Sachzwangst

Im Breitenrainquartier, an der Berner Tramlinie Nr. 9, hat zu Beginn der 90er Jahre ein Sprayer die Wortkreation «Sachzwangst» an eine Hauswand geschmiert. Als ich sie entdeckte, habe ich zuerst gestutzt. Auf der Weiterfahrt fand ich den Ausdruck, zusammengesetzt aus Sache, Zwang und Angst, mehr als nur treffend. Heute ist er topaktuell. Der Club of Rome zeichnete in seiner neuesten Studie vom Mai 2012, vierzig Jahre nach «Grenzen des Wachstums», ein düsteres Bild. Im Kleinen, in unserer Schweiz, schauen die Vermarkter der Skiarenen mit langen Gesichtern auf die schmelzenden Gletscher. Auf dem Gemsstock versuchen sie das Eis mit einer Plane gegen die Sonneneinstrahlung zu schützen. Auch der Permafrost schmilzt. Die kommenden Gewitter machen viele Menschen schon heute unruhig. Seit ein paar Jahren hatten wir uns doch so fein eingerichtet, dank all der technischen und sozialen Fortschritte, und jetzt diese Befürchtungen.

Der Fortschritt ist eben nicht nur Fortschritt, manchmal fragt man sich, wohin er führen wird. Im Bus und im Tram haben Sie bestimmt schon beobachtet, wie vor allem Jugendliche dauernd am Handy manipulieren, telefonieren oder es wird ihnen angerufen. Kürzlich sprang eine junge Frau an einer Haltestelle aus dem Bus, der Richtung Ägeri fuhr. Gerade war sie von ihrem Freund mit dem Natel erreicht worden. Er sei unten am See und trinke ein Bier, stellte sich für uns Mithörer heraus. Was denn, wenn die junge Frau kein Handy gehabt hätte? Stellen Sie sich die verpasste Chance einmal vor!

Über solche «Sachzwängste» kann ein älterer Herr freilich nur lächeln, obwohl die Handymanie auch viele Erwachsene erfasst hat. Vielmehr beschäftigt ihn, wie sehr die wirtschaftlichen Zwänge in den letzten Jahren zugenommen haben. Ein Wettlauf zwischen dem Erreichten und dem Erreichbaren ist entstanden. Firmen, die das Erreichbare mit neuen Innovationen ankündigen, haben die Nase vorn und zwingen die Konkurrenz möglichst rasch nachzuziehen. Wer auf dem Erfolg ausruht, stagniert und lässt sich überholen. Am Ende wird er vom Fortschrittssieger aufgefressen. Immer mehr wechseln Firmen den Besitzer, und erst kürzlich berichtete diese Zeitung, dass die Konkurse in den Schweizer Grossregionen stark zugenommen haben.

Der Fortschritt ist in sich unersättlich, denn je mehr erreicht wird, desto mehr wird erwartet. Der Fortschrittsdrang führt zu einem Wettlauf und unversehens fühlt sich der Mensch vom Wachstumszwang mitgerissen. Die sich rascher drehende Wachstumsspirale zwingt zu investieren, sowohl in Arbeitsplätze als auch in die neuste Technik. Wer investiert, muss mehr verdienen, um die Fixkosten bezahlen zu können und Gewinn zu generieren. Mehr Gewinn ruft nach weiteren Investitionen und schafft neue Fixkosten, die wiederum nur amortisiert werden können, wenn mehr produziert wird. Ohne Amortisation nimmt die Zinslast zu, also muss die Produktion nochmals gesteigert werden. Es braucht neue Fachkräfte, bessere und teurere Maschinen – unermüdlich dreht sich die Spirale. Die Folgen: «Wachstumszwangst» macht sich breit.

Der ehemalige St. Galler Professor für Volkswirtschaft Hans Christoph Binswanger fordert deshalb, ein «Vorwärts zur Mässigung»*. Die Realität des Geldes, sagt er, sei mit der Realität der Natur in Konflikt geraten. Der Wachstumsdrang müsse gebremst werden. Gewinnmaximierung und Spekulation würden zu Finanzblasen und Wirtschaftskrisen führen, aber die gegebenen Bedingungen unseres Geldsystems sähen kein Ende des Wachstums vor. Die Geldschöpfung sei zu einem Perpetuum mobile geworden, das keine Rücksicht auf die natürlichen Ressourcen nehme. So würden der Konflikt mit der Natur und die Krisenanfälligkeit immer grösser.

Politik und Wirtschaft haben bis anhin kein anderes Rezept gegen das wachsende Unbehagen gefunden als den Ruf nach mehr Wachstum. Wissenschaftliche Erkenntnisse nützten wenig, wenn die Politik sie nicht umsetze, meint Binswanger. Solange das traditionelle Gelddenken unangefochten die Politik beherrsche, werde sich nichts ändern. Es ist absehbar, dass die Geldindustrie von einer Krise zur nächsten schlittert.

Zurück zum Sprayer. Vor ungefähr zwanzig Jahren war der Begriff «Sachzwangst» noch visionär, ja prophetisch, heute hat er die Bühne längst betreten. Die Menschen realisieren, dass die Finanzmarktkrise noch nicht ausgestanden ist. Der Euro-Schuldenberg wird gar nicht mehr abgebaut werden können. «Neuwahlen in Griechenland – Europa zittert», lautet die Schlagzeile. Die Schweiz steht mitten drin, ob sie will oder nicht, und selbst wenn sie besser dasteht als andere europäische Länder, weiss im Augenblick niemand, wie sich deren Schuldengau auf unser Land auswirken wird.

Das Krüppelwort «Sachzwangst» ist eine Neuschöpfung, das die Unruhe widerspiegelt. Unruhe – in Liebesdingen allerdings – steckt auch in Christian Morgensterns (1871-1914) «Lieb ohne Worte», das erst kürzlich im «Tages-Anzeiger» abgedruckt worden ist. Die zweite Strophe – «Sei du meinst! / Komm Liebchenschte zu mir - / ich vergehste sonst / sehnsuchtsgepeinigst» – wirkt hingegen wie ein Spiel, eines, das mit seinen Superlativen überhaupt keinen Staub angesetzt, auch wenn das Liebesgedicht mehr als hundertjährig ist. Ist der Ausdruck «Sachzwangst» einmal so alt wie Morgensterns Gedicht, wird jedermann froh sein, wenn daraus kein Superlativ geworden ist.

* Hans Christoph Binswanger: Vorwärts zur Mässigung. Perspektiven einer nachhaltigen Wirtschaft, Hamburg 2010