Früher oder später fallen alle Mauern

Ständig werden grosse und kleine Mauern aufgerichtet, auch wenn sie eines Tages wieder fallen werden. Der amerikanische Präsident Barak Obama besuchte kürzlich während seiner Asienreise die Chinesische Mauer und war beeindruckt. Wahrscheinlich imponierte sie besonders, weil sie ihre Funktion verloren hat. Die Stadtmauer von Zug ist längst abgetragen, und wenn auf der Zuger Burg heute noch die Mauerkrone beeindruckt, dann bloss noch als Dekoration. Solche Mauern wurden eines Tages zum ästhetischen Beiwerk oder erinnernden Mahnmal.

Die Berliner Mauer war 155 Kilometer lang. Als ich 1965 mit meiner Familie ein Jahr lang in Berlin weilte, da stand sie bereits seit vier Jahren. Beim Checkpoint Charlie, dem Übergang nach Ostberlin, stieg ich einmal die Treppe zur schmalen Holzbrücke hoch und blickte auf den Todesstreifen, wo DDR-Soldaten patrouillierten, die Kalaschnikow im Anschlag. Heute steht an der gleichen Stelle das exakt nachgebaute Grenzkontrollhäuschen. Es ist so mickrig, wirkt fast lächerlich, wäre es nicht das Mahnmal für eine traurige Trennung. Entlang der Mauer standen 302 Wachttürme. Fünf stehen noch. Sie sollen daran erinnern, dass von diesen Türmen auf Menschen geschossen wurde.

Allein im Monat vor dem Mauerbau, im August 1961, haben über 30'000 Menschen Ostdeutschland verlassen. Insgesamt waren es drei Millionen DDR-Bürger, die weggingen, bevor es die Mauer unmöglich machte. Den ständigen Exodus konnte nur ein solches Bauwerk verhindern.

Als ich vor ein paar Tagen wieder in Berlin weilte, entdeckte ich nur noch einige wenige Mauerreste, ein paar mit Graffiti beschmierte Relikte der ehemaligen Grenze zwischen Ost und West. Das gigantische Bauwerk um Berlin wurde nahezu vollständig abgerissen. Das breite Trasse wurde teilweise zur Brachfläche, zu einem Freiraum, da und dort idyllisch mit Sträuchern, ja mit Sonnenblumen bewachsen. Doch was sich da alles tummelt und eingenistet hat!

Da gibt es Stadtplaner, Lokalpolitiker, Immobilienspekulanten, die daran sind, die Mauergrundstücke zu «erobern». Aussteiger, Umweltschützer, Denkmalpfleger, Kleinunternehmer, Künstler und andere mehr wünschen sich einzig, dass sie nicht weichen müssen. Es gibt einen grossen Mauerpark mit Liegewiesen, Kinderspielplätzen und einem Streichelzoo. Entsprechend bunt, beinahe paradiesisch wirkt der ehemalige Todesstreifen. Das Buntscheckige überwächst und verdrängt mit der Zeit das Trennende, Ablehnende, ja, Schreckliche und Tödliche.

In der Nähe des Brandenburgertors liegt das Stelenfeld zur Erinnerung an den Holocaust. Die zum Teil gigantischen grauen Betonblöcke drücken schwer auf das Gemüt, sobald man zwischen ihnen durchgeht und in den offenen Gängen untertaucht. Die seelenlosen Stelen sind gesichtslos, aber im Museum nebenan bekommen die ermordeten Menschen ein Gesicht. Der Zufall wollte es, dass gerade eine Demonstration für die Opfer des Iranischen Regimes stattfand, als ich beim Brandenburger Tor stand. Noch immer werden überall auf der Erde Mauern errichtet, und Menschen mit einer abweichenden Meinung werden verfolgt und eingelocht.

Im aktuellen Abstimmungskampf dokumentieren schwarze Raketen, Minaretten ähnlich, dass Mauern stets und überall zwischen den Menschen und Volksgruppen aufgezogen werden können. Das Andere, das Fremde erweckt diffuse Ängste. Die Freiheit, auch die Religionsfreiheit, ist für viele unerträglich. Und ein souveränes, freies Volk erträgt nicht einmal die Tatsache, dass andere Gruppierungen jene Freiheit auch für sich selbst beanspruchen.

In der Nähe von Brescia in Italien ermunterte jüngst ein Bürgermeister die Einwohner, Weihnacht nur unter sich zu feiern, die unerwünschten Ausländer hätten nichts zu suchen. Ein anderer Sindaco in der gleichen Region forderte seine Mitbewohner auf, illegal Eingewanderte zu denunzieren. Orthodoxe Bischöfe verlangten kürzlich von ihrem Patriarchen, alle ökumenischen Bestrebungen aufzugeben, denn die Juden wie die Mohammedaner würden nicht an den einen wahren, dreifaltigen Gott glauben. Es sei nur möglich, mit Menschen im Dialog zu sein, die den wahren Gott verehren würden.

Die Wahrheit, die man für sich allein beansprucht, bildet stets den Grundstein für eine Mauer. Auch wenn wir wissen, dass die Wahrheit nur eine interpretierbare ist, werden immer wieder «Wahrheitsmauern» aufgezogen. Es gibt aber keinen Zugang zur Welt, Wirklichkeit und zur Wahrheit, der nicht von der Interpretation abhängt. Vermauerte Welten sind Symbole dafür, dass man die eigene Ansicht nicht in Frage stellt. Die Geschichte lehrt uns immer wieder, dass früher oder später alle Mauern fallen. Die Christen im alten Rom krochen eines Tages auch aus den Katakomben ans Tageslicht.

An unserem Familientisch gab es ebenfalls Mauern. Vater schimpfte und fluchte über die Protestanten und die verdammten Juden, die damals als Flüchtlinge ins Ägerital gekommen waren. Er betitelte sie mit Worten, die ich hier nicht wiedergeben will. Mutter wehrte Vaters Tirade jedes Mal ab. Sie hatte vor der Heirat in Basel und in Zug bei protestantischen Familien gedient. Zog Vater wieder vom Leder, rief sie vom Kochherd, wo sie oft hantierte, gute Protestanten seien ihr tausendmal lieber als schlechte Katholiken. Solche träfen Worte liessen Vater jeweils verstummen. Mich selber hat Mutters Erfahrung beeindruckt und geprägt. Ihre Anschauung wurde zu einem meiner Leitsprüche. Wenn ich in diesen Tagen die unsäglichen Leserbriefe über die Minarett-Initiative lese und dabei überlege, wie gewisse zugemauerte Köpfe argumentieren, erinnere ich mich wieder an den Leitspruch meiner Mutter und ersetze in Gedanken Protestanten mit … Sie wissen schon …