Auf dem Weg der Schweiz

Als 1991 der Weg der Schweiz offiziell eingeweiht worden ist, bin ich mit einer Grossrätin aus Basel gewandert, bis ich auf einmal genug hatte von ihren Behauptungen. Ich mochte ihr nicht mehr entgegnen. Gleich zu Beginn hatte sie sich ereifert, dass einer Baslerin das Jahr 1991, aber auch 1291, als Jubiläum nichts bedeute. Basel sei schon vorher ein Staat gewesen, was ich nicht bestritt. Aber die Wirkungsgeschichte von 1291 habe eben doch zu dem Gebilde geführt, das wir heute Schweiz nennen würden, antwortete ich. Mich kümmere die abweichende Auffassung von Historikern nicht, spottete ich, nun auch etwas angriffiger geworden. Bald schloss ich mich einem anderen Wanderer an. Ich wollte mir die Festfreude nicht vergällen lassen.

Den Weg der Schweiz habe ich unterdessen bis auf ein ganz kleines Stück abgewandert. An ihm haften viele Erinnerungen. Das Wegstück zwischen Sisikon und der Tellskapelle ging ich letzthin beeindruckt. Der Urnersee lag grün und ruhig da. Nur ein leichter Westwind kräuselte das Wasser. Der Ober- und der Niederbauen spiegelten sich im See. Ihre Konturen zitterten leicht auf der Wasseroberfläche. Der Urirotstock thronte wie ein König. Surfer und Segler nutzten den allmählich stärker werdenden Wind. Bei der Rückkehr nach Sisikon zischten leichte Schaumkronen auf. Der Wind trieb die Wolken zusammen, und über dem Fronalpstock zog bereits ein Gewitter auf.

Lehrer Karl Bolfing wanderte vor mehr als einem halben Jahrhundert mit uns Rickenbacher Seminaristen entlang der Axenstrasse. Wer in Schwyz studiere, könne nicht ins Mittelland zurückkehren, ohne auf dem Grossen Mythen gestanden zu sein, sagte er, und die kühn in die Felsen gehauene Axenstrasse müsse jeder einmal begangen haben. Vor einer Verbauung versammelte er uns im Halbkreis. Welcher Unterschied denn zwischen einem Baumeister und einem Lehrer bestehe? Er gab die Antwort gerade selber. Der Baumeister sehe das vollendet Werk und dürfe darauf stolz sein. Einem Lehrer aber bleibe das Resultat seiner Arbeit verborgen. Er wisse nicht, was aus einem Schüler werde, ahne es höchstens. Und selbst, wenn aus ihm etwas geworden sei, müsse er demütig anerkennen, dass er nur gerade ein wenig Hebammendienst während der geistigen Geburt und Entwicklung geleistet habe. Ich erinnere mich nicht mehr, vor welchem Bauwerk wir damals gestanden sind, aber mein Lehrer bleibt mir in Erinnerung. Von ihm sind Impulse ausgegangen, die mich motivierten, ein tätiges Leben zu führen. Später wurde er Präsident der Stiftung «Weg der Schweiz». Bolfing verstarb leider viel zu früh.

Langsam überquerte die «Stadt Luzern» den See von Bauen her und schwamm majestätisch auf die Anlegestelle beim Restaurant Tellskapelle zu. Heiser, einer abgehenden Blähung gleich, tutete das Schiffshorn. Wäre das Wort «Dampfer» nicht männlich, so würde ich sagen, die «Stadt Luzern» sei so edel und elegant wie eine von Yves Saint Laurent eingekleidete Dame, die gerade über den Vorplatz des KKL geht. Das Bild trifft nicht zu, ich weiss, aber wie soll ich die Eleganz des Dampfers sonst ins schönste Licht rücken? Soll ich ihn mit einem Schwan vergleichen? Ein Motorsägeplastiker hat übrigens am Weg einen Schwan aus einem Baumstrunk herausgesägt. Er streckt den Hals zum Himmel, als ob er schnattern würde.

Der Weg der Schweiz geht auf und ab, über Treppen in die Tiefe zum Seeufer, führt ihm entlang und wieder hinauf, bis auf die Höhe der Autostrasse. Auf der alten Axenstrasse verschwindet er im Tunnel und schon gibt er wieder den Blick frei auf die imposante Landschaft. In diesem Augenblick donnerte ein Güterzug an mir vorüber. Es verschlug mir auf dem Fussgängersteg fast das Gehör. Ein Eisenbähnler aus Erstfeld hatte mir zehn Tage zuvor zugeschrieen, ein solcher Lärm sei Musik in seinen Ohren, als er entdeckte, wie ich mir meine zuhielt. Jeder Mensch nimmt die Welt anders wahr, und häufig sind es die Ohren, die hellwach und gespitzt sind für Dinge, die Nutzen bringen. Ein Schweinezüchter spricht auch nicht vom Gestank, wenn Vorbeiwandernde sich die Nase zuhalten.

Der Weg der Schweiz führt abwechselungsreich durch eine Landschaft, in der sich eine heroische Geschichte abgespielt haben soll. Mir gefällt die Geschichte Tells. Dass in einer solch gebirgigen Gegend sich ein mutiger Mann einem Gessler entgegengestemmt hat, ist mehr als glaubwürdig. Friedrich Schiller hat die Landschaft romantisiert und aus einem Freiheitskampf Poesie gemacht.

Der Weg der Schweiz ist nicht nur ein Wanderpfad, er ist ein Symbol für unser Land, für ein Land, das noch immer Ecken und Kanten hat und das sich um Felsen schlängelt. Er wurde mir zum Sinnbild für die Politik, die stets auf Um- und Seitenwegen vorangekommen ist. Auf dem Seeweg mit einem Motorboot nach Flüelen zu flitzen, mag bequem sein, aber im Vorbeisausen werden all jene Eindrücke ausgeschlossen, die ein Wanderer geniesst. Es würde uns besser gehen, wenn mir mehr gingen, meinte der grosse Wanderer Johann Gottfried Seume schon zum Beginn des 19. Jahrhunderts.

Ein feiner Duft von Holz, See und blühenden Sträuchern verbreitete sich auf einmal. Schade nur, dass ich nicht mit jenen beiden Frauen wanderte, die mir einmal auf einem Alpweg fast jede Blume beim Namen nennen konnten und den Duft eines blühenden Strauches schon von ferne erkannten. Man kann nicht alles haben, aber der saure, klare Most im Restaurant Tellskapelle tat mir gut. Eine Schulklasse, die vom Denkmal zurückkam und dort wahrscheinlich die Fresken bewundert hatte, vernahm vom Wirt, dass bald das Glockenspiel zu hören sei. Flugs eilten Lehrer und Schüler aufwärts zum Glockenturm, den der Kanton Aargau hatte errichten lassen. Bald kamen die Kinder zurück mit einem Lied im Ohr. Es war übrigens eine, feine, disziplinierte Klasse. Doch, doch, solche gibt es auch heute noch.