Zuchaba ist keine chinesische Stadt

Der technische Fortschritt, obwohl sehr zwiespältig, ist irreversibel. Er ist nicht umkehrbar. Die Welt läuft nicht rückwärts. Je dynamischer sie sich entwickelt, umso grösser wird das Verlangen nach noch mehr Fortschritt. In diesen Sog gerät die ganze Welt. Verwirrt steht der ältere Mensch, der in jungen Jahren in einer relativ geschlossenen Region seine Identität gefunden hat, vor den umwälzenden Änderungen. Das Gloria ist verklungen, sagt der Schriftsteller Martin Stadler. In seinem neuen bemerkenswerten Werk «Sprachsuche im Ring der eigenen Region» schildert er, wie die Ringe der Innerschweiz aufgesprungen sind.

Mein Viertklasslehrer, Hans Schmucki, erzählte uns Buben mit rollenden Augen, und das ist sechzig Jahre her, es werde einmal eine Stadt «Zuchaba» geben. War das etwa chinesisch? Nein, es was die Abkürzung von Zug-Cham-Baar als eine Stadt. Schmucki ahnte, dass sich auf dem Weg zum Gotthard Zukunft ereignen würde. Wie sich der Raum Zug entwickeln würde, sah er nicht exakt voraus. Dem St. Galler Professor Kneschaurek hätte er glatt widersprochen und seine Prognose über die Bevölkerungsentwicklung von 160'000 Menschen für den Kanton Zug als Utopie abgetan. Und, wo stehen wir heute?

In der Innerschweiz hat sich ein Mentalitätswechsel vollzogen. Gleichzeitig mit dem Aufkommen von Internet und Handy (stellvertretend als Symbole für den Wandel), hat sich das Bewusstsein der ganzen Region verändert. Das Verlangen nach Fortschritt ist auch hier progressiv geworden, und deshalb schliessen sich die Regionen stärker einem Grossraum an. Im Vordergrund steht die Agglomeration Zürich, die einen magischen Sog auch auf die Innerschweiz, die zur Zentralschweiz geworden ist, ausübt. Wer zur Verkehrsspitzenzeit auf einem Bahnhof steht, beobachtet, wie die Züge Menschenmengen «ausspucken». Sie verschieben sich auf den Achsen Pfäffikon-Zürich, Gotthard-Zürich und Luzern-Zürich zu den Arbeitsplätzen, hin und zurück. Feinadrig, wie die Blutbahnen im Körper scheinen die Regionen ihre räumlich-funktionale Entwicklung auf die Zentren auszurichten. Doch nicht auf ein einziges wie der Blutkreis es macht.

Bedeutet dies, dass sich die Extreme, die Randgebiete entleeren? Wieso stehen denn dort auch überall Baukrane? Die Menschen, die in den Zentren arbeiten, suchen am Abend und über das Wochenende den Ausgleich und die Ruhe, Erholung und Entspannung, und wollen in überschaubaren Verhältnissen eingebettet sein, sie suchen eine Heimat. Der arbeitende Mensch zieht sich gerne zurück, und da bieten sich die noch unbebauten Landschaften an. Dort ist gut sein, dort weht ein ruhiger Wind, dort findet der Mensch sich selbst.

Die Ballungszentren und die Randgebiete sind für den einzelnen Menschen wie kommunizierende Röhren. Wer aber glaubt, dass nur in den Städten ein reges Leben herrscht, täuscht sich. In den vergangenen Jahren entwickelte sich in den ländlichen Regionen sehr viel Eigeninitiative. Kleinunternehmer, Bauern und moderne Betriebe, die nicht auf Städte angewiesen sind, haben kreativ Neues geschaffen. Die Städter vergessen oft, dass es eigenständige, selbstbewusste Einwohner sind, die ihre ländliche Region sozial, kulturell und gesellschaftlich gestalten. Landbewohner brauchen sich nicht zu verkriechen. Die Zentralschweiz ist in den letzten Jahren durch eigene Anstrengungen zu einem neuen Selbstbewusstsein gelangt und sieht sich, obwohl auf grössere Wirtschaftsräume ausgerichtet, als starke, autochthone Region.