Mattioli schreibt: «Schliesslich geht es im Krieg der Erinnerungen nicht bloss um die Vergangenheit. Auf dem Schlachtfeld der Geschichte werden aktuelle Richtungsdebatten ausgefochten, die sich um Güter wie nationale Identität, kulturelle Definitionsmacht, Leitwerte, politische Legitimation und neue Mehrheiten drehen.» Die Abwertung des Bergier-Berichts verfolgt ähnliche Ziele.

Bevor man diesen Bericht angreift, sollte man genau hinschauen. Da wird nicht die Schweiz schlecht gemacht, vielmehr wird deutlich, was auch in der Schweiz hätte passieren können, wenn eine gewisse Elite an die Macht gekommen wäre. Mich bringen Menschen in Rage, wenn sie einfach etwas aus der Luft heraus behaupten. Es muss sich gar nicht etwa nur um den vermeintlichen Rauch in einem Zugsabteil handeln, genauso gut kann es auch ein aus der Luft gegriffenes Urteil über den Bergier-Bericht sein. Dass dieser für den namentlich nicht genannten Politiker zu dick ist, leuchtet aber ein.

* Aram Mattioli: «Viva Mussolini!» Die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis. Zürich 2010.

Sind alle Bürgerlichen bürgerlich?

Die Frage, die im Titel meiner Kolumne steckt, sollte wahrscheinlich exakter lauten: «Sind alle, die sich bürgerlich nennen, bürgerlich?» Jene Reisegruppe, die wegen der Aschenwolke über Europa nicht sofort aus Ägypten heimreisen konnte und sich mit der Aufforderung «Leuenberger, hol uns nach Hause!» oder ähnlich vernehmen und abbilden liess, kann ich nicht zu den Bürgerlichen zählen. Weshalb, werde ich später begründen.

Der Begriff Bürgerlichkeit wurde in der Vergangenheit immer wieder diskutiert. So stiess ich kürzlich auf einen geharnischten Artikel in der damaligen LNN vom18. November 1995 aus der Feder von Alfons Müller-Marzohl, dem früheren Nationalrat. Die Nationalrätinnen Judith Stamm und Rosmarie Dormann waren an einer Delegiertenversammlung der CVP angegriffen worden: «Wir vermissen von den beiden Frauen eine Politik im bürgerlichen Sinn und Geiste», wurden sie kritisiert. Alfons Müller-Marzohl verteidigte die Politikerinnen und führte unter anderem aus, bürgerlich sei ein gefährlicher Begriff. Er sei unscharf, schwammig und eigne sich trefflich für politische Manipulationen. Er selber könne niemals bürgerlich sein, da sich die Vertreter der damaligen Auto-Partei auch bürgerlich nennen dürften.

Die Begriffe, mit denen man die politischen Lager von einander abzugrenzen versucht, sind immer schwammig: Sowohl die Schemata rechts/links, wie auch liberal/konservativ und eben bürgerlich/sozialistisch bilden grobe Zuordnungen, keineswegs starre Kategorien. Ein echter Liberaler verhält sich in vielen Bereichen konservativ, ein Grüner wiederum agiert auch durchaus bürgerlich. Warum sollte ein Konservativer nicht eine grüne Weste tragen dürfen oder ein Freisinniger einen roten Fleck auf dem Gilet haben? Darf ein Sozialdemokrat nicht auch leicht blau sein? Allerdings, würde ein früherer Kollege nun sagen, sei Blau keine Farbe, sondern ein Zustand.

Alfons Müller-Marzohl stellte vor fünfzehn Jahren zu Recht fest, dass der Begriff Bürgerlichkeit oft grobmaschig verwendet werde. Viele nennen sich bürgerlich, die es im Grund gar nicht sind, wie die inzwischen fast verschwundene Partei, die sich nur auf das Auto fokussiert hat. Seit jeher wurde Bürgersinn mit sozialer Verantwortung und Bereitschaft zum Engagement verknüpft, was gewisse Politiker völlig ausklammern, die für sich zwar beanspruchen, bürgerlich zu sein.

Der Philosoph Odo Marquard* schreibt in einem Essay: «In unserer gegenwärtigen Welt steht es nicht deswegen schlimm, weil es zu viel, sondern deswegen, weil es zu wenig bürgerliche Gesellschaft gibt; denn problematisch ist in unserer Gegenwartswelt nicht die Bürgerlichkeit, sondern die Verweigerung der Bürgerlichkeit …» Diese Aussage lässt aufhorchen und zwingt einen zu fragen, was man denn unter Bürgerlichkeit verstehen soll?

Ich habe zu Beginn meiner Kolumne jenen Ägyptenreisenden, deren Rückflug mehrmals abgesagt worden ist und die deshalb den Staat um Hilfe gerufen haben, die bürgerliche Gesinnung abgesprochen. (Allerdings war nie ganz klar, ob dieser Aufruf an Bundesrat Leugenberger als Witz oder eher als Boulevard Posse abzutun sei.) War der Aufruf aber ernstgemeint, dann hat es den Schweizer Touristen zünftig an Bürgersinn gemangelt. Da gibt es doch noch die Selbstverantwortung. Der Staat ist nicht dazu da, alle individuellen und gesellschaftlichen Probleme des Zusammenlebens zu lösen. Er ist kein Grossverteiler, und die Politiker sind nicht Sortimentsleiter, die dafür verantwortlich sind, dass die Regale stets aufgefüllt werden.

Im Slogan «Mehr Freiheit, weniger Staat» wurde der Begriff Verantwortung heraus gebrochen. Seit Jahren existiert nur die Verkürzung. Aus der Eigenverantwortung kann niemand entlassen werden. Verantwortung tragen nach dem Mass des Könnens, ist für die Bürgerlichkeit zentral. Freiheit ist kein Gegenbegriff zum Staat. Es ist die staatliche Rechtsordnung, die unsere Freiheit garantiert und ihren Missbrauch ahndet. Allerdings hat in den letzten Jahren ein Gesinnungswandel stattgefunden: Der Begriff Staat wurde immer wieder abgewertet. Gewisse Kreise meinten voreilig, daraus lasse sich der Schluss ziehen, dass alles erlaubt sei, wenn es nur Gewinn bringt. Die Finanzmarktkrise hat deutlich gemacht, wie wichtig der Staat als Klammer für die Gesellschaft ist.

Freiheit und Staat sind also keine Gegensätze. Aber sowohl viel Staat als auch zu viel Freiheit führen zu einer unbürgerlichen Haltung. Wer zu viel Staat fordert, überträgt die Verantwortung auf das Gemeinwesen. Er macht ihn zu einer Art Heilsagentur für die Lösung unserer Probleme. Wer allein die Markt- und die gesellschaftlich Freiheit preist, vernachlässigt die solidarische Verantwortung. Bürgerliche Politik versucht, Staat und Freiheit in eine Gleichgewichtslage zu bringen. Sie ist besorgt, dass das labile Gleichgewicht nicht kippt.

Gerät eine Gesellschaft aus dem Gleichgewicht, kann sowohl das politische Wollen als auch das Wirken der führenden Kräfte nichts mehr ausrichten. In diesen Wochen lässt sich eine solche Entwicklung an der Situation Griechenlands verfolgen. Die griechische Politik hat ihre Handlungsfreiheit verloren, weil die führenden Kreise, Politiker und Wirtschaftsführer, den Staat in den Bankrott schlittern und verlottern liessen und dem Volk lange suggerierten, er werde es schon richten. Nun sind die Griechen vom EU-Notkredit und vom internationalen Währungsfond abhängig und nicht mehr frei, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen. Sie fühlen sich gedemütigt.

