Wenn der Glaube missbraucht wird

Gott verhüllt sich. Die christlichen Theologen sagen zwar, er habe sich in Jesus Christus offenbart. Aber die Frage nach dem Wesen Gottes bleibt weder philosophisch noch theologisch überzeugend beantwortet. Gibt es eine Katastrophe wie das verheerende Erdbeben in Haiti oder Chile, fragen sich viele Menschen: Wo war Gott in jenen Sekunden? Wer ist er denn? Ignatius von Loyola, Begründer des Jesuitenordens, hätte geantwortet: «Deus semper maior», also: «Gott ist immer grösser». Er ist dem menschlichen Denken nicht zugänglich. In der franziskanischen Tradition hingegen gibt es auch das Wort: «Deus semper minor». Gott ist immer kleiner, als man ihn denken kann. Diese beiden Aussagen heben sich gegenseitig auf, sie sind paradox. Etwas kann nicht zugleich unendlich gross und unendlich klein sein. Die paradoxe Gegenüberstellung will besagen, dass das Denken das Absolute nicht erreicht. Niklaus von Kues, der berühmte Gelehrte, Kardinal und Kirchenpolitiker im 15. Jahrhundert, sprach in seinem Spätwerk «Die Jagd nach der Weisheit» vom «wissenden Nichtwissen», von der «docta ignorantia». Es sei unmöglich zu wissen, was demjenigen, das geworden ist, vorausgegangen sei.

Fragt der Mensch nach dem Ursprung des Seienden, stösst er also an die Grenze des Wissens. Er kann nicht sagen, wer die Welt geschaffen hat. Am Anfang mag da ein göttliches Prinzip gestanden haben. Doch dieses Göttliche hat weder Farbe noch Gestalt. Der Mensch kann immer nur sagen, so wie über ihn gedacht wird, ist er nicht. Das Absolute bleibt demnach unergründlich, und darum beginnt bei dieser Erkenntnis das grosse Schweigen, das Staunen, das Gebet oder der Glaube.

Wer die Geschichte der Philosophie und der Theologie studiert, wird erkennen, dass der Mensch schon immer nach dem letzten Geheimnis hinter der Erschaffung der Welt und seiner eigenen Existenz gefragt hat. Beim Betrachten der Schöpfung, der Natur leuchtet ihm so etwas wie das Göttliche auf, aber dieses Licht ist kaum dasjenige eines persönlichen Gottes. Ein persönlicher Gott wäre für den Gang der Geschichte verantwortlich. Man könnte ihm die Gräuel und Katastrophen anlasten. Das Göttliche aber ist nicht belangbar. Es entzieht sich dem Menschen.

Extra ecclesiam salus non est! Ausserhalb der Kirche gibt es kein Heil! Diese Position nahm die katholische Kirche jahrhundertlang ein. Ihre Auffassung wurde jedoch von den anderen christlichen Bekenntnissen nicht geteilt. Zudem glauben auch die Juden und die Mohammedaner an den einen Gott. In mancher Ecke unserer Welt gab es und gibt es grosse Religionsgemeinschaften, die vom Eingottlauben abweichen. Buddhisten und Hindus kennen ihn nicht. In vorchristlicher Zeit glaubten die Menschen an die Macht vieler Götter. Die Griechen verehrten Zeus und andere Gottgestalten, die Ägypter beteten eine Zeit lang den Sonnengott an, die Inkas den zürnenden Gott, dem sie Menschenopfer darbrachten, um ihn versöhnlich zu stimmen.

Gab es für die Menschen, die vor unserer Zeitrechnung lebten, wirklich kein Heil? Hans Küng stellt die Frage, welchen Glauben er wohl bekennen würde, falls er in Indien zur Welt gekommen wäre. Was bei dieser Sachlage erstaunt, ist die Tatsache, dass es trotz unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse einen Wettstreit unter den Religionen gibt. Die Religion kann Menschen fanatisieren und zu Gewalttaten aufhetzen. Fanatismus ist ein Übel, ja er artet oft in Wahnsinn aus.

Darum muss der Mensch seine eigene Überzeugung im Blick auf andere Glaubensbekenntnisse relativieren. Er sollte sich hie und da selber beobachten, wie es um seine Toleranz gegenüber anderen Konfessionen steht. Er gibt die feste, dogmatische Position auf, falls er zur Einsicht gelangt, dass seine Religion nur ein Weg ist, sich dem Göttlichen anzunähern. Von diesem Göttlichen wird ihm in Heiligen Schriften und in Mythen erzählt. Das Alte und das Neue Testament, der Koran und die Thora, die Geschichte des Tao, ja sogar die klassischen Sagen des Altertums sind grossartige Erzählungen, die berichten, wie der Mensch nach dem Sinn des Lebens und dem ewig Seienden sucht. Diese grandiosen Erzählungen deuten mit Bildern das Mysterium des Daseins. Die Religionen, die auf Grund dieser Geschichten entstanden sind, betten die Sinnsuche des Menschen in Zeremonien, Rituale und Kulte.

Weist die Religion den Weg, auf dem sich der Mensch dem Göttlichen nähert, dann ist die Suche der Spur, die ein anderer wählt genauso legitim, denn sonst würde Intoleranz die Frucht des Glaubens. Es gilt nämlich: «An ihren Früchten könnt ihr sie erkennen: Erntet man denn Trauben von den Dornen oder Feigen von den Disteln?» (Matthäus 7, 16).

Niemand gibt zu, dass seine Überzeugung eine Frucht ist, aus Samen von Dornen und Disteln gereift. Machtmenschen kümmert es wenig, dass sie die Religion instrumentalisieren. Sie haben sie stets für ihre Zwecke missbraucht. Ruft Muammar Ghadhafi hinter Panzerglas während einer langen Rede zum Heiligen Krieg, zum Jihad gegen die Schweiz auf, dann stellt er die Religion in den Dienst seiner Macht, sät Dornen und Disteln, und hofft darauf, die Saat gehe bald auf. Wird der Glaube missbraucht, entsteht Rechthaberei, oft sogar Feindschaft.