Moskauer Schwartenmagen

Mit der Einladung einer Schriftstellerin flog ich Ende Juli nach Moskau. Ich wurde am Flughafen Domodedovo abgeholt. Zehn Tage Moskau: das sind zehn Tage voller Strapazen. Was ich alles erlebt habe, würde zwei Seiten der NLZ füllen. Meine erste Begegnung mit der russischen Hauptstadt begann in der Metro. Einige der Stationen wirkten auf mich wie unterirdische Kathedralen. In den folgenden Tagen schloss ich mich einer deutsch sprechenden Reiseführerin an, die mich zu weiteren sehenswerten U-Bahnstationen führte, etwa zu der unter dem Revolutionsplatz, die 1952 zu Stalins Zeiten gebaut worden war. In Bogennischen stehen 80 Eisenplastiken, die Sowjetmenschen abbilden: darunter: Soldaten, Matrosen, Frauen und Männer aus dem Volk. Aber da gibt es auch einen Hund. Seine Schnauze ist völlig abgeschabt. «Die Leute streifen mit der Hand darüber und erhoffen sich davon ein bisschen Glück», führte meine Reiseführerin aus. Ähnlich strapaziert wirkt das Gefieder des Hahns in den Armen eines Mädchens. «Den Hahn streicheln, bedeutet Hoffnung auf Reichtum, enttäuschte Liebhaber dagegen berühren das Bein des Mädchens», lachte die Frau.

Täglich benützen 9 Millionen Menschen die Metro. Ein 300 Kilometer weites Schienennetz verbindet 250 Stationen. Zur tiefstgelegenen Station fährt man vier Minuten lang auf der Rolltreppe. Zur Stosszeit herrscht ein Riesengedränge, und doch wirken die Moskauer seltsam gelassen und ruhig. Mir und anderen älteren Menschen boten jüngere Passagiere in der Bahn sofort einen Platz an. Stellen Sie sich diese Situation mal in einem unserer Busse vor!

Ich hatte das grosse Glück, dass mich auch die Schriftstellerin, die Deutsch kann, begleitete und mich mit einem Kollegen, einem Lyriker bekannt machte, der wiederum mit mir französisch sprach. Sie führten mich in ein Literaturhaus, das noch den Geist der Sowjetunion atmet. Die Serviererinnen trugen weisse Häubchen und Schürzen. Ob ich ein typisches russisches Menu kosten wolle, fragte mich der Gregorj. Als ich bejahte, wurde mir als ersten Gang Schwartenmagen aufgetragen. Zuerst war ich überrascht, dann schaute ich misstrauisch auf das Schweinefleisch mit Sülze. Schon als Kind hatte ich den Schwartenmagen nicht gemocht. Ich spiesste tapfer die Bissen auf, kaute sie kaum und schluckte sie rasch hinunter. Dann folgte eine Suppe und als Hauptgang ein grosser Teller mit Eierschwämmen und Spätzle.

Am nächsten Tag fuhren wir mit Hunderten von Verehrern des grossen Dichters Alexander Blok (1880-1921) aufs Land. Hei, war das ein fröhliches Fest! In der Nähe von Bloks Landhaus, auf einer Anhöhe gelegen, wurde drei Stunden lang rezitiert, deklamiert, gesungen und musiziert. Obwohl ich kein Wort Russisch verstand, faszinierten mich die unterschiedlichen Auftritte. Auch Grigorj trug drei wohlklingende Gedichte vor. Doch auf einmal begann mich der Schwartenmagen vom Vortag zu plagen und ich flüchtete in den nahen Wald.

Zwei Tage später besuchte ich den Ehrenfriedhof. Er ist riesengross. Wo die Sowjetgeneräle und die Vertreter der Politikerkaste liegen, sieht alles sehr gepflegt aus. Die Gräber der Dichter und Denker werden hingegen von Unkraut überwuchert. Chruschtschows Büste ist von zwei Marmorstelen eingefasst, die eine weiss, die andere schwarz. So sei er gewesen, er habe zwei Seiten gehabt, wie auch Jelzin. Raissa Gorbatschowa wird mit einem schönen Denkmal verehrt. Ich wollte aber auch ich die Gräber der grossen Literaten sehen: Gogol, Tschechow, aber auch diejenigen der Musiker Skrjabin, Prokofjew, Schostakowitsch, des Filmemachers Eisenstein und von anderen. Als wir auf dem Weg zufällig beim Denkmal des Politikers Anastas Mikojan vorbeikamen, erzählte mir die Begleitperson, einmal, als es zu regnen begonnen habe, habe man dem alten Bolschewiken, der unter Stalin eine führende Rolle gespielt hatte, einen Schirm angeboten. Er brauche keinen, denn als Armenier schlängle er sich stets zwischen den Regenfäden durch, gab er zu Antwort. Kein Wunder, hatte er doch Stalin und Chruschtschow überlebt und war unter Breschnew Staatsoberhaupt der Sowjetunion gewesen.

Moskau ist gigantisch, alles schiesst ins Monumentale und Monströse. Von den Hochhäusern mit den Türmen, sagen die Moskauer, es seien Stalin-Kathedralen. Auf dem Platz der «Sowjetischen Errungenschaften» stand ich vor dem Riesendenkmal: Ein dem Raketenschweif nachgebildeter Bogen trägt einen vergoldeten Sputnik ins Weltall. Imposant stehen Juri Gagarin und andere Weltraumhelden daneben. Auf einem alle Dimensionen sprengenden Platz mit zwei Triumphbogen findet heute eine Art westlicher Jahrmarkt statt. Stalin hätte wenig Gefallen an dem Treiben auf seinem «heiligen» Boden.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Stadt wird weiterhin im Skulpturenpark gearbeitet. Der Park bietet eine spezielle Mischung von Denkmälern mit sowjetischen Führern, die längst niemand mehr haben will und Arbeiten zeitgenössischer Künstler. Eines Tages werden vielleicht alle Sowjethelden durch Plastiken ersetzt werden, die weniger auf den Magen drücken. Jedenfalls kam mir dieser Park wie Schwartenmagen vor, wie manch anderes, das ich in der russischen Hauptstadt beobachtet habe.

Begeistert war ich dennoch immer wieder aus Neue. Mitten in der Grossstadt entdeckte ich ein Idyll, nämlich das ehemalige Stadtwohnhaus von Lev Tolstoj, dem grossen Dichter von «Krieg und Frieden» und «Anna Karenina». Ich bewunderte in dem Haus nicht nur das Bärenfell, das dem Tier abgezogen wurde, nachdem es Tolstoj beinahe getötet hätte, sondern auch die Ballkleider seiner Frau Sofja und der Töchter. Das Haus steht am Rande eines kleinen Parks und strahlt die Ruhe einer längst vergangenen Zeit aus.