Zu Babel ein Turm

Am 18. November erklang in der Pfarrkirche Unterägeri das mächtige und packende Oratorium «Zu Babel ein Turm» von Carl Rütti, nach einem Text von Ulrich Knellwolf. Der Konzertchor der Stadt Solothurn hatte dieses Werk zum «175 Jahre Jubiläum» bestellt. Als Laie darüber zu schreiben, wäre verwegen. Der Titel jedoch bewegt mich, das Thema des Auftragswerks passt zudem in unsere Zeit.

In der vierten Klasse erzählte uns der Lehrer Hans Schmucki die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Die Menschen seien hochmütig geworden und wollten einen Turm bis zum Himmel bauen. Der Turm aber sei eingestürzt, und mit dem Einsturz seien die Menschen in die babylonische Sprachverwirrung geraten. Im Oratorium singt der Tenor: «Hast du endlich erkannt, was für einen Konkurrenten du dir mit dem Menschen geschaffen hast? Sie werden nicht ruhen, bis sie dich vom Thron gestürzt und sich an deine Stelle gesetzt haben.» Mit dem Turmbau, so der moderne Text, war Gottes Eifersucht geweckt. Zornig fuhr er zwischen die Menschen. Er strafte und schlug ihre Zunge. Von nun an verstanden sie sich nicht mehr. Sie redeten aneinander vorbei. Read More...

Christoph wird uns fehlen

Der Mann sorgt für Aufregung. Erst kürzlich liess er uns aus dem Türkenland wissen, dass die Anti-Rassismus-Strafnorm abgeändert werden sollte. Geschichtsprofessor Yusuf Halacoglu und der Nationalist Dogu Perinçek, die während ihren Auftritten in der Schweiz den Völkermord an den Armeniern 1915 leugneten, sollten nicht von der schweizerischen Justiz verfolgt werden dürfen. Es brauche eine Gesetzesänderung, denn die Meinungsfreiheit sei höher zu werten. Blochers Botschaft schlug hohe Wellen in der sonst so sanften, ausgewogenen Schweiz. Wie viele Türken sind doch in unserem Land bereits integriert und hoffen, eingebürgert zu werden. Read More...

Vom Gutmensch und vom Gutdünkler

In meinem letzten Leserbrief zitierte ich den Ex-«Zischtigsclub»-Moderator Ueli Heiniger, der in einem Interview gesagt hatte, er müsse nur lachen, wenn auf einmal Gutmenschen für PR-Aktionen missbraucht werden. Da nun aber der Ausdruck «Gutmensch» auch in der mediokren Gedankenwelt von einigen Leserbriefschreibern auftaucht, sollte man dazu doch einige Anmerkungen machen. Irgendwann hört bei solchem Sprachgebrauch das Lachen auf. Read More...

Modell einer offenen Schweiz

Die Schweizerische Fussballmannschaft 2006 erscheint wie das Modell einer modernen, offenen Schweiz, wie eine Art Antimodell gegen die reaktionär konservativen politischen Strömungen in unserem Land. Die Begeisterung für die «Nati» war vor und während der Weltmeisterschaft riesig. Jubel brauste durch unser Land, als sie das Achtelfinale erreicht hatte. Erst die drei verschossenen Elfmeter im Spiel gegen die Ukraine bedeuteten das Aus. Die Schweizerinnen und Schweizer zeigten Flagge, das weisse Kreuz im roten Feld. In den deutschen Stadien sassen Zehntausende von Fans und riefen: «Hopp Schwiiz!» Read More...

Vorfreude auf die Sommerferien

Im Buch «Mann ohne Land» von Kurt Vonnegut, dem deutsch-amerikanischen Schriftsteller, steht: Fantasievolle Menschen «können jemandem ins Gesicht schauen und dort Geschichten sehen; für jeden anderen wird ein Gesicht nur ein Gesicht sein». Mit diesem Gedanken im Kopf fahre ich in die Ferien. Ich werde auf dem Zeltplatz einen kleinen Bungalow mieten, ein grünes Häuschen unter Pinien. Dort werde ich auf der Veranda sitzen und die Menschen beobachten. Ich werde meinen Liegestuhl und den Sonnenschirm am Sandstrand aufstellen. Als Mann ohne Land werde ich aufs Meer blicken und mich meiner Fantasie überlassen. Dutzende von Menschen werden vorbeischlendern. Die meisten haben für mich nur ein Gesicht, aber einige haben Gesichter mit Geschichten: Emilio, Angelo und Neris, Giuseppe di Stefano, Paolo und seine Familie. Read More...

Vom Nutzen des scheinbar Nutzlosen

Ruedi Walser, Bildungsexperte von Economiesuisse, behauptet, der «uniforme Leistungs- und Forschungsauftrag» der Fachhochschulen im geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich sei ein Grundlagenirrtum. Es sei bis heute nicht klar, «was Forschung und Entwicklung für diese Schulen überhaupt bedeutet». Darum müsse die Politik im Rahmen des neuen Hochschulrahmengesetzes den Forschungsauftrag für die Fachhochschulen neu definieren. Die betroffenen Schulen würden sich besser auf die Ausbildung guter Berufsleute konzentrieren. Dies berichtet der «Tages-Anzeiger» vom 11. Mai unter dem Titel «Wirtschaft kritisiert Forschung». Ruedi Walser gibt vor, im Namen der Wirtschaft zu sprechen. Die Kritik ist meines Erachtens unverständlich und unqualifiziert. Es gibt für die Fachhochschulen keinen uniformen Forschungsauftrag. Eine Lehrtätigkeit auf Hochschulniveau ist ohne Forschung nicht denkbar. Ein Verzicht würde das Niveau der Ausbildung senken. Read More...

