Warum lassen wir uns von Fussball begeistern?

Warum habe ich wieder so viele WM-Spiele verfolgt, sogar solche, bei denen ich eigentlich nur noch auf den Schlusspfiff wartete? Nun sitze ich da, immer noch mit viereckigen Augen, und suche nach stichhaltigen Gründen, weshalb ich den Live-Übertragungen nicht widerstehen konnte, hockte sogar bei schönstem Wetter vor dem Kasten, obwohl ich der Gesundheit zuliebe gescheiter Wanderungen unternommen hätte. Doch auf eine Warum-Frage gibt es selten eine befriedigende Antwort.

Ich wurde gefragt, woher das denn komme, dass die Fussballbegeisterung alle Schichten erfasse, ja sogar Professoren und Geistliche Herren. Ich argumentierte dann recht allgemein, wie: Fussball bietet Spannung. Wer das Spiel liest, versteht die Taktik des Trainers. Fussball weckt Emotionen. Man kann über die Schiedsrichter schimpfen, die Hände verwerfen. Es ist doch eine Augenweide, wie etwa die Spanier oder Argentinier mit dem Ball jonglieren. Jedes Spiel bietet anschliessend Gesprächsstoff.

Mit diesen Argumenten konnte ich auch den Fussballmuffel, der mir die Frage stellte, nicht überzeugen. So musste ich noch bessere Gründe finden, damit ich auch nach den Gruppenspielen meine verschlafenen Augen rechtfertigen konnte. In der Nacht, nachdem Valon Behrami im Spiel der Schweizer gegen Chile die rote Karte gezeigt bekommen hatte, konnte ich nicht schlafen und fragte mich, was denn der Fussball einer Nation und deren Menschen überhaupt bedeutet. Was bewegt Milliarden Menschen dazu, vor dem Fernseher zu sitzen? Andere Sportarten sind auch spannend, aber sie mobilisieren nicht derart viele Zuschauer.

In einem Artikel las ich vom Auftritt und dem Verhalten der französischen Fussballmannschaft in Südafrika, als sie den Einzug in den Achtelfinal verpasst hatte. «Das ist das neue Bild der Bleus: gespalten, entzaubert, ohne Spielwitz und ganz ohne Grandeur. Und dieses Bild bewegt die Franzosen umso mehr, als es ein nationales Grundgefühl wiedergibt. Frankreich steckt gerade in einer Sinn- und Identitätskrise»*. Aha, dieser Kommentar ist wohl der Schlüssel zu einer befriedigenden Antwort: Fussball spiegelt das Befinden eines Landes und ganz allgemein des menschlichen Verhaltens. Frankreichs Stars hielten dem Staatspräsidenten Nicolas Sarkosy und zugleich der Nation vor, wie es eigentlich um das Land steht.

In den Spielen einer Fussballweltmeisterschaft kommt alles zusammen, was menschliches Dasein umfasst. Ein Spiel gelingt, wenn es Kräfte mobilisiert, die aus zentralen Lebensbereichen gespeist werden. So wird es für einen Moment zum Abbild des Bemühens, mit dem Leben zurechtzukommen, nach Erfolg zu streben, sich durchzusetzen. Gewiss es ist ein Spiel. Der Mensch ist ein homo ludens, ein spielendes Wesen. Somit gönnt man jeder Mannschaft, welche die kreative Ballkunst beherrscht, am Ende den Sieg.

Fussballspielen ist aber auch ein hartes Stück Arbeit. Ohne intensives Training, Disziplin und Leistungswille gibt es keinen Erfolg. Es sind nur wenige, die als Spieler in die erweiterte Nationalmannschaft aufgenommen werden, und am Ende stehen nur elf auf dem Platz. Fussballer demonstrieren, dass mit Talent allein nichts erreicht werden kann.

Zum erfolgreichen Fussball gehört der Kampf. Dem kämpferischen Einsatz lässt sich ablesen, wie sich Menschen verhalten, wenn es um sehr viel geht. Und schauen wir richtig hin, dann erfahren wir, wie der Kampf die Menschen verändert: Sie brüllen sich an und beschimpfen den Gegner. Im WM-Final 2006 hat sich Zinédine Zidane zu jenem Kopfstoss hinreissen lassen, der den italienischen Gegenspieler Marco Materazzi niederstreckte. Dafür kriegte der Franzose die rote Karte. Materazzi hatte vorher Zidane mehrmals beleidigt. Im Kampf um den Ball stecken auch alle die Tricks, wie absichtliche Täuschung des Schiedsrichters mit einer theatralischen Schwalbe und heuchlerisches Händehochhalten bei einem Foul.

Ein weiteres Grundphänomen des Daseins ist die Verbundenheit. Vor dem Anpfiff bilden viele Mannschaften einen Kreis und spornen sich gegenseitig an. Jenen Mannschaften, denen es gelingt, Ausnahmetalente auf das gemeinsame Ziel einzuschwören, sind näher beim Sieg als eine eigensinnige, selbstverliebte Truppe von Stars. Und schliesslich gehört zum menschlichen Leben auch das Ausscheiden. Eine Mannschaft muss mit der Niederlage fertig werden, sozusagen «sterben» können. Verlierer gehen mit gesenktem Haupt vom Platz.

Das Fussballspiel auf höchstem Niveau spiegelt also das menschliche Leben. Darum packt es uns und bewegt emotionell. Während anderthalb Stunden erleben wir Spiel, Arbeit, Kampf, Verbundenheit und Ausscheiden, all das, was jedem Menschen im Lauf seines Lebens widerfährt. Die Moderatoren und Kommentatoren sprechen nicht von ungefähr oft in der Mehrzahl, betonen, dass wir gewonnen, wir verloren haben.

Als die italienische Mannschaft ebenfalls nach den Gruppenspielen ausschied, schimpften die in der Heimat laut: Vergogna! Schande!. Die italienischen Gazetten behaupteten, die Mannschaft habe dem Land den Spiegel vorgehalten und bewiesen, wie Italien längst auf den Weg der Mittelmässigkeit gegangen sei. Die grossen Stars waren auf einmal nur noch i bolliti, die Gesottenen. Alle zusammen taugen gerade noch für einen Bollito misto. Und die Schweizer Mannschaft? Sie war hervorragend in der Verteidigung. Doch sie zeigte wenig Mut und Kreativität im Angriff. Und wie steht es mit unserem Schweizbild?

* Oliver Meiler, Marseille: Tages-Anzeiger, Republik der Gangs, 22. Juni 2010.