Wo sind denn da die Neidbürger?

Ich gestehe: Ich habe der Abzocker-Initiative zugestimmt, obwohl mir bewusst war, dass sie nur symbolischen Wert hat. Mein Entscheid wurde aber nicht etwa von Neid oder gar Wut beeinflusst. Laut gewissen Kommentaren, die vor allem auch in deutschen Blättern über die Gründe der Annahme mutmassten, müsste ich nämlich ein Neid- oder gar ein Wutbürger sein. Aber ich beneide einen Abzocker nicht, wie sollte ich? Einkommensmaximierung war nie meine Absicht. Ich mochte mein Leben nicht auf Geld ausrichten. Millionen zu verwalten, wäre mir zu mühsam und ich würde erst noch vom Lesen eines guten Buches abgehalten. Übrigens sind zwei Menschen meist dann aufeinander neidisch, wenn sie auf der gleichen Stufe stehen. Ein Millionär neidet einem anderen vielleicht den Einfluss; ein Angestellter misst sich mit einem gleichgestellten Kollegen oder mit einem, der gerade nur einen Tritt höher steht. Der Besitzer eines Fiats 500 möchte vielleicht einen VW Golf fahren, aber doch keinen Lamborghini. Die wuchtige Zustimmung hat nicht mit dem Neid der Besitzlosen zu tun, sondern mit dem Gerechtigkeitsgefühl der Schweizer Stimmberechtigten.

Kommentatoren und Schreiber von Leserbriefen machen es sich zu einfach, wenn sie die Gegner der Minder-Initiative als Neidbürger qualifizieren. Diese Zuschreibung entlastet sie vom Nachdenken über die Gründe der Zustimmung. Das vorschnell vergebene Etikett «Neidbürger» gibt vor, dass sich Menschen von einem einzigen Gefühl leiten lassen. Wie sollte ein Bürger neidisch auf die Ospels und Grübels sein? Nein, ein solches Fazit ist zu simpel.

Ein Leserbriefschreiber meinte kürzlich, der Zorn habe bei der Abstimmung gesiegt, dabei sei aber wenig gewonnen worden. Diese Aussage ist nicht falsch. Wenn der Verfasser aber folgert: «Wir dürfen nicht zulassen, dass Abstimmungen zu Neiddebatten mutieren», dann liegt er falsch. Zorn kann zur inneren Triebfeder fürs Handeln werden. Zorn packt einen jedoch nicht aus heiterem Himmel. Er wächst ganz allmählich. Der gut Bürger, der Citoyen, hat in den letzten Jahren oft registriert, wie gewissen Banker «gschirret händ» und mit ihrem Tun den Ruf unseres Landes schädigten. Das tat weh. Weshalb sollte er nicht zornig werden? Und doch ist der Zorn nicht auf dem Mist des Neids gewachsen. War Gottes Zorn nicht auch begründet, als er Gericht über Sodom und Gomorra hielt und Lots Frau zu einer Salzsäuren erstarren liess?

Die Mehrheit des Volkes ärgerte sich schon lange über die Selbstbedienungsmentalität gewisser Manager, deren Verhalten als ungerecht und unmoralisch empfunden wurde. Wer nun aber das Argument der Moral ins Spiel brachte, wurde als Moralist abgestempelt. Bürgerinnen und Bürger begannen sich um das soziale Klima im Land zu sorgen. Wenn die Einkommensschere weiter auseinandergeht, driftet die Gesellschaft auseinander. Vollendete Tatsachen werden geschaffen, zugleich der Nährboden für Populisten, die den Volkswillen als virtuelles Bild heranziehen, um das eigene Machtstreben zu kaschieren.

Ich bin überzeugt, dass es nicht die Neidbürger waren, die der Abzocker-Initiative zum Durchbruch verhalfen. Stimmbürgerinnen und Stimmbürger wägen ein Ja oder ein Nein gründlich ab, bevor sie den Abstimmungszettel ausfüllen und in die Urne werfen.

Als ich an dieser Kolumne arbeitete, las ich das Interview mit Hans Adelmann in der «Neuen Luzerner Zeitung» vom 8. März. Adelmann ist der jüngere Halbbruder des Multimilliardärs Frank Stronach, der gerade daran ist, die österreichische Politik aufzumischen. Adelmann wohnt als pensionierter Schulhausabwart in der Ostschweiz. Er schildert, wie ihn das einfache Leben zufrieden und frei gemacht hat. Er brauche, sagt er, Frank nicht neidisch zu sein. Dem Journalisten erzählt er im Interview die eine oder andere Episode: Auf dem Jakobsweg sei ihm eine Lerche begegnet, die ihn mit ihrem Gesang mehrere Kilometer begleitet habe. «Die Reisen, die ich als junger Mann mit Rucksack und Schlafsack unternommen habe, gehören zu den schönsten Erinnerungen … Ich bin über 2000 Mal auf die Hundwiler Höhe gestiegen, habe den Berg und den Wald und das Firmament gesehen und gefühlt, dass ich nicht allein bin.» Im Vergleich mit seinem Halbbruder, der in der Welt herum hetzt, sei er zur Einsicht gelangt, dass ein einfaches Leben einen besseren Blick für das Wesentliche erlaube.

Im Leben eines Menschen kann sich übrigens die Perspektive verändern. Derjenige, der auf einem hohen Geldberg sitzt, realisiert eines Tages wie er den einfachen Mann und die einfache Frau beneidet, die den Blick für das Wesentliche im Leben bewahrt haben. Und oft reift in ihm die Erkenntnis: «Wer alles verrechnet – verrechnet sich am Ende selbst»*.

* Roland Reuss. Das Ende der Hypnose. Vom Netz und zum Buch. Stroemfeld 2012