Dem Land etwas zurückgeben

Auch wer sein Land liebt, übt gelegentlich Kritik, schaut dabei auf andere Staaten und wünscht sich, die eigene Heimat schlage nicht etwa deren politische Neuausrichtung ein. Er muss zum Beispiel zur Kenntnis nehmen, wie sich Ungarn eine Verfassung gegeben hat, die ein autoritäres Regime ermöglicht. Er wundert sich, dass im europäischen Vorzeigeland Finnland die rechtspopulistischen «Wahren Finnen» im April die Wahlen gewonnen haben. Ein Blick auf Italien wiederum, das mir selber näher liegt, ist einerseits erheiternd und andererseits niederschmetternd. Ich bleibe also bei unserem südlichen Nachbarn, nicht nur, weil ich bald zwei Wochen an der Adria verbringen werde.

Im kürzlich erschienenen Buch «Circus Italia»* lesen sich gewisse Passagen, als würde die Autorin, die ZEIT-Korrespondentin Birgit Schönau, zugleich gewisse Entwicklungen in der Schweiz nachzeichnen. Unter anderem schildert sie differenziert, wie Flavio Tosi, Bürgermeister von Verona und Mitglied der Lega Nord, mit harter Hand regiert und am liebsten alle Ausländer wegweisen würde. Die Arbeiten, die diese verrichten, könnten schliesslich auch von Italienern erledigt werden. Kleine und mittlere Unternehmer unterstützen vorwiegend die fremdenfeindliche Lega. Auch der Pastafabrikant Gianluca Rana, der Bandnudeln und Lasagne, Ravioli und Tortellini in alle Welt verkauft, erkennt in seiner Lega-Parteimitgliedschaft keinen Widerspruch zur Tatsache, dass er in seinem Betrieb zahlreiche Ausländer beschäftigt. Achselzuckend beantwortet er eine diesbezügliche Frage der Journalistin: «Die Politik betreibt ihr eigenes Marketing. Wir Unternehmer aber tun alles für die Integration unserer ausländischen Arbeitnehmer. Denn wer sich integriert fühlt, arbeitet besser. So einfach ist das.» Ja, so einfach lässt sich mit Widersprüchen leben, falls es profitabel ist.

Einer wie Rana überlässt den Lokalpolitikern ihre Marketing-Auftritte. Schliesslich muss er für sich selbst schauen. Doch sogar Berlusconi stecken viele Italiener weg. Ach je, man muss ihn halt zum eigenen Vorteil benutzen, sagt der Aristokrat und Milliardär Gian Marco Moratti, dessen Frau Letizia als Bürgermeisterin von Mailand nicht wiedergewählt worden ist. Berlusconi hatte mit seinem aggressiven Wahlkampf und seinen Sprüchen Moratti geschadet. Berlusconis missionarischer Eifer ist auf das Niveau eines Bonmots abgesunken. Als Johannes Paul II. ihm eine Audienz gewährte, sagte er lächelnd: «Wir zwei tragen beide eine siegreiche Idee in die Welt. Sie das Christentum und ich den AC Milano.»

Die Zeitung «La Repubblica» berichtete anfangs April, der frühere Präsident der Industriellenvereinigung Confindustria und heutige Ferrari Chef, Luca Cordero di Montezemolo, habe in einer Rede bedauert, dass Italiens Zivilgesellschaft im Laufe der letzten Jahre verschwunden sei. Wie sollte sie nicht? Seit Jahren werden die Institutionen schlecht gemacht, doch, sagte er, die Unternehmer, die grossen Banken und vor allem viele Intellektuelle schauten dem Treiben schweigend, teilweise angeekelt zu. Entweder engagierten sie sich wieder für das Land oder es gerate an den Rand des Abgrunds.

Der liberale Staat ist auf eine starke Zivilgesellschaft angewiesen. Sie trägt die Mitverantwortung für das Gedeihen des Landes. Heute stellen wir aber einen Rückzug ins Private fest. Der Chefredaktor der Berlusconi nahen Zeitung «Il Foglio», Giuliano Ferrara, sagte einmal, auf Recht und Gesetz zu pochen, sei ein Geschäft für Fanatiker ohne Humor und Esprit. So eine Aussage müsste eine Unzahl von Reaktionen auslösen. Sie darf nicht einfach hingenommen werden.

Wer mit dem italienischen Vergrösserungsglas auf unsere Gesellschaft blickt, entdeckt bei uns ähnliche Tendenzen. Der Club der Egoisten, Spekulanten und Zyniker hat zugenommen. Es wird auf die Classe politique eingedroschen, so dass immer weniger Bürgerinnen und Bürger bereit sind, Verantwortung im Staat zu übernehmen. Parteien haben Mühe, geeignete Kandidatinnen und Kadidaten für ein politisches Amt auf Gemeindeebene zu finden. «I bi doch nöd blööd!», lautet etwa die Antwort auf eine Anfrage.

Als der Slogan «Mehr Freiheit und Selbstverantwortung, weniger Staat» in den 90er Jahren den Siegeszug antrat, wurde das Wort Selbstverantwortung geflissentlich ausgeblendet. Die Fesseln des Staates sollten gesprengt werden. Aber es wurden immerhin gute Rahmenbedingungen geschaffen. Ein Mann, der davon profitierte, war Hansjörg Wyss, der die Firma Synthes erfolgreich geführt und nun mit grossem Gewinn verkauft hat. Er äusserte sich anfangs Juni in einem Interview in der NZZ ** wie Montezemolo in Italien. Er glaubt, dass sich viel zu wenig reiche Leute als Mäzene betätigen würden. Auch die Schweizer Industrie sei ein hoffnungsloser Fall. «Nur die beiden Grossbanken geben noch etwas Geld. Die Kulturbudgets der Schweizer Institutionen sind lächerlich tief. Spenden liegt den Schweizern einfach nicht im Blut.» Er habe im Land gute Jahre gehabt, nun wolle er der Gesellschaft etwas zurückgeben.

Es gibt sie also noch, die Unternehmer, die kulturelle und soziale Werke unterstützen. Sie fühlen sich wie frühere Generationen des wohlhabenden Bürgertums für das Funktionieren des Staates und der Gesellschaft persönlich verantwortlich. Wo Unternehmer nicht selber tätig werden können, treten sie als Mäzene auf. Sie halten nichts von einer «Ohne-mich-Gesellschaft». Was dennoch bedauerlich ist, sie schweigen zum unverantwortlichen politischen Marketing.

* Circus Italia. Aus dem Inneren der Unterhaltungsdemokratie. BV Berlin Verlag, 2011.
** NZZ. Fokus der Wirtschaft, 11. Juni 2011. Hansjörg Wyss über die Gründe des Verkaufs von Synthes und seine zahlreichen wohltätigen Projekte