* Odo Marquard: Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays. Aus: Apologie der Bürgerlichkeit. S. 247ff., Philipp Reclam 2003

Warum lassen wir uns von Fussball begeistern?

Warum habe ich wieder so viele WM-Spiele verfolgt, sogar solche, bei denen ich eigentlich nur noch auf den Schlusspfiff wartete? Nun sitze ich da, immer noch mit viereckigen Augen, und suche nach stichhaltigen Gründen, weshalb ich den Live-Übertragungen nicht widerstehen konnte, hockte sogar bei schönstem Wetter vor dem Kasten, obwohl ich der Gesundheit zuliebe gescheiter Wanderungen unternommen hätte. Doch auf eine Warum-Frage gibt es selten eine befriedigende Antwort.

Ich wurde gefragt, woher das denn komme, dass die Fussballbegeisterung alle Schichten erfasse, ja sogar Professoren und Geistliche Herren. Ich argumentierte dann recht allgemein, wie: Fussball bietet Spannung. Wer das Spiel liest, versteht die Taktik des Trainers. Fussball weckt Emotionen. Man kann über die Schiedsrichter schimpfen, die Hände verwerfen. Es ist doch eine Augenweide, wie etwa die Spanier oder Argentinier mit dem Ball jonglieren. Jedes Spiel bietet anschliessend Gesprächsstoff.

Mit diesen Argumenten konnte ich auch den Fussballmuffel, der mir die Frage stellte, nicht überzeugen. So musste ich noch bessere Gründe finden, damit ich auch nach den Gruppenspielen meine verschlafenen Augen rechtfertigen konnte. In der Nacht, nachdem Valon Behrami im Spiel der Schweizer gegen Chile die rote Karte gezeigt bekommen hatte, konnte ich nicht schlafen und fragte mich, was denn der Fussball einer Nation und deren Menschen überhaupt bedeutet. Was bewegt Milliarden Menschen dazu, vor dem Fernseher zu sitzen? Andere Sportarten sind auch spannend, aber sie mobilisieren nicht derart viele Zuschauer.

In einem Artikel las ich vom Auftritt und dem Verhalten der französischen Fussballmannschaft in Südafrika, als sie den Einzug in den Achtelfinal verpasst hatte. «Das ist das neue Bild der Bleus: gespalten, entzaubert, ohne Spielwitz und ganz ohne Grandeur. Und dieses Bild bewegt die Franzosen umso mehr, als es ein nationales Grundgefühl wiedergibt. Frankreich steckt gerade in einer Sinn- und Identitätskrise»*. Aha, dieser Kommentar ist wohl der Schlüssel zu einer befriedigenden Antwort: Fussball spiegelt das Befinden eines Landes und ganz allgemein des menschlichen Verhaltens. Frankreichs Stars hielten dem Staatspräsidenten Nicolas Sarkosy und zugleich der Nation vor, wie es eigentlich um das Land steht.

In den Spielen einer Fussballweltmeisterschaft kommt alles zusammen, was menschliches Dasein umfasst. Ein Spiel gelingt, wenn es Kräfte mobilisiert, die aus zentralen Lebensbereichen gespeist werden. So wird es für einen Moment zum Abbild des Bemühens, mit dem Leben zurechtzukommen, nach Erfolg zu streben, sich durchzusetzen. Gewiss es ist ein Spiel. Der Mensch ist ein homo ludens, ein spielendes Wesen. Somit gönnt man jeder Mannschaft, welche die kreative Ballkunst beherrscht, am Ende den Sieg.

Fussballspielen ist aber auch ein hartes Stück Arbeit. Ohne intensives Training, Disziplin und Leistungswille gibt es keinen Erfolg. Es sind nur wenige, die als Spieler in die erweiterte Nationalmannschaft aufgenommen werden, und am Ende stehen nur elf auf dem Platz. Fussballer demonstrieren, dass mit Talent allein nichts erreicht werden kann.

Zum erfolgreichen Fussball gehört der Kampf. Dem kämpferischen Einsatz lässt sich ablesen, wie sich Menschen verhalten, wenn es um sehr viel geht. Und schauen wir richtig hin, dann erfahren wir, wie der Kampf die Menschen verändert: Sie brüllen sich an und beschimpfen den Gegner. Im WM-Final 2006 hat sich Zinédine Zidane zu jenem Kopfstoss hinreissen lassen, der den italienischen Gegenspieler Marco Materazzi niederstreckte. Dafür kriegte der Franzose die rote Karte. Materazzi hatte vorher Zidane mehrmals beleidigt. Im Kampf um den Ball stecken auch alle die Tricks, wie absichtliche Täuschung des Schiedsrichters mit einer theatralischen Schwalbe und heuchlerisches Händehochhalten bei einem Foul.

Ein weiteres Grundphänomen des Daseins ist die Verbundenheit. Vor dem Anpfiff bilden viele Mannschaften einen Kreis und spornen sich gegenseitig an. Jenen Mannschaften, denen es gelingt, Ausnahmetalente auf das gemeinsame Ziel einzuschwören, sind näher beim Sieg als eine eigensinnige, selbstverliebte Truppe von Stars. Und schliesslich gehört zum menschlichen Leben auch das Ausscheiden. Eine Mannschaft muss mit der Niederlage fertig werden, sozusagen «sterben» können. Verlierer gehen mit gesenktem Haupt vom Platz.

Das Fussballspiel auf höchstem Niveau spiegelt also das menschliche Leben. Darum packt es uns und bewegt emotionell. Während anderthalb Stunden erleben wir Spiel, Arbeit, Kampf, Verbundenheit und Ausscheiden, all das, was jedem Menschen im Lauf seines Lebens widerfährt. Die Moderatoren und Kommentatoren sprechen nicht von ungefähr oft in der Mehrzahl, betonen, dass wir gewonnen, wir verloren haben.

Als die italienische Mannschaft ebenfalls nach den Gruppenspielen ausschied, schimpften die in der Heimat laut: Vergogna! Schande!. Die italienischen Gazetten behaupteten, die Mannschaft habe dem Land den Spiegel vorgehalten und bewiesen, wie Italien längst auf den Weg der Mittelmässigkeit gegangen sei. Die grossen Stars waren auf einmal nur noch i bolliti, die Gesottenen. Alle zusammen taugen gerade noch für einen Bollito misto. Und die Schweizer Mannschaft? Sie war hervorragend in der Verteidigung. Doch sie zeigte wenig Mut und Kreativität im Angriff. Und wie steht es mit unserem Schweizbild?

* Oliver Meiler, Marseille: Tages-Anzeiger, Republik der Gangs, 22. Juni 2010.

Zuflucht bei Epikur

Bald werde ich in die Ferien verreisen. Ich werde mich unter Pinien und am Meer erholen, über den feinen Sandstrand gehen und der leichten Welle zuschauen, wie sie eine Schnurlinie in den Sand zieht, die von der nächsten wieder verwischt und neu gezogen wird. Ich werde morgen früh am Strand beobachten, wie Kinder und Frauen Muscheln sammeln. Unter dem Sonnenschirm werde ich lesen, im Gepäck unter anderem, quasi wie ein Amuse-Gueule, Aphorismen von Epikur, mit denen ich mich in den ersten Ferientagen von dem politischen Gezänk daheim erholen will.

