Sind alle Bürgerlichen bürgerlich?

Die Frage, die im Titel meiner Kolumne steckt, sollte wahrscheinlich exakter lauten: «Sind alle, die sich bürgerlich nennen, bürgerlich?» Jene Reisegruppe, die wegen der Aschenwolke über Europa nicht sofort aus Ägypten heimreisen konnte und sich mit der Aufforderung «Leuenberger, hol uns nach Hause!» oder ähnlich vernehmen und abbilden liess, kann ich nicht zu den Bürgerlichen zählen. Weshalb, werde ich später begründen.

Der Begriff Bürgerlichkeit wurde in der Vergangenheit immer wieder diskutiert. So stiess ich kürzlich auf einen geharnischten Artikel in der damaligen LNN vom18. November 1995 aus der Feder von Alfons Müller-Marzohl, dem früheren Nationalrat. Die Nationalrätinnen Judith Stamm und Rosmarie Dormann waren an einer Delegiertenversammlung der CVP angegriffen worden: «Wir vermissen von den beiden Frauen eine Politik im bürgerlichen Sinn und Geiste», wurden sie kritisiert. Alfons Müller-Marzohl verteidigte die Politikerinnen und führte unter anderem aus, bürgerlich sei ein gefährlicher Begriff. Er sei unscharf, schwammig und eigne sich trefflich für politische Manipulationen. Er selber könne niemals bürgerlich sein, da sich die Vertreter der damaligen Auto-Partei auch bürgerlich nennen dürften.

Die Begriffe, mit denen man die politischen Lager von einander abzugrenzen versucht, sind immer schwammig: Sowohl die Schemata rechts/links, wie auch liberal/konservativ und eben bürgerlich/sozialistisch bilden grobe Zuordnungen, keineswegs starre Kategorien. Ein echter Liberaler verhält sich in vielen Bereichen konservativ, ein Grüner wiederum agiert auch durchaus bürgerlich. Warum sollte ein Konservativer nicht eine grüne Weste tragen dürfen oder ein Freisinniger einen roten Fleck auf dem Gilet haben? Darf ein Sozialdemokrat nicht auch leicht blau sein? Allerdings, würde ein früherer Kollege nun sagen, sei Blau keine Farbe, sondern ein Zustand.

Alfons Müller-Marzohl stellte vor fünfzehn Jahren zu Recht fest, dass der Begriff Bürgerlichkeit oft grobmaschig verwendet werde. Viele nennen sich bürgerlich, die es im Grund gar nicht sind, wie die inzwischen fast verschwundene Partei, die sich nur auf das Auto fokussiert hat. Seit jeher wurde Bürgersinn mit sozialer Verantwortung und Bereitschaft zum Engagement verknüpft, was gewisse Politiker völlig ausklammern, die für sich zwar beanspruchen, bürgerlich zu sein.

Der Philosoph Odo Marquard* schreibt in einem Essay: «In unserer gegenwärtigen Welt steht es nicht deswegen schlimm, weil es zu viel, sondern deswegen, weil es zu wenig bürgerliche Gesellschaft gibt; denn problematisch ist in unserer Gegenwartswelt nicht die Bürgerlichkeit, sondern die Verweigerung der Bürgerlichkeit …» Diese Aussage lässt aufhorchen und zwingt einen zu fragen, was man denn unter Bürgerlichkeit verstehen soll?

Ich habe zu Beginn meiner Kolumne jenen Ägyptenreisenden, deren Rückflug mehrmals abgesagt worden ist und die deshalb den Staat um Hilfe gerufen haben, die bürgerliche Gesinnung abgesprochen. (Allerdings war nie ganz klar, ob dieser Aufruf an Bundesrat Leugenberger als Witz oder eher als Boulevard Posse abzutun sei.) War der Aufruf aber ernstgemeint, dann hat es den Schweizer Touristen zünftig an Bürgersinn gemangelt. Da gibt es doch noch die Selbstverantwortung. Der Staat ist nicht dazu da, alle individuellen und gesellschaftlichen Probleme des Zusammenlebens zu lösen. Er ist kein Grossverteiler, und die Politiker sind nicht Sortimentsleiter, die dafür verantwortlich sind, dass die Regale stets aufgefüllt werden.

Im Slogan «Mehr Freiheit, weniger Staat» wurde der Begriff Verantwortung heraus gebrochen. Seit Jahren existiert nur die Verkürzung. Aus der Eigenverantwortung kann niemand entlassen werden. Verantwortung tragen nach dem Mass des Könnens, ist für die Bürgerlichkeit zentral. Freiheit ist kein Gegenbegriff zum Staat. Es ist die staatliche Rechtsordnung, die unsere Freiheit garantiert und ihren Missbrauch ahndet. Allerdings hat in den letzten Jahren ein Gesinnungswandel stattgefunden: Der Begriff Staat wurde immer wieder abgewertet. Gewisse Kreise meinten voreilig, daraus lasse sich der Schluss ziehen, dass alles erlaubt sei, wenn es nur Gewinn bringt. Die Finanzmarktkrise hat deutlich gemacht, wie wichtig der Staat als Klammer für die Gesellschaft ist.

Freiheit und Staat sind also keine Gegensätze. Aber sowohl viel Staat als auch zu viel Freiheit führen zu einer unbürgerlichen Haltung. Wer zu viel Staat fordert, überträgt die Verantwortung auf das Gemeinwesen. Er macht ihn zu einer Art Heilsagentur für die Lösung unserer Probleme. Wer allein die Markt- und die gesellschaftlich Freiheit preist, vernachlässigt die solidarische Verantwortung. Bürgerliche Politik versucht, Staat und Freiheit in eine Gleichgewichtslage zu bringen. Sie ist besorgt, dass das labile Gleichgewicht nicht kippt.

Gerät eine Gesellschaft aus dem Gleichgewicht, kann sowohl das politische Wollen als auch das Wirken der führenden Kräfte nichts mehr ausrichten. In diesen Wochen lässt sich eine solche Entwicklung an der Situation Griechenlands verfolgen. Die griechische Politik hat ihre Handlungsfreiheit verloren, weil die führenden Kreise, Politiker und Wirtschaftsführer, den Staat in den Bankrott schlittern und verlottern liessen und dem Volk lange suggerierten, er werde es schon richten. Nun sind die Griechen vom EU-Notkredit und vom internationalen Währungsfond abhängig und nicht mehr frei, ihr eigenes Schicksal zu bestimmen. Sie fühlen sich gedemütigt.

* Odo Marquard: Zukunft braucht Herkunft. Philosophische Essays. Aus: Apologie der Bürgerlichkeit. S. 247ff., Philipp Reclam 2003