Ein Weihnachtsgeschenk im Zug

Max Huwyler und ich waren in Sursee in den Schnellzug gestiegen und plauderten gemütlich, wie es unter Literaten so üblich ist. Er erzählte mir vom kürzlich verstorbenen Sprachwissenschaftler Hans Glinz. Sein Fachgebiet war die deutsche Sprachdidaktik. Max hatte einen schönen, abgerundeten Nachruf geschrieben, den er gerne veröffentlicht hätte. Aber für die Zeitung war der Schweizer Sprachwissenschaftler zu wenig wichtig. Ach ja, ein Seufzer, aber da uns die geschlürften Stangen eher bierselig gemacht hatten, ging uns die Absage des Redaktors nicht allzu tief ins Herz. Der Sempachersee lag ruhig und glatt, ohne das Kräuseln von Wellen, die letzten rotgelben Blätter spiegelten sich im Wasser. Read More...

Du siehst den Herbst auswendig

Schnee bis in die Niederungen!, meldete das Radio. Dann fiel er in dicken Flocken zu Boden und deckte die Erde zu. Heute Morgen sah der Kirschbaum hinter meinem Haus wie ein weisses Korallengebilde aus. Der Tag hatte dunkel begonnen und Erinnerungen geweckt. Mein Vater sagte jeweils, wenn es früh in den Herbst hinein schneite: «De Winter hätt verworfe! Er hätt z’früeh kalberet.» Und er meinte damit, es werde nichts mit dem Winter, wie mit dem Kalb, das tot im Stroh lag. Er war ein Wetterprophet, der es mit den alten Wetterregeln hielt. Read More...

Die Finanzkrise und der gesunde Menschenverstand

Darf der Leser von einem Kolumnisten erwarten, dass er sich zur aktuellen Finanzkrise äussert? Auch dann, wenn er auf diesem Gebiet nicht kompetent ist? Fachleute betonen, die Krise sei komplex. Ich bin aber der Meinung, dass es sich hier um ein ganz gewöhnliches Ausschalten des gesunden Menschenverstandes handelt.

Inzwischen haben sich alle Medien der Krise angenommen. Jede Zeitung schreibt und kommentiert, was das Zeug hält. Die Krise sprang sogar ins Feuilleton der «Neuen Zürcher Zeitung». Dabei wurde hervorgehoben, eine Krise löse kreative Impulse aus. Wer in der «Arena» auftrat, blieb sehr allgemein. Es wurde nicht wie sonst gezankt und gestritten. Eine Debatte zum Rauchverbot in Restaurants und zum VBS hätte sich ganz anders angehört. Der kleine Sparer, der am Bildschirm zuschaute, dürfte verärgert den Kasten abgeschaltet haben. Ihm galt praktisch kein Votum. Besonders der kleine Anleger wurde mit strukturierten Produkten verführt, und man hat geradezu seine Träume geweckt. Er glaubte, er geniesse Gläubigerschutz, selbst wenn die Blase platze. Read More...

Der «wunderbare Prozess der Weltergänzung»

Die Nacht hatte mich mit Einfällen überschwemmt. Ich formulierte im Halbschlaf erste Sätze zu einer Kolumne, die möglichst heiter werden sollte. Ich erfand Wendungen, drehte sie um, suchte nach einem zügigen Anfang und fragte mich endlich, ob ein Badestrand überhaupt Stoff biete, über den es sich zu schreiben lohnen würde. Ich würde am Morgen meinen Bungalow verlassen und am Meer die Gedanken ordnen. Mir würde bestimmt eine treffende Geschichte einfallen, mass sich mein Denken an zu meinen. Allerdings korrigierte es gleich, man könne sich nicht einfach eine Geschichte ausdenken. Bruchstückhafte Erlebnisse müssen schon vorliegen; erst Erfahrungen, Erinnerungen setzen jenen «wunderbaren Prozess der Weltergänzung» während des Schreibens in Gang, von dem Heinrich Heine einmal geschrieben hat. Read More...

Von Empfindlichkeitswörtern

Er sei ein «halber Bundesrat». Korrekter hätte man sagen müssen, er sei ein halber SVP-Bundesrat und beizufügen gehabt, er entscheide in gewissen Fragen nicht nach dem Parteiprogramm, sondern nach seinem Gewissen. Das aber wird bei dem Begriff nicht hinzugedacht. Man hält sich an das abgekürzte Wort. Die FDP erfand vor vielen Jahren den Slogan: «Mehr Freiheit und Selbstverantwortung, weniger Staat». Er schrumpfte ein zu: «Mehr Freiheit, weniger Staat». Man vergass dabei, dass der Staat die Freiheit schützt und der Selbstverantwortung den Raum ihres Wirkens sichert. Wenn nur die Freiheit gepriesen wird, bekommt auch die Ellbogenfreiheit Raum. Mobbing etwa wird als legitimes Mittel empfunden, Untergebene zu drangsalieren. Es werden Bücher wie «Anleitung zum Mobbing» geschrieben. Dort, wo der Staat zurückgedrängt wird, entsteht ein Vakuum, eine Lücke, in dem sich das wuchernde Kapital, die Spekulation, die Wirtschaftskriminalität und die Mafia einnisten können. Read More...

