Von Empfindlichkeitswörtern

Er sei ein «halber Bundesrat». Korrekter hätte man sagen müssen, er sei ein halber SVP-Bundesrat und beizufügen gehabt, er entscheide in gewissen Fragen nicht nach dem Parteiprogramm, sondern nach seinem Gewissen. Das aber wird bei dem Begriff nicht hinzugedacht. Man hält sich an das abgekürzte Wort. Die FDP erfand vor vielen Jahren den Slogan: «Mehr Freiheit und Selbstverantwortung, weniger Staat». Er schrumpfte ein zu: «Mehr Freiheit, weniger Staat». Man vergass dabei, dass der Staat die Freiheit schützt und der Selbstverantwortung den Raum ihres Wirkens sichert. Wenn nur die Freiheit gepriesen wird, bekommt auch die Ellbogenfreiheit Raum. Mobbing etwa wird als legitimes Mittel empfunden, Untergebene zu drangsalieren. Es werden Bücher wie «Anleitung zum Mobbing» geschrieben. Dort, wo der Staat zurückgedrängt wird, entsteht ein Vakuum, eine Lücke, in dem sich das wuchernde Kapital, die Spekulation, die Wirtschaftskriminalität und die Mafia einnisten können.

Thomas Bernhard, der österreichische Schriftsteller, notierte einmal: «Überhaupt fällt mir auf, wie bereitwillig die Menschen auf irgendein bestimmtes Wort reagieren, auf Empfindlichkeitswörter, an die sie sofort eine unglückliche Geschichte hängen, die sie einmal erlebt haben…». Diese Empfindlichkeitswörter verselbständigen sich sehr leicht und vagieren umher. Sie beeinflussen die Wahrnehmung und verändern den Blick. Sie schwirren dann als Wortvaganten herum. Solche Wörter sind gesammelt worden. Es gibt ein Wörterbuch des Gutmenschen, des Unmenschen und eine Sammlung von Unwörtern des Jahres. Feldforscher haben im deutschen Mundartraum dirty words zusammengestellt. So gibt der «Belchen Verlag» Büchlein mit alemannischen, schwäbischen, hessischen, bayerischen und anderen Ausdrücken heraus. Sie seien im kalten Hochdeutsch nicht zu finden, vermerkt der Klappentext. «Wo das Hochdeutsche zu viel Schiss hat, die Dinge beim Namen zu nennen, weiss der Dialekt weiter.» Wir kennen die Stammtischsprache ja sehr gut und begegnen ihr auf Schritt und Tritt.

Es gibt unter diesen Wörtern auch hübsche, die man nicht als schmutzig bezeichnen muss. Die alemannische Sprache kennt das Wort «glürle», das so viel bedeutet, wie im Rausch mit kleinen Augen umherschauen. «Gackle» heisse, betrunken torkeln. Man wisse nicht, woher das Wort komme, wahrscheinlich sei es eine Assoziation mit dem Gang gewisser geflügelter Haustiere. Und «spachteln» sei die «forcierte Nahrungszufuhr, bei der die Kapazität des Essgeräts voll ausgenutzt wird». Es erinnert wohl an die Arbeit des Gipsers. «E Schnorri häd e grossi Gosche», sagen wir. Die Schwarzwälder urteilen über ein Grossmaul mit der Bemerkung: «Wenn man dem die Gosch wegschlage tät, no tät er mit dem Arsch noch päppere». Ich hoffe, der Redaktor lasse das Zitat durch, obwohl es nicht grad vom Feinsten ist. Zimperlich sind wir ja nicht, dennoch will ich mich wieder den Empfindlichkeitswörtern zuwenden und über sie nachdenken. Denken, sagt George Steiner, mache traurig. Man könne nur selten schreiben, was man eigentlich sagen wolle. Und bei den letzten Dingen scheitere das Denken sowieso und lasse den Menschen hilflos zurück.

Die Empfindlichkeitswörter, mit denen Politik gemacht wird, bewirken, dass Köpfe stramm ausgerichtet werden. Man wird bei ihrem Gebrauch nicht traurig, denn man muss nicht mehr nachdenken. Da tauchte eines Tages das Wort von «Scheininvaliden» auf. Jeder kann mit dem Wort eine Geschichte verbinden. Er kennt vielleicht einen Menschen, dem es gelungen ist, den Arzt und die Behörde zu täuschen und sich eine Invalidenrente zu ergattern. Das Wort «Scheininvalide» wirkt von nun an wie ein Halo-Effekt. In der Natur ist der Halo oder Hof jener Ring der sich unter bestimmten atmosphärischen Bedingungen um die Sonne oder um den Mond legt. Er bezieht einen Raum mit ein, der nicht zum Gestirn selber gehört. Die Psychologie verwendet den Begriff, um zu erklären, dass ein Testergebnis ungerechtfertigt verallgemeinert wird. Ein Persönlichkeitsmerkmal wird auf den Charakter übertragen, der in keinem direkten Zusammenhang mit dem erhobenen steht.

Empfindlichkeitswörter haben die Tendenz zu generalisieren. So weckt das Wort von den Scheininvaliden den Verdacht, die meisten Menschen, die eine IV-Rente beziehen, würden diese nicht verdienen, sie könnten arbeiten, wenn sie nur wollten. Es ist nicht zu bestreiten, dass es Betrüger gibt, aber zu verallgemeinern, führt zu unangemessenen Urteilen.

Empfindlichkeitswörter tauchen immer wieder auf. Die «Classe politique», die «Abzocker», die «Interessenvertreter» sind solche Wörter, die einen Halo-Effekt auslösen. Für Bundesrat Samuel Schmid könnte das Wort vom «halben Bundesrat» in der Situation, in der er mit seinem Armee-Chef steckt, verheerend sein und zu pauschalen Urteilen führen, die nicht zutreffend sind. Bereits werfen ihm Politiker vor, nun zeige sich seine Führungsschwäche. Das mediale Sommergewitter, das über ihn niedergegangen ist, hat er zwar dem Fehler zuzuschreiben, dass er, wie Frank A. Meyer schreibt, das Regierungskollegium nicht «über die hormonal hervorgerufenen häuslichen Havarien» seines Offiziers orientiert hat. Aber er bleibt ein auch von seiner Partei und dem Parlament glänzend gewählter Bundesrat, also ein ganzer.

In einem Halo-Effekt stecken auch die Angestellten der UBS, die das «Ibrockding» ihrer Bankstrategen «ausfressen» müssen, obwohl sie es nicht verdient haben. So müssen sie den «Grimme», die Bauchschmerzen, ausstehen. Und selbst ich habe am UBS-Schalter eine verblüffte, aber sehr freundliche Angestellte gefragt, ob man denn der Bank noch trauen dürfe?