Von der Sommersession 2010 haben sich viele Bürgerinnen und Bürger irritiert abgewendet. Und was in den Medien darüber geschrieben wurde, war schon eher schwer zu verdauen. Nieten seien am Regieren, schrieb zynisch eine Wochenzeitung. Man konnte Kommentare lesen, die von Begriffen wie Pirouetten, Spitzkehren, Tollkühnheiten und über destabilisierende Trauerspiele nur so strotzten. Und schon hiess es: Kehrt Max Göldi aus Libyen zurück, wird endgültig abgerechnet.

Während den Verhandlungen über den Staatsvertrag mit den USA in Sachen UBS veranstalteten beide Räte einen Zickzackkurs, ein echtes Wischiwaschi. «Nein, den lausigen Vertrag nehmen wir nicht an.» Dann die Kehrtwende: «Doch aus wirtschaftlichen Gründen stimmen wir ihm zu.» Dann wieder: «Nein, wir lehnen ihn ab, doch halt, unter Bedingungen stimmen wir zu.» Am Abend, als der Vertrag im Nationalrat vorerst keine Mehrheit erhalten hatte, lächelte ein SVP-Nationalrat in die Kamera und meinte: «Ach, das sind halt so die Spiele.» In der NLZ vom 12. Juni sagte der Bankier Konrad Hummler: «Spieltheoretisch funktioniert ein solches Hin und Her nur, wenn das Resultat bereits klar ist.» Er sagte voraus, dass der Vertrag angenommen werde.

Die Beobachter draussen im Land hatten lange geglaubt, unseren Schweizer Politikern sei es durchaus ernst, als sie ihre Vorschläge, aber auch Drohungen den Medien verkündeten, und so werde es bei einem Nein bleiben. Die Session hat unterdessen mit der Zustimmung beider Räte zum UBS-Abkommen geendet, und all diese Pirouetten zuvor haben die Glaubwürdigkeit von Parlamentarierinnen und Parlamentariern noch mehr angekratzt. «Was ist nur los in diesem Bern?»

«Basta, es reicht mir!», dachte ich und suchte nach positiven Schlagzeilen für unser Land. Gottlob, gab es die Fussballweltmeisterschaft in Südafrika. Sepp Blatter, ein Walliser, sprach zur Eröffnung vor der Weltöffentlichkeit. Und dann: «Kleines Land, grosser Sieg» Und: «Stolz ein Eidgenosse zu sein.» Der oft geschmähte ehemalige Bundesrat Josef Deiss, ein Freiburger, wurde als Präsident der Uno-Vollversammlung gewählt. Und unser Land musste sich nicht wie ein gerupftes Huhn vorkommen.

Ich aber begann zu packen. Mit ins Gepäck sollte auch Epikur. Der griechische Philosoph lebte zwischen 341 und 270 v. Chr. Er musste wegen politischen Querelen und Streitigkeit vorerst aus Athen flüchten, konnte später zurückkehren, kaufte sich einen grossen Garten und gab, auf und ab wandelnd, auserwählten Zeitgenossen und Schülern Unterricht. Er lehrte sie jenes Streben zu nutzen, das die Seele zur Ruhe bringt. Auch in Athen gab es lautes Parteiengezänk. So schrieb Epikur einem seiner Freunde, er solle sich nicht der Politik zuwenden: «Der Politiker und Staatslenker hat nichts als Arbeit und Sorge, wenig Ehre, viel Undank und zum Schluss womöglich noch Verfolgung und Tod. Darum wird der Weise sich hüten, sich mit der Regierung eines Staates abzugeben.»

Aber irgendjemand muss ja schliesslich den Staat lenken, auf der Kommandobrücke stehen, sich also opfern, Häme einstecken oder sich gefallen lassen, als Niete bezeichnet zu werden. Dem sich wacker schlagenden Bundesrat geht es ähnlich. Und dennoch wird es wieder bessere Zeiten geben. Wie sie zum Beispiel Altbundesrat Josef Deiss eben erleben darf. Und so wird man Hans Rudolf Merz dereinst ehrenvoll verabschieden und betonen, er habe die Staatsfinanzen ins Lot gebracht.

Sobald es wieder um die Sache geht, wird es ruhiger im Land. Manchmal freilich kehrt die Ruhe erst nach den nationalen Wahlen ein, wenn neue Köpfe mit gesammelten Vorschusslorbeeren an die Arbeit gehen. Die Neuen sollten auf Epikurs Rat hören und sich nicht abhängig machen von all dem Überflüssigen und Schädlichen, was täglich verbreitet wird. Wahrscheinlich zählte schon bei den Griechen die öffentliche Aufmerksamkeit mehr als die Sache.

Wenn ich wie Epikur glaube, es komme darauf an, abzuwägen und zu unterscheiden, was zuträglich oder abträglich ist, um alles möglichst richtig zu beurteilen, so wird man mich einen Schöngeist nennen, mir unterstellen, mir fehle es an Realitätssinn. Dennoch gebe ich den Glauben nicht auf, dass Politik im Grunde nur weiter führt, falls besonnene Leute differenzieren und die Sache in den Vordergrund stellen.

Epikur ist eine Art Viatikum, eine Wegzehrung, Ich bin dem Rat des Philosophen gefolgt, so oft ich nur konnte, weil er mich noch etwas anderes gelehrt hat: «Es ist nicht möglich, lustvoll zu leben, ohne das man vernunftgemäss, schön und gerecht lebt, noch vernunftgemäss, schön und gerecht ohne lustvoll zu leben.» Das ist mein Ferienmotto, und deshalb lasse ich mir keine Schweizerzeitungen ans Meer nachschicken.

Mir hat die Pracht des Kirschbaums gefehlt

Der frühere Abt Georg Holzherr von Einsiedeln sagte jeweils an Auffahrt: «Die Zuger kommen, es regnet!» Auch wenn es nicht ständig regnete: Einen Schöpflöffel voll Wasser hatte der Himmel am Auffahrtstag immer vorgesehen. Setzte zu Beginn des Wonnemonats eine schöne Wetterperiode ein und breitete sich Lebenslust und Freude aus, sagte Vater warnend: «Wartet nur auf Pankraz, Bonifaz und die kalte Sophie, die werden sich schon noch melden!» In diesem Jahr fielen die Eisheiligen auf das Auffahrtwochenende. Kein Wunder, dass es kalt und regnerisch war. Wäre es nur von Mamertus bis zur kalten Sophie regnerisch gewesen, hätten mich die vier Heiligen nicht enttäuscht. Sie hätten einfach ihrem Namen Ehre gemacht. Und was in Volkes Mund so geläufig ist, findet man gerne bestätigt. Nun aber dauert das schlechte Wetter an und verdirbt mir die gute Laune. Mir fehlt der Mai, die Gefühlsseite leidet unter einem Defizit.

Der diesjährige Mai hat mir eine der grössten Freuden im Lauf der Jahreszeiten verdorben, und deshalb ist meine Gefühlsbilanz negativ. Sie wird es voraussichtlich so lange bleiben, bis sie durch möglichst lange Schönwetterperioden ausgeglichen ist. Was mir aber 2010 nicht mehr zurückgegeben werden kann, ist der blühende Kirschbaum vor dem Fenster meines Arbeitsplatzes, wo ich meine Kolumnen schreibe. Wie oft habe ich ihn doch schon im üppigsten Blütenrausch bewundert, ja sogar besungen! Öffnete ich dann das Fenster, konnte ich sogar das Bienensummen vernehmen und beobachten, wie sie eifrig von Blüte zu Blüte flogen.

