Vorfreude auf die Sommerferien

Im Buch «Mann ohne Land» von Kurt Vonnegut, dem deutsch-amerikanischen Schriftsteller, steht: Fantasievolle Menschen «können jemandem ins Gesicht schauen und dort Geschichten sehen; für jeden anderen wird ein Gesicht nur ein Gesicht sein». Mit diesem Gedanken im Kopf fahre ich in die Ferien. Ich werde auf dem Zeltplatz einen kleinen Bungalow mieten, ein grünes Häuschen unter Pinien. Dort werde ich auf der Veranda sitzen und die Menschen beobachten. Ich werde meinen Liegestuhl und den Sonnenschirm am Sandstrand aufstellen. Als Mann ohne Land werde ich aufs Meer blicken und mich meiner Fantasie überlassen. Dutzende von Menschen werden vorbeischlendern. Die meisten haben für mich nur ein Gesicht, aber einige haben Gesichter mit Geschichten: Emilio, Angelo und Neris, Giuseppe di Stefano, Paolo und seine Familie.

Emilio wird mir nach dem freundlichen Gruss und der Umarmung, einem prüfenden Blick auf meinen Bauch, sagen: «Du hattest einen guten Winter, hai la pancia!» Er wird sich freuen, wenn ich lache und ihm für den seinen ein Kompliment mache. Er wird dann seiner Frau einen Blick zuwerfen. Für mich, der ein halbes Jahr gekämpft hat, damit einige Kilo purzeln, ist dies nicht die feine Art, wie ich in Italien empfangen werden möchte. Darum versuche ich, mich etwas straffer zu halten als in den letzten Jahren. Das Trampolin steht auf der Terrasse.

Emilio ist Sportfischer. Sein Boot liegt irgendwo in der Lagune von Venedig. Er wohnt in Murano und arbeitet im Lido. Mit dem Motorroller fährt er häufig morgens zu den Barenen und wirft die Angel aus. Er wird kaum einen Fisch präsentieren können, wenn er zurückkehrt. Vielleicht will er sich einfach ein bisschen aus dem Staub machen. So schnell, mit mundartlicher Färbung und dem typischen venezianischen X für das Z, redet keiner mit mir. Aber er stellt sich vor, ich verstünde jedes Wort. Er wird oft wiederholen: «Capito?» Ich werde nicken und der Spur nach antworten. Emilio hat ein Dutzendgesicht. Der schöne Mann mit dem neckisch gestutzten Schnauz, der im Spielcasino arbeitet, wird mich Geschichten erfinden lassen. Wie Donna Leon. Er könnte Commissario Brunetti sein.

Giuseppe di Stefano stammt aus den Abruzzen und ist später nach Mestre gezogen. Er verkörpert das ewige Heimweh. Vielleicht ist er auch ein Mann ohne Land. Er steht unter dem Kommando seiner Frau. Sobald sie das Velo besteigt, um Einkäufe zu besorgen, wird er die Geige nehmen und volkstümliche Weisen spielen, auch einmal Verdis «Và pensiero sull' ali dorate», geh Gedanke auf goldenen Flügeln. Er wird, so oft er kann, seine Mandoline ergreifen. Ich werde ihn bitten, wenn ich an seinem Zeltgärtchen vorbeispaziere, mir ein Lied zu spielen, eines aus den Abruzzen, aus seiner Heimat. Komm heute Abend vorbei, wird er sagen, meine Frau fährt nach Mestre. Ich werde eine Flasche Wein mitbringen und seinen Liedern lauschen. Ich habe mir fest vorgenommen, einem der Händler, die über den Strand von Sonnenschirm zu Sonnenschirm schleichen, ein ledernes Pferdchen abzukaufen. Er wird es im kleinen Blumengehege aufstellen, dann Schneewittchen auf den Thron setzen und einen Prinzen basteln, der auf dem Pferd daherkommt.

Angelo und Neris besitzen einen Stammplatz. Wie Giuseppe. Wenn ich ankomme, werden die beiden unter dem Vordach hocken und Karten spielen. Angelo wird aufspringen: «Andrea, du hier?» Ich werde ihm eine Wassermelone auf den Tisch stellen und bemerken: «Che piacere! Welch ein Vergnügen, euch wiederzusehen!» Er wird mich auf den nächstbesten Abend zu einem Gastmahl einladen, zu einem fünfgängigen Menü, mit Miesmuscheln, die er an den Steinblöcken der Dämme geerntet hat. Er wird einen Wein kredenzen und erzählen, dass er ihn im Friaul von einem Freund in Flaschen abgefüllt habe. Wenn ich diesen Wein nicht über alles loben werde, wird er enttäuscht sein. Neris wird mit ihrer Fistelstimme fragen, wie es mir in der kalten Jahreszeit gegangen und ob die Schweiz noch in guten Händen sei. Angelo wird dann über die Politiker schimpfen und sagen: «Tutti sono ladri, alle sind Diebe.» Sobald er den Kropf geleert haben wird, wird er von neuem erzählen, dass er in Genf, in Bern und in St. Gallen gewesen sei. «Che bel paese, la Svizzera!» Ich werde die Brust schwellen und vielleicht bemerken: «Das Land ist auch schon besser regiert worden.» Er wird fragen, warum ich pessimistisch töne. Ich aber werde nur den Kopf schütteln und ihn ablenken, sage, mir habe die Geschichte, wie er einem kroatischen Metzger ein wunderbares Filetstück zu billigem Preis abgeluchst habe, immer gefallen. Er wird sie wieder erzählen und am Ende den Metzger nachahmen, der damals gebrüllt hatte: «Che porco italiano!»

Paolo habe ich beim Tanzen kennen gelernt. Einmal pro Woche gibt es einen festlichen Abend mit Tanzmusik. Da wird Paolo mit seiner Clarissa eine Show abziehen. Er wird elegante Schwünge hinzaubern, in die Knie und auf die Zehenspitzen gehen und sie während eines Tangos fast auf den Boden legen. Zusammen mit Freunden und Nachbarn wird er mich vor sein Zelt einladen. Er wird nach einigen Gläsern zu singen beginnen und klassische Arien und Lieder hinauf in die Wipfel der Pinien schmettern. Zu «Sole mio» wird seine Stimme anschwellen, als sei er Pavarotti. Mit Clarissa wird er ein Duett singen, und sie, die starke Raucherin, wird einige Male husten und sich entschuldigen. Ich werde gelegentlich einstimmen, klatschen und ausrufen: «La vita é bella! Welch ein schönes Gesicht hat dieses Italien!»