Gealterte Hoffnungen*

Vierzig Jahre sind seit der 68er-Bewegung verflossen. Sie stellt sich im historischen Rückblick keineswegs als einheitliche Bewegung dar. Vielmehr flossen mehrere Protestbewegungen wie Bäche zusammen und bildeten einen grossen, breiten Strom. In den 1960er Jahren nahm an den deutschen Universitäten das Unbehagen zu, standen doch die alten, unter den Nazis hochgedienten Autoritäten, wieder auf dem Podest. In Polen kam es zu den März-Unruhen. Während des Pariser-Mais errichteten aufgebrachte Studenten Barrikaden. In Amerika wurde Martin Luther King ermordet. In Zürich wiederum krawallierten die Jugendlichen und verfassten das Zürcher Manifest. Der Protest gegen den verlustreichen Vietnamkrieg bewegte Amerika. Daraus entstand eine starke Friedensbewegung. Die Studenten und Intellektuellen setzten sich aber auch für die Gleichstellung von Minderheiten ein. Eines der Mottos der neuen deutschen Frauenbewegung lautete unüberhörbar: Der Bauch gehört mir! Arbeiter streikten. Nachdem 1967, in Berlin, der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten unter nie geklärten Umständen erschossen worden war, wüteten die Studenten gegen den repressiven Staat, einen Staat, der nur die Gewaltanwendung zur Lösung von Problemen zu kennen schien. Sie und viele Intellektuelle wandten sich gegen den um sich greifenden Materialismus und gegen die sich ausbreitende Technokratie.

Heute werden all die 68er-Bewegungen am liebsten auf einige Schlagworte reduziert: Etwa auf die Technikfeindlichkeit und die antiautoritäre Erziehung. Plötzlich geistern Ausdrücke wie «Kuschelpädagogik» herum, die ihren Ursprung in der 68ern haben sollen. Die Studenten, die damals die Amtsautorität in Frage stellten, forderten die Demokratisierung der Hochschulen und der Gesellschaft. Intellektuelle Wortführer wie Herbert Marcuse traten auf, die den eindimensionalen Menschen dem Verdacht und der Skepsis aussetzten. Jean-Paul Sartre solidarisierte sich mit den streikenden und protestierenden Arbeitern und Studenten. Weitsichtige Schriftsteller wie Cees Nootebooms erkannten, dass es sich dabei um Unruhen handelte, die man nicht einfach bekämpfen und bequem abstreifen konnte. Damals schrieb er, es lasse sich nicht abschätzen, wie die Proteste ausgehen würden, aber so, wie es gewesen sei, könne es nie wieder werden.

Der französische Sozialwissenschaftler Pierre Bourdieu fasste 1998 seine Sicht der Dinge kurz zusammen: «Die (68er-)Bewegung war symbolisch sehr wichtig. Sie hat die Gehirne verändert, also die Denkweise und Wahrnehmungen etwa von Hierarchie, Autorität, dem Verhältnis zwischen den Geschlechtern – aber in der Wirklichkeit und besonders im Schulsystem, hat sie nicht viel erreicht ... Es gibt nichts Schlimmeres als eine fehlgeschlagene Revolution! Denn die macht genauso viel Angst wie eine gelungene Revolution … Gegenwärtig sind wir nun in einer konservativen Revolution, meine ich, die zum Teil durch die Angst bestimmt ist, die viele Intellektuelle und andere im Mai 68 hatten …»

Heute lasten konservative Kreise alles, was schief läuft - sei es im Sozialstaat, sei es in der Erziehung und Bildung, im Zusammenhang mit dem viel zitierten Wertezerfall und bei der Gleichstellung der Geschlechter – den Ideen der 68er an. Die vielfältigen Bewegungen von damals werden schlicht und einfach in eine zusammengefasst und so dargestellt, als habe es sich bloss um eine «Revolution von Studenten und Intellektuellen» gehandelt. Pierre Bourdieu meint, dass der Mai 68 eigentlich nicht viel bewegt habe. Die Hoffnung ist mit den 68er verflogen Sie lebt nur noch als «gealterte Hoffnungen» weiter.

Doch auch eine gealterte Hoffnung bleibt eine Hoffnung. Der Wertewandel ist zwar Realität, aber noch immer gibt es Pädagogen, die Kinder mit Respekt und Fairness anleiten. In vielen Betrieben existiert nach wie vor ein Klima des Dialogs und der Gleichstellung. Erfolgreiche Unternehmen pflegen die Errungenschaften der letzten vierzig Jahren gut. Noch immer hoffen unzählige Menschen, dass in der heutigen desolaten Weltsituation die Kräfte der Wohlmeinenden gebündelt werden könnten und dass Weltfrieden gestärkt wird. US-Senator Barak Obama ist ein unerwarteter Hoffnungsträger. Mit ihm hoffen auch viele Europäer, dass es Amerika gelingt, die unsäglich langen Jahre der Bush-Politik zu überwinden. Die Hoffnung, auch wenn sie gealtert ist, lebt von Vernunft und kritischem Denken, einem Denken, das in der Lage ist, eine Synthese der positiven Kräfte zusammenzuführen.

Die konservative Revolution, die sich sowohl in politischen als auch kirchlichen Kreisen abzeichnet, lässt die Hoffnung aber noch älter werden. Papst Benedikt XVI. vertritt eine Besinnung auf Werte, die vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil galten. Der neue Patriotismus in unserem Land beschwört eine heimattümmelnde Idylle, die es so nicht mehr gibt.

Die Rede von der «Kuschelpädagogik», die ihren Ursprung in der antiautoritären Erziehung haben soll, unterliegt einer eigentümlichen Verkennung der 68er-Bewegung. Das Modell der antiautoritären Erziehung war mehr Schlagwort als Realität. Falls Kinder heute weicher und frecher sind, liegt der Grund vielmehr in der Konsumverwöhnung, die in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen hat. Die Verführungsstrategien aggressiver Anbieter und der Werbung und die neue Freiheit sind Ergebnis einer schrankenlosen Markt- und Geldgesellschaft. Eine solche gesellschaftliche Entwicklung sahen viele 68er voraus. Sie haben sich vergebens dagegen aufgelehnt. Die Hoffnung, dass nicht alle Menschen Blindekuh spielen, ist wohl das Überbleibsel, das von den 68er Jahren übrig geblieben ist.

*Hans Mayer verwendet diesen Ausdruck in einem Gespräch mit Hanjo Kesting: Begegnungen mit Hans Meyer. Wallstein Verlag, 2007.