Auch dieses Jahr schien ich wieder in den Genuss des blühenden Baumes zu kommen. Die Knospen trieben, und als unten, um den Zugersee, die Kirschbäume schon fast verblüht waren, kam der meine hier auf über siebenhundert Metern Höhe, erst etwa vierzehn Tage später, wie jedes Jahr, an die Reihe. Schon bald würde er im schönsten Kleid dastehen, als festliches Zeichen, dass wir in der warmen Jahreszeit angekommen sind. Aber dann setzte die Regenperiode ein. Sie störte mich vorerst nicht. Ich sagte zu jedem Bekannten, den ich traf: «Es ist gut, dass es regnet!» Und jeder nickte und ergänzte: «Der Wind hat die Böden ausgetrocknet.» Doch nun, nach Mitte Mai, hadere ich mit dem schlechten Wetter. Es hat mir den Zauber der Blütenpracht vorenthalten, den ich jedes Jahr geniesse. Der Kirschbaum blühte zwar, aber ohne Sonnenlicht gelang es ihm nicht zu strahlen. So blieb sein köstliches Weiss matt und gedämpft, und je länger es regnete, desto mehr kam es mir wie ein trauriges Grau vor.

Auf der Suche nach besserem Wetter flüchtete ich in den Süden. Am Tag der kalten Sophie trat ich in eine Wallfahrtskirche, wo eine Hochzeit stattfand. Vorne im Chor kniete das Paar. Gerade war es so weit, dass sich die Brauleute ewige Liebe schworen und nickten, als der Priester sagte, was im Himmel beschlossen werde, könne der Mensch nicht trennen. Die Braut trug ein weisses Kleid, das matt wirkte. Es schimmerte in der dunklen Kirche beinahe gräulich. Erst als das Paar an mir vorbei aus der Kirche schritt, sah ich, wie kirschbaumblütenweiss es doch war.

Die schöne Braut erheiterte meine in Kälte und Regen abgetauchte Seele und weckte die guten Kräfte meines Gemüts, denn sie lächelte so charmant, dass mein zugekniffener Mund aufsprang und ihr gerne etwas Nettes gesagt hätte. Der Bräutigam strich ein paarmal verlegen seinen schwarzen Schnauz und liess sich mit seiner angetrauten Frau, wie es in Italien Brauch ist, im Vorzeichen der Kirche mit Reiskörnern bewerfen. Seine Angetraute würde wohl fruchtbar sein. Er war zuversichtlich, so machte es wenigstens den Eindruck. Alle anderen, die aus der Kirche traten, spannten sofort den Schirm auf, was die Stimmung aber nicht verdarb. Für mich war dies ein aufheiterndes Intermezzo, und als später der Nordföhn die Wolken aufriss, konnte ich sogar auf der Piazza einen weissen Cinzano geniessen. Kurz darauf leckte die Kälte aber wieder an meiner Haut.

Der regnerische Mai schlägt mir also aufs Gemüt. Und ich gestehe nochmals freimütig, dass meine Gefühlbilanz negativ ist. Wäre mein Kirschbaum nur einen einzigen Tag oder wenigstens einige Stunden im vollen Licht der Sonne gestanden, hätte ich das feierliche Bild, das er jeweils abgibt, als Erinnerung durch die kommenden Tage getragen. Nun muss ich mir mit Ersatzbildern aus früheren Jahren behelfen, damit sein trauriges Blattgrün, voll hängender Regentropfen verschwindet.

Was soll ich tun, mit meinem Wetterkummer? Eines der probaten Trostmittel ist die Lektüre eines Buches. Ich habe gerade mit Arthur Krasilnikoff «Das Augen des Wals» begonnen, dessen dichte poetische Sprache mich beglückt. «Lesen lernen ist eines der grössten Erlebnisse, die es gibt. Astur entdeckt dabei ständig von neuem, dass die kleinen Zeichen Wörter bedeuten, die man laut aussprechen kann. Sobald man fähig ist, seinen eigenen Namen zu buchstabieren, lebt man mit einem ganz anderen Bild von der Welt …»* Astur ist ein Junge, der in den 1940er Jahren mit seiner Familie auf Färöer lebte, bis sie zurück nach Dänemark gingen. Was für ihn einem Kulturschock gleichkam, weil er seine Heimat verlor.

Zu meiner Heimat zählt der Kirschbaum vis-à-vis, und dazu gehört die Fähigkeit, über ihn zu schreiben. Habe ich einmal meinen Kummer beklagt, geht es mir wieder besser, auch wenn ich das Fehlende jetzt nicht herbeireden kann. Mir fehlt der Mai, der mir jedes Jahr einen blühenden Kirschbaum vor das Fenster zaubert, und so hoffe ich, dass ich nächstes Jahr nicht wieder zu jammern brauche. Immerhin, an Pfingsten soll es wärmer sein.

* Arthur Krasilnikoff: Das Auge des Wals. Verlag Martin Wallimann, 2010.

Ein Umweg war nicht vorgesehen

Mitte April war ich eingeladen, an der Buchtaufe von «Anna Gelante» in Tallinn teilzunehmen. Mein kleiner Roman, 2002 erschienen, ist unterdessen ins Estnische übersetzt worden, ausgerechnet in eine der schwierigsten europäischen Sprachen. Anschliessend reiste ich nach Helsinki zu einer weiteren Lesung und freute mich auf Rovaniemi, hoch oben in Lappland, wo ich mit dem Botschaftsrat Beat Bürgi an der Universität auftreten sollte. Alles verlief nach Plan, bis mir am Vorabend mitgeteilt wurde, nicht nur unser Flug sei gestrichen worden, sondern alle Flugzeuge stünden am Boden. Der isländische Vulkan mit dem klingenden Namen wollte es so.

Ich sass also fest. Und es wurde mir bald einmal klar, dass ich nur auf dem Seeweg, ganz bestimmt nicht direkt, wieder in die Schweiz gelangen würde. Ich erinnerte mich an jenen Satz von Hans Blumenberg, den ich immer wieder gerne zitiere: «Nur wenn wir Umwege einschlagen, können wir existieren.» Wie sollte ich zurück, in die Schweiz gelangen? Warten, hockend oder stehend? Nein, das war nicht mein Ding. Ganz bestimmt nicht so wie jener Mann, der in der Lobby des Hotels auf einem Stuhl schlief und manchmal laut schnarchte.

Es blieben mir also einige freie Tage, und ich begann mich auf kreative Umwege zu begeben: Ich entdeckte sogar ein ausgezeichnetes Restaurant, in dem Jean Sibelius, der berühmte finnische Komponist, jeweils getafelt hatte. Später trank ich im Café «Fazer», wo feiner Schokoladenduft das Lokal durchzog und gabelte mir zartes Gebäck auf die Zunge. Dieses finnische Unternehmen war von Karl Fazer, einem ausgewanderten Thurgauer Chocolatier und Bäcker, vor Generationen gegründet worden, und es habe in ganz Skandinavien einen ähnlich guten Ruf wie die Firma Sprüngli bei uns, liess ich mir sagen.

