Wir sehen uns

Immer zu Wochenbeginn lädt die Moderatorin zur Sendung «Kulturplatz» des Schweizer Fernsehens ein und schliesst ihre Ansage mit dem Satz «Wir sehen uns». Wie dies allerdings ablaufen soll, ist schleierhaft. Sind wir denn alle geladene Gäste? Wir Fernsehzuschauer sehen die Moderatorin, folgen der Sendung, schauen und hören zu, aber die Akteure in den einzelnen Beiträgen können uns gar nicht sehen, sie beobachten höchstens sich selber oder die Leute im Hintergrund von der Technik. Die Ansagerin dreht sich also mit dem «Pluralis majestatis» um sich selber. Ihr und den Auftretenden gelten sowohl das Wir als auch das Uns. Sie dort drüben auf der Mattscheibe sieht uns eben gerade nicht, und auch jene sehen uns nicht, die dann befragt oder porträtiert werden. Wir, als Zuschauer, bleiben anonym. Vielleicht lassen wir dafür die Einschaltquote steigen.

Jedes Mal, wenn ich diesen Satz «Wir sehen uns» höre, überlege ich mir, was er wohl aussagen will. Nein, ich unterziehe ihn nicht einer tiefenpsychologischen Analyse. Noch viel weniger möchte ich psycho-edukativ wirken. Das würde nichts bringen, denn solche und ähnliche Sätze werden oft allzu leicht dahergesagt. Dennoch scheint es mir einleuchtend und logisch, dass es der Sprache gelingt, eine Wirklichkeit zu schaffen, die keinen Bezug zur Realität hat. Entspricht die Sprachwahl der Erlebnislage, könnte freilich hinter der Ansage doch mehr stecken, als ich meine.

Dass sich die Sprache selber zum Problem werden kann, erahnt der Leser beim Aufschnappen von Titeln aus dem Boulevard oder beim Überfliegen der Blätter, die ihn nachzuahmen versuchen. Da rieselt gerade leise der erste Schnee, und schon rieselt für den Journalisten das grosse Geld, denn er verwendet das Verb «rieseln» im Zusammenhang mit dem Spielzeug, das in China für unser Weihnachtsfest billig produziert worden ist. Eigentlich eine schöne Assoziation und doch «klottert» das gute alte Rieseln in diesem Fall.

Vor Jahren las ich folgenden Satz auf einem Plakat: «Une Bière ist jamais eifersüchtig». Ich gebe ja zu, dass die französischen Wörter zwischen den deutschen viel charmanter wirken als modisch englische. Aber ich stutzte doch kurz, als ich den sprachlichen Mischmasch unterwegs entdeckt hatte. Wollte der Grafiker sagen: «Saufe ruhig dein Bier, darauf wird deine Frau nicht eifersüchtig!»? Aber schon war ich ihm in der Falle gegangen. Ich betrachtete das abgebildete Glas mit dem gelben Saft und dem weissen Schaum lange. Das Plakat an der nächsten Säule pries mir «Une Blonde» an. Im Bahnhofbufett hätte ich beinahe automatisch ein helles Bier bestellt. Im letzten Moment hörte ich meinen Kopf sagen: «Lass dich nicht verführen!» So bestellte ich ein Fläschchen Rivella.

Werbefachleute haben den Auftrag, den Verstand mit Schlagworten zu unterwandern und Automatismen auszulösen, die das Kaufverhalten der Konsumenten steuern. Je besser mir ein Produktenamen im Gedächtnis haftet, desto schneller habe ich das Erzeugnis bestellt. Muss ich mich im Restaurant rasch entscheiden, was ich trinken möchte, fällt mir Coca Cola ein. Dabei habe ich doch lieber einen Sauren Most.

Die Propaganda ist darauf aus dem Menschen ein U für ein X vorzumachen. Prahlte nicht einmal ein Werbefachmann, mit einer Million mache er aus einem Kartoffelsack einen Bundesrat. Der frühere österreichische Bundeskanzler Franz Vranitzky spöttelte einmal: «Es ist die gemeinsame Sprache, die uns Österreicher von den deutschen Nachbarn trennt.» Ob ein Deutscher oder ein Österreicher das Gleiche sagt, ist es nicht das Gleiche. Und erst, wenn ein Sonderfall-Schweizer redet. Ein Schweizer versteht unter dem Begriff «Bankgeheimnis» etwas ganz anderes als ein Österreicher. Vraniskys Aussage ist witzig und enthält eine Prise Wahrheit aus der Schnupftabakdose.

Silvio Berlusconi trichtert seinen Landsleuten dank der eigenen Medien ein, wer ihn angreife und seine Skandalgeschichten ausschlachte, der beleidige das Volk. «Ich und das Volk müssen zum Rechten schauen», betont er immer wieder. Falls man den Umfragewerten überhaupt trauen darf, würden ihn noch immer über 60% der Stimmberechtigten wählen. «Meno male, Silvio c’è!» Nicht schlecht, dass es Silvio gibt! Das Schlagwort, von ihm selbst erfunden, suggeriert, dass Silvio Berlusconi für Italien besser ist als alle anderen Politiker!

Dass Wort und Wirklichkeit nicht deckungsgleich sind, ist gewiss. «Es ist die Funktion der Ironie, darauf hinzuweisen, dass ein Wort noch anderes meinen kann, als wofür es im Moment verwendet wird, dass Sprache die Wirklichkeit nie abdeckt und nie mit ihr gleichgesetzt werden darf und sie darüber hinaus eine grössere und reichere Potenz besitzt, als im Moment zur Sprache kommt. Damit weist Ironie auf Nicht-Berücksichtigstes hin, auf noch nicht erschlossenes Terrain und damit auf Zukunft.»* Hugo Loetscher zitiert Robert Musil: «Ironie ist: einen Klerikalen so darstellen, dass neben ihm ein Bolschewik getroffen ist.» Oder aktuell: Berlusconi, dass neben ihm auch ein Anderer gemeint sein könnte.

Wappnen wir uns zum Neuen Jahr also mit Ironie. Blicken wir nicht zuerst auf die «Wirklichkeit», die uns so gern vermittelt wird, sondern auf unsere unmittelbare Nähe, auf das, was wir selber sehen, wahrnehmen und beurteilen können. Vielleicht werden wir uns dann nicht vom Sog der Missstimmung an fremde, unbekannte Ufer spülen lassen. Es kommt im Leben des Einzelnen sowieso immer darauf an, wie er es mit den eigenen Verhältnissen hält. Darauf kann der Mensch einwirken, sie gestalten, ihnen den persönlichen Stempel aufdrücken. Im kleinen Kreis sagen wir sehr wohl: «Wir sehen uns. Wir helfen uns. Wir vergnügen uns. Wir lieben uns. Wir geben uns die Hand …» Unter Menschen, die sich schätzen, redet man nicht ins Leere. Da gibt es ein wahres Gegenüber.

