Götter im Exil

Seit der Zeit, als die griechischen Götter aus dem Olymp vertrieben wurden, leben sie im Exil. Heinrich Heine hat ihnen mit «Die Götter im Exil» eine spöttische Erzählung gewidmet, in der er berichtet, wie er sie an den Orten ihrer Verbannung gefunden habe. Jupiter zum Beispiel traf er im hohen Norden an, in einer jämmerlichen Hütte, sozusagen eingesargt in Eis und Schnee, neben ihm stand ein halbgerupfter Adler. Einst war er der Mächtigste im griechischen Götterhimmel, auch wenn er nicht etwa vorbildlich war. Vielmehr fiel er als Intrigant und Weiberheld auf. Hermes, der Gott der Diebe und der Kaufleute, tarnt sich mit einer Maske, und irrt als Heimatloser auf der Erde herum. Noch immer betätigt er sich als gerissener Briefträger der Götter. Und Pluto, der als Beschützer der Beschützer der Bodenschätze und des Reichtums galt, hält sich nun in der Unterwelt versteckt und sitzt «warm bei seiner Proserpina». Trotz des christlichen Anathemas, des Bannfluchs, habe sich seine Position in der Welt nicht verändert, meint der Dichter.

Heines Lachen über die exilierten Götter ist ansteckend. Blickt man in die Welt, so hat man den Eindruck, die Sagenfiguren seien noch immer aktiv. Die modernen Götter allerdings sind nur noch Halbgötter, und viele von ihnen leben heute im Exil; sei es, weil sie unfreiwillig geschickt worden sind, oder weil sie sich eines Tages einfach davongeschlichen haben. Dem Kolumnisten wurde von einem Bekannten, der gerne wandert, kolportiert, er habe O, den einst mächtigen Herrscher an der Spitze einer Bank, hoch oben am Hornberg im Saanenland, in einer alten, wettergegerbten Hütte hocken gesehen. Zuerst sei ihm aber der dünne Rauch aufgefallen, der aus dem Kamin stieg, und den der Wind auf das Dach drückte. Dann habe er doch gewagt, einen Blick durch das Fenster zu werfen und realisiert, dass O nicht allein war, sondern mit E zusammen, der gestikulierte und wahrscheinlich bei O einen Rat geholt habe. Vielleicht habe er von O wissen wollen, wie er sein Kapital zu einem Zinssatz von 18 Prozent anlegen könne. Zwar sei E selber so schlau wie einst Pluto gewesen war, und doch würde O bestimmt einige gute Tipps vorrätig haben. Eigenartig habe es den Spion am Fenster gedünkt, dass E in einer derart armseligen Hütte noch immer eine Fliege getragen habe, als wolle er auch einen Safe in der Unterwelt anständig gekleidet aufsuchen.

V, einst ein mächtiger Regierungsmann, kehrte nach seinem Rücktritt wieder aus dem Exil zurück und übernahm die Spitze jener Bank, die einst O geleitet hatte. Hier geriet er mit einem anderen Halbgott in Streit und realisierte bald einmal, dass er nicht viel zu sagen hatte. Jedenfalls gelang es ihm nicht, sich gegen die plutonischen Kräfte durchzusetzen und die masslose Gier einzudämmen. So musste er kapitulieren, verlor sein Gesicht und überlegte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, im stillen Exil zu verbleiben. Pluto ist ein mächtiger Verführer, und da er, wie Heine berichtet, im Schattenreich noch immer die Fäden zieht, war es eben nicht leicht, ihm zu widerstehen. Als letzte Konsequenz blieb V nur der Rücktritt. Regieren war für ihn bedeutend einfacher gewesen, als die plutonischen Mächte zu bändigen.

Heine hat recht, wenn er behauptet, Hermes – zwar im Exil – sei immer noch am Werk. Auch im Schattenreich der Finanzen zehrt er von seinem Vorleben und seinen Talenten. Hermes ist ja auch als Briefträger der Götter bekannt. Somit lässt sich von ihm sagen: ein Zuträger ist immer auch ein Wegträger. Gerade im jüngsten Fall des nunmehr exilierten H trifft dies zu. Da kann man eine ganze Kette von Zuträgern und Wegträgern namhaft machen. Einer ist zum Beispiel darunter, der hat sich sogar erfrecht zu lügen und vor aller Augen behauptet, er habe der Regierungsfrau keine Dokumente vorgelegt. Das erwies sich dann als ein typisch hermetisches Versteckspiel. Von Journalisten zur Rede gestellt, griff er in die Trickkiste und korrigierte, davonschleichend, es seien eben keine Originalpapiere gewesen.

Dieser B wollte, einmal im Besitz der Daten von H, den Sturz des von den Meisten in unserem Land anerkannten Präsidenten. Vom Sturz der Titanen erzählen zahlreiche griechische Sagen, und selbst die Olympier liessen sich von Skandalen nicht einschüchtern. B wusste natürlich, wie er hätte vorgehen können, damit die Verletzung des Bankgeheimnisses nicht ruchbar geworden wäre. Er nahm aber um des Sieges willen in Kauf, dass sogar in deutschen Medien hämische Kommentare über die selbstwillige Verletzung des Bankgeheimnisses geschrieben wurden. Hätte er das gestohlene Wissen den Oberwächtern der SNB nämlich weitergeben, wäre H scharf zurecht gewiesen worden, die Institution aber hätte keine Kratzer abbekommen.

Da Halbgötter oft sehr eifersüchtig sind und es nicht mit ansehen können, wenn ihnen andere machtvoll in die Quere kommen, entspann sich ein kleinschweizerischer olympischer Machtkampf. B stürzte H. Und dieser gelungene Sturz löste bei B ein fast homerisches Lachen aus, bis sich A alias Dölf öffentlich ermannte, ihm nahezulegen, ins Exil zu gehen. Was in diesem Fall nicht viel bedeuten würde, denn wir wissen jetzt, dass auch Götter und Halbgötter im Exil weiterhin tätig sind. Danke, Heinrich Heine!

Andreas Iten

*Heinrich Heine: Die Götter im Exil. In: Heinrich Heine. Sämtliche Werke, Band II. Winkler Dünndruck-Ausgabe.