Ein Weihnachtsgeschenk im Zug

Max Huwyler und ich waren in Sursee in den Schnellzug gestiegen und plauderten gemütlich, wie es unter Literaten so üblich ist. Er erzählte mir vom kürzlich verstorbenen Sprachwissenschaftler Hans Glinz. Sein Fachgebiet war die deutsche Sprachdidaktik. Max hatte einen schönen, abgerundeten Nachruf geschrieben, den er gerne veröffentlicht hätte. Aber für die Zeitung war der Schweizer Sprachwissenschaftler zu wenig wichtig. Ach ja, ein Seufzer, aber da uns die geschlürften Stangen eher bierselig gemacht hatten, ging uns die Absage des Redaktors nicht allzu tief ins Herz. Der Sempachersee lag ruhig und glatt, ohne das Kräuseln von Wellen, die letzten rotgelben Blätter spiegelten sich im Wasser.

Kurz vor Luzern bereiteten wir uns auf das Umsteigen vor, zogen den Mantel an und gingen zum Ausgang. Da kam eine junge, hübsche Frau auf uns zu, redete einzig mich an, bekannte, dass sie meine Kolumnen schätzen würde (was mir sofort den Kamm wachsen liess) und überreichte mir ein Buch. «Das müssen Sie unbedingt lesen!» Ich: «Das Buch ist mir zu dick.» Sie: «Es ist aber grossartig. Sie können es so lange behalten, wie Sie wollen, ja, ein halbes Jahr.» «Ich werde darin schnüffeln.» Sie: «Ich will Sie nicht einem Lesezwang unterwerfen.» «Wäre noch!», dachte ich. «Aber, wie soll ich es Ihnen zurückschicken? Ich kenne Sie ja nicht.» Da öffnete sie den Wälzer und zeigte auf eine Karte, die auf dem Vorsatzblatt lag. Darauf hatte sie ihren Namen und Adresse geschrieben hatte. Und schon verabschiedete sie sich. «Aber … He … Sie !» Doch sie war bereits verschwunden. Endlich las ich den Titel des Buches: «Der Schwarze Schwan. Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse», von einem Nassim Nicholas Taleb. Die unbekannte Frau liess mich perplex zurück, aber sie hatte mich auf das Buch «gwundrig» gemacht.

So begann ich den Umschlag zu studieren. Auf dem Klappentext stand: «Alle Schwäne sind weiss – davon waren die Europäer bis ins 17. Jahrhundert überzeugt. Dann wurde Australien entdeckt. Dort gab es schwarze Schwäne – was keiner für möglich gehalten hatte, war auf einmal Realität.» Ich verstand blitzartig, was der Verfasser sagen wollte. Später im Bett schlug ich die ersten Seiten auf und redete halblaut vor mich hin, wie es ältere Herren gelegentlich tun: «Der Verfasser will sagen, dass die Wahrheit nur so lange Wahrheit ist, bis ein Argument, eine Entdeckung, eine Erfahrung sie relativiert oder gar zur Unwahrheit werden lässt.»

Niemand kann heute noch behaupten, es gebe keine schwarzen Schwäne, niemand, die Erde sei flach oder der Mensch stamme von Adam ab. Die Geschichte ist eine unglaubliche Folge von überholten Wahrheiten, ja von entmachteten Wahrheiten. Oft wurden alte Überzeugungen und Behauptungen in den Dienst der Macht gestellt. Galilei wurde noch auf dem Scheiterhaufen erpresst, weil er behauptete, die Erde drehe sich. George W. Bush zog in den Krieg und verlor seine Glaubwürdigkeit, als die Welt erfuhr, dass der Einmarsch im Irak auf einer Lüge beruhe.

Die Geschichtsphilosophie Talebs begann mich zu überzeugen. Wenn er sagt, die Geschichte krieche nicht dahin, sie mache Sprünge und seine Aussage dazu mit Beispielen belegt, erinnern sie an Denksprünge, die oft schon den Verstand auf den Kopf gestellt haben. Wie Darwin, der die Abstammungslehre begründete und damit das Gesicht des Menschen veränderte. Sigmund Freud wiederum entdeckte das Unbewusste und bewies, dass im Menschen ein gefesselter Dämon lebt, der jederzeit ausbrechen und das Leben stärker bestimmen kann als Verstand und Vernunft. Seither liegt ein Schatten auf dem Selbstverständnis der Menschen.

Ich hatte nicht voraussehen können, dass mir eine junge, völlig unbekannte Frau ein Buch in die Hand drücken und mir damit die Idee für eine Kolumne geben würde. Der «Schwarze Schwan» bestärkte mich in meiner Skepsis, die im Lauf der Jahre zugenommen, ja zu einer gewissen Altersradikalität geführt hat.

Taleb weist an einer Stelle darauf hin, dass man sogar von einem Truthahn manches lernen kann. Der Vogel gewöhnt sich an das tägliche Futter, fasst Vertrauen, und mit jeder weiteren Fütterung wächst seine Überzeugung, es gebe freundliche Menschen, die sein Wohl im Auge hätten. Während 1000 Tagen läuft es so ab, aber am 1001. Tag geschieht etwas Unerwartetes: Der Truthahn landet in der Pfanne. Ähnlich täuschen Rating-Skalen die Anleger, gewisse Chefs ihre Untergebenen, und plötzlich …

Im Glauben verharren kann zauberhaft sein. Solange ich ans Christkind glaubte, schien mir der Tannenbaum mit den Kerzen, dem Engelshaar, den Keramik-Bachstelzen und bunten Kugeln wunderbar. Das Herz glühte und fiel vor dem Heiligabend in einen seltsamen Erregungszustand. Ich hatte ja einen Wunschzettel geschrieben und ihn vor das Fenster gelegt. Wie war Ich dann enttäuscht, als meine Wünsche nicht erfüllt wurden! Später erfuhr ich, dass unser Christkind die Mutter war. So wurde die Enttäuschung leichter. Wir konnten uns weniger leisten als andere Familien, dafür bekamen wir in der heimeligen Stube, wo ein Feuer knisterte, nach der Mitternachtsmesse Butterzopf, Anke und Milchkaffee. In diesen Wochen hatte mich ein Christkind sogar mit einem dicken Buch beschert. Wenn Nassim Nicholas Taleb meint, Experten wüssten über ihr Fachgebiet nicht mehr als die Gesamtbevölkerung, sie seien nur bessere Erzähler, so ist diese Einsicht für Schriftsteller einen herrliches Weihnachtsgeschenk, und erst noch eine Würdigung der direkten Demokratie. Hätte Taleb seine These auf höchstens 150 Seiten abgehandelt, würde mir die Lektüre noch mehr Vergnügen machen.