*Hugo Loetscher: Vom Erzählen erzählen. Poetikvorlesungen. Diogenes 1999.

Früher oder später fallen alle Mauern

Ständig werden grosse und kleine Mauern aufgerichtet, auch wenn sie eines Tages wieder fallen werden. Der amerikanische Präsident Barak Obama besuchte kürzlich während seiner Asienreise die Chinesische Mauer und war beeindruckt. Wahrscheinlich imponierte sie besonders, weil sie ihre Funktion verloren hat. Die Stadtmauer von Zug ist längst abgetragen, und wenn auf der Zuger Burg heute noch die Mauerkrone beeindruckt, dann bloss noch als Dekoration. Solche Mauern wurden eines Tages zum ästhetischen Beiwerk oder erinnernden Mahnmal.

Die Berliner Mauer war 155 Kilometer lang. Als ich 1965 mit meiner Familie ein Jahr lang in Berlin weilte, da stand sie bereits seit vier Jahren. Beim Checkpoint Charlie, dem Übergang nach Ostberlin, stieg ich einmal die Treppe zur schmalen Holzbrücke hoch und blickte auf den Todesstreifen, wo DDR-Soldaten patrouillierten, die Kalaschnikow im Anschlag. Heute steht an der gleichen Stelle das exakt nachgebaute Grenzkontrollhäuschen. Es ist so mickrig, wirkt fast lächerlich, wäre es nicht das Mahnmal für eine traurige Trennung. Entlang der Mauer standen 302 Wachttürme. Fünf stehen noch. Sie sollen daran erinnern, dass von diesen Türmen auf Menschen geschossen wurde.

Allein im Monat vor dem Mauerbau, im August 1961, haben über 30'000 Menschen Ostdeutschland verlassen. Insgesamt waren es drei Millionen DDR-Bürger, die weggingen, bevor es die Mauer unmöglich machte. Den ständigen Exodus konnte nur ein solches Bauwerk verhindern.

Als ich vor ein paar Tagen wieder in Berlin weilte, entdeckte ich nur noch einige wenige Mauerreste, ein paar mit Graffiti beschmierte Relikte der ehemaligen Grenze zwischen Ost und West. Das gigantische Bauwerk um Berlin wurde nahezu vollständig abgerissen. Das breite Trasse wurde teilweise zur Brachfläche, zu einem Freiraum, da und dort idyllisch mit Sträuchern, ja mit Sonnenblumen bewachsen. Doch was sich da alles tummelt und eingenistet hat!

Da gibt es Stadtplaner, Lokalpolitiker, Immobilienspekulanten, die daran sind, die Mauergrundstücke zu «erobern». Aussteiger, Umweltschützer, Denkmalpfleger, Kleinunternehmer, Künstler und andere mehr wünschen sich einzig, dass sie nicht weichen müssen. Es gibt einen grossen Mauerpark mit Liegewiesen, Kinderspielplätzen und einem Streichelzoo. Entsprechend bunt, beinahe paradiesisch wirkt der ehemalige Todesstreifen. Das Buntscheckige überwächst und verdrängt mit der Zeit das Trennende, Ablehnende, ja, Schreckliche und Tödliche.

In der Nähe des Brandenburgertors liegt das Stelenfeld zur Erinnerung an den Holocaust. Die zum Teil gigantischen grauen Betonblöcke drücken schwer auf das Gemüt, sobald man zwischen ihnen durchgeht und in den offenen Gängen untertaucht. Die seelenlosen Stelen sind gesichtslos, aber im Museum nebenan bekommen die ermordeten Menschen ein Gesicht. Der Zufall wollte es, dass gerade eine Demonstration für die Opfer des Iranischen Regimes stattfand, als ich beim Brandenburger Tor stand. Noch immer werden überall auf der Erde Mauern errichtet, und Menschen mit einer abweichenden Meinung werden verfolgt und eingelocht.

Im aktuellen Abstimmungskampf dokumentieren schwarze Raketen, Minaretten ähnlich, dass Mauern stets und überall zwischen den Menschen und Volksgruppen aufgezogen werden können. Das Andere, das Fremde erweckt diffuse Ängste. Die Freiheit, auch die Religionsfreiheit, ist für viele unerträglich. Und ein souveränes, freies Volk erträgt nicht einmal die Tatsache, dass andere Gruppierungen jene Freiheit auch für sich selbst beanspruchen.

In der Nähe von Brescia in Italien ermunterte jüngst ein Bürgermeister die Einwohner, Weihnacht nur unter sich zu feiern, die unerwünschten Ausländer hätten nichts zu suchen. Ein anderer Sindaco in der gleichen Region forderte seine Mitbewohner auf, illegal Eingewanderte zu denunzieren. Orthodoxe Bischöfe verlangten kürzlich von ihrem Patriarchen, alle ökumenischen Bestrebungen aufzugeben, denn die Juden wie die Mohammedaner würden nicht an den einen wahren, dreifaltigen Gott glauben. Es sei nur möglich, mit Menschen im Dialog zu sein, die den wahren Gott verehren würden.

Die Wahrheit, die man für sich allein beansprucht, bildet stets den Grundstein für eine Mauer. Auch wenn wir wissen, dass die Wahrheit nur eine interpretierbare ist, werden immer wieder «Wahrheitsmauern» aufgezogen. Es gibt aber keinen Zugang zur Welt, Wirklichkeit und zur Wahrheit, der nicht von der Interpretation abhängt. Vermauerte Welten sind Symbole dafür, dass man die eigene Ansicht nicht in Frage stellt. Die Geschichte lehrt uns immer wieder, dass früher oder später alle Mauern fallen. Die Christen im alten Rom krochen eines Tages auch aus den Katakomben ans Tageslicht.

