Meine naive Finanzmathematik

Reden wir ein wenig vom Geld – wie alle Welt. Es ist ja keineswegs so, dass die Finanzmarktkrise die Denkweise der Finanzlobby verändert hat. Von der Wallstreet erreichen uns schon wieder Schalmeienklänge. Es lasse sich ein wachsender Trend erkennen, das Geschäft wie bisher zu betreiben, sagt der Kassenwart des Bundes, Peter Siegenthaler. Man spüre bereits wieder ein starke Lobbying, das die nötigen Reformen hintertreiben soll. «Viele der Finanzjongleure glauben, sie könnten wieder Geld verdienen wie zuvor», bemängelt die Ex-Börsenchefin Antoinette-Hunziker-Ebneter, und zwar «mit hochmargigen komplexen Produkten». Erneut wird also Kleinsparern in kleinen Dosen beigebracht, ihre Ersparnisse liessen sich durchaus wieder leicht vermehren, nachdem sie all die Meldungen getröstet haben, dass auch grosse Spekulanten und Milliardäre viel Geld verloren haben. Was aber macht den Unterschied zwischen kleinen Verlierern aus, die zehn oder zwanzigtausend Franken verloren haben, und denjenigen Menschen, die einige Millionen in den Sand gesetzt haben?

Ich habe zu Beginn der Krise einige Leute in meinem Umfeld gefragt, ob sie auch Geld verloren hätten? Zahlreiche bejahten die Frage. Der Verlust schwanke zwischen zehntausend und fünfzigtausend Franken. Das sei ja nichts als eine Bagatelle, werten die oberen Etagen einen solchen privaten Schaden und reden von den Millionen, die ihresgleichen verloren haben. Nur, da gibt es eben einen Unterschied: Das kleine Geld ist unter Anstrengung verdient worden. Erspartes dank Werte schaffender Arbeit. Das grosse Geld dagegen ist häufig spekulatives Geld. Die Verluste sind meist Buchverluste. Sind die Aktien gestiegen, vermehrte sich das Vermögen, begannen sie zu fallen, verringerte es sich. Die einen haben also sauer verdientes Geld verloren, die anderen solches, das sich mehr oder weniger von selbst – die Hände lagen im Schoss –, vermehrt hatte. Welcher Verlust schmerzt wohl mehr?

Viele fragen sich, wie es zur Vernichtung von Hunderten von Milliarden, ja Billionen von Franken kommen konnte und wie dieses Geld zuvor in spekulative Prozesse hineingeschleust worden ist. Die Rechnung ist einfach: Wenn in der Schweiz tausend Sparer zehntausend Franken verloren haben, sind das zehn Millionen. Wenn jeder zehnte Schweizer so viel Geld verloren hat, dann sind das siebenhunderttausendmal zehntausend Franken. In diesem Fall spuckt mein Taschenrechner die Zahl sieben Milliarden aus. Und diese Milliarden sind real verdiente Franken und nicht spekulative Buchwerte. Verlorene Buchwerte schmerzen nur den, der von Illusionen und Märchen träumt.

Ein weiterer Gesichtspunkt, den ich in meine naiven Überlegungen einbeziehe, ist der, dass ein Franken, der im spekulativen Bereich verdient wird, jemand anderer dann verliert. Täglich werden neue Werte geschaffen. Im Gegenzug zur wachsenden Realwirtschaft wachsen die Geldwerte. Dieses täglich erarbeitete Geld sind hundert Prozent, nehme ich einmal an. Nun wird damit spekuliert. Es wird in Optionen und strukturierte Produkte oder in giftige, toxische Papiere gesteckt, wie sie die Nationalbank von der UBS übernommen hat, in der Höhe von 28 Milliarden. Steigt also diese Summe, die auf Spekulationen oder auf nicht realisierbaren Werten beruht, auf 101 Prozent (was real Milliarden ausmacht), ist ein Prozent gefährdet, und jemand hat dieses eine Prozent verloren. Wer dabei zu den echten Verlierern gehört, ist leicht auszumachen.

Ich weiss, dass ich mit diesen Überlegungen keinen Wirtschaftsnobelpreis erhalten werde. Aber vielleicht bringen sie den einen oder anderen doch dazu, den Tanz ums Goldene Kalb gar nicht erst zu beginnen. Als vor Jahren der Bankier Martin Ebner verkündete, das Kapital müsse eine Rendite von 18 Prozent abwerfen, bezeichnete ich das Konzept des Shareholder-Value in dieser Höhe als Wucher. In den Medien tauchte dieser Ausdruck nicht auf. Umso interessierter las ich später das kleine Buch «Wucherzins und Höllenqualen»* des französischen Historikers Jacques Le Goff. Der Verfasser zeigt auf, wie die Kirche im frühen Mittelalter das Fegefeuer erfunden hat.

Zuvor musste jeder, der Geld zu Zinsen geliehen hat, die Hölle fürchten. Es gab vorerst nur den Himmel oder die Hölle. Für die allmählich beginnende Kapitalwirtschaft war dieses Entweder-Oder unerträglich. «Nur die Hoffnung, der Hölle zu entkommen, erlaubte es dem Wucherer, Wirtschaft und Gesellschaft des 13. Jahrhunderts auf ihren Weg zum Kapitalismus voranzutreiben (S. 131).» Da erfand die Kirche das Fegefeuer. Wer Zins nahm, musste sich nicht mehr fürchten, nach dem Tod in die Hölle zu fahren. Der Geldverleiher – und bald auch Klöster und Wallfahrtskirchen – war nicht mehr auf ewig verdammt, sondern nur auf Zeit. Thomas von Aquin lieferte die nötige Begründung: «Die menschlichen Gesetze lassen manche Sünden ungestraft wegen der Verfassung der unvollkommenen Menschen, bei denen manches nützliche Werk unterbunden würde, wenn alle Sünden streng verboten und mit der entsprechenden Strafe belegt würden. Und deshalb hat das menschliche Gesetz Zins erlaubt, nicht als ob es der Meinung wäre, es sei der Gerechtigkeit gemäss, sondern damit nicht der Nutzen für die vielen (anderen) unterbunden würde.»

Immerhin hat dann das Konzil von Trient (1545 – 1563) festgesetzt, dass für ausgeliehenes Geld nicht mehr als fünf Prozent Zins genommen werden dürfe. Wer mehr verlangte, beging eine schwere oder gar eine Todsünde. Wir lächeln heute über solche Regelungen, doch wer Mass hält, fährt damit nicht schlecht und er wird nicht ein armer reicher Mann.

* Jacques Le Goff: «Wucherzins und Höllenqualen. Ökonomie und Religion im Mittelalter». Klett-Cotta 2008.