Schauen, Eindrücke sammeln, ohne gewisse Details aus einem «Dumont» zu entnehmen, die Stadt Helsinki einfach auf mich wirken lassen, wieder einmal ganz Flaneur sein, ein paar Eindrücke im Tagebuch festhalten, dem Meer entlang spazieren und mich von der Geschäftigkeit des Treibens nicht beirren lassen, am Abend sogar ins Opernhaus, wo die «Die lustige Witwe» von Franz Lehar auf Finnisch gegeben wurde, das war doch gut. Ich verstand kein Wort, ausser etwa Namen wie Vilja oder Maxim. Das Vilja-Lied hatte ich in jungen Jahren gesungen und mich dazu am Klavier begleitet. Da purzelten einige Verse aus dem Gedächtnis und ich sollte etwas später auf dem Weg ins Hotel summen: «Vilja, oh Vilja, du Waldmädelein…» und: «Ach, das Studium der Weiber ist schwer, nimmt uns Männer verteufelt auch her…» Ich sang etwa gleich lückenhaft, wie wenn von mir die zweite Strophe des Schweizerpsalms verlangt worden wäre. Auf der Bühne wurde unterdessen getanzt, mit Gläsern angestossen und geflirtet. Ein bisschen à la Finnisch, vermutete ich, nicht so süss wie bei uns oder in Österreich.

Am nächsten Tag fuhr ich nach Turku, und am übernächsten besuchte ich das moderne Kunstmuseum Kiasma in der Hauptstadt. Ich schlenderte leicht irritiert durch die Säle, bis auf einmal auf einer Leinwand ein Helikopter hochstieg, und ich mich in die Schweiz zurückversetzt glaubte. Richtig, bei näherem Zuschauen kreiste er über Grindelwald und näherte sich dem Agassizhorn, das seinen Namen von Jean Louis Rodolphe Agazziz erhalten hat, einem berühmten Glaziologen, 1807 in Môtier geboren, und der 1846 in die USA auswanderte. In der Fremde trat er allerdings als arger Rassist auf. Diesem Agassiz galt das Video. Gedreht hat es die schweizerisch-haitische Künstlerin Sasha Huber. Mit ihrer Installation wollte die Künstlerin bewirken, dass das fast viertausend Meter hohe Horn umgetauft werde. Künftig sollte es Rentyhorn heissen, zum Andenken an Renty, einen afrikanischen Sklaven. Nach der Abschaffung der Sklaverei wurde Agassiz zu einem Vordenker der Apartheid. Das Gesuch der Aktionskünstlerin wurde aber von Grindelwald heftig abgelehnt. Ich lächelte als ich das gemeindliche Verdikt im Saal las. Unverhofft war ich mitten in der helvetischen Bürokratie.

Am Sonntagnachmittag bestieg ich die Fähre nach Travemünde. Kurz nach Abfahrt war die See unruhig. Die Wellen warfen Schaumkronen, die dann in der gewaltigen Wassermasse zerflossen. Dann aber fuhr die Fähre in ruhigem Gewässer. Auch ich wurde ruhiger und las in Theodor Storms «Der Schimmelreiter». Als das Schiff nach der 27-stündigen Fahrt endlich anlegte, stand ich verloren in der Masse der Wartenden, die auch nicht wussten, wie es weitergehen sollte. Wie würde ich selber weiter kommen?

Nach einer guten Stunde hatte sich der Knäuel entwirrt, und ich sass bereits im Zug nach Lübeck. Dort kam ich um halb elf an. Fand ein Hotelzimmer in der Nähe des Bahnhofs, stellte das Gepäck ab, eilte anschliessend zum Taxistand und fragte nach einem Restaurant, wo ich spät noch etwas Warmes essen konnte. Bald sass ich in der historischen Gaststätte «Schiffergesellschaf zu Lübeck» und war verblüfft. Der hohe Raum, dessen Diele von schwarzen, schweren Balken getragen wurde, kam mir wie ein mächtiges Chorgestühl vor, mit all den reichen Schnitzereien und mit Wappen.

Ich war also im Lübeck der Buddenbroocks von Thomas Mann. Am nächsten Morgen blieben mir nur gerade zwei Stunden für einen ersten Augenschein. Ich kaufte im «Mann-Museum» Thomas Manns lange Erzählung «Mario und der Zauberer» und begann unterwegs nach Basel zu lesen. Dabei stiess ich auf die Stelle: «Wahrscheinlich kann man vom Nichtwollen seelisch nicht leben…» Ja, wie wollte ich nun endlich nach Hause!

Die feine Stäubung des Schmetterlings

Das Leben ist immer wieder darauf ausgerichtet, uns eine Begegnung mit einem Menschen zu ermöglichen, den wir bisher nicht gekannt haben. Mir ist es vor kurzem so ergangen. Da traf ich einen Menschen und spürte rasch, dass es sich um eine Persönlichkeit handelte. Wenn ich ihm verraten hätte, was mir spontan durch den Kopf gegangen war, dann hätte er bestimmt abgewinkt und erwidert: «Oh, ich setze mich nicht aufs hohe Ross!» Ob jemand als Persönlichkeit gilt und als solche wahrgenommen wird, kann niemand selber beurteilen. Der Mensch begegnet Mitmenschen, und sie widerspiegeln, was einer ist.

Dieser X, den ich kennen gelernt habe, verfügt über ein feines Gespür für Menschen, er hat einen guten Geschmack und achtet vor allem auf seine Sprache. Ab und zu geniesst er von einem bestimmten Gipfel die Aussicht, lässt den Blick nach allen Seiten schweifen und weiss, dass sich hinter dem Horizont ein weiterer verbirgt. Neben seinem anspruchsvollen Beruf, liest er gern ein Buch. Bücher, sagt er, sind ein Fenster zur Welt.

Im Laufe unseres Gesprächs kam er auf einen guten Kollegen zu sprechen. Dieser sei früher ein offener und interessanter Mann gewesen, sie hätten oft über Literatur oder die Sinnfragen des Lebens diskutiert. Dann habe er sich zurückgezogen, erfolgreich verschiedene Geldgeschäfte getätigt und sei ein reicher Mann geworden. Und siehe da, niemand werde sich wundern. Sein Wesen habe sich verändert. Heute könne man mit ihm nur noch über Anlagen sprechen und darüber, was man mit dem Geld denn alles machen könne: Reisen, gut essen und immer wieder die Börsenkurse verfolgen. Nach jeder Reise erzähle er von ausgefallenen Speisekarten, luxuriösen Hotelzimmern oder dem Besuch eines Nachtlokals, das gerade «in» sei. Aus dem vielseitigen, neugierigen Menschen sei ein eindimensionaler Mann geworden, der dem Mammon huldigte. «Sone ghüslete und glinierte, isch er worde», schloss mein Vis-à-vis.

Der Dialektsatz erinnert mich an die Schiefertafel, auf der ich als Schüler meine ersten Buchstaben auf Linien und in Häuschen kritzelte. Dabei ging mir das Knirschen des Griffels durch Mark und Bein. Auf der Tafel entstanden die ersten Wörter und ich ergötzte mich an ihnen. Allmählich sammelten sie sich zu richtigen Sätzen. Später begegnete ich den Wörtern wieder in den Gedichten. Und noch etwas später entdeckte ich, dass sich über meine Welt ein unermesslicher Wörterhimmel spannt.