An unserem Familientisch gab es ebenfalls Mauern. Vater schimpfte und fluchte über die Protestanten und die verdammten Juden, die damals als Flüchtlinge ins Ägerital gekommen waren. Er betitelte sie mit Worten, die ich hier nicht wiedergeben will. Mutter wehrte Vaters Tirade jedes Mal ab. Sie hatte vor der Heirat in Basel und in Zug bei protestantischen Familien gedient. Zog Vater wieder vom Leder, rief sie vom Kochherd, wo sie oft hantierte, gute Protestanten seien ihr tausendmal lieber als schlechte Katholiken. Solche träfen Worte liessen Vater jeweils verstummen. Mich selber hat Mutters Erfahrung beeindruckt und geprägt. Ihre Anschauung wurde zu einem meiner Leitsprüche. Wenn ich in diesen Tagen die unsäglichen Leserbriefe über die Minarett-Initiative lese und dabei überlege, wie gewisse zugemauerte Köpfe argumentieren, erinnere ich mich wieder an den Leitspruch meiner Mutter und ersetze in Gedanken Protestanten mit … Sie wissen schon …

Goethe und die Rigi - ein Interview

Schon immer habe ich mich für die Schweizer Reisen von Johann Wolfgang von Goethe interessiert. Während der ersten (1775) bestiegen der jungen Dichter und seine Freunde die Rigi. Mir fiel aber auf, dass er in der Autobiographie «Dichtung und Wahrheit» ganz anders darüber berichtet als in seinen Reisenotizen. Hatte er denn zwei verschiedene Rigis bestiegen? Ich wollte es genau wissen und vereinbarte mit dem grossen Meister ein Interview. Ein Datum zu finden, wurde sehr kompliziert. Die zweite Reise (1780) führte ihn übrigens durchs das Wallis ins Berner Oberland, wo er das Gedicht «Gesang der Geister über den Wassern» schrieb. Die dritte Reise (1797) ging wieder in die Innerschweiz. Goethe beschäftigte sich mit der Tellsage, machte sich Gedanken zu einem Tell-Epos, doch trat er den Stoff später seinem Freund Friedrich Schiller ab.

