Goethe und die Rigi - ein Interview

Schon immer habe ich mich für die Schweizer Reisen von Johann Wolfgang von Goethe interessiert. Während der ersten (1775) bestiegen der jungen Dichter und seine Freunde die Rigi. Mir fiel aber auf, dass er in der Autobiographie «Dichtung und Wahrheit» ganz anders darüber berichtet als in seinen Reisenotizen. Hatte er denn zwei verschiedene Rigis bestiegen? Ich wollte es genau wissen und vereinbarte mit dem grossen Meister ein Interview. Ein Datum zu finden, wurde sehr kompliziert. Die zweite Reise (1780) führte ihn übrigens durchs das Wallis ins Berner Oberland, wo er das Gedicht «Gesang der Geister über den Wassern» schrieb. Die dritte Reise (1797) ging wieder in die Innerschweiz. Goethe beschäftigte sich mit der Tellsage, machte sich Gedanken zu einem Tell-Epos, doch trat er den Stoff später seinem Freund Friedrich Schiller ab.

Kalender: Sie haben «Dichtung und Wahrheit» 1812 verfasst. Zwischen der ersten Reise in die Schweiz und Ihrer Autobiographie liegen also fast vierzig Jahre. Wird da die Wirklichkeit nicht verzerrt?
Goethe: Ich legte meiner Autobiographie Notizen zugrunde, die ich 1775 sehr lapidar gehalten habe. Sie aber dienten einzig als Stütze für mein Gedächtnis und meine Phantasie.
Kalender: Darf ich Ihnen an zwei Beispielen erläutern, wie ich den Unterschied empfunden habe. Auf dem Zürichsee schrieben Sie ein erfrischendes Gedicht. Es beginnt mit «Ich saug’ an meiner Nabelschnur, / nun Nahrung aus der Welt …» Nun heisst es aber: «Und frische Nahrung, neues Blut, / saug ich aus freier Welt …» Mit dem Bild der Nabelschnur konnten Sie Ihre damalige Naturschwärmerei doch viel schöner ausdrücken.
Goethe: (lacht) Ich steckte damals in der Sturm-und-Drang-Zeit, hatte gerade mit meinem «Werther» Aufsehen erregt. Heute nennen Sie ein solches Buch einen Bestseller, nicht? Ich war übermütig und meine Freunde waren tolle Kerle. Später habe ich das Gedicht gezähmt, ich gebe es zu. Und das zweite Beispiel?
Kalender: Als Sie spätabends über die Hackenegg nach Schwyz gekommen sind, schreiben Sie ins Tagebuch: «Müd und munter vom Berg abspringen voll Dursts u. Lachen. Gejauchzt bis zwölf.»
Goethe: Ja und?
Kalender: In «Dichtung und Wahrheit» haben Sie den Übermut der jungen Gesellschaft brav in Watte gepackt.
Goethe: (vorwurfsvoll)Ich erinnere mich sehr gut daran. Wir trafen damals um zehn Uhr in Schwyz ein. Ich erlaubte mir das Erlebte im Duktus meiner Autobiographie zu schreiben. Hören Sie. (Goethe schlägt seine Autobiographie auf) «Wir waren zugleich müde und munter geworden, hinfällig und aufgeregt, wir löschten gähling unseren heftigen Durst und fühlten uns noch mehr begeistert. Man denke sich einen jungen Mann, der etwa vor zwei Jahren den ‹Werther› schrieb, einen jüngeren Freund, der sich schon an dem Manuskript jenes wunderbaren Werks entzündet hatte, beide ohne Wissen und Wollen gewissermassen in einen Naturzustand versetzt, lebhaft gedenkend vorübergegangener Leidenschaften, nachhängend den gegenwärtigen, … im Gefühl behaglicher Kraft das Reich der Phantasie durchschwelgend, - dann nähert man sich der Vorstellung jenes Zustandes, den ich nicht zu schildern wüsste, stünde nicht im Tagebuche: ‹Lachen und Jauchzen dauerte bis um Mitternacht›.»
Kalender: Ja, ja, ich gebe zu, dass auf die Zeit von Sturm und Drang ein heiterer Altersglanz fällt, aus der Distanz betrachtet. Sie haben auch die Stelle geglättet, die an der Sihl spielt, als Sie mit Ihren Freunden nackt gebadet und mit Steinen beworfen worden sind.
Goethe: Es waren laute Burschen. Dass ich dieses Ereignis dem Ton meines Schreibens angepasst habe, dürfen Sie mir nicht verargen. (Goethe liest aus dem 19. Buch von «Dichtung und Wahrheit»): «Die guten harmlosen Jünglinge, welche gar nichts Anstössiges fanden, halb nackt wie ein poetischer Schäfer, oder ganz nackt wie eine heidnische Gottheit sich zu sehen, wurden von Freunden erinnert, dergleichen zu unterlassen. Man machte ihnen begreiflich: sie wesenten nicht in der uranfänglichen Natur, sondern in einem Land, das für gut und nützlich erachtet habe, an älteren, aus der Mittelzeit sich herschreibenden Einrichtungen und Sitten zu halten.» So belehrte man uns später in Zürich.
Kalender: Nun möchte ich Sie, verehrter Meister, auf die Rigi begleiten. Von Schwyz ging es dann zum Lauerzersee?
Goethe: Wir liessen uns von zwei tüchtigen Mädchen über den See schiffen. Welch ein Idyll! Solche Schäferszenen haben mich immer beglückt. Es herrschte übrigens herrlicher Sonnenschein und vor lauter Wonne sah man von der Landschaft kaum etwas.