Nachdem ich etwa mal an die Geschichte des Mannes dachte, die mir mein neuer Bekannter erzählt hatte, erinnerte ich mich an eine Stelle in Robert Walsers Gedicht mit dem Titel: «Was fiel mir ein?» Der Dichter fragt sich: «Wann ging die feine Stäubung dem Schmetterling in mir verloren? Wann fing es an, wann, wo begann, was mich entfärbte …?» Das sind Fragen, die sich jeder Mensch irgendwann einmal stellt, auch wenn er kaum imstande sein wird, sie so poetisch zu formulieren. Wann hatte sich das Lebens jenes Mannes, von dem ich weiter oben schrieb, zu entfalten begonnen, wann hatte es sich verengt? Hatte er den Augenblick nicht erfasst, als er anfing, seinen Blick eingleisig auf seine eigenen Interessen zu richten? Wann hatte er vergessen, dass sein Wesen eigentlich auf eine offene Person angelegt war, nicht bloss auf eine spekulierende und funktionierende?

Auch wenn das Leben den Menschen oft genug zwingt zu funktionieren, bleibt ihm doch Zeit, zum Schmetterling, der in ihm steckt, Sorge zu tragen, und sich gegen die Einseitigkeit und Sturheit zu wehren und jene Seelenteile zu pflegen, die Robert Walser mit dem Motiv des Sommervogels aufnimmt. Der sensible Dichter führte ein unstetes Leben voller Sehnsucht. Er besass eine wunderbare wortschöpferische Einbildungskraft. Dabei schaute er den Menschen aufs Maul. Nicht alles, was er wahrnahm, gefiel ihm.

Robert Walsers Frage zwingt einen, den Blick nach innen, auf die Seele, zu richten. Sie darf nicht abstumpfen. Der erwachsene Mensch möchte vielmehr zurückgewinnen, was er als Kind in sich erahnte. Es hatte die Welt in ihrer Farbenpracht betrachtet, und es schaute dem spielenden Dahinschaukeln der Schmetterlinge zu. Aber es entdeckte auch, dass es den Kohlweissling gab. Seine Raupe ist zwar ein grosser Schädling in der Landwirtschaft. Und doch ermahnten die Eltern das Kind, den Schmetterling nicht mit den Händen zu fangen. Sonst werde er nicht mehr fliegen können und müsse verhungern, wenn die Stäubung, die winzigkleinen Schuppen verloren gehen. Man sollte ihn nur zärtlich auf dem Arm auf- und absteigen lassen, so ähnlich werde auch das Leben auf das Kind zukommen.

Walsers Bild steht für die behutsame Pflege jener Werte, die das Leben lebenswert machen. Dazu gehört der achtsame Umgang mit den Menschen, mit der Schöpfung, der Natur und der Kultur. Ging das Kind nicht früher auf Trampelpfaden, erst recht am liebsten auf Umwegen und wich dabei dem geraden Weg aus? Sah es da nicht Blumen am Weg? Lag es später nicht in der Sonne am Waldrand und hörte den Vögeln zu? Damals hatte es noch die Aussicht, dass es vieles erleben, manches entdecken und sehen würde. Es würde werden. Es stand fragend vor und mitten in den Dingen. Noch wurde es nicht an dem gemessen, was es hatte, sondern an dem inneren Reichtum, an seinem Mutterwitz und an den vielfältigen Interessen. Es hatte ein Herzenskonto, das sich täglich vermehrte. Eine feine Stäubung lag auf seinen Flügeln. Es konnte durch die Welt schaukeln und ein Liedchen singen: Farfallina tutto bianca, vola! Vola e non sia stanca! Schmetterling, ganz weiss, flieg! Flieg ohne müde zu werden!

Wenn der Glaube missbraucht wird

Gott verhüllt sich. Die christlichen Theologen sagen zwar, er habe sich in Jesus Christus offenbart. Aber die Frage nach dem Wesen Gottes bleibt weder philosophisch noch theologisch überzeugend beantwortet. Gibt es eine Katastrophe wie das verheerende Erdbeben in Haiti oder Chile, fragen sich viele Menschen: Wo war Gott in jenen Sekunden? Wer ist er denn? Ignatius von Loyola, Begründer des Jesuitenordens, hätte geantwortet: «Deus semper maior», also: «Gott ist immer grösser». Er ist dem menschlichen Denken nicht zugänglich. In der franziskanischen Tradition hingegen gibt es auch das Wort: «Deus semper minor». Gott ist immer kleiner, als man ihn denken kann. Diese beiden Aussagen heben sich gegenseitig auf, sie sind paradox. Etwas kann nicht zugleich unendlich gross und unendlich klein sein. Die paradoxe Gegenüberstellung will besagen, dass das Denken das Absolute nicht erreicht. Niklaus von Kues, der berühmte Gelehrte, Kardinal und Kirchenpolitiker im 15. Jahrhundert, sprach in seinem Spätwerk «Die Jagd nach der Weisheit» vom «wissenden Nichtwissen», von der «docta ignorantia». Es sei unmöglich zu wissen, was demjenigen, das geworden ist, vorausgegangen sei.

Fragt der Mensch nach dem Ursprung des Seienden, stösst er also an die Grenze des Wissens. Er kann nicht sagen, wer die Welt geschaffen hat. Am Anfang mag da ein göttliches Prinzip gestanden haben. Doch dieses Göttliche hat weder Farbe noch Gestalt. Der Mensch kann immer nur sagen, so wie über ihn gedacht wird, ist er nicht. Das Absolute bleibt demnach unergründlich, und darum beginnt bei dieser Erkenntnis das grosse Schweigen, das Staunen, das Gebet oder der Glaube.

Wer die Geschichte der Philosophie und der Theologie studiert, wird erkennen, dass der Mensch schon immer nach dem letzten Geheimnis hinter der Erschaffung der Welt und seiner eigenen Existenz gefragt hat. Beim Betrachten der Schöpfung, der Natur leuchtet ihm so etwas wie das Göttliche auf, aber dieses Licht ist kaum dasjenige eines persönlichen Gottes. Ein persönlicher Gott wäre für den Gang der Geschichte verantwortlich. Man könnte ihm die Gräuel und Katastrophen anlasten. Das Göttliche aber ist nicht belangbar. Es entzieht sich dem Menschen.

Extra ecclesiam salus non est! Ausserhalb der Kirche gibt es kein Heil! Diese Position nahm die katholische Kirche jahrhundertlang ein. Ihre Auffassung wurde jedoch von den anderen christlichen Bekenntnissen nicht geteilt. Zudem glauben auch die Juden und die Mohammedaner an den einen Gott. In mancher Ecke unserer Welt gab es und gibt es grosse Religionsgemeinschaften, die vom Eingottlauben abweichen. Buddhisten und Hindus kennen ihn nicht. In vorchristlicher Zeit glaubten die Menschen an die Macht vieler Götter. Die Griechen verehrten Zeus und andere Gottgestalten, die Ägypter beteten eine Zeit lang den Sonnengott an, die Inkas den zürnenden Gott, dem sie Menschenopfer darbrachten, um ihn versöhnlich zu stimmen.

Gab es für die Menschen, die vor unserer Zeitrechnung lebten, wirklich kein Heil? Hans Küng stellt die Frage, welchen Glauben er wohl bekennen würde, falls er in Indien zur Welt gekommen wäre. Was bei dieser Sachlage erstaunt, ist die Tatsache, dass es trotz unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse einen Wettstreit unter den Religionen gibt. Die Religion kann Menschen fanatisieren und zu Gewalttaten aufhetzen. Fanatismus ist ein Übel, ja er artet oft in Wahnsinn aus.