Kalender: Sie haben «Dichtung und Wahrheit» 1812 verfasst. Zwischen der ersten Reise in die Schweiz und Ihrer Autobiographie liegen also fast vierzig Jahre. Wird da die Wirklichkeit nicht verzerrt?
Goethe: Ich legte meiner Autobiographie Notizen zugrunde, die ich 1775 sehr lapidar gehalten habe. Sie aber dienten einzig als Stütze für mein Gedächtnis und meine Phantasie.
Kalender: Darf ich Ihnen an zwei Beispielen erläutern, wie ich den Unterschied empfunden habe. Auf dem Zürichsee schrieben Sie ein erfrischendes Gedicht. Es beginnt mit «Ich saug’ an meiner Nabelschnur, / nun Nahrung aus der Welt …» Nun heisst es aber: «Und frische Nahrung, neues Blut, / saug ich aus freier Welt …» Mit dem Bild der Nabelschnur konnten Sie Ihre damalige Naturschwärmerei doch viel schöner ausdrücken.
Goethe: (lacht) Ich steckte damals in der Sturm-und-Drang-Zeit, hatte gerade mit meinem «Werther» Aufsehen erregt. Heute nennen Sie ein solches Buch einen Bestseller, nicht? Ich war übermütig und meine Freunde waren tolle Kerle. Später habe ich das Gedicht gezähmt, ich gebe es zu. Und das zweite Beispiel?
Kalender: Als Sie spätabends über die Hackenegg nach Schwyz gekommen sind, schreiben Sie ins Tagebuch: «Müd und munter vom Berg abspringen voll Dursts u. Lachen. Gejauchzt bis zwölf.»
Goethe: Ja und?
Kalender: In «Dichtung und Wahrheit» haben Sie den Übermut der jungen Gesellschaft brav in Watte gepackt.
Goethe: (vorwurfsvoll)Ich erinnere mich sehr gut daran. Wir trafen damals um zehn Uhr in Schwyz ein. Ich erlaubte mir das Erlebte im Duktus meiner Autobiographie zu schreiben. Hören Sie. (Goethe schlägt seine Autobiographie auf) «Wir waren zugleich müde und munter geworden, hinfällig und aufgeregt, wir löschten gähling unseren heftigen Durst und fühlten uns noch mehr begeistert. Man denke sich einen jungen Mann, der etwa vor zwei Jahren den ‹Werther› schrieb, einen jüngeren Freund, der sich schon an dem Manuskript jenes wunderbaren Werks entzündet hatte, beide ohne Wissen und Wollen gewissermassen in einen Naturzustand versetzt, lebhaft gedenkend vorübergegangener Leidenschaften, nachhängend den gegenwärtigen, … im Gefühl behaglicher Kraft das Reich der Phantasie durchschwelgend, - dann nähert man sich der Vorstellung jenes Zustandes, den ich nicht zu schildern wüsste, stünde nicht im Tagebuche: ‹Lachen und Jauchzen dauerte bis um Mitternacht›.»
Kalender: Ja, ja, ich gebe zu, dass auf die Zeit von Sturm und Drang ein heiterer Altersglanz fällt, aus der Distanz betrachtet. Sie haben auch die Stelle geglättet, die an der Sihl spielt, als Sie mit Ihren Freunden nackt gebadet und mit Steinen beworfen worden sind.
Goethe: Es waren laute Burschen. Dass ich dieses Ereignis dem Ton meines Schreibens angepasst habe, dürfen Sie mir nicht verargen. (Goethe liest aus dem 19. Buch von «Dichtung und Wahrheit»): «Die guten harmlosen Jünglinge, welche gar nichts Anstössiges fanden, halb nackt wie ein poetischer Schäfer, oder ganz nackt wie eine heidnische Gottheit sich zu sehen, wurden von Freunden erinnert, dergleichen zu unterlassen. Man machte ihnen begreiflich: sie wesenten nicht in der uranfänglichen Natur, sondern in einem Land, das für gut und nützlich erachtet habe, an älteren, aus der Mittelzeit sich herschreibenden Einrichtungen und Sitten zu halten.» So belehrte man uns später in Zürich.
Kalender: Nun möchte ich Sie, verehrter Meister, auf die Rigi begleiten. Von Schwyz ging es dann zum Lauerzersee?
Goethe: Wir liessen uns von zwei tüchtigen Mädchen über den See schiffen. Welch ein Idyll! Solche Schäferszenen haben mich immer beglückt. Es herrschte übrigens herrlicher Sonnenschein und vor lauter Wonne sah man von der Landschaft kaum etwas.
Kalender: Nur…
Goethe: Ja, nur die Dirnen!
Kalender: Dann bestiegen Sie die Rigi und kamen um halb acht im Wirtshaus zum «Ochsen» auf dem Klösterli an. Am andern Tag ging es weiter nach Kaltbad …
Goethe: (unterbricht den Kalendermann) Wir erstiegen die Höhe und fanden uns in Wolken. Das war unangenehm. Es behinderte die Aussicht und ein niedergehender Nebel nässte. Aber als Wolken hie und da auseinander gerissen wurden und sich uns, von wallendem Rahmen umgeben, eine herrliche, Sonnen beschienene Welt auftat und wechselnde Bilder sehen liessen, bedauerten wir nicht mehr die Zufälligkeiten; denn es war ein nie gesehener, nie wieder zu schauender Anblick, und wir verharrten lange in dieser gewissermassen unbequemen Lage, um durch die Ritzen und Klüfte der immer bewegten Wolkenballen einen kleinen Zipfel besonnter Erde, einen schmalen Uferzug und einen Winkel des See zu gewinnen.
Kalender: Das beschreiben Sie wunderbar. Man sieht die Landschaft mit Ihren Augen.
Goethe: (schmunzelt) Ich gebe zu, bei dieser Stelle fliessen Bilder ein, die ich auch anderswo gesehen habe. Für mich ist die Landschaft um den vier Waldstättersee ein Arkadien. Eine solche ungeheure Landschaft nötigt den Beschauer, sie mit Personen zu bevölkern, mit Tell und seinen wackeren Zeitgenossen.
Kalender: Für Sie war die herbe Landschaft wie eine Kulisse für Göttinnen und Götter. Ahnten Sie dabei, wie hart die Bauern und Schiffer um ihre Existenz zu kämpfen hatten?
Goethe: Wir waren jung und lebenslustig. Wir kümmerten uns nicht um die Not der Menschen. Unsere Einbildungskraft besiedelte die Landschaft mit Helden, Hirten und Schäferinnen. Wir assen gebackenen Fisch und Eier und tranken Wein. Und dann, hören Sie, was ich geschrieben habe: «Wie es denn nun dämmerte und allmählich nachtete, beschäftigten ahnungsvoll zusammenstimmende Töne unser Ohr; das Glockengebimmel der Kapelle, das Plätschern des Brunnens, das Säuseln wechselnder Lüftchen, in der Ferne die Waldhörner; – es waren wohltätige, beruhigende, einlullende Momente.»
Kalender: Szenen dieser Art vermischten sich mit Ihrem Bild der Schweiz?
Goethe: Nicht nur solche, auch steil in den See abstürzende Felswände imponierten mir mächtig. Die Berge standen unerschütterlich da, und ich stellte sie mir als Kulisse eines Theaters vor: Glück und Unglück, Lust und Trauer sind bloss Personen zugedacht, die heute auf dem Zettel stehen.
Kalender: Sie spielen auf das Personenregister von Schillers «Wilhelm Tell» an?
Goethe: Sie haben es erraten und ich erlaubte mir zu schreiben, dass man an diesem poetischen Faden billig durch das Labyrinth der Felswände geht. Mein Freund Friedrich Schiller hat die Kulisse grossartig in seinem Tell verwendet.
Kalender: Sie besuchten dann Vitznau und liessen sich mit einem Nauen nach Gersau fahren, wo sie in einem Wirthaus am See assen. Ich nehme an, Sie kosteten frischen Fisch?
Goethe: Im klaren See wimmelte es von Fischen, und wir begegneten einigen Fischern, die draussen standen und die Netze einzogen.
Kalender: Haben Sie gewusst, dass die Rigi in den Büchern der Klöster mit «regina montium» eingetragen ist.
Goethe: Ja, die Königin der Berge! Ich habe sie später von Luzern aus gesehen. Sie liegt aber eher wie eine Sphinx, mächtig und friedlich und bietet den Alpen zugleich eine sanfte, fast weich gefaltete Abgrenzung.
Kalender: Eine letzte Frage: «Dichtung und Wahrheit» kommt heiter und getragen daher. Ihre wilde Jugendzeit wirkt geglättet. Würden Sie sagen, der Stil passt zum Olympier, der sein Leben …
Goethe: (unterbricht unwirsch) Was soll daran falsch sein? Ich habe meine vielen Eindrücke während meiner Reisen in der Autobiographie wie zusammengeschaut. Der Inhalt von «Dichtung und Wahrheit» soll nicht mit meiner kühnen Jugendprosa vermischt werden. Dass mich die Landschaft der Urschweiz fasziniert hat, hat mein Leser immer gespürt. Die Bilder, die mich in der Schöllenen beeindruckten, flossen sogar in mein berühmtestes Werk ein. Im «Faust», II. Teil heisst es: «Ein Wunder ist’s, der Satan kommt zu Ehren./ Mein Wanderer hinkt an seiner Glaubenskrücke, / Zum Teufelsstein, zur Teufelsbrücke.»
Kalender: Ja, und die Urner überlisteten den Teufel mit einem Ziegenbock!
(Herr von Goethe und der Kalendermann lachen, genauso wie der junge Dichter und seine Freunde, über die Hackenegg kommend, in Schwyz gelacht haben mögen.)
Kalender: Darf ich Sie zum Schluss noch etwas fragen? Haben Sie schon eines meiner Werke gelesen?
Goethe: Nun ja, Sie haben halt keinen «Werther» und keinen «Faust» geschrieben.
Kalender: Ich bedanke mich höflich, dass Sie mir Ihre wertvolle Zeit geschenkt haben.

Das Lob der Torheit

Erasmus von Rotterdam setzt die Torheit in seinem Werk, das im Sommer 1509 entstanden ist, als höchste Göttin über alle Menschen, ja, selbst über die Götter Griechenlands, und wer möchte ihm da widersprechen? War Göttervater Jupiter nicht von der Torheit beseelt, als er sich in einen Stier verwandelte und die schöne Europa entführte, sich beim späteren Stelldichein als strahlenden Gott offenbarte? Während des Schäferstündchens belauschte ihn allerdings seine eifersüchtige Gattin Hera. Ist die Eifersucht etwa kein Werk der Torheit? Die Torheit regiert selbst Könige und Päpste, Würdenträger aller Schattierungen, Spitzenfunktionäre und einfache Menschen, Männer und Frauen, kurz, Reiche und Arme, Gescheite und Dumme. Sie verschont nur den, der sich seiner Grenzen bewusst ist.