Berlusconi? Prezzémolo in tutto!

Einige Wochen vor der Wahl in Italien sassen wir im Restaurant Milano am Lago Maggiore bei gutem Essen und einem gesprächigen Wirt. Das Wort blieb an Berlusconi hängen. «Wird er die Wahl gewinnen? Was halten Sie von Ihrem Ministerpräsidenten?» Er zog den Korken und schüttelte den Kopf: «Berlusconi? Hm! Prezzémolo in tutto!» Er ging weg und kehrte mit einem gut gewürzten Risotto zurück. Petersilie auf dem Reis, prezzémolo heisst Petersilie. Zerkleinert würzt Petersilie jedes Gericht, als geteiltes Blatt schmückt sie den Teller. Ein schönes Bild, Peterli im allem, die Finger überall drin. Berlusconi mit seiner Medienmacht, mit seinen verschiedenen Verlagen und den Fernsehketten, mit den Journalisten, die nach dem Motto «Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’», lobhudeln. Read More...

Die Schweiz – ein Labor der Vielsprachigkeit

Als im Eidgenössischen Parlament der Sprachenartikel beraten wurde, löste er kontroverse, emotionelle Diskussionen aus. Nie zuvor hatte ich im Ständerat derart heftige Auseinandersetzungen erlebt. Ich spürte damals, wie sehr jeder Redner in der Muttersprache dachte und argumentierte. Die Muttersprache formt die eigene Identität, das Denken und Fühlen des Menschen. Sie ist Ausdruck seines Selbstverständnisses. Es war deshalb nicht verwunderlich, dass mit einem Unterton voll Emotionen votiert wurde und einige Räte sogar laut wurden. Dabei erinnerte ich mich an ein Erlebnis während meiner Studienzeit in Berlin. Read More...

Vom Nutzen des Nutzlosen

Die beschränkten finanziellen Mittel seien «in wirtschaftlich relevante Bereiche zu investieren», und deshalb gelte es, Schwerpunkte bei der Forschung der Nano-, Bio- und Umwelttechnologie zu legen. Selbstverständlich auf Kosten der Geisteswissenschaften. Diese Meinung vertritt sowohl die CVP als auch die SVP. Beiden Parteien geht es um den Markterfolg der Innovationen. Als ich die Artikel zu dieser neuen Förderstrategie in verschiedenen Zeitungen gelesen hatte, atmete ich tief durch. Was geht in den Köpfen der Politiker vor, die eine solche Umlagerung anstreben? Ist ihnen bewusst, was die Geistes- und Sozialwissenschaften leisten, wie nötig sie für den Zusammenhalt einer Gesellschaft sind? Die abwertende Formulierung, die ich im ersten Satz zitiere, schliesst aus, dass andere Wissenschaften dafür von Bedeutung sind. Schaut die CVP nun plötzlich auch mit einem Röhrenblick in die Welt? Read More...

Warum serbelt die FDP?

Während die SVP im Aufstieg begriffen war, geriet die früher stolze FDP ins Schlittern. Seither kränkelt sie. Ihr Zustand könnte sich aber bessern, wenn sich die Exponenten an die Geschichte des Freisinns erinnern und für Standpunkte einstehen würden, die der Partei zu Erfolg verholfen haben.

Vor ungefähr zwanzig Jahren prägte die FDP den Slogan: «Mehr Freiheit und Selbstverantwortung, weniger Staat.» Mit dem Begriff «Selbstverantwortung» appellierten die Freisinnigen an die Einzelnen, ohne aber zu erwähnen, wofür die Individuen Verantwortung tragen. In der Folge blieb das Wort in der öffentlichen Diskussion ausgeklammert. Am Ende hörten alle nur noch das scheinbar griffige «mehr Freiheit, weniger Staat». Read More...

Kultur ist Sache der Kultur – ist sie das?

Robert Nef, der Redaktor der «Schweizer Monatshefte» mahnt den Staat zur Zurückhaltung bei der Kulturförderung. Der Markt habe dabei ein wichtiges Wort mitzureden. Kultur sei Sache der Kultur. Diese Aussage aber ist eine Art Zirkelschluss. Man kann einen Standpunkt nicht mit dem gleichen Standpunkt begründen. Fragen wir uns, was Kultur sei, werden wir keine eindeutige Antwort erhalten. Wessen Sache ist Kultur, wenn sie ihre eigene ist? Würde der Satz lauten: Kultur ist Sache des Marktes, dann wäre man klüger. Die von Robert Nef gemachte Behauptung wirft also mehr Fragen auf, als sie beantwortet. Read More...