Darum muss der Mensch seine eigene Überzeugung im Blick auf andere Glaubensbekenntnisse relativieren. Er sollte sich hie und da selber beobachten, wie es um seine Toleranz gegenüber anderen Konfessionen steht. Er gibt die feste, dogmatische Position auf, falls er zur Einsicht gelangt, dass seine Religion nur ein Weg ist, sich dem Göttlichen anzunähern. Von diesem Göttlichen wird ihm in Heiligen Schriften und in Mythen erzählt. Das Alte und das Neue Testament, der Koran und die Thora, die Geschichte des Tao, ja sogar die klassischen Sagen des Altertums sind grossartige Erzählungen, die berichten, wie der Mensch nach dem Sinn des Lebens und dem ewig Seienden sucht. Diese grandiosen Erzählungen deuten mit Bildern das Mysterium des Daseins. Die Religionen, die auf Grund dieser Geschichten entstanden sind, betten die Sinnsuche des Menschen in Zeremonien, Rituale und Kulte.

Weist die Religion den Weg, auf dem sich der Mensch dem Göttlichen nähert, dann ist die Suche der Spur, die ein anderer wählt genauso legitim, denn sonst würde Intoleranz die Frucht des Glaubens. Es gilt nämlich: «An ihren Früchten könnt ihr sie erkennen: Erntet man denn Trauben von den Dornen oder Feigen von den Disteln?» (Matthäus 7, 16).

Niemand gibt zu, dass seine Überzeugung eine Frucht ist, aus Samen von Dornen und Disteln gereift. Machtmenschen kümmert es wenig, dass sie die Religion instrumentalisieren. Sie haben sie stets für ihre Zwecke missbraucht. Ruft Muammar Ghadhafi hinter Panzerglas während einer langen Rede zum Heiligen Krieg, zum Jihad gegen die Schweiz auf, dann stellt er die Religion in den Dienst seiner Macht, sät Dornen und Disteln, und hofft darauf, die Saat gehe bald auf. Wird der Glaube missbraucht, entsteht Rechthaberei, oft sogar Feindschaft.

Lehrer Heyd beurteilte Friedrich Schiller

Ein Schulzeugnis dient der Selektion. Reicht es für eine höhere Schule oder sollte man besser einen anderen Weg einschlagen? Das Leben als Ganzes ist Selektion. Immer wieder wird man geprüft, die geleistete Arbeit wird bewertet. Aber das Leben ist viel mehr: es ist Variation, manchmal sogar Mutation, wie Darwin bewiesen hat. Denn das Leben kann sprunghaft verlaufen, das Schulzeugnis entscheidet nicht darüber, ob das Leben erfolgreich, zufrieden, glücklich oder unglücklich sein wird.

Im «Schiller Nationalmuseum» in Marbach sind zwei Zeugnisse in Worten aus dem Jahr 1774, als der fünfzehnjährige Friedrich in Stuttgart zur Schule ging. Lehrer Georg Friedrich Heyd beurteilte den Burschen mit folgenden Worten: «Gaben sind mittelmässig, Aufführung gleichgültig, Fleiss seinen Kräften angemessen. Geschicklichkeit in dem Recht der Natur, der Reichshistorie, denen röm. Alterthümern sind alle gleich mittelmässig.» Ein Glück, dass dieses Zeugnis nicht verloren gegangen ist und uns modernen Menschen Einblick gewährt, wie ein heute völlig vergessener Lehrer ein späteres Genie beurteilt hat.

Neben Heyd bewertete auch der Religionslehrer Carl Friedrich Hartmann die Leistung Schillers: «Urtheilt langsam, aber gut: Das Ingenium zeigt viele Fähigkeiten, das Gedächtnis ist gut; in seinem Studieren ist er bedächtig; der Fleiss willig, und geschäftig.» Hartmann ahnte, dass der junge Schiller gute Anlagen besass. Aber auch er konnte nicht ahnen, dass Schiller später «Die Räuber», den «Wallenstein» und den «Wilhelm Tell» schreiben, und er konnte nicht wissen, dass sein ehemaliger Schüler der Dichter der deutschen Nation werden würde. Das Ingenium entfaltete sich erst später, nicht in der Schule. Vielleicht wollte der Fünfzehnjährige möglichst nicht auffallen.

Ein Lehrer ahnt oft nicht, was eigentlich in einer Schülerin oder einem Schüler vorgeht. Vor Jahren stellte ich meinen Studentinnen im Pädagogikunterricht einmal folgende Aufgabe: «Stellt euch den kleinen Albert in eurer künftigen Klasse vor, der hinten in einer Bank sitzt. Er träumt und schaut den Wolken nach, ist ganz einfach zerstreut. Ihr ärgert euch über ihn. Anschliessend gebt ihr ihm eine schlechte Note in ‹Fleiss› und ‹Betragen›. Jahre später bringen alle Zeitungen unzählige Artikel und Beiträge über ihn. Überall heisst es, er sei ein Genie, er habe die Relativitätstheorie erfunden. Was meint ihr, was könnte wohl die Ursache seiner ständigen Unaufmerksamkeit gewesen sein?»

Ein Urteil ist relativ und manchmal überhaupt nicht angemessen. Da sitzen wir zum Beispiel in einem Zug. Parallel zu unserem Zug fährt ein zweiter gleich schnell auf einem anderen Geleise. Wir meinen, beide Züge würden still stehen. Wenn wir auf die andere des Abteils schauen, realisieren wir, dass unser Zug bereits mit hoher Geschwindigkeit dahinbraust.

Die Welt ist immer nur eine interpretierbare. Die Realität hingegen wird unterschiedlich wahrgenommen. Wir sind darauf angewiesen, sie zu interpretieren. Der Lehrer, der seinerzeit überzeugt gewesen sein könnte, Albert Einstein sei ein fauler Schüler, interpretierte dessen Verhalten falsch. Der Knabe war wohl viel stärker vom Ideenhimmel der Mathematik und den physikalischen Fragen fasziniert, als von denen, die in der Schule gestellt wurden.

Die Frage, wie es mit der Realitätswahrnehmung steht, beantwortet uns die Interpretationsphilosophie. Die Naturgesetze, sagt sie, stecken nicht in der Natur, sondern sie sind grundsätzlich Verstandeskonstruktionen. Die Gesetze des Staates, an die wir uns zu halten haben, sind Verallgemeinerungen von Erfahrungen und zugleich Vereinfachungen. Die politischen Sachverhalte unterliegen der Interpretation. Und wie erst verhält es sich mit Glaubenswahrheiten?

Die Zeugnisse sind also immer Interpretationen. Sie versuchen das Verhalten und die Leistung von Schülerinnen und Schülern zu interpretieren. Dabei können Lehrkräften durchaus falsche Einschätzungen passieren. Doch wenn das Zeugnis dem Kind gerecht zu werden versucht, wenn der Lehrer dem Schüler mit Respekt und Achtung begegnet, auch wenn die Leistungen alles andere als befriedigend sind, dann kann das Zeugnis durchaus eine Hilfe für das spätere Leben sein. Selbst Eltern können die eigenen Kinder nicht genau einschätzen, vor allem wissen sie nur wenig davon, wie sich ihre Sprösslinge ausserhalb der Familie verhalten und schon gar nicht, was einmal aus ihnen werden wird. Somit sind Noten bloss Zwischenberichte, relativ und eine Gesprächsgrundlage.