Kalender: Nur…
Goethe: Ja, nur die Dirnen!
Kalender: Dann bestiegen Sie die Rigi und kamen um halb acht im Wirtshaus zum «Ochsen» auf dem Klösterli an. Am andern Tag ging es weiter nach Kaltbad …
Goethe: (unterbricht den Kalendermann) Wir erstiegen die Höhe und fanden uns in Wolken. Das war unangenehm. Es behinderte die Aussicht und ein niedergehender Nebel nässte. Aber als Wolken hie und da auseinander gerissen wurden und sich uns, von wallendem Rahmen umgeben, eine herrliche, Sonnen beschienene Welt auftat und wechselnde Bilder sehen liessen, bedauerten wir nicht mehr die Zufälligkeiten; denn es war ein nie gesehener, nie wieder zu schauender Anblick, und wir verharrten lange in dieser gewissermassen unbequemen Lage, um durch die Ritzen und Klüfte der immer bewegten Wolkenballen einen kleinen Zipfel besonnter Erde, einen schmalen Uferzug und einen Winkel des See zu gewinnen.
Kalender: Das beschreiben Sie wunderbar. Man sieht die Landschaft mit Ihren Augen.
Goethe: (schmunzelt) Ich gebe zu, bei dieser Stelle fliessen Bilder ein, die ich auch anderswo gesehen habe. Für mich ist die Landschaft um den vier Waldstättersee ein Arkadien. Eine solche ungeheure Landschaft nötigt den Beschauer, sie mit Personen zu bevölkern, mit Tell und seinen wackeren Zeitgenossen.
Kalender: Für Sie war die herbe Landschaft wie eine Kulisse für Göttinnen und Götter. Ahnten Sie dabei, wie hart die Bauern und Schiffer um ihre Existenz zu kämpfen hatten?
Goethe: Wir waren jung und lebenslustig. Wir kümmerten uns nicht um die Not der Menschen. Unsere Einbildungskraft besiedelte die Landschaft mit Helden, Hirten und Schäferinnen. Wir assen gebackenen Fisch und Eier und tranken Wein. Und dann, hören Sie, was ich geschrieben habe: «Wie es denn nun dämmerte und allmählich nachtete, beschäftigten ahnungsvoll zusammenstimmende Töne unser Ohr; das Glockengebimmel der Kapelle, das Plätschern des Brunnens, das Säuseln wechselnder Lüftchen, in der Ferne die Waldhörner; – es waren wohltätige, beruhigende, einlullende Momente.»
Kalender: Szenen dieser Art vermischten sich mit Ihrem Bild der Schweiz?
Goethe: Nicht nur solche, auch steil in den See abstürzende Felswände imponierten mir mächtig. Die Berge standen unerschütterlich da, und ich stellte sie mir als Kulisse eines Theaters vor: Glück und Unglück, Lust und Trauer sind bloss Personen zugedacht, die heute auf dem Zettel stehen.
Kalender: Sie spielen auf das Personenregister von Schillers «Wilhelm Tell» an?
Goethe: Sie haben es erraten und ich erlaubte mir zu schreiben, dass man an diesem poetischen Faden billig durch das Labyrinth der Felswände geht. Mein Freund Friedrich Schiller hat die Kulisse grossartig in seinem Tell verwendet.
Kalender: Sie besuchten dann Vitznau und liessen sich mit einem Nauen nach Gersau fahren, wo sie in einem Wirthaus am See assen. Ich nehme an, Sie kosteten frischen Fisch?
Goethe: Im klaren See wimmelte es von Fischen, und wir begegneten einigen Fischern, die draussen standen und die Netze einzogen.
Kalender: Haben Sie gewusst, dass die Rigi in den Büchern der Klöster mit «regina montium» eingetragen ist.
Goethe: Ja, die Königin der Berge! Ich habe sie später von Luzern aus gesehen. Sie liegt aber eher wie eine Sphinx, mächtig und friedlich und bietet den Alpen zugleich eine sanfte, fast weich gefaltete Abgrenzung.
Kalender: Eine letzte Frage: «Dichtung und Wahrheit» kommt heiter und getragen daher. Ihre wilde Jugendzeit wirkt geglättet. Würden Sie sagen, der Stil passt zum Olympier, der sein Leben …
Goethe: (unterbricht unwirsch) Was soll daran falsch sein? Ich habe meine vielen Eindrücke während meiner Reisen in der Autobiographie wie zusammengeschaut. Der Inhalt von «Dichtung und Wahrheit» soll nicht mit meiner kühnen Jugendprosa vermischt werden. Dass mich die Landschaft der Urschweiz fasziniert hat, hat mein Leser immer gespürt. Die Bilder, die mich in der Schöllenen beeindruckten, flossen sogar in mein berühmtestes Werk ein. Im «Faust», II. Teil heisst es: «Ein Wunder ist’s, der Satan kommt zu Ehren./ Mein Wanderer hinkt an seiner Glaubenskrücke, / Zum Teufelsstein, zur Teufelsbrücke.»
Kalender: Ja, und die Urner überlisteten den Teufel mit einem Ziegenbock!
(Herr von Goethe und der Kalendermann lachen, genauso wie der junge Dichter und seine Freunde, über die Hackenegg kommend, in Schwyz gelacht haben mögen.)
Kalender: Darf ich Sie zum Schluss noch etwas fragen? Haben Sie schon eines meiner Werke gelesen?
Goethe: Nun ja, Sie haben halt keinen «Werther» und keinen «Faust» geschrieben.
Kalender: Ich bedanke mich höflich, dass Sie mir Ihre wertvolle Zeit geschenkt haben.