Als Bundespräsident Hansrudolf Merz nach Libyen reiste, hatte die Torheit wohl auch die Hände im Spiel. Leider ist er mit Eselsohren zurückgekommen. Dennoch gab die Torheit nicht auf. Sie war hinter den Medien und Politikern her und suggerierte ihnen, sie sollten doch nun den Rücktritt des Finanzministers fordern. Und als sie realisierte, wie unverhältnismässig diese Forderung war, lachte sie nur. Die Medienleute und Politiker haben vergessen, was Martin Luther einmal gesagt hat: «Selten wird ein gutes Werk aus Weisheit und Vorsichtigkeit unternommen, es muss alles in Unwissenheit geschehen.» Unwissenheit verzeihen die Wissenden nicht. Die Torheit allerdings gesellt sich den Wissenden erst zur Seite, wenn eine Dummheit schon geschehen ist, und man hinterher alles besser weiss. Die Torheit ist die Patin der Besserwisser und der Rechthaber.

Die Torheit lacht gerne über andere, und die Törichten setzen laut ein. Als der frühere Botschafter Thomas Borer anlässlich der Veranstaltung «Schaffhauser Wirtschaftsimpulse» meinte, die Schweiz sei führungsschwach, sie benötige einen Bundespräsidenten, der für vier Jahr gewählt sei, widersprach ihm der «abgewählte Bundesrat» Christoph Blocher. Länder mit einem Präsidialsystem seien nicht erfolgreicher, gab er zu bedenken, und dann wörtlich: «Stellen Sie sich vor, wenn wir Merz vier Jahre hätten.» Die NZZ (19./20. September) meinte, dies sei nicht die feine Art gewesen, den ehemaligen Kollegen anzugreifen. Dass sich Christoph Blocher später dafür entschuldigte und behauptete, er habe nicht Bundespräsident Merz angreifen wollen, beweist doch, wie elegant die Torheit stets eine Ausrede findet. Solch saloppe Sprüche lassen sich mit einem anderen Ereignis von Mitte September vergleichen, als der an sich besonnene Schiedsrichter Massimo Busacca anlässlich des Cupspiels Baden gegen YB den Berner Fans den gestreckten Mittelfinger zeigte. Auch da hatte die Torheit die Hände im Spiel. Hinterher bereut der Mensch immer, weil er das Narrenschiff bestiegen hat.

Menschen, die wissen, dass die Torheit die höchste Instanz im Leben der Menschen ist, üben sich in Bescheidenheit und Selbstironie. Sie orientieren sich an Beispielen. Ein hervorragendes gibt Franz von Assisi, der seinen störrischen Leib als «Bruder Esel» bezeichnete und der ihn oft von seinen frommen Absichten abbringen wollte. Der «fratello asino» mit seiner Triebhaftigkeit und Schwäche ist unbestritten das beste Einfallstor für Erasmus’ hoch gelobte Göttin. Das musste auch der amerikanische Präsident Bill Clinton seinerzeit erfahren, als er zusammen mit Monika Lewinsky seine berühmt gewordene Zigarre rauchte.

Wer sich also den Spass leistet, die herrliche Satire des Erasmus’, in der hervorragenden Übersetzung von Kurt Steinmann, zu lesen, kann nicht mehr durch die Zeitungslandschaften wandern, ohne zu staunen, was die Torheit denn alles anstellt. Was schon nur in den Klatschspalten steht! Das Leben aber ist deshalb so erfinderisch, weil die Göttin Torheit das Szepter führt. Kein Journalist kann so kreativ wie das echte Leben sein, aber er weiss, dass sich Leserinnen und Lesern gerne an Narreteien delektieren.

Es gilt als ausgemacht, sagt Erasmus, dass alle Leidenschaften einen Bezug zur Torheit haben. Das gilt sowohl für die politischen als auch die wirtschaftlichen, für die theologischen und die schriftstellerischen. Ohne Torheit würde kaum ein literarisches Werk entstehen, am wenigsten eines, das dann keine Leser findet. Die Dichter, sagt Erasmus, würden auch zur Fraktion der Göttin Torheit zählen, denn sie seien eine «sprichwörtlich lose Sippe». Sie gehörten zur Zunft der Selbstgefälligen. Und wer je ein Buch oder eine Kolumne geschrieben hat, ist sich dessen bewusst und lächelt manchmal über sich.

Um nachzuweisen, dass die Göttin der Torheit sogar über höchste Autoritäten herrscht, genügt der Hinweis auf Pauls VI. Pillenenzyklika von 1968. (Man könnte auch Benedikt XVI. auf seinem Weg nach Afrika zitieren). Sie liess jung Verliebte an der Unfehlbarkeit des Papstes zweifeln. Moraltheologen fragten sich damals, ob wirklich der Heilige Geist den Papst inspiriert habe oder nicht vielleicht die von Erasmus über alle und jeden gesetzte Göttin. Vielleicht aber half die List dieser schlauen und raffinierten Frau Torheit nach, dass der Papst sämtliche Einwände seiner Ratgeber in den Wind schlug und das Lehrdiktat veröffentlichen liess, damit Zweifel und Skepsis auch einen Platz in der Welt der Kirche fanden.

Die Torheit lächelt über ihre Taten. Dennoch schaut sie gelassen zu, nachdem sie etwa Zank und Streit entfacht hat und geniesst besonders den Kampf der Streitrösser. Sie steht über jedem Parteiengezänk. Doch auf einmal zieht sie sich verschämt zurück, schaut aus der Loge zu und sagt sich. «Was gibt es (…) Gefälligeres, als dass zwei Esel sich gegenseitig kratzen?» (S. 119).

  • Erasmus von Rotterdam: Das Lob der Torheit. Aus dem Lateinischen übersetzt von und mit einem Nachwort von Kurt Steinmann. Manesse Bibliothek der Weltliteratur.
  • Bis 10. Januar 2010 dauert die sehenswerte Ausstellung im Museum zu Allerheiligen Schaffhausen «Das Lob der Torheit. Versuch einer Ausstellung nach Erasmus von Rotterdam».

Meine naive Finanzmathematik

Reden wir ein wenig vom Geld – wie alle Welt. Es ist ja keineswegs so, dass die Finanzmarktkrise die Denkweise der Finanzlobby verändert hat. Von der Wallstreet erreichen uns schon wieder Schalmeienklänge. Es lasse sich ein wachsender Trend erkennen, das Geschäft wie bisher zu betreiben, sagt der Kassenwart des Bundes, Peter Siegenthaler. Man spüre bereits wieder ein starke Lobbying, das die nötigen Reformen hintertreiben soll. «Viele der Finanzjongleure glauben, sie könnten wieder Geld verdienen wie zuvor», bemängelt die Ex-Börsenchefin Antoinette-Hunziker-Ebneter, und zwar «mit hochmargigen komplexen Produkten». Erneut wird also Kleinsparern in kleinen Dosen beigebracht, ihre Ersparnisse liessen sich durchaus wieder leicht vermehren, nachdem sie all die Meldungen getröstet haben, dass auch grosse Spekulanten und Milliardäre viel Geld verloren haben. Was aber macht den Unterschied zwischen kleinen Verlierern aus, die zehn oder zwanzigtausend Franken verloren haben, und denjenigen Menschen, die einige Millionen in den Sand gesetzt haben?

