Schreiben in dürftiger Zeit

Josef Stalin soll 1932 vor ausgewählten Moskauer Schriftstellern in einem Trinkspruch gesagt haben: «Unsere Panzer sind wertlos, wenn die Seelen, die sie lenken müssen, aus Ton sind. Deshalb sage ich: Die Produktion von Seelen ist wichtiger als die von Panzern …» Künftig erwarte er von ihnen, dass sie vom arbeitenden Sowjet-Menschen schreiben würden und damit vom Ruhm des kommunistischen Aufbaus. Auf einen kurzen Nenner gebracht: «Schriftsteller sind Ingenieure der menschlichen Seele.» Ingenieure arbeiten nach vorgegebenen Plänen, bauen Brücken und Häuser nach statischen Berechnungen und stehen im Dienst des Bauherrn. Stalins Kulturpolitik erstickte die Literatur und machte sie zur Magd des Sowjet-Staates.

Haben die längst verstorbenen russischen Schriftsteller, von denen wir heute höchstens noch Maxim Gorki kennen, und die sich an Stalins zynische Trinkspruch-Vorgabe halten sollten, etwas Kreatives zustande gebracht? Wohl kaum. Ansätze einer freien, jungen Sowjetliteratur wurden damals erstickt, ihre Autoren vertrieben, totgeschwiegen oder sie fielen den Säuberungen zum Opfer. Anna Achmatowa, Michael Bulgakow und Ossip Mandelstam, die bleibende Werke hinterlassen haben und an jenem Oktoberabend 1932 nicht dabei waren, litten besonders unter Stalins Repression.

Ja, die Kreativität hält sich nicht an vorgegebene Grenzen. Sie überschreitet das Gewöhnliche und das Erwartete, benimmt sich ähnlich wie der Hofnarr, für den die Narrenfreiheit galt, und der somit (meist) ungestraft Kritik an den herrschenden Verhältnissen über konnte, die sein Herrscher gar nicht gerne hörte. Kritik stört, dass wissen alle, die von einem Sachverhalt sagen: So ist es zwar, aber es könnte auch anders sein. Der Schriftsteller ist eben kein Ingenieur der Seele. Das konnte sich nur ein Stalin oder ein Kulturminister der späteren DDR ausdenken.

In einer Demokratie herrsche Freiheit, glaubt man zumindest. Dennoch gilt die Narrenfreiheit nicht mehr allzu viel. Der Mainstream fährt über sie her und walzt sie platt. Heisst das Losungswort gerade Deregulierung, werden andersdenkende Stimmen unterdrückt oder totgeschwiegen. Dafür eignet sich ein Generalbass, der alles übertönt, und falls eine kritische oder kreative Stimme nicht zu unterdrücken ist, helfen Begriff wie Moralismus oder Gutmenschtum nach, um sie mundtot zu machen.

In einer früheren Kolumne habe ich einmal geschrieben: «Lesen will ich nicht. Lesen ist beschwerlich, und ich muss dabei auch noch denken. Mag ich nicht.» Das war natürlich ironisch gemeint. Ich lese immer noch viel, und manchmal denke ich dabei sogar etwas. Lesen entlastet einem im Tempo des Alltags. Gelegentlich treffe ich im Bus einen Bankangestellten, der täglich mehr als eine Stunde unterwegs zur Arbeit ist. Er nutzt die Zeit zum Lesen, nicht einfach ein Schmöker, sondern ein Buch von einer Schriftstellerin oder einem Schriftsteller, die etwas zu sagen haben, die ein Fenster öffnen, in eine andere, reale Welt. Ich spüre jeweils, wie dieser Leser Ruhe ausstrahlt und doch arbeitet er in einem hektischen Betrieb.

Wir leben in einer ziemlich dürftigen Zeit. Es fehlt im Grunde genommen ein echter gesellschaftlicher Diskurs über die Werte des Lebens. Schlagzeilen und Werbung immunisieren eine kritische Auseinandersetzung. Dabei ist es offensichtlich, dass die Individualisierung nicht etwa das starke Individuum hervorgebracht hat, sondern den angepassten Konsummenschen. Das «Warenangebot» ist zum modernen Ingenieur der Seele geworden. Der Mensch muss sich also in Acht nehmen, dass seine Seele nicht Ton wird, die sich nach dem Gesetz des Marktes richtet. Darin liegt eine neue Unfreiheit. Sie hetzt und treibt und stresst und führt am Ende in die Wachstumsfalle. Der Diktator ist aber nicht mehr Stalin.

In dieser dürftigen Zeit fehlt es an Bedächtigkeit und Langsamkeit. Die Angst zu kurz zu kommen, treibt den Menschen an, und wer das Tempo nicht mithält, sieht sich als Verlierer. Gibt es einen Ausweg? Ja, aber er ist beschwerlich. Man lese zum Beispiel das Buch eines kritischen Geistes.

Als sich der Dramatiker Rolf Hochhuth 1965 in die sozialpolitische Debatte in Deutschland einmischte, ärgerte sich der damalige Bundeskanzler Ludwig Erhard sehr und sagte in einer Rede: «Die sprechen von Dingen, von denen sie von Tuten und Blasen keine Ahnung haben … Da hört der Dichter auf, da fängt der ganz kleine Pinscher an.» Ein solches Verdikt eines Mächtigen muss einen Schriftsteller nicht beeindrucken. Kollegen wie Heinrich Böll oder Martin Walser haben Hochhuth mit witzigen Wortspielen verteidigt. Auch 2013 sollen Autoren ungeniert bellen, ja kläffen, wie ein Schnauzer, aufmüpfig und mit Lust an der Provokation und dem Leser Werke überlassen, mit denen er nur langsam vorankommt.