Auf dem Weg der Schweiz

Als 1991 der Weg der Schweiz offiziell eingeweiht worden ist, bin ich mit einer Grossrätin aus Basel gewandert, bis ich auf einmal genug hatte von ihren Behauptungen. Ich mochte ihr nicht mehr entgegnen. Gleich zu Beginn hatte sie sich ereifert, dass einer Baslerin das Jahr 1991, aber auch 1291, als Jubiläum nichts bedeute. Basel sei schon vorher ein Staat gewesen, was ich nicht bestritt. Aber die Wirkungsgeschichte von 1291 habe eben doch zu dem Gebilde geführt, das wir heute Schweiz nennen würden, antwortete ich. Mich kümmere die abweichende Auffassung von Historikern nicht, spottete ich, nun auch etwas angriffiger geworden. Bald schloss ich mich einem anderen Wanderer an. Ich wollte mir die Festfreude nicht vergällen lassen. Read More...

Was nützen denn schon Gedichte?

Vor ein paar Stunden habe ich einen Essay «Der Ärger mit der Dichtung» von Charles Simic* gelesen. Gleich zu Beginn liessen mich die folgenden Sätze aufhorchen: «Kindern Hass auf die Schule beibringen und sie an dem Tag vor Freude springen lassen, an dem sie kein Gedicht mehr sehen müssen, dies ist das einzige, wozu Dichtung je getaugt hat. Darüber ist sich die gesamte Welt völlig einig. Niemand liest je bei klarem Verstand Dichtung. Sogar unter Literaturtheoretikern ist es heutzutage Mode, auf jegliche Literatur herabzublicken, ganz besonders auf Dichtung. Dass immer noch einige Leute damit weitermachen, ist eine Kuriosität für die Rubrik Vermischtes in der Zeitung.» Read More...

Gealterte Hoffnungen*

Vierzig Jahre sind seit der 68er-Bewegung verflossen. Sie stellt sich im historischen Rückblick keineswegs als einheitliche Bewegung dar. Vielmehr flossen mehrere Protestbewegungen wie Bäche zusammen und bildeten einen grossen, breiten Strom. In den 1960er Jahren nahm an den deutschen Universitäten das Unbehagen zu, standen doch die alten, unter den Nazis hochgedienten Autoritäten, wieder auf dem Podest. In Polen kam es zu den März-Unruhen. Während des Pariser-Mais errichteten aufgebrachte Studenten Barrikaden. In Amerika wurde Martin Luther King ermordet. In Zürich wiederum krawallierten die Jugendlichen und verfassten das Zürcher Manifest. Der Protest gegen den verlustreichen Vietnamkrieg bewegte Amerika. Daraus entstand eine starke Friedensbewegung. Die Studenten und Intellektuellen setzten sich aber auch für die Gleichstellung von Minderheiten ein. Read More...

Die Mehrdeutigkeit von Leben und Gesellschaft

Im Museum Bruder Klaus in Sachseln werden Kunstwerke gezeigt, die die Kulturförderungekommission des Kantons Obwalden in den letzten acht Jahren erworben hat. Die Ausstellung präsentiert einen Ausschnitt aus dem künstlerischen Schaffen Obwaldens und der Zentralschweiz. Darunter finden sich Werke namhafter Künstler, die eine Werkschau gestatten. Sie folgt keinem einheitlichen oder eindeutigen Stil, wie wir es von grossen europäischen Epochen, wie z. B. der Gotik oder dem Barock, gewohnt sind. Die Arbeiten stellen den Betrachter vor die Auseinandersetzung mit der Mehrdeutigkeit des Dasein und der Individualität des Erlebens und Gestaltens in der modernen Zeit. Im Unterschied zur Welt der Eindeutigkeit, wie sie von Politikern und Predigern heraufbeschworen wird, sind die Werke vielgestaltig und kommen ohne Schablonen und Floskeln aus. Read More...

Eine Regierung ist wie eine Burg, falls…

Als junger, noch leicht vorwitziger Regierungsrat erlaubte ich mir einmal am Schluss einer Sitzung die Bemerkung, der damals amtierende Landammann habe eine ausgezeichnete Rede gehalten. Freilich erinnere ich mich heute nicht mehr daran, wo er gesprochen hat und was der Inhalt seiner Rede war. Damals blitzte Unverständnis aus den Augen des erfahrenen Landschreibers Dr. Gerold Meyer. Er sagte spitz: «Seit wann ist es Brauch, dass in der Regierungsratssitzung über Kollegen geurteilt wird?» Ich errötete. «Aha», dachte ich wohl, «da hast du einen Fehler gemacht. Du solltest dich an die eingespielten Regelungen halten.» Wie wäre ich erst recht vom Landschreiber gerüffelt worden, wenn ich den Kollegen öffentlich kritisiert hätte! Read More...

Jeder trägt mit sich einen Teddybären

Allein das Zögern sei human, wird der Schweizer Autor Markus Werner zitiert. Wenn diese Aussage stimmen würde, dann wäre unsere heutige Arbeitswelt durch und durch inhuman. Denn alles eilt. Die Konkurrenz macht Druck. Nur wer schneller ist, hat Erfolg. Wer zögert, hinkt hinterher. Der Zeitraum, innerhalb dessen etwas veraltet, ist kleiner geworden. Die Zeitspanne, während der das Alte wieder modern ist, hat sich ebenfalls verringert.

Wir erlebten kürzlich, wie Ruedi Rymanns «Schacher Seppli» im Schweizer Fernsehen den Final der Sendung «Heimat» gewonnen hat. Wir Älteren aber, die uns von der Modernität stets auch immer überholen liessen, haben das Lied schon vor zwanzig und mehr Jahren gesungen und den Jodler Ruedi Rymann bewundert. Und es wurde nun also, zu Rymanns eigener Überraschung, vom TV-Publikum zum grössten Hit erkoren. Jedermann findet, das sei in Ordnung. Und dies in einer Zeit, in der es auf Schnelligkeit und rasches Handeln ankommt. Wer wartet denn heute noch auf einen Brief? Die Zeit überspringt die Räume und macht sie klein. Read More...