Ich habe zu Beginn der Krise einige Leute in meinem Umfeld gefragt, ob sie auch Geld verloren hätten? Zahlreiche bejahten die Frage. Der Verlust schwanke zwischen zehntausend und fünfzigtausend Franken. Das sei ja nichts als eine Bagatelle, werten die oberen Etagen einen solchen privaten Schaden und reden von den Millionen, die ihresgleichen verloren haben. Nur, da gibt es eben einen Unterschied: Das kleine Geld ist unter Anstrengung verdient worden. Erspartes dank Werte schaffender Arbeit. Das grosse Geld dagegen ist häufig spekulatives Geld. Die Verluste sind meist Buchverluste. Sind die Aktien gestiegen, vermehrte sich das Vermögen, begannen sie zu fallen, verringerte es sich. Die einen haben also sauer verdientes Geld verloren, die anderen solches, das sich mehr oder weniger von selbst – die Hände lagen im Schoss –, vermehrt hatte. Welcher Verlust schmerzt wohl mehr?

Viele fragen sich, wie es zur Vernichtung von Hunderten von Milliarden, ja Billionen von Franken kommen konnte und wie dieses Geld zuvor in spekulative Prozesse hineingeschleust worden ist. Die Rechnung ist einfach: Wenn in der Schweiz tausend Sparer zehntausend Franken verloren haben, sind das zehn Millionen. Wenn jeder zehnte Schweizer so viel Geld verloren hat, dann sind das siebenhunderttausendmal zehntausend Franken. In diesem Fall spuckt mein Taschenrechner die Zahl sieben Milliarden aus. Und diese Milliarden sind real verdiente Franken und nicht spekulative Buchwerte. Verlorene Buchwerte schmerzen nur den, der von Illusionen und Märchen träumt.

Ein weiterer Gesichtspunkt, den ich in meine naiven Überlegungen einbeziehe, ist der, dass ein Franken, der im spekulativen Bereich verdient wird, jemand anderer dann verliert. Täglich werden neue Werte geschaffen. Im Gegenzug zur wachsenden Realwirtschaft wachsen die Geldwerte. Dieses täglich erarbeitete Geld sind hundert Prozent, nehme ich einmal an. Nun wird damit spekuliert. Es wird in Optionen und strukturierte Produkte oder in giftige, toxische Papiere gesteckt, wie sie die Nationalbank von der UBS übernommen hat, in der Höhe von 28 Milliarden. Steigt also diese Summe, die auf Spekulationen oder auf nicht realisierbaren Werten beruht, auf 101 Prozent (was real Milliarden ausmacht), ist ein Prozent gefährdet, und jemand hat dieses eine Prozent verloren. Wer dabei zu den echten Verlierern gehört, ist leicht auszumachen.

Ich weiss, dass ich mit diesen Überlegungen keinen Wirtschaftsnobelpreis erhalten werde. Aber vielleicht bringen sie den einen oder anderen doch dazu, den Tanz ums Goldene Kalb gar nicht erst zu beginnen. Als vor Jahren der Bankier Martin Ebner verkündete, das Kapital müsse eine Rendite von 18 Prozent abwerfen, bezeichnete ich das Konzept des Shareholder-Value in dieser Höhe als Wucher. In den Medien tauchte dieser Ausdruck nicht auf. Umso interessierter las ich später das kleine Buch «Wucherzins und Höllenqualen»* des französischen Historikers Jacques Le Goff. Der Verfasser zeigt auf, wie die Kirche im frühen Mittelalter das Fegefeuer erfunden hat.

Zuvor musste jeder, der Geld zu Zinsen geliehen hat, die Hölle fürchten. Es gab vorerst nur den Himmel oder die Hölle. Für die allmählich beginnende Kapitalwirtschaft war dieses Entweder-Oder unerträglich. «Nur die Hoffnung, der Hölle zu entkommen, erlaubte es dem Wucherer, Wirtschaft und Gesellschaft des 13. Jahrhunderts auf ihren Weg zum Kapitalismus voranzutreiben (S. 131).» Da erfand die Kirche das Fegefeuer. Wer Zins nahm, musste sich nicht mehr fürchten, nach dem Tod in die Hölle zu fahren. Der Geldverleiher – und bald auch Klöster und Wallfahrtskirchen – war nicht mehr auf ewig verdammt, sondern nur auf Zeit. Thomas von Aquin lieferte die nötige Begründung: «Die menschlichen Gesetze lassen manche Sünden ungestraft wegen der Verfassung der unvollkommenen Menschen, bei denen manches nützliche Werk unterbunden würde, wenn alle Sünden streng verboten und mit der entsprechenden Strafe belegt würden. Und deshalb hat das menschliche Gesetz Zins erlaubt, nicht als ob es der Meinung wäre, es sei der Gerechtigkeit gemäss, sondern damit nicht der Nutzen für die vielen (anderen) unterbunden würde.»

Immerhin hat dann das Konzil von Trient (1545 – 1563) festgesetzt, dass für ausgeliehenes Geld nicht mehr als fünf Prozent Zins genommen werden dürfe. Wer mehr verlangte, beging eine schwere oder gar eine Todsünde. Wir lächeln heute über solche Regelungen, doch wer Mass hält, fährt damit nicht schlecht und er wird nicht ein armer reicher Mann.

* Jacques Le Goff: «Wucherzins und Höllenqualen. Ökonomie und Religion im Mittelalter». Klett-Cotta 2008.

Farbenspiele vor Bundesratswahl

Die Demission von Bundesrat Pascal Couchepin war überfällig. Er übernahm nach dem Rücktritt von Bundesrätin Ruth Dreifuss das Departement des Innern mit der Ankündigung, die Sozialwerke zu sanieren. Ist ihm dies gelungen? An grossen Worten und Gesten fehlte es nicht. Die Rücktrittsankündigung fiel ins mediale Sommerloch. Das war ein Glücksfall für die Medien. Es gab tatsächlich viel zu sagen, zu schreiben, zu spekulieren und zu kommentieren. Einige Kandidaten, die in den Vordergrund gerückt wurden, galten als valabel. Aber das Wort valabel ist im Duden nicht zu finden. Wird von einem Kandidaten gesagt, er sei valabel, bedeutet dies wohl: «Vielleicht findet man noch einen besseren?»

