Knigges Werk ist mehr als ein Benimmratgeber

Vor einigen Wochen in einem Zürcher Tram: Zwei Frauen, vermutlich Mutter und Tochter, nahmen vis-à-vis Platz und assen einen Apfel. Es knackte und krachte bei jedem Biss, sie sprachen und schmatzten gleichzeitig. Der Geruch der Äpfel streifte meine Nase. Zu Hause ass ich später einen der Sorte Pink Lady und er roch ähnlich wie die im Tram. Es war nicht gerade ladylike, was ich mir hatte anhören und ansehen müssen. Wie der Bursche im Bus, der es sich im Viererabteil bequem machte, als würde er zu Hause auf dem Sofa liegen. Die Frauen im Tram und der junge Mann im Bus fanden ihr Verhalten absolut in Ordnung. Jugendliche, die in Zügen pöbeln und Schäden anrichten, schämen sich nicht. «Nein zum Blankoscheck für unbezahlbare Familienpolitik» und daneben entdecken wir ein plärrendes «Staatskind». Auch Politpropagandisten schämen sich nicht, wenn sie hetzen und lügen wie auf dem Extrablatt, das in alle Haushaltungen flatterte. Es hat sich wenig geändert, seit vor 225 Jahren Adolph Freiherr von Knigges «Über den Umgang mit Menschen» erschienen ist. Die Peinlichkeits- und die Schamgrenzen werden noch immer überschritten.

Seit der Erstausgabe von 1788 gingen Tausende von «Knigges» über den Ladentisch der Buchhandlungen. Es gibt inzwischen einen Business-, einen Golf- und einen Hütten-Knigge. Angeboten wird auch ein Knigge für Kids und für Katzen, dank dem man «Miezes wahres Wesen und die richtigen Umgangsformen mit ihr» erkennen und erlernen kann. Mit einem Knigge-Test können sich der vornehme Herr und die Dame selber prüfen, ob sie die Benimmregeln beherrschen. Modernen Managern werden heutzutage Seminare mit ähnlichem Inhalt angeboten. Für in unserem Land Lebende gibt es einen Schweizer-Knigge. Was würde der alte Freiherr von Knigge zur Inflation dieser Benimm-Bücher sagen? Und wie würde er auf essende Menschen im Tram reagieren? Würde er einfach wegschauen, wie ich es getan habe?

Freiherr von Knigge geht es nicht darum, wie wir reagieren, wenn wir während eines Banketts vom Tischnachbarn gefragt werden, ob er nicht den Fisch auf unseren Teller laden dürfe, nur weil er keinen Fisch mag, es geht also nicht um einfache Benimm-Regeln. Das Lehrbuch ist sehr viel breiter und tiefer angelegt. Es ist eine der ersten grossen Schriften über den Umgang der Menschen untereinander. Knigge lebte in der Zeit der Aufklärung. Er ging vom mündigen Bürger aus, der den Umgang mit seinesgleichen vernünftig und würdevoll gestalten sollte. Der Prozess der Zivilisation hatte Fortschritte gemacht. Schon seit längerer Zeit assen die Menschen mit Löffel, Gabel und Messer. Dem Philosophen Knigge aber genügten simple Hinweise auf das gute Benehmen nicht.

In drei Teilen beschreibt er den Umgang mit Leuten von verschiedenen «Gemütsarten, Temperamenten und Stimmungen des Geistes und des Herzens», den Umgang unter Eheleuten und den Umgang mit den Grossen der Welt und mit «Leuten von allerlei Ständen und im bürgerlichen Leben». Dazu schreibt er etwa: «Nicht zum Spekulieren, zum Wirken ist diese Welt» oder: «Wer kein Geld hat, der hat auch keinen Mut.» Dass die Superreichen der übrigen Bevölkerung den Mund verbieten, erfahren wir täglich. Wer vor der Finanzmarktkrise die unverschämte Spekulation kritisiert hat, erntete ein mildes oder böses Lächeln und wurde als Gutmensch beschimpft.

Den Jünglingen rät Knigge, dass es sie besser kleidet, wenn sie bescheiden, schüchtern und still sind, als «nach der Art unserer heutigen jungen Leute, vorlaut, selbstgenügsam und plauderhaft». Kommt Ihnen irgendetwas bekannt vor? Knigge setzt sich aber auch mit der Sprache der Menschen auseinander und meint, man solle keine Gemeinplätze in die Rede einflechten, etwa wie, dass die «Gesundheit ein unschätzbares Gut» sei. Zu den heutigen Abzockern würde er wohl sagen, man solle beachten, dass die Menschen «selten ein solches Übergewicht ohne Murren und Neid» ertragen.

Das Buch ist eine Fundgrube für kluge Empfehlungen. Und da wir alle Fehler machen, befolgen wir am besten Knigges Rat, humorvoll zu bleiben, denn «wahrer Humor und echter Witz lassen sich nicht erzwingen, nicht erkünsteln, aber sie wirken, wie das Umschweben eines höheren Genius, wonnevoll und erwärmend.»