Nach Lehrer Heyds Beurteilung hat Friedrich Schiller nicht all seine Kräfte angestrengt, und diese seien erst noch mittelmässig. Mit welch gewaltiger Willenskraft schuf Schiller aber seine Werke, was rang er in den letzten Lebensjahren seinem kranken Körper ab! Ob gut oder schlecht benotet, die Anlage zu besonderen Fähigkeiten wird sich im Leben früher oder später entfalten. Es gibt ausserordentlich kluge und erfolgreichen Geschäftsleute und Handwerker, Bauern und Bankiers, Diplomaten und Rechtsanwälte, Köche und Sammler von Alteisenwaren, Ärzte und Krankenschwestern, die als Schüler mittelmässig beurteilt worden sind. Wie relativ ist zudem, ob man ein Zeugnis mit Noten oder eines mit Worten erhält. (Überlassen wir diese Entscheidung den Pädagogen und schieben wir die Verantwortung nicht auf die Politiker ab.)

Freilich, es gibt nur einen Friedrich Schiller und nur einen Albert Einstein. Aber um diese Fixsterne gruppieren sich viele begabte Menschen, die in sich die Kraft spüren, etwas aus ihrem Leben zu machen. Wie schrieb doch Schiller in einem Brief am 3. Mai 1783 «Da siz ich, spitze Federn, und käue Gedanken.»

Schweizer und Ausländer

Chefredaktor Thomas Bornhauser schreibt in seinem Leitartikel zum Jahresrückblick in der nachweihnächtlichen Montagsausgabe dieser Zeitung, die Abstimmung über die Minarett-Intiative habe es möglich gemacht, dass doch noch grundsätzliche Fragen über das Selbstverständnis unseres Landes auf den Tisch gekommen seien. So sei die Schweiz nicht mehr einzig unter dem Bann der Wirtschaftskrise, der Steuerflucht und der Banken gestanden. Die aktuelle Diskussion in verschiedenen Blättern im In- und Ausland fand zum Teil auf hohem Niveau statt. Auch im Leserbriefforum der «NLZ» wurde heftig debattiert. Das ist gut so. Als Kolumnist, der hier seine freie Meinung äussert, die mit derjenigen der Redaktion nicht übereinstimmen muss, erlaube ich mir, zwei, drei Dinge dazu zu sagen. Eine Kolumne sollte ja Biss haben und einen Stachel im Fleisch derjenigen sein, die die Meinung nicht teilen.

In etlichen Leserbriefen wurden die Gegner der Minarett-Initiative, als «weltfremde Elite» und einmal sogar als «belämmerte Gebildete» abqualifiziert. Ich muss mich wohl auch zu ihnen zählen. Solche Charakterisierungen hüben und wie drüben tangieren freilich nicht allein das Selbstverständnis des Landes, sondern sie reissen Gräben auf. Da setzt sich eine Tendenz fort, die wir in den letzten Jahren immer wieder erkennen konnten. Es entstehen Gräben zwischen dem Volk und der «Classe politique», zwischen Ausländern und Schweizern, zwischen deutschen Professoren an der ETH, an den Universitäten und dem einheimischen akademischem Nachwuchs, zwischen Eltern und Lehrern, zwischen unserem Land und der EU. Die Liste ist nicht vollständig.

Toni Brunner bemerkte nach der Abstimmung Ende November: «Wir und das Volk müssen im Land zum Rechten sehen». Zum Volk zählte er jene Menschen, die der Initiative zugestimmt haben. Ich gehörte nicht dazu. Mein Selbstverständnis als Schweizer wurde dadurch aber nicht berührt. Ich erwidere mit Peter von Matt: «Ich lasse mir mein Land von den selbsternannten Schweiz-Besitzern nicht wegnehmen.» Ich bleibe ein freier Schweizer, und fühle mich alles andere als weltfremd.

Zwei Themen beschäftigen mich nach der Minarett-Abstimmung. Nein, nicht, was die Leserin oder der Leser vielleicht vermuten. Für mich hat das Volk gesprochen. Ich brauche am Resultat nicht herumzunörgeln. Mich beschäftigt vielmehr die Frage, wer mitverantwortlich für das herrschende Unbehagen im Lande ist und wer mithilft, es zu überwinden. Wer hat die Situation der «Überfremdung» verursacht, die von vielen im Zusammenhang mit der Initiative beklagt wurde? Meine Antwort lautet: Zu den Verursachern gehört massgeblich die Partei, die heute daraus den grössten Nutzen zu ziehen versucht. Sie hat in den letzten zwanzig Jahren als Wirtschaftspartei für Steuersenkungen und für starkes Wachstum gekämpft. Die Folgen dieser Forderungen sind bekannt. Reiche Ausländer kommen gerne in ein steuergünstiges Land, wo das Bankgeheimnis als Heilige Kuh gehütet wird. Wachstum wiederum ruft nach neuen Arbeitskräften. Als vor Jahrzehnten in Zug der visionäre Stadtrat Rolf Kugler ein Nullwachstum postulierte, wurde er bei den Wahlen nicht mehr bestätigt. In den nächsten Jahren kommen eher wieder geburtenschwache Jahrgänge aus der Schule, somit braucht unser Land vermehrt willige Ausländer.

Es ist für eine Volkspartei einfacher, gegen Fremde vorzugehen, als jenes bescheidene Wachstum zu fordern, das keine oder nur wenige fremde Arbeitskräfte verlangt. Wer Wachstum will, muss auch Nebenerscheinungen in Kauf nehmen. Jeder Fortschritt, jedes Wachstum bringt Nachteile mit sich. Das Verlangen nach Fortschritt und Wachstum war ein dauerndes Thema der Wirtschaftsparteien, und so wuchsen eben auch die Schatten.

Die Minarett-Intiative hat Probleme deutlich gemacht, die unsere Bevölkerung stark beschäftigen. Die Politik kann nicht einfach wegschauen und so tun, als ob alles beim Alten geblieben sei. Die Parteienvertreter im Bundesparlament und in den Kantonen sollten sich zusammenraufen, um brauchbare Lösungen zu finden. Doch was tut die Schweizerische Volkspartei? Nach dem Abstimmungssieg hat sie rasch die Kampfzone ausgeweitet. Dabei erinnere ich mich an ein Stück während der Saison 2000/01 im Luzerner Theater. Damals wurde «Ausweitung der Kampfzone» aufgeführt. Die Inszenierung beruhte auf dem gleichnamigen Roman des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq. Das Stück hatte mich damals tief beeindruckt und betroffen gemacht, ja, es ging mir so nah, dass ich es nicht vergessen kann. In Kästen, Käfigen gleich, kämpften Männer gegeneinander.

So kämpft die SVP nun gegen den angeblichen «Filz der deutschen Professoren» in Zürich, gegen ausländisches Personal in den Spitälern und gegen die Grenzgänger. Sie will das Freizügigkeitsabkommen mit der EU kündigen und attackiert die ihnen nicht genehmen Magistraten. Damit wird eine raffinierte Taktik verfolgt. Das Anpacken der Probleme wird den andern Parteien überlassen, im Wissen, dass sie kaum gelöst werden können. Statt einen konstruktiven Dialog zu beginnen, fasst die Partei sofort das nächste wahlpolitische Ziel ins Auge und hält die radikalisierte Basis bei Laune. Der politische Gegner wird in die Defensive gedrängt und verunglimpft. Die Missstände aber bleiben bestehen. Die SVP bewirtschaftet sie und schadet damit dem Ansehen unseres Landes. Das Selbstverständnis der Schweiz bestände aber doch darin, die Zukunft gemeinsam, Hand in Hand, zusammen mit allen Kräften, zu gestalten, und dann erst den Deutschen Friedrich Schiller, das Rütli und den Tell zu zitieren.