Das lateinische valere wurde in vielen Wendungen und Bedeutungen gebraucht, etwa in «vale!» «Lebe wohl!» Wenn ein Römer dieses Wort beim Abschied gebrauchte, hoffte er, der Gast gehe gesegnet von dannen. Das darf man für einen scheidenden Bundesrat auch hoffen. Das Wort valere bedeutet aber auch kräftig, gesund sein und sich wohlbefinden. Gebräuchlich ist das abgeleitete Wort Valenz und meint, eine Person oder eine Sache habe Wert oder Gültigkeit. In der Sprachwissenschaft hingegen meint Valenz, «fähig eines Wortes, besonders eines Verbs zur Bildung eines vollständigen Satzes» (Grosser Duden). Taucht also das oft verwendete Wort vom valablen Kandidaten auf, ist Vorsicht geboten. Dahinter könnte ja statt eines Urteils eine Frage stecken.

Das Kandidatenkarussell drehte sich den ganzen Sommer über, als wäre beständig Chilbi. Es tauchten Namen auf und verschwanden wieder. Für die Parteipräsidenten spielte die Farbe der Kandidaten die grösste Rolle. Wie viel grün oder rot oder sonnengelb hat er am Hut? Ist er schwarz oder blau? Welche Valeurs überwiegen? In der Malerei und der Kunstbetrachtung bezeichnet das Wort die Abstufung einer oder mehrerer Farben, Licht oder Schatten in einem Bild. Man durfte also den Parteipräsidenten nicht allzu sehr aufs Maul schauen, denn sie konnten nicht quantifizieren, wie viel Rot ein bürgerlicher Kandidat haben dürfe, damit er noch wählbar sei. Am Deutlichsten wurde Toni Brunner, der drohte seine Partei werde sich aus dem Bundesrat zurückzuziehen, wenn ein zweitklassiger Kandidat gewählt werde, und meinte natürlich, wenn die Farbe nicht stimme.

Diese Spiele verdrossen den sonst in staatspolitischen Fragen neugierigen Leser. ER verschwand in die Ferien, las keine Zeitung mehr und wusste, dass ER nach zwanzig Tagen vor einem Stapel sitzen würde, den ER dann rasch abgebaut hätte. So, wohlgemut und in friedlicher Stimmung, sass ER eines Abends auf der Terrasse eines Restaurants. Es war sehr warm, aber ein leichter Wind erfrischte ihn. Der Dreiviertelmond schimmerte durch die Pinienzweige und auf den Blättern der falschen Olivenbäume lag ein bleicher Glanz. Nichts ahnend sass ER bei einem Glas. Auf einmal wurde ER angesprochen: «He du, bist du auch da?» «Ja freilich! Ich bin jedes Jahr hier!» ER lud den Bekannten zu einem Glas Prosecco ein und bestellte gleich noch einen halben Liter «alla spina», vom Fass also. Walter sagte, er wisse wohl, dass er mit ihm nicht über Politik reden sollte. Sie hätten unterschiedliche Auffassungen, und dann glaubte er sagen zu müssen, ER sei ein wenig rot angepinselt. Das brachte ihn in Harnisch und ER definierte sich als einen liberalen Bürgerlichen, mit Sympathie für die Grün-Liberalen.

Ein Wort gab das andere. Das Gespräch nahm an Lautstärke zu, erklomm heitere Höhen, und als ER sah, dass es Walter behagte, mit ihm zu diskutieren, bestellte ER eine weitere Karaffe. Sie kamen auf die Bundesratswahlen zu sprechen. Walter sagte, er leide, wie übrigens auch das halbe oder ganze Volk, an einer Politikverdrossenheit. Es werde ihm Übel, wenn er dem Gezänk zuhöre. Dass sich sogar Bundesräte in die Nachfolge von Pascal Couchepin eingemischt hätten, wertete er als Indiz, dass die Entscheidungsebenen durcheinander geraten seien. Der Bundesrat habe sich längst von den Medien anstecken lassen. Sie verlangten zu allem und jedem sofort eine Meinung, bedacht oder noch in Gärung. Walter, der sich als kleiner Bankangestellter bezeichnete, was eindeutig eine Untertreibung ist, zählte Beispiele auf, die ausführlich zu erwähnen, die Leserinnen und Leser langweilen würden. Die Bundesratswahlen liefen, fügte er bei, darauf hinaus, dass derjenige gewählt würde, der sich auch in einer fremden Fraktion am Besten einfärben lasse.

Das war das Stichwort zur Frage nach dem Profil eines Bundesrats. Sie, die sich da im Gedankenwettbewerb ereiferten, waren sich rasch einig. Im Bundeshaus fehle ein Staatsmann. Eine solche Persönlichkeit zu wählen, sei freilich nicht denkbar, wenn die Farbtupfer mehr zählten als das Format. Ein Staatsmann bewege sich nicht auf der Ebene des parteipolitischen Gezänks. Er habe stets die Sache und das Ganze des Staats im Auge. Er besitze eine Vision des Landes und werfe einen Blick in die Zukunft. Bundesräte seien in den letzten Jahren zu einer Art Sortimentsdirektoren degradiert worden, die wie Migrosbosse schauen müssten, dass die Gestelle immer gefüllt seien. Ein Staatsmann sei kein Befehlsempfänger von Verbänden oder Banken. Wohin eine solche Haltung führe, habe man ja jetzt erlebt. «Du solltest einmal eine Kolumne zum Bergriff der Bürgerlichkeit schreiben!» Das werde ER gelegentlich tun, denn bürgerlich sei nicht einer, der einfach an der Steuerschraube drehe oder Wirtschaftsinteressen vertrete. Auf die Bundesratswahlen zurückkommend zitierte ER die Auffassung der alten Römer: «Das Amt sucht den Mann und nicht umgekehrt.» Das gelte heute freilich auch für Frauen.

Der Bücherbus der Queen

«Du öffnest ein Buch, und es öffnet Dich», habe ich am Schaufenster einer kleinen Altstadtbuchhandlung gelesen. Zugleich erinnerte ich eine Begebenheit, die mich sehr betroffen gemacht hat. Erlebnisse, die mit starken Emotionen verbunden sind, vergisst man nicht, auch wenn man die einzelne Fakten aus dem Gedächtnis verloren hat oder nur ungenau behalten konnte. Vielleicht stimmt mich nun, da ich dieses Erlebnis von der Seele schreiben kann, die damalige Aussage eines Regierungsrats milde. Ich empfahl ihm, ein bestimmtes Buch unbedingt zu lesen. Um welches Buch es sich gehandelt hat, weiss ich nicht mehr. Read More...

Zuchaba ist keine chinesische Stadt

Der technische Fortschritt, obwohl sehr zwiespältig, ist irreversibel. Er ist nicht umkehrbar. Die Welt läuft nicht rückwärts. Je dynamischer sie sich entwickelt, umso grösser wird das Verlangen nach noch mehr Fortschritt. In diesen Sog gerät die ganze Welt. Verwirrt steht der ältere Mensch, der in jungen Jahren in einer relativ geschlossenen Region seine Identität gefunden hat, vor den umwälzenden Änderungen. Das Gloria ist verklungen, sagt der Schriftsteller Martin Stadler. In seinem neuen bemerkenswerten Werk «Sprachsuche im Ring der eigenen Region» schildert er, wie die Ringe der Innerschweiz aufgesprungen sind. Read More...

Il sudore della Svizzera

Kürzlich war ich wieder einmal in Süditalien und besuchte einen alten Bekannten, der ein eigenes Haus besitzt. Als ich ihn fragte, wie er es denn geschafft habe, antwortete er knapp und einfach: «Il sudore della Svizzera». Also hat «Der Schweiss der (Arbeit) in der Schweiz» ihm dazu verholfen. Pino war vor fünfundvierzig Jahren als Hilfsarbeiter in unser Land eingewandert und fand eine Stelle als Lagerist bei Ciba-Geigy. Er war jung, seine Frau sogar sehr jung. Mit 18 Jahren hatte sie schon zwei Kindern das Leben geschenkt. Read More...

Vom Gegenüberglück

Warum macht die Fernsehsendung «Arena» jeweils kaum froh, geschweige denn glücklich? Die Antwort scheint einfach: weil kein echtes Gespräch stattfindet. Den Teilnehmern geht es um ihre Machtposition, um den Versuch sich durchzusetzen. Zufrieden ist höchstens der, der seine eigene Meinung gut vertreten sieht. Der neutrale Zuschauer lächelt gelegentlich, wenn er beobachtet, wie die Figuren in der ersten Reihe der Arena ihre vorbereiteten Statements möglichst effektvoll vortragen, und Zeuge wird, wie sie im Äther verdampfen. Read More...

Paradoxe Welten

Vor Jahren sass ich an der Fastnacht um vier Uhr in der Früh im «Kreuz» zu Unterägeri mit zwei Tänzerinnen an einem Tisch. Ich schlürfte eine Mehlsuppe, um wieder etwas Verstand in meinen Kopf zu bringen. Als es auf einmal in meinem Gehirn endlich klickte, sagte ich laut: «Schon noch paradox…» Die beiden im Maskenkleid schauten mich mit grossen Augen an, die Schminke auf den Wimpern schon etwas verschmiert, die roten Tupfen auf der Nase und den Wangen glänzten. Sie dachten wohl: «Und das soll lustig sein? Er schminkt sich wieder mit einem Fremdwort!», und blickten verlegen auf den Teller. Die eine wollte aber dann doch noch wissen, was paradox sei. «Paradox bedeutet unverständlich, widersprüchlich, wie zum Beispiel: ‹Der Starke ist der Schwache›.» «In der Tat ein Widerspruch», neckte sie. Und als ich die Pause genüsslich dehnte, tönte es über den Tisch: «Soll das nun ein Witz sein?» «Nein! Natürlich nicht. Habt ihr schon einen starken Mann gesehen, der nicht schwach geworden ist?» Nun brach lautes Gelächter aus. Read More...

Friede sei mit Euch!

Und der Priester oder Diakon am Altar ruft die Gläubigen auf, sich zum Zeichen des Friedens die Hand zu geben. Die Leute drehen sich nach rechts und nach links und manchmal sogar nach hinten. Sie drücken sich die Hände und lächeln friedlich. Doch verfeindete Nachbarn oder Menschen, die auch im Streit liegen, werden beim Betreten der Kirche darauf achten, dass sie ja nicht in der gleichen Bank sitzen und stehen werden, sie gehen einander aus dem Weg.

Der Friede kann nicht von oben dekretiert werden. Friede gedeiht nur unter bestimmten Voraussetzungen. Kriege werden diktiert, Friede kann nicht verordnet werden, er muss bestellt werden wie ein Acker. Während das Unkraut vertilgt werden kann, lässt sich das Gras nicht aus der Erde ziehen. Read More...

Schreiben wie ein «verarmter Gott» *

Schickt mir jemand einen anonymen Brief, weiss ich zwar nicht, wer ihn geschrieben hat, aber ich errate immerhin wes Geistes Kind der Verfasser ist. Die Sprache ist Ausdruck des Menschen. Wie sich jemand ausdrückt, so ist er. Man kann sich zwar hinter der Sprache verstecken, trinkt einer aber ein Glas Wein zuviel, löst sich die Zunge und befreit die Wörter, die auf dem Magen liegen. Beim Anhören einer Rede, in der ein Satz wie z.B.: «Das schleckt keine Geiss weg!», vorkommt, wird mir regelmässig schwindlig. Ich muss es mundartlich sagen, es wird mir «drümmlig». Ich stelle mir dann vor, wie die Ziege die geschönten Zahlen im Budget wegschleckt oder die verdeckten Kosten der NEAT. Read More...

Wer etwas bringt, ist willkommen

Das Städtchen Zug, mit seinen fast 25'000 Einwohnern und ebenso vielen Arbeitsplätzen liegt am Sonnenhang, in mehrfacher Bedeutung des Wortes, mit Blick auf die Alpen, bis zum Eiger, Mönch und zur Jungfrau. Im Westen lacht das schweizerische Mittelland mit seinen sanften Hügelzügen, das an den weltberühmten Pilatus, dem Hausberg von Luzern, grenzt. Zu Füssen von Johannes Mario Simmels Wohnung liegt der Zugersee, über dem sich bei schönem Wetter ein Sonnenuntergang abspielt, der einen über vieles hinwegsehen lässt. Schöner als der Sonnenuntergang an der Riviera, wo Simmel lange gelebt hat, kann er freilich nicht sein, und darum wunderten sich manche, als der berühmte Autor seinen Wohnsitz 1983 von Monte Carlo nach Zug verlegte. Es wurde gemutmasst, das Steuerparadies habe ihn angelockt. Read More...