Modell einer offenen Schweiz

Die Schweizerische Fussballmannschaft 2006 erscheint wie das Modell einer modernen, offenen Schweiz, wie eine Art Antimodell gegen die reaktionär konservativen politischen Strömungen in unserem Land. Die Begeisterung für die «Nati» war vor und während der Weltmeisterschaft riesig. Jubel brauste durch unser Land, als sie das Achtelfinale erreicht hatte. Erst die drei verschossenen Elfmeter im Spiel gegen die Ukraine bedeuteten das Aus. Die Schweizerinnen und Schweizer zeigten Flagge, das weisse Kreuz im roten Feld. In den deutschen Stadien sassen Zehntausende von Fans und riefen: «Hopp Schwiiz!»

Wer naiv annimmt, da zeige sich die konservative Schweiz im Spiegel des Nationalteams, der täuscht sich. Die Nationalmannschaft repräsentiert sich als eine multikulturelle Elf, die Schweizer Namen wie Cabanas, Barnetta, Senderos, Behrami, Yakin oder Djourou tragen. Sie sind Schweizer der zweiten und dritten Generation, einer Generation, die ein buntes Land ausmachen.

Der Berliner Philosophieprofessor und Sportsoziologe Gunter Gebauer hat ein Buch mit dem schönen Titel «Poetik des Fussballs» geschrieben, in dem er die Meinung vertritt, dass sich jede teilnehmende Nation an einer Weltmeisterschaft in einem Spiegel sehen möchte. Blicken wir in diesen Spiegel, dann sehen wir wie ein Philipp Degen, Johann Vogel, Alex Frei zusammen mit Akteuren um den Sieg kämpfen, die in Afrika, Spanien oder im Kosovo geboren sind. Die meisten unserer Spieler sind im Ausland unter Vertrag und holen sich dort genügend internationale Erfahrung.

Ricardo Cabanas, der in Spanien geboren ist, beschreibt in einem Interview, wie er in der Schweiz aufgewachsen ist. «… In meiner Schulklasse, von der ersten bis zur sechsten Klasse, waren vielleicht von 20 Kindern nur 5 Schweizer, der Rest kam aus dem Ausland. Ich lernte mit Türken umzugehen, mit Albanern, ich kann seither ein paar albanische Worte, die ich mit Blerim Dzemaili wechseln kann, ich lernte portugiesische Worte, war mit Italienern in Kontakt – mit so vielen. In diesem Land lernte ich, mit anderen Kulturen, anderen Religionen, anderen Bräuchen umzugehen. Mütter meiner Kollegen trugen Kopftücher. Und diese Bilder zeigen doch auch das Gesicht der Schweiz» (Tages-Anzeiger, 26. Juni). Einer Schweiz, die von der Kraft der Integration des Fremden zehrt.

Fussball hat zwei Gesichter. Im Achtelfinal Holland gegen Portugal zeigte er sein unschönes Gesicht. Die NZZ titelte denn auch: «Schlachtfeld statt Spielfeld». Der portugiesische Coach Scolari verstieg sich zum Vergleich, er liebe den Fussball, der sich stets an der Grenze der Legalität bewege. «Das ist ein wenig wie Krieg.» Fussball vereinigt in sich zwei Seiten, die helle und die dunkle. Das gilt auch für den Schweizer Fussball. Die Mannschaft spielte fair. Doch es ist vor allem die Substanz der Equipe, die Köbi Kuhn ständig verbessert hat, seit er 2001 den Trainerposten übernahm. Die dunkle Seite liegt in den Begleiterscheinungen, im Auftreten aggressiver, lauter und betrunkener Fans, die so etwas wie den Schatten des Volkes erlebbar machen. Auch darin spiegelt sich die Nation.

Jürg Altwegg zeigt in seinem Buch «Ein Tor, in Gottes Namen» auf, wie Krawall, Gewalttätigkeit und faschistische Züge zum Fussball gehören. Dabei gehe es um die Verteidigung der eigenen Identität, die mit Farben und Symbolen ausgedrückt wird. Als aggressiver Trupp durch die Strassen zu ziehen, sei wie die Eroberung eines fremden Territoriums. Urtümliche Kraft, gepaart mit Gewalt, komme zum Vorschein. Darum gehöre es zum Fussball, dass es immer wieder Schlägereien gebe. Die Gewaltausbrüche, die der Fussball hervorbringe, seien in seinem Wesen angelegt. Kommt hinzu, dass Fussballspiele auf hohem Niveau für viele Fans Ereignis sind, um der Leere und Sinnlosigkeit des eigenen Lebens zu entfliehen und im kollektiven Rausch aufzugehen. Es stehen sich also das offene, sich an Regeln orientierende Spiel und die dumpfe, leere Gewalt gegenüber.

Das Fussballspiel, bei dem ein Regelverstoss oder ein Foulspiel mit einem Abpfiff, einer gelben oder sogar roten Karte geahndet werden, müsste eigentlich ein gesellschaftliches Lehrstück sein, wie sich Menschen zu verhalten haben. Fussball aber löst Emotionen aus. Emotionen wühlen auf, entfesseln die dunklen Triebe und wecken Kampfbereitschaft, die oft in eine Schlägerei nach dem Spiel übergeht. Und so muss die Polizei mit einem Grossaufgebot hinter dem Stadion präsent sein.

Unsere Fussballmannschaft steht dank ihrer Zusammensetzung und ihres Auftretens für eine offene, nach internationalen Regeln funktionierenden Schweiz. Die Rowdys sind deren Schatten. Darin manifestiert sich die Ambivalenz der Gesellschaft. Die Masse wirkt verführerisch. Emotionen reissen mit und führen zu unbedachten Handlungen. Ein Krieg bricht aus, wenn es den Regierenden gelingt, die Emotionen der Masse anzustacheln. Im Fussball laden die Massenmedien und Stammtische die Atmosphäre auf. Da werden Fussballgötter geschaffen, die Emotionen binden.

Die Schweizer Fussballnationalmannschaft weckt Emotionen. Während neunzig Minuten vergisst der Zuschauer, wie die «Nati» zusammengesetzt ist. Wenn die Vernunft den Blick wieder frei gibt, erkennt er, dass er einer Mannschaft zugejubelt hat, die als Modell für eine zukunftsoffene Schweiz dasteht. Sie hat den Ausländern viel zu verdanken, nicht nur im Bereich des Fussballs.