Vom Törggelen zum Torkeln

Glückliche Umstände führten mich vor ein paar Wochen zum Guggerhof im Tirol. Dort findet zur Erntezeit das sogenannte Törggelen statt. Früher wurde der Brauch vor allem im Eisack-Tal an der Brennerroute gepflegt. Inzwischen ist er aber auch ins Nordtirol übergeschwappt. Ich erkundigte mich am Ort, woher denn der Begriff törggelen komme. Er lasse sich von Torggl ableiten und bedeute eigentlich die Weinpresse, die in einem Raum steht, wo früher auch das Erntedankfest gefeiert wurde. Da trank und ass man tüchtig, sang und spielte. Auf den Tisch kamen neben Wein und Most, saftige Koteletten und Rippchen, Speck und Hartwürste, Kraut aus der eigenen Produktion, Käse, Nüsse und Kastanien. Zur Nachspeise wurden gefüllte Krapfen aufgetragen. Schliesslich, gab es zur Verdauung einen Nussler, einen Nussschnaps.

Wieder zu Hause, ging ich dem alten Brauch weiter nach. Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm belehrte mich, dass das Wort auf das lateinische torculare zurückgehe, was keltern bedeute. Davon leite sich wiederum das Wort torkeln ab, das für einen schwankenden Gang gebraucht werde, wenn einer nach einem weinseligen Fest heimwärts torkelt. Schon Martin Luther hat den Begriff gebraucht: «Da gehen sie daher, torkeln auff den gassen von einer wand zu der andern.»

Doch nun zurück auf den Guggerhof: Vom Hof, der an einem Hang liegt, hatte ich einen schönen Blick ins Tal. In der Umgebung wachsen Rebstöcke, alte Obst-, Nuss- und Kastanienbäumen. Vor dem blumengeschmückten Haus erfreut ein gepflegter Garten die Gäste. Solche Gutshöfe, wie der Guggerhof einer ist, mit getäfelten Stuben und geschnitzten Decken, mit einem Herrgottswinkel und Porträts von Vorfahren an den Wänden, erhalten von der Obrigkeit eine Erlaubnis, um während der Erntezeit selber Gäste bewirten zu dürfen.

Als ich eintrat, ging es schon laut zu und her. Ich fand einen Eckplatz an einem der gut besetzten Tische. Mir gegenüber sassen Innsbrucker Herrschaften. Die Haarpracht der einen Frau erinnerte mich an alte Gemälde mit Samson und seiner Mähne. Ein anderes Ehepaar kam aus Bregenz. Die Leute am Tisch begannen mich in ein Gespräch zu verwickeln, und ich geriet ins Erzählen. Schon bald stiess ich mit den Leuten auf ihr Wohl an und am Ende duzten wir uns.

Der Mann aus Bregenz entpuppte sich als Bewunderer der Schweiz. Er sollte meine Zunge noch mehr lockern, als er nicht aufhören wollte, unser Land zu loben und Fragen zu stellen. Wie denn die direkte Demokratie funktioniere, wollte er wissen. Es würden ja Ende November wieder sehr umstrittene Abstimmungen stattfinden. Die Schweizer seien aber schlau, ja meist raffiniert. Er spielte natürliche auf unser Verhältnis mit der EU an. Das Abseitsstehen lohne sich halt doch. Ich mochte aber nicht auf dieses Thema eingehen, denn bald herrschten am Tisch völlig unterschiedliche Meinungen zur die Europäischen Gemeinschaft.

Der Bregrenzer, der offensichtlich über den Bodensee guckte, gelegentlich eine Schweizer Zeitung liest, wollte unbedingt mehr über das Erfolgsrezept seines Nachbarlandes wissen, und ich holte ein bisschen aus, betonte, unsere Politik werde von der Mitte gesteuert, und diese bestimme auch die politischen Entscheidungsprozesse. Deshalb würden die Verhältnisse stabil bleiben. Der Tischnachbar wollte mir nicht recht glauben, denn gerade jetzt komme doch ein scharfer Wind von Rechts und von Links. «Ach», antwortete ich, «das lässt sich alles mit einem reinigenden Gewitter vergleichen. Viel verändern werden die beiden polarisierenden Parteien nicht. Am Ende bleibt die Mitte doch am Ruder, und das ist auch nötig.» Der Bregenzer schüttelte ungläubig den Kopf und auch die Innsbrucker nahmen mir meine Behauptung nicht ab. Es brauchte also weitere Argumente, und deshalb sprach ich über die Konkordanzregierung und darüber, dass jeder Gesetzesentwurf so ausgestaltet werden müsse, dass er auch ein Referendum überstehe. Zudem fuhr ich fort, unterscheide das Volk scharfsichtig zwischen Parlament und Regierung. In kantonale Regierungen würden keine extremen Parteipolitiker gewählt. Erfolgreich seien immer nur Kandidatinnen und Kandidaten, die zur Zusammenarbeit mit anderen Parteien bereit seien. Wer sich quer lege, werde bei der ersten Gelegenheit abgewählt. Eine Politik der Mitte sei es, die unser Land zusammenhalte. Somit heisse das das schweizerische Erfolgsrezept «Mitte und Mass».

Die Innsbruckerin widersprach. Von aussen betrachtet, sehe die Situation in der Schweiz aber anders aus. Freilich habe sie Recht, und es sei ja auch gut, dass an den Rändern Wind herrsche, sonst schlafe die Mitte ein, meinte ich nur. Das geschehe immer dann, wenn die Mitteparteien zu lange erfolgreich regiert hätten. In der Mitte aber herrsche der Kompromiss, der Ausgleich um der Sache willen. Mit einer Regierung, die nur aus Polparteien bestehen würde, käme es zum totalen Stillstand. Unsere Nachbarn, die nach fast jeder Legislaturperiode die Regierung auswechseln würden, torkelten von links nach rechts, und von dort wieder zurück. Dieser Wechsel verunsichere vor allem die Wirtschaft. Bei uns würden die Gegensätze in der Mitte ausbalanciert.

Auf dem Weg ins Gästehaus fühlte ich den leichten Schwips. Er kam mehr vom Reden als vom Alkohol. Dabei erinnerte ich mich, wie ich vor Jahren einmal weinselig heimwärts geschwankt war. Dabei knickte ich auf dem Trottoir links ein und geriet, Gegensteuer gebend, rechts an die Wand und kam kaum mehr vorwärts. Da klopfte ich mir in Gedanken auf die Brust: «Wer in der Mitte geht und nicht torkelt, ist schneller am Ziel.» Hatte ich im Guggerhof also nicht Recht mit